le samouraï (jean-pierre melville, frankreich/italien 1967)

Veröffentlicht: Mai 20, 2009 in Film
Schlagwörter:, ,

LeSamourai_Rep[1]“Der Herr dort, in dem beigefarbenen Trenchcoat und dem dunkelgrauen Hut, das ist mein Nachbar, Herr Costello. Eine interessante Person. Freunde nennen ihn Jef, aber allzu viele hat er nicht. Das bringt wohl der Beruf mit sich: Herr Costello ist nämlich Auftragskiller, müssen Sie wissen. Ja, Auftragskiller, wenn ich es Ihnen doch sage! Wie er zu diesem Beruf gekommen ist? Ehrlich gesagt, weiß ich das selbst nicht. Ich bezweifle auch, dass Herr Costello Ihnen diese Frage beantworten kann. Es scheint fast so, als habe nicht er diesen Beruf ergriffen, sondern als habe der Beruf ihn ausgewählt. Das erklärt vielleicht auch, warum er so blass wirkt. Finden Sie nicht auch, er sieht doch wirklich ungesund aus. Dabei hat er eigentlich ein sehr schönes, feines Gesicht. Ich sage immer, dass er ein bisschen wie ein Engel aussieht. Wie ein Todesengel, hahaha. Entschuldigen Sie, das war wirklich geschmacklos. Aber wenn Sie ihn näher kennen würden, würden Sie verstehen, was ich meine. Es ist die Art, wie er seinem Beruf nachgeht. So ruhig und konzentriert, trotzdem fast mühelos. Würdevoll, das trifft es. Aber ohne selbstgefälligen Stolz. Ich glaube, jeder Chef würde sich glücklich schätzen, einen so diskreten, zuverlässigen und pflichtbewussten Angestellten zu haben. Aber da ist noch mehr: Herr Costello übt seinen Beruf mit solcher Perfektion aus, dass man ihn von seiner Tätigkeit gar nicht mehr trennen kann. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass er etwas anderes tun könnte. Verstehen Sie jetzt, wieso ich ihn eben als Engel bezeichnet habe? Er vollführt seine Beruf, als habe er eine höhere Aufgabe erhalten. Da, schauen Sie hin! Sehen Sie, wie er mit seinen Fingernüber seine Hutkrempe streicht? Haben Sie es gesehen? Das ist der einzige Individualismus, den er sich gönnt. Soll ich Ihnen etwas sagen? Wenn Herr Costello nicht ab und zu über seine Hutkrempe streichen würde, könnte man meinen, er sei gar nicht da.

Sie sollten mal seine Wohnung sehen: Herr Costello lebt wie ein Mönch. ein Bett, zwei Stühle – dabei hat er noch nie Besuch gehabt -, ein Schrank. Und einen Vogelkäfig. Ja, Sie haben richtig gehört, er hält sich einen kleinen Vogel, manchmal höre ich ihn zwitschern. Die Wände sind extrem dünn, müssen Sie wissen. Der Vogel ist sein einziger Vertrauter. Wenn man einen solch gefährlichen Beruf hat, dann braucht man wahrscheinlich jemanden, auf den man sich bedingungslos verlassen kann. Der Vogel ist immer loyal und er braucht nicht viel zum Leben, wie Herr Costello selbst. Es mag sich komisch anhören, aber ich glaube, dass … Wie soll ich mich ausdrücken? Nun, dass die beiden miteinander verbunden sind … Verstehen Sie, was ich meine? Ich glaube, dass, wenn der Vogel eines Tages stirbt, dass dann auch Costello sterben wird … Ich weiß, was Sie jetzt denken. In der Gegenwart einer solch außergewöhnlichen Person kommt man wirklich auf die verrücktesten Ideen, hahaha. Ob ich Angst vor ihm habe, wollen Sie wissen? Nein, ich habe ja niemandem etwas getan. Wenn ich allerdings etwas auf dem Kerbholz hätte, mir jemand etwas Böses wollte, dann könnte es durchaus sein, dass irgendwann Costello bei mir vor der Tür stünde. Das würde ich meinem ärgsten Feind nicht wünschen. Aber Costello selbst ist harmlos. Ich weiß nicht, ob in ihm überhaupt etwas vorgeht, ob er so etwas wie Gefühle hat. Oder auch nur Gedanken. Er wirkt so … neutral, das ist das Wort. Ich habe ihn noch nie zornig gesehen. Noch nie sein Lachen gehört, nichtmal ein Lächeln habe ich gesehen. Schauen Sie ihn sich doch an: Er sieht fast grau aus, sehen Sie das? Er verschmilzt fast mit der Häuserwand hinter ihm. Je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr Mitleid habe ich mit ihm. Dieser Beruf muss wirklich schrecklich sein. Wahrscheinlich ist es besser für ihn, rein gar nichts zu fühlen, keine Hoffnungen oder Träume zu haben. Es ist doch so: Wenn man in diesem Geschäft zu viel nachdenkt, dann wird man entweder verrückt oder man macht einen Fehler. Wofür er dann überhaupt arbeitet? Das ist wirklich eine gute Frage, eine sehr gute Frage. Geld ist es jedenfalls nicht. So wie er lebt … Aber ich vermute, die Antwort auf Ihre Frage ist einfacher als Sie denken: Herr Costello kann einfach nichts anderes. Er ist gut in seinem Beruf, warum sollte er also etwas anderes tun? Man sollte das tun, was man am besten kann, meinen Sie nicht? Nein, ich weiß nichts über seine Vergangenheit. Manchmal frage ich mich, ob er überhaupt eine Vergangenheit hat, ob er jemals Kind war, Eltern und Familie hatte. Mit Spielzeug gespielt oder auch nur gelacht hat. Das kann ich mir kaum vorstellen. Es scheint fast so, als war er schon immer da. Ja, jetzt wo Sie es sagen, fällt es mir auch auf. Er sieht wirklich sehr, sehr müde aus. “

About these ads
Kommentare
  1. [...] Seine Helden sind – wie auch schon Gu Minda in LE DEUXIEME SOUFFLE und Jef Costello in LE SAMOURAI – bereits tot, bevor der Film begonnen hat: In diesem Wissen planen sie ihre Schritte, widmen [...]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s