10
Sep
08

the party (blake edwards, usa 1968)

Der indische Schauspieler Hrundi V. Bakshi (Peter Sellers) hat mit der unbeabsichtigten Sprengung einer Filmkulisse das Ende seiner Hollywood-Karriere besiegelt, noch bevor diese so richtig beginnen konnte. Doch durch einen dummen Zufall landet sein Name nicht wie geplant auf der Schwarzen, sondern auf der Gästeliste seines Produzenten. In dessen mondäner Villa angelangt, tappt der tolpatschige und von allen Gästen ignorierte Bakshi von einem Fettnäpfchen ins nächste …

Die dritte Zusammenarbeit von Blake Edwards und Peter Sellers führt den britischen Schauspieler auf vertrautes Terrain. Sein Hrundi V. Bakshi ist ein Seelenverwandter des “besten Manns bei Interpol” Inspector Clouseau: Auch der indische Schauspieler lässt keine Gelegenheit aus, sich zu blamieren, was schiefgehen kann, geht schief. Und wie bei seinem französischen Verwandten macht er die Katastrophe meist noch schlimmer, indem er versucht Schadensbegrenzung zu betreiben. Was ihm gegenüber Clouseau jedoch vollkommen abgeht, ist das grenzenlose Selbstbewusstsein. Während der Polizist auch in Momenten der größten Peinlichkeit noch in der Lage ist, sein Selbstbild der Souveränität zu wahren, ist Bakshi sich seiner Missgeschicke bewusst, jedoch absolut unfähig, diese auch nur halbwegs zu kaschieren. Er weiß, dass es für ihn keinen Weg gibt, der Blamage zu entrinnen. Edwards inszeniert Bakshis Martyrium als unablässige Abfolge von langen Slapstick-Szenen, die über weite Strecken ohne Dialoge auskommen und ganz auf ihren Star ausgerichtet sind, der THE PARTY dominiert, ohne den Film zu sehr an sich zu reißen und damit seine Dynamik zu zerstören. Diese ergibt sich ja gerade daraus, dass Bakshi unter dem fremden Hollywoodvolk vollkommen isoliert ist und somit auch schon ohne seine Missgeschicke bloßgestellt ist. Peter Sellers Darstellung ist brillant und hebt Edwards Komödie in Sphären der Tragödie. Wir lachen über ihn, aber eigentlich hat Bakshi unser ungebrochenes Mitleid.

Was mir neben der grandiosen Inszenierung des Settings, das im Verlauf des Filmes immer weiter erkundet wird, immer neue Räumlichkeiten bietet, die von Bakshi verwüstet werden können, am interessantesten an THE PARTY erscheint, ist sein kaum verborgener anarchischer Subtext. Edwards’ Film erzählt auch von einer Wachablösung in Hollywood: Im Umbruchsjahr 1968 entstanden zeigt er ein Hollywood der alten Männer, in dem noch immer großkotzige Monumentalfilme gedreht werden und Westerndarsteller Bill Kelso sich auch privat wie seine Filmpersona gerieren darf. Die Party ist ein erschreckend freudloses Unterfangen, ein von unausgesprochenen Zwängen bestimmtes Stelldichein, bei dem jeder Angst hat aufzufallen und Amüsement gleichzusetzen ist mit dem strengen Befolgen gesellschaftlicher Regeln. Der fremde Bakshi – ein Filmgastarbeiter, wenn man es so nennen will – wird ignoriert und gemieden und somit überhaupt erst in seine peinliche Situation getrieben.  ”Scham” ist ein Schlüsselbegriff, um THE PARTY zu erschließen: Die Situation auf der Party eskaliert auch, weil alle damit beschäftigt sind, das Gesicht zu wahren; auch dann noch, als längst nichts mehr zu retten ist. So kommt es im letzten Drittel zum Aufstand der Jugend gegen die verkrusteten Strukturen: Die Kinder der Gastgeber stürmen mit einem bemalten Elefanten das Haus, das gesittete Beisammensein artet in eine wahre Orgie aus, in deren Verlauf Bakshi zu einem der Stars des Abends wird. Somit ist THE PARTY auch ein Film über die Geburtsstunde des New Hollywood, die Wachablösung in den Chefetagen der Filmstudios, in denen in Zukunft der Mensch wieder mehr in den Fokus des Interesses rücken sollte.


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