pickup on south street (samuel fuller, usa 1953)

Veröffentlicht: Juli 17, 2009 in Film
Schlagwörter:, , ,

Der Taschendieb Skip McCoy (Richard Widmark) hat Pech: Als Opfer sucht er sich ausgerechnet Candy (Jean Peters) aus, die in ihrer Geldbörse einen streng geheimen Mikrofilm mit sich führt, den sie im Auftrag Joeys (Richard Kiley) an die Kommunisten übergeben soll. Weil der CIA dem Landesverräter und seiner Gehilfin schon längst auf den Fersen ist, hat Skip sich bald gegen mehrere Gegner zu wehren. Doch natürlich sieht Skip seinerseits die Chance, mithilfe des Mikrofilms endlich ein Stück vom Kuchen abzubekommen …  

pickup_on_south_streetMan muss Samuel Fuller tatsächlich einmal in Aktion erlebt haben, seine Filme wachsen einem damit noch mehr ans Herz. Im Bonusmaterial der Criterion-DVD zu PICKUP ON SOUTH STREET befindet sich ein ausführliches Interview, in dem der runzlige alte Mann bewaffnet mit einer riesigen Zigarre und im lebhaften Plauderton nicht nur einige amüsante Anekdoten von den Dreharbeiten zum Besten, sondern auch erhellenden Einblick in seine Filmphilosophie gibt, die sich entscheidend aus seinen Erfahrungen als Journalist für diverse Boulevard- und Revolverblätter speist. “Filming is writing in bold letters”, sagt er etwa und erklärt damit, warum seine Filme und seine Charaktere so überlebensgroß sind. Auch noch 40 Jahre nach der Enstehung von PICKUP ON SOUTH STREET kann Fuller seine Begeisterung für den Film nicht verbergen; es ist dieselbe Begeisterung, die ihn überhaupt dazu veranlasste, ihn zu drehen. Das ist sein Erfolgsgeheimnis: Weil Fuller von seinen Geschichten vollkommen überzeugt ist, mit Herz und Seele in ihnen steckt, Herz und Seele in sie hineinlegt, gelingt es ihm, die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf Anhieb zu erobern, wie dies etwa eine knallige Überschrift vermag. PICKUP ON SOUTH STREET spart sich eine umständliche Exposition, führt uns gleich mit der ersten Szene mitten ins Geschehen (das kennt man auch aus seinen bsiherigen Filmen): Wir beobachten Skip McCoy bei seinem Taschendiebstahl – wir haben teil an seinem Geheimnis, ein sicheres Mittel, uns mit ihm zu verbrüdern – und erfahren, dass ihm jemand auf der Spur ist. Von diesem Auftakt an entwickelt Fuller seinen Film mit schlafwandlerischer Sicherheit (fast meint man, der Film läuft von allein) und verliert den Zuschauer trotz der zunehmenden Verwicklungen niemals aus den Augen, weil er ein untrügliches Gespür dafür hat, was nötig ist, was es braucht, um den Zuschauer zu fesseln. “Show it!”: Das ist eine weitere von Fullers Lehren: Wenn man einen Film dreht, soll man nicht um den heißen Brei herumreden, sondern die Dinge zeigen, die man zeigen muss. Es gibt keine unwichtigen Szenen in Fullers Filmen, kein Breittreten, keine Wiederholungen, keine ausschweifenden Dialoge, in denen erklärt wird, was gerade passiert ist, oder in denen die Figuren Auskunft über ihre Gefühle und Gedanken geben. “People are people”, sagt Fuller: Wenn ein Charakter nicht aus sich heraus glaubwürdig ist, helfen auch keine langen Erklärungen. Es gibt für ihn keine komplizierten Beweggründe, keine geheimen und verborgenen Schicksalsschläge, keinen hidden agendas, deren lückenlose Enthüllung erst den Menschen erklär- und verstehbar macht. Das mag aus psychologischer und philosophischer Perspektive naiv sein, aber es ist auch eine sehr tröstliche, humanistische Sicht der Dinge: Bei Fuller hat der Mensch die alleinige Verantwortung für sein Handeln, er hat immer die Entscheidung, die Wahl. Fullers Filme sind moralisch, ohne normativ zu sein: “To me a pickpocket ist not a criminal, he’s an artist.”, sagt er. Und über den Polizeispitzel: “Selling information is his job.” Jeder hat seine Aufgabe und es ist sinnlos, ihn aufgrund dieser Aufgabe moralisch zu verurteilen. Skip wird von der Informantin Moe (Thelma Ritter) verpfiffen, aber das ändert weder etwas daran, dass sie den Taschendieb beinahe wie einen Sohn betrachtet, noch daran, dass er große Stücke auf sie hält. Beide folgen sie nur den Regeln eines größeren Spiels. Fuller gilt als Männerregisseur, er wird vielerorts bewundert, aber doch auch immer als streitbar apostrophiert. Das leigt vor allem daran, dass er nicht der Mann für die leisen Töne ist. Er liebt den Pulp, die harten Kerle, die verführerischen Frauen, die markigen, zwischen den Zähnen hindurch gezischten Sprüche. Aber er nutzt diese Vereinfachungen und Übertreibungen, um das Wesen der Dinge herauszuschälen, nicht, um es hinter einer schillernden Fassade zu verstecken. Und das ist nichts weniger als Kunst.

About these ads
Kommentare
  1. [...] zum Spruch „Don’t wave your damn flag at me!“, den Widmarks Skip McCoy in Fullers PICKUP ON SOUTH STREET einem CIA-Mann entgegenschleudert, der an seine Vaterlandsliebe appelliert), so ist das weder ein [...]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s