kind hearts and coronets (robert hamer, großbritannien 1949)

Veröffentlicht: Oktober 24, 2008 in Film
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Traumhaft – was sich für mich zunächst einmal darin niedergeschlagen hat, dass ich drei Anläufe brauchte, um den Film zu Ende zu sehen, weil ich zweimal vorzeitig entschlummert bin. KIND HEARTS AND CORONETS ist ein im positiven Sinne seltsamer Film, der seine Geschichte mit unaufgeregter Distanz und Enthobenheit erzählt und den Zuschauer lange im Unklaren lässt, was er mit ihm im Schilde führt. Protagonist und Erzähler ist der Duke of Chalfort Louis Mazzini (Dennis Price), ein Mörder, der zu Beginn des Films seelenruhig auf seine Hinrichtung wartet und dabei seine Memoiren verfasst, die dann in einer Rückblende mit Voice-over versehen den Film ausmachen. Der distinguierte, eloquente und wie der ganze Film souverän über dem Geschehen schwebende Mazzini ist ein mehrfacher Mörder: Seine Mutter, eine zukünftige Duchess, wurde von ihrer Familie, den D’Ascoynes, vertrieben, weil sie einen italienischen Sänger heiratete. Der Versuch dem Sohn, einem legitimen Erben des Duke-Titels, zu seinem Recht zu verhelfen, wurde von der Familie unnachgiebig abgeschmettert, die Mutter ins Grab getrieben. Mazzini schwor Rache. Und so mordete er sich durch die D’Ascoynes, um selbst irgendwann den Titel des Dukes zu erlangen. Der größte Clou des Filmes ist listigerweise, dass sein vermeintlicher Clou keiner ist: Alec Guinness spielt alle D’Ascoynes, männliche wie weibliche Familienmitglieder unterschiedlichen Alters, ohne dass er oder Regisseur Hamer eine große Sache daraus machen würden. So selbstverständlich geht man mit dieser Mehrfachrolle um, mit so viel understatement und Eleganz erfüllt Guinness die verschiedenen Charaktere, dass man sich kaum vorstellen kann, dass es auch anders sein könnte. Gerade im Vergleich mit anderen Filmen, in denen Schauspieler mehrere Rollen ausfüllten, zeigt sich die Kunst sowohl Guinness’ wie Hamers: Anstatt sich zu verkleiden und zu overacten, finden beide die Unterschiede zwischen den Figuren gerade in kleinen Details. So stellt sich Guinness nie über seine Charaktere, sondern lässt diese über ihn bestimmen. Diese Selbstverständlichkeit zieht sich durch den ganzen Film, der seine haarsträubende Geschichte mit aufreizender Ruhe erzählt. Es ist Dennis Price – dem Alkohol und der Spielsucht verfallen, landete er zum Ende seiner Karriere bei Jess Franco, bevor er knapp 60-jährig an einer Leberzirrhose starb – der dem Film den Stempel aufdrückt, die kühle Überlegenheit, mit der er seine grandiosen Monologe spricht und auch humorvolle Spitzen noch wie mathematische Formeln klingen lässt. Damit findet Hamer genau die richtige Form, die Abgebrühtheit seines Killers transparent zu machen – und inspirierte damit vielleicht sogar Kubrick, der sich für A CLOCKWORK ORANGE einer ganz ähnlichen Strategie bediente. Dass sich KIND HEARTS AND CORONETS sogar noch einen echten Twist fürs Ende reserviert, ist dann sowas wie der Karamelkern im Schokoladeneis, die Überraschung, mit der man nun wirklich nicht mehr gerechnet hat, die finale Kulmination des ohnehin schon unbeschreiblichen Genusses. KIND HEARTS AND CORONETS lohnt die Wiederentdeckung.

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Kommentare
  1. [...] sie im ganz wörtlichen Sinne allein auf ihren Schultern tragen müssen: Alec Guinness übernahm in KIND HEARTS AND CORONETS acht Rollen, Peter Sellers setzte diese Tradition in mehreren Filmen fort (am berühmtesten wohl in [...]

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