Le doulos (Jean-Pierre Melville, Frankreich 1962)

Veröffentlicht: März 3, 2008 in Film
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Der Ganove Faugel (Serge Reggiani) plant einen Bruch, aber vorher legt er noch einen alten Kompagnon um, dem er wiederum kurz zuvor erbeutete Juwelen, einen Haufen Geld und eine Waffe abnimmt. Als Faugel am nächsten Tag zusammen mit seinem Partner Remi (Philippe Nahon) bei seinem Coup erwischt wird, sterben sowohl sein Partner als auch ein Polizist, während Faugel verwundet die Flucht gelingt. Wer hat ihn verpfiffen? Alles deutet auf seinen Freund, den Polizeispitzel Silien (Jean-Paul Belmondo), hin, der die Seiten wechselt, wie es ihm passt …

41bxn2vthwl_ss500_.jpgJean-Pierre Melvilles düsterer Gangsterfilm ist ein bestechendes Beispiel für eine atemlosen, brillant konstruierte Spannungskurve und ein cleveres Spiel mit der Perspektivität: In den ersten 80 Minuten entfaltet sich die Geschichte mit vielen Leerstellen, wird der Zuschauer geschickt in eine Richtung manipuliert. Erst in den letzten 20 Minuten präsentiert Melville die Lösung, indem er einen seiner Protagonisten diese Lücken füllen lässt. Frei nach dem dem Film vorangestellten Motto „Man hat zwei Möglichkeiten: sterben oder lügen“ ist es dann aber für seine Charaktere bereits zu spät. In einer Welt, in der jeder ein Geheimnis, jeder eine Leiche im Keller hat, gibt es keine Absolution. Irgendwann liegt man totgeschossen in der Ecke – meist dann, wenn man es am wenigsten erwartet hat. Der Ehrenkodex, der die Nachtschattengewächse in anderen Genrefilmen eint, ist bei Melville nichts wert, weil der Verstoß gegen diesen ebenfalls zum Spiel mit dazugehört. Vertrauen ist eine trügerische Angelegenheit: Weil einen der beste Freund immer am härtesten treffen kann, ist er beinahe verdächtiger als der ärgste Feind. So sieht dann auch die Welt von LE DOULOS alles andere als freundlich aus. Nebel wabert durch die nächtlichen Straßen als befände man sich in einem Gothic-Horror-Film, außerhalb des „Milieus“ scheint es gar nichts mehr zu geben. Jeder gehört irgendwie dazu, versucht, sein Leben zu bestreiten; auf welcher Seite, ist dabei gar nicht so wichtig, weil es Halunken auf beiden Seiten gibt. So ist Siliens bester Freund ein Polizist, während sich die große Liebe einmal mehr als Verräterin präsentiert. In LE DOULOS zeigt sich Melville noch stark vom Film Noir geprägt, was sich nicht zuletzt in der makellos-düsteren Schwarzweiß-Fotografie niederschlägt. Seine Figuren sind auch hier schon dem Untergang geweiht, aber anders als etwa in dem acht Jahre später entstandenen LE CERCLE ROUGE ist ihnen das noch nicht bewusst. Silien träumt noch naiv vom Ausstieg, doch er verheddert sich in seinen eigenen Winkelzügen. So genial sein Plan auch ist, er hat den Irrtum der Anderen nicht einkalkuliert. So überraschend kommt sein Ende für ihn, dass er seiner Freundin am Telefon nur noch mitteilen kann: „Ich komme heute nicht.“

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