zwei körperkomödien von keenen ivory wayans

Veröffentlicht: September 8, 2008 in Film
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White Chicks (USA 2004)
Regie: Keenen Ivory Wayans

Little Man (USA 2006)
Regie: Keenen Ivory Wayans

David Cronenberg prägte in seinem Werk den Begriff des “Neuen Fleischs”: Durch biologische oder psychische Mutationen entwickeln seine Protagonisten neue Sexual- und Sinnesorgane und gehen Symbiosen mit anderen Organismen oder Maschinen ein. Die neuen Körper eröffnen neue Möglichkeiten, lassen ihre Besitzer die Welt mit anderen Augen sehen und alte Schwächen überwinden. Doch der Schritt in eine neue Zukunft bringt auch die Erkenntnis, dass auch das “Neue Fleisch” nicht frei von Fehlern ist.

Keenen Ivory Wayans – ältester Spross des vielköpfigen Wayans-Clans – hat es sich ganz auf dem Gebiet der niveaulosen Komödie gemütlich gemacht. Seit seinem Regiedebüt I’M GONNA GIT YOU SUCKA! von 1988 wendet er das einst von Zucker-Abrahams-Zucker erfolgreich erprobte Schema leicht modifiziert und mit unterschiedlichem Erfolg auf den Horrorfilm (SCARY MOVIE) oder typisch afroamerikanische Formate wie den “Ghettofilm” (DON’T BE A MENACE TO SOUTH CENTRAL) an. In seinen beiden letzten Filmen WHITE CHICKS und LITTLE MAN bezieht er seinen Witz vor allem aus dem Spezialeffekte-gesteuerten Körpermorphing seiner Hauptdarsteller, die er im einen Fall zu weißen Partyludern, im anderen zu zwergenhaften Schwerverbrechern ummodelt und sich so in thematische Nähe zu Cronenberg begibt. Das Ergebnis könnte vom kanadischen Regisseur wie nicht anders zu erwarten aber kaum weiter entfernt sein, konsolidiert Wayans doch eher das klassische christlich-amerikanische Wertesystem als es aufzubrechen und seine Grenzen und Schwächen bloßzulegen.

In WHITE CHICKS müssen die beiden eifrigen, aber erfolglosen FBI-Agenten Kevin und Marcus Copeland (Shawn & Marlon Wayans) sich als weißes Jetset-Geschwisterpärchen Brittany und Tiffany Wilson ausgeben, das während einer großen Charity-Gala in den Hamptons entführt werden soll.  In LITTLE MAN hingegen übernimmt Marlon Wayans die Rolle des kleinwüchsigen Verbrechers Calvin, der sich im Zuge eines Diamantenraubs als Baby in das Haus von Darryl (Shawn Wayans) und dessen Frau Vanessa (Kerry Washington) einschleust. Es folgen die üblichen Verwicklungen und Schwierigkeiten, bis die Körpertauscher am Ende schließlich ihre wahre Identität preisgeben können – aber nicht ohne  wichtige Erkenntisse für ihr normales Leben mitgenommen zu haben.

In beiden Filmen spielen Masken bzw. Spezialeffekte eine wichtige Rolle: WHITE CHICKS – eine recht klassische Travestie-Komödie – vertraut ganz auf altmodische Latexmasken und -brüste, um seine schwarzen Protagonisten in die deutlich an die Hilton-Zwillinge angelehnten Partyluder zu verwandeln, in LITTLE MAN wird Marlon Wayans’ Gummigesicht per Computer auf den Körper des nur 86 cm großen Gabriel Pimentel montiert. Neben dem vordergründigen Witz dieses Morphings, bedienen beide Filme in erster Linie die Lust nach abjektem Humor: Die “White Chicks” müssen sich mit lüsternen Machos herumschlagen, ihren besten Freundinnen neue Fellatiotechniken beibringen, grauenvolle “Mädchensongs” singen, sich in viuel zu enge Klamotten zwängen und typische Männergewohnheiten entweder kaschieren oder aber im richtigen Moment effektvoll nach außen tragen, um sich Gefahren vom Leib zu halten; Calvin, ein echtes, soeben aus dem Knast entlassenes Rauhbein, muss als Baby die entsprechenden Demütigungen über sich ergehen lassen und kommt in den “Genuss” einer vom Pflegevater Darryl verabreichten rektalen Fiebermessung, darf dafür aber auch ungestraft die weiblichen Formen der ihn umgebenden Damen betatschen. In diesen Zoten gehen beide Filme auf und sind dabei auch einigermaßen erfolgreich. Gerade die erste Stunde von WHITE CHICKS muss man in ihrer Gagdichte als fulminant bezeichnen und LITTLE MAN darf sich immerhin damit rühmen, ca. 95 Prozent seiner Lacher daraus zu beziehen, dass Männer immer wieder Schläge, Tritte und Wurfobjekte in den Unterleib bekommen. Letztlich versagen aber beide Filme in der zweiten Hälfte , wenn nicht nur sattsam bekannte und daher ebenso unglaubwürdige wie langweilige Plotklischees aufgefahren werden, sondern auch eine sowohl unangenehme wie im Kontext der Filme unpassende Moral gepredigt wird: Als “White Chicks” verkleidet erkennen Kevin und Marcus ihre Schwächen als Bruder (Kevin) und Ehemann (Marcus) und geloben Besserung und auch die durch ihre Vorstellung Getäuschten haben eine neue Einsicht ins Leben erhalten. Ganz ähnlich verhält es sich mit LITTLE MAN: Durch ihre Pflegeelternschaft erkennt die Karrierefrau Vanessa, dass sie doch gern Mutter wäre, und Schwerverbrecher Calvin freundet sich mit Darryl an, der ihm zum ersten Mal das Gefühl von Zuneigung vermittelt hat. Nach dem Ausflug ins “Neue Fleisch” kann ohne Probleme zum Status quo zurückgekehrt, der kurzzeitig wie ein Kostüm übergestreifte neue Körper wie ein Kostüm abgestreift werden.

Ihrer Zugehörigkeit zum Komödienfach zum Trotz weisen beide Filme durchaus einige Schnittstellen mit dem Horrrogenre auf, wenn diese auch eher unbeabsichtigter Natur sind: Die “White Chicks” sehen grotesk aus mit ihren wächsernen, leblosen Gesichtern (Latexmasken), den leblosen Augen (Kontaktlinsen) und ihren unverhältnismäßigen Proportionen, erinnern abwechselnd an Zombies und schlimmste Ausformungen kosmetischer Operationen. Dass niemand den Schwindel erkennt oder zumindest abgestoßen ist von diesen Gestalten -  typischer Makel beinahe aller Travestie-Komödien -, möchte man beinahe als Gesellschaftskritik im SInne eines AMERICAN PSYCHO bewerten. Ähnliches gilt für den “Little Man”: Filmfigur Calvin ist eigentlich gar kein richtiger Mensch, sondern lediglich ein Gesicht, dass (rein effekttechnisch) nicht immer mit seinem fremden Körper harmoniert. Genauer: Es besteht eine scharfe Trennung zwischen dem Gesicht, auf dem sich seelische Regungen abzeichnen, und seinem Körper: Dieser wirkt oft zu klein, das Gesicht tritt über die Umrisse seines Kopfes hinaus, scheint materiell immer nur halbanwesend, Blickkontakte stimmen nicht. Das existenzielle Grauen, das bei Cronenberg vom Neuen Fleisch ausgeht und das er explizit thematisiert, verflüchtigt sich bei WHITE CHICKS und LITTLE MAN also eher auf eine strukturelle Ebene und verkommt somit zur reaktionären Angst vor dem Anderen. Bei Wayans geht mit dem Neuen Fleisch keine Überwindung alter menschlicher Makel einher: Der neue Körper bietet seinem Besitzer lediglich die Möglichkeit, voher unterdrückte Eigenschaften und Bedürfnisse ungestraft, weil letztlich unbemerkt, ausleben zu können. Insofern sind beide Filme – natürlich – unglaublich spießig: Die Zerreißprobe für Marcus Copeland ist es, sich des sexuell aggressiven männlichen Verehrers zu erwehren und seine männliche Unschuld zu bewahren, nicht etwa das Erproben neuer Möglichkeiten. In Cronenbergs CRASH hingegen führt die Symbiose von Mensch und Maschine gerade zu einer Überwindung herkömmlicher Sexualitäts- und Partnerschaftsmodelle. Dies führt seine Protagonisten zwar meist unweigerlich in die Katastrophe, doch lässt Cronenberg niemals einen Zweifel daran, dass diese von Beginn an unabwendbar war. Der Sprung in den neuen Körper ist bei ihm keine Zäsur, sondern der konsequente Schritt auf dem abschüssigen Lebensweg seiner Protagonisten. Für die Wayans-Körpertauscher ist der neue Körper zuerst mit Demütigung und Scham verbunden. Trotz vergleichbarer Ansätze könnten beide Regisseure somit kaum zu unterschiedlicheren Ergebnissen kommen: Cronenberg zeigt, dass manchmal ein neuer Leib her muss, um die Bedürfnisse und Eigenheiten seiner Protagonisten angemessen zu “verkörpern” – und dass diese Eigenheiten sich wiederum mit dem sie umgebenden Körper verändern. Er stellt die Frage, inwiefern die menschliche Identität an einen fixen Körper gebunden ist bzw. ob diese strikte Trennung überhaupt aufrechtzuerhalten ist. In den Filmen von Keenen Ivory Wayans bleibt daran keinerlei Zweifel: Die Herausforderung besteht für seine Protagonisten darin, ihre Identität gegen die “Verlockungen” des “Neuen Fleischs” zu verteidigen. Die Frage, die er in WHITE CHICKS und LITTLE MAN stellt, lautet nicht: “Bist du mit deinem Körper identisch?”, sondern: “Wie emanzipiert bis du von deinem Körper?”. Erzkatholische Skepsis gegenüber dem Leib also, die sich paradoxerweise im Gewand der von Körperflüssigkeiten und -ausdünstungen besessenen Körperkomödie versteckt. Und der man deshalb auch nicht ganz so böse sein möchte.

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Kommentare
  1. Lukas sagt:

    Ein interessanter Blick auf die beiden Filme, aber zumindest in Hinblick auf White Chicks bin ich da glaube ich teilweise etwas anderer Meinung. Schließlich geht es da ja in erster oder mindestens zweiter Linie um die Hautfarbe und das ist ein Aspekt, der bei Cronenberg nie eine Rolle gespielt hat. Den Körper auf seine Implikationen in bezug auf das Soziale zu befragen (auch wenn White Chicks das natürlich nicht allzu konsequent macht, aber immerhin) ist doch etwas qualitativ anderes als die ja irgendwie doch oft etwas biologistischen Versuchsanordnungen bein Cronenberg (auch wenn der die besseren Filme dreht oder zumindest gedreht hat, das ist klar).
    Naja, von dem anderen Film (Little Man) halte ich sehr wenig, der funktioniert für mich über weite Strecken überhaupt nicht und versandet trotz seiner eigentlich nicht uninteressanten Ausgangssituation (die fast nach Troma aussieht) hilflos. White Chicks dagegen hat mir erstaunlich viel Spaß gemacht…

  2. funkhundd sagt:

    Dass Cronenberg nicht explizit auf Rassenthematik eingegangen ist, ist richtig. Aber erstens habe ich ja auch keinen Vollständigkeitsanspruch für meinen Vergleich erhoben, sondern lediglich eine Parallele herausgearbeitet. Und zweitens ist “Rasse” ja auch nur ein beliebiges Merkmal, das einer Verwandlung unterzogen wird: Ob eine Charakter nun seine Hautfarbe oder sein Geschlecht ändert, ist strukturell nicht von Bedeutung, entscheidend ist, dass es eine Verwandlung gibt.

    Der Verweis auf Cronenberg diente mir eher dazu, WHITE CHICKS und LITTLE MAN zueinander in Verbindung zu setzen (eben als “Körperkomödien”) und sie dann mit dem “Vorbild” zu kontrastieren. Daraus schienen mir einige interessante Erkenntnisse einherzugehen, was du ja auch so siehst. Außerdem irrst du dich m. E., wenn du behauptest, Cronenberg interessiere sich ausnehmend für das Biologische und nicht für das Soziale. Die beiden Ebenen sind bei ihm im Gegenteil gar nicht so klar zu trennen, weil die Verwandlungen des Körpers teilweise sozial bedingt sind (etwa in THE BROOD) und auch wieder die Bildung einer neuen Gesellschaft nach sich ziehen (siehe etwa SCANNERS, SHIVERS etc.). In einem späteren Cronenberg wie M. BUTTERFLY (aber auch in A HISTORY OF VIOLENCE) etwa geht es fast nur noch um soziale Implikationen.

    Zu deiner Wertschätzung: Ja, WHITE CHICKS ist reicher an Höhepunkten, aber dafür auch deutlich zu lang. LITTLE MAN ist weniger witzig, bricht aber dafür auch weniger stark ein. Und seine unentwegten Männer-kriegen-Gegenstände-in-die Eier-Szenen haben mir sehr gefallen.

  3. Lukas sagt:

    Das sehe ich eigentlich alles ähnlich, ich glaube ich habe mich oben ungenau ausgedrückt. Du hast recht, es ist sicher nicht so, dass Cronenberg biologisch und die Wayans sozial argumentieren. Aber es sind doch unterschiedliche Tendenzen (die ich vielleicht erstmal gar nicht werten sollte): Bei Cronenberg dominiert das Fleisch als solches, die kreative Lust an der Verformung erlangt eine Eigendynamik, der dann das Hauptinteresse des Films gilt (zumindest in Videodrome und The Fly als den vielleicht körperzentriertesten Werken Cronenbergs), während bei den Wayans die Körperverformungen selbst wenig spektakulär sind (wie Du sagst sehen die beiden Cops als Blondinen zwar grotesk aber vor allem lächerlich aus, in Litte Man ist das noch ausgeprägter), aber eben auch nicht an sich wichtig sind, sondern lediglich als Andockpunkt für soziokulturelle Diskurse unterschiedlicher Art dienen.

  4. funkhundd sagt:

    Ok, ich verstehe, was du meinst. Der Hauptunterschied besteht wohl darin, dass die “Verwandlung” als Prozess in den beiden Wayans-Filmen eher eine untergeordnete Rolle spielt, in LITTLE MAN gar vollkommen aus der Handlung ausgelagert und lediglich Teil der Postproduction ist. Das sehe ich genauso. Aber das liegt ja nicht zuletzt auch am Genre: Cronenberg arbeitet meistens im Rahmen von Horror oder Science Fiction (etwa bei den von dir genannten Beispielen), während die beiden Wayans-Filme als Komödien stärker der “Realität” verpflichtet sind (was immer das heißen mag).

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