freddy got fingered (tom green, usa 2001)

Veröffentlicht: Juli 29, 2008 in Film
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Gord (Tom Green) ist 28, lebt noch bei seinen Eltern und hat nur Unfug im Kopf, den er in Form von pointenlosen, albernen Comics zu Papier bringt. Sein Geld verdient er sich mit miserablen Jobs, bis er sich endlich entschließt, sich als Comiczeichner zu bewerben. Doch sein erstes Bewerbungsgespräch ist niederschmetternd. Schnell landet Gord wieder bei seinen Aushilfsjobs, sehr zum Missfallen seines strengen Vaters (Rip Torn) …

Dafür, was eigentlich genau ein Witz ist, gibt es wahrscheinlich mindestens ebenso viele Definitionen wie Komiker. Wollte man als Laie eine eigene Definition aus dem Stegreif aufstellen, man käme wahrscheinlich zu dem Ergebnis, dass ein Witz eines gewissen Aufbaus, einer Dramaturgie bedarf, die sich dann in einer Pointe, einem überraschenden Höhepunkt, entlädt – und müsste sich den berechtigten Einwand anhören, dass man damit zwar etwas über formale Bedingungen, aber noch nichts über den Inhalt gesagt hat. So behelfsmäßig diese Definition auch ist: den typischen Witzseiten-Humor bekäme man damit ganz gut zu fassen, angewendet auf Tom Greens Humor, wie er FREDDY GOT FINGERED prägt, scheitert diese Definition aber kläglich. FREDDY GOT FINGERED ist vordergründig der Vertreter eines Humors, der auf Tabubruch und Ekel setzt, seinem Publikum eher vor den Kopf stößt als ihm sanfte Lacher zu entlocken. So wedelt Tom Green mit Pferde- und Elefantenpenissen herum, wirft kleinen Kindern Flaschen an den Kopf, beißt Nabelschnüre durch, kleidet sich in Hirschkadaver und hat eine Beziehung mit einer querschnittsgelähmten Nymphomanin. Ähnlich wie bei artverwandten Werken wie SOUTH PARK: BIGGER, LONGER AND UNCUT oder den beiden JACKASS-Filmen ist die passende Kritik schnell zur Hand: Man diagnostiziert Verrohung der Sitten, vermisst den subtilen Witz, der neben dem Zwerchfell auch die Hirnhaut kitzelt. Dabei verkennt solche Kritik die unverkennbaren Qualitäten des Greenschen Humors, der sich im Tabubruch längst nicht erschöpft.

Schlüssel zum Verständnis, ja geradezu paradigmatisch für den Film scheint die Eröffnungsszene zu sein: Man sieht eine Reihe von Zeichnungen Gords, die von ihm kommentiert bzw. eher vertont werden: Er liegt auf dem Bett und schaut sich seine Entwürfe an, geht in den sich hinter diesen verbergenden Geschichten geradezu auf. Doch für den Außenstehenden sind diese Geschichten, ist dieser Witz hinter diesen Zeichnungen überhaupt nicht ersichtlich, es gibt sie nicht. Die Katze, die mit Röntgenblick ausgestattet durch Holz – und nur durch Holz – sehen kann, die Banane, die sich für einen Job bewirbt, zwei sich beschimpfende Biber: Gord zwingt den Zuschauer, diese Bilder als Witze zu begreifen, weil er dies tut. Solcher Art ist der Humor von FREDDY GOT FINGERED: Entweder wird die zur Pointe führende Dramaturgie ausgelassen oder aber eine Pointe ohne Kontext vorgeführt. Dass das, was da passiert, komisch sein soll, signalisieren Tom Green und seine Mitstreiter meist mit überzogenem Geschrei und Overacting, das seine Wurzeln im Cartoon hat. Die ganze Welt von FREDDY GOT FINGERED erscheint wie eine Realfilmversion eines fiktiven Zeichentrickortes, wie ein von Menschen bevölkertes Bikini Bottom. Kohärenz und Kontinuität gibt es ebensowenig wie Dezenz und Diskretion. Man könnte Greens grotesk überzogenen Stil durchaus als Bevormundung verstehen, sein Gebrüll, das die Lacher indexiert, als in die Diegese geholte Sitcom-Konservenlacher. Das wäre die wenig wohlmeinende Interpretation. Oder aber man versteht seinen Humor als von jeglichem beschränkendem Ökonomiedenken befreit, als nackte Anarchie, die sich nicht um Nachvollziehbarkeit, Herleitung und Sinn schert, die das als witzig deklariert, was sie als witzig deklarieren will. Humor ist, hier mehr als anderswo, wenn man TROTZDEM lacht. Zwangsläufig weist FREDDY GOT FINGERED einige Rohrkrepierer auf, die aber nicht ins Gewicht fallen, weil der ganze Film eigentlich ein Humor-Experiment ist: Was kann man dem Zuschauer als Witz verkaufen? Angekreidet werden muss hingegen das Bemühen, trotz aller dekonstruktivistischer Ambitionen gleichzeitig eine Geschichte mit Anfang und Ende erzählen zu wollen: Greens Regiearbeit ist gut 15 Minuten zu lang. Aber das macht nichts: In seinen besten Momenten erreicht FREDDY GOT FINGERED eine die Zwänge der menschlichen Vernunft transzendierende Wirkung.

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