20
Aug
08

murda muzik (lawrence page, usa 2004)

Fresh (Big Noyd) lebt in den Queensbridge Housing Projects, wo es wenig Hoffnung auf ein besseres Leben gibt. Mit Drogengeschäften hofft er, sich den Ausweg zu erkaufen, doch der Konflikt mit rivalisierenden Banden fordert immer wieder Tote. Als Fresh von seinen Kumpels Havoc und P (= Mobb Deep) die Chance erhält, auf einer ihrer Platten zu rappen, will Fresh aus dem Drogenverkauf aussteigen …

Direct-to-DVD-Hip-Hop-Filme haben einen einzigen Zweck: Sie fungieren als Promotion für die Platten ihrer Protagonisten und als deren Selbstdarstellungsplattform – was in einem traditionell sehr visuell geprägten Genre wie Hip-Hop nicht unwichtig ist. Diese Filme mit normalen filmischen Maßstäben zu messen, scheint von daher sinnlos und vor allem unfair. Formal ist MURDA MUZIK nämlich eine Zumutung: Dramaturgie, Schauspielerleistung, Bildkomposition und Ton sind allesamt unterdurchschnittlich bis miserabel und lediglich Alibi für den Soundtrack. Im Gegensatz zum ungleich peinlicheren, unfreiwillig komischen KILLA SEASON von Cam`Ron ist MURDA MUZIK aber kein Versager auf ganzer Linie, was zum einen an der marginal besseren technischen Umsetzung liegt, vor allem aber daran, dass man nicht den Eindruck hat, Zeuge der Ghettofantasien eines 14-jährigen weißen Vorstadtkindes zu sein, was einen halbwegs unironischen Zugang ermöglicht. Klar, gemessen an den Vorbildern ist MURDA MUZIK ein Offenbarungseid. Der Versuch, sich mittels eines Voice-Overs in der ideellen Nähe eines Scorsese zu platzieren, muss scheitern, vor allem, wenn jegliche echte Reflexion über das Gezeigte ausbleibt und lediglich als Plotkatalysator fungiert. Dennoch: Die Bilder aus den Housing Projects schaffen einen Eindruck vom Alltag in einem US-amerikanischen Ghetto, wie auch der Rest des Films – gerade wegen seiner Verfehlungen – relativ „authentisch“ wirkt. Mit am interessantesten sind dann auch die Szenen, in denen man die Kamera einfach mal mitlaufen ließ: Mobb Deeps Grillparty, Big Noyd im Studio, P bei einem Videoshooting. Was diese Szenen spannend macht, ist jedoch weniger die Erfüllung eines rein voyeuristischen Fanboy-Bedürfnisses, sondern der Kontrast, der zwischen den vom Film und den Lyrics evozierten Bildern entsteht. Wenn P als Voice-over-Kommentator in gewohnter Rapper-Diktion über eine Party spricht („shit was wild“) und man dazu die unspektakulär-harmlosen Bilder von Männern in einer Bar sieht, vermag das doch einige misconceptions über das ach so glamouröse Leben eines Rappers aufzulösen, das nicht zuletzt von Videoclips suggeriert wird. Diese Authentizität (die von mir natürlich auch nur vermutet, aber nicht bewiesen werden kann) macht aus MURDA MUZIK dann auch so etwas wie das afroamerikanische Pendant zu Doku-Soaps á la DIE FUSSBROICHS: Wenn man den in ihrem restringierten Code parlierenden Protagonisten so zuhört, erkennt man aber relativ schnell, das Realitätsnähe im Film nur bedingt wünschenswert ist, meist vor allem Fremdscham hervorruft. Als Fan der Musik ein ernüchterndes Erlebnis, aber deswegen nicht minder faszinierend. Neben den genannten Mobb Deep und Big Noyd sind außerdem Nas und Cormega in winzigen Rollen zu sehen.


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