Die Kleinstadt Barrow in Alaska bereitet sich auf einen Monat ohne Sonne und damit einen Monat vollkommener Isolation vor: Viele Bürger fliehen vor der deprimierenden Dunkelheit in südlichere Gefilde und müssen sich von zurückbleibenden Familienmitgliedern verabschieden. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit trifft ein Fremder in Barrow ein, der sogleich auf Konfrontationskurs mit dem Sheriff, Eben Oleson (Josh Hartnett), geht. Doch dieser Fremde ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was mit der Dunkelheit Einzug hält: eine Bande blutgieriger Vampire, vor denen es in der langen Nacht kein Entkommen zu geben scheint …
30 DAYS OF NIGHT ist die Geschichte einer Belagerung, absoluter Isolation und eines aussichtslosen Kampfes. Barrow, für einen Monat lang sprichwörtlich am Ende der Welt gelegen, wird zum Austragungsort eines fast biblisch anmutenden Konflikts zwischen Gut und Böse. Die Bewohner Barrows, allen voran Sheriff Oleson, sind nicht weniger als Auserwählte: „We live here for a reason: Because nobody else can“ , fasst Oleson die Rolle der Überlebenden prägnant zusammen. Sie sind – eine klassische Konstellation – Menschen des „Dazwischen“. Den zahlreichen Opfern haben sie voraus, sich in der Dunkelheit ähnlich zu Hause zu fühlen wie ihre Gegner. So ist es nur die logische Zuspitzung dieser Konstellation, dass Oleson am Ende die Seiten wechseln muss, um den Kampf zugunsten der Menschen zu entscheiden. Es schleicht sich durchaus ein resignativer existenzialistischer Ton in diesen Konflikt, in dem die Menschen lediglich die Aufgabe annehmen, die ihnen zugewiesen wurde. Es gibt keine Euphorie, keinen Überschwang der Emotionen, nur die Einsicht in das Unausweichliche. So wird 30 DAYS OF NIGHT dann auch zu einer sehr bleichen, kargen Angelegenheit, die wie Blei auf das gemüt drückt: Slade baut seine Film ruhig und geduldig auf, hält ihn dann konstant auf einem Level, lässt das Geschehen mit größter Zwangsläufigkeit seinen vorgezeichneten Weg nehmen. Es sind die deftigen Gewaltszenen, die allein den beständigen Fluss immer wieder aufwirbeln und erkennen lassen, dass die Menschen dieser beinahe ewig währenden Nacht einen hohen Tribut zu zollen haben, auch wenn sie die Sonne dann doch wieder erblicken dürfen: Keiner kommt hier lebend raus.
David Slade (dessen kontrovers diskutierten HARD CANDY ich immer noch nicht gesehen habe) macht mit der Verfilmung der (mir ebenfalls unbekannten Graphic Novel) fast alles richtig: Die irgendwo zwischen Carpenters THE THING und dem schönen PITCH BLACK liegende Prämisse des Films bringt die nötige Suspense in das Horrorszenario, statt quietschbuntem Firlefanz regieren Ernst, Monotonie und Tristesse, die formale Gestaltung mit ihren von Grau und Schwarz dominierten kalten Bildern und dem unheilvollen Score lädt das Geschehen mit einer Atmosphäre von Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit auf, die Vampire, deren Zeichnung sie genau zwischen den Polen „hoch intelligent“ und „vertiert“ verortet, ist zum einen effektiv, hält zum anderen aber auch das Interesse an diesen Kreaturen lang genug wach, ohne sie je vollkommen zu entmystifizieren. Die größte Leistung des Films ist sicherlich seine “Sparsamkeit”: Slade vertraut dem Stoff und begnügt sich damit, diesen so wirkungsvoll wie möglich auf die Leinwand zu bringen, ohne allzugroße Rücksicht auf die Bedürfnisse des Durchschnittspublikums zu legen. Die ärgerlichen Klischees, die schon so manchen viel versprechenden Film in den Morast des biederen Durchschnitts heruntergezogen haben, sind hier dankenswerterweise abwesend. Das Finale halte ich gar für nichts weniger als phänomenal: 30 DAYS OF NIGHT hat genau das Ende, das etwa Kathryn Bigelows NEAR DARK vor 20 Jahren leider verwehrt geblieben ist. Klasse.
Ein sehr schöner Text! Nach all der Kritik und Nicht(be)achtung, die der Film hat verkraften müssen, tut es gut, das zu lesen. Meine Freude auf den Film ist wieder massiv gestiegen.
Vielen Dank! Gut zu wissen, dass ich nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit schreibe. Auf den Film darfst du dich in der Tat freuen. Nach meiner Erstsichtung habe ich irgendwie selbst immer noch das Bedürfnis, ihn noch einmal “nachzulegen”. Der bietet wirklich immens viele Eindrücke, an die man anknüpfen kann. Muss jetzt dringend mal HARD CANDY schauen.
*Hard Candy* hat sich bei mir gleich nach *Brick* die absolute Verachtung spielend verdient. Konzeptionell eine Nullnummer, die nichts weiter als eine ausgelebte Kastrationsangst ist, weiß er auch nichts mit seinem Bildformat anzufangen. Die beiden -ähem- Filme hätten fast dafür gesorgt, daß ich den wunderbaren *Shortbus* nicht gesehen hätte, weil ich eigentlich den Senator-Sproß Autobahn schon abgeschrieben hatte.
Mensch Kritikärr, du gehst immer so hart mit diesen armen Filmen ins Gericht. Über HARD CANDY kann ich jetzt noch nix sagen, außer, dass der Kritikpunkt “ausgelebte Kastrationsangst” für mich erst dann als solcher greift, wenn sie mich nicht “packt”. BRICK hat mir ausgezeichnet gefallen – für mich einer der kreativsten Filme der letzten Zeit, in denen Sprache thematisiert wurde –, insofern trägst du jetzt auch eher dazu bei, mir HARD CANDY unfreiwillig schmackhaft zu machen. Ich behalte deine Kritik aber im Hinterkopf.
Nää, die Filme gehen immer so hart mit dem armen Kritikärr ins Gericht. Das ist alles reine Notwehr von mir. Wenn mich kluge, sanfte Wesenswerke umschmeicheln und streicheln, dann bin ich denen wahrscheinlich mehr verfallen als jeder andere.
Doch genug von der anderen Seite, Abstieg zum Hades: *Brick* sodomiert ohne innere Notwendigkeit die Noirkonventionen, just for the fuck of it. Daß das dann mit Typen und Situationen hinten und vorne nicht hinhaut, ist zumindest in sich wieder stimmig wie ein Klavier, das zwanzig Jahre im Wald stand. Bei *Hard Candy* ist das Problem wiederum nicht, daß die Kastrationsangst nicht würgen würde, sondern daß sie es tut – um die übelsten Mobaffekte des Publikums zu schüren. Ich habe den Film wirklich vom ersten Moment an gehaßt, weil die unbewiesene Behauptung einer Realitätsabbildung vom ersten Bild an sichtbar wird. Aber trotzdem “viel Spaß”.
P.S.: Mir ist übrigens, wie immer zu spät, eine passende Überschrift für einen Sweeney Todd Artikel eingefallen: *Hier singt das Niveau*