Die Studentin Cheryl (Natasha Hovey) besucht mit ihrer Freundin die Sneak Preview eines Horrorfilms. Dummerweise stellt sich heraus, dass im Kino finstere Mächte sinnlos walten und das Geschehen auf der Leinwand in blutige Realität verwandeln. Und so müssen sich Cheryl und mit ihr die anderen Zuschauer gegen blutgierige Dämonen zur Wehr setzen …
Mitte der Achtziger war vom einstigen Glanz des italienischen Kinos nicht mehr viel übrig. Um die letzten Zuschauer noch in die italienischen Produktionen zu locken, orientierten diese sich immer stärker am Marktführer aus Übersee. Ein gewisser Plagiarismus war schon immer ein wichtiges Standbein des italienischen Films – vor allem des populären – gewesen, doch nie zuvor hatte man so sehr versucht, die eigene Herkunft zu verstecken wie in den Achtzigerjahren. Erst waren es die englisch klingenden Pseudonyme selbst namhafter Regisseure, dann folgten auch die Schauspieler diesem Trend, wenn sie nicht gleich durch mäßig talentierte, aber dafür gut aussehende Quereinsteiger ersetzt wurden und schließlich bemühte man sich, jede sichtbare Beziehung zum Ursprungsland zu verschleiern. DEMONI von Mario Bavas Sohn Lamberto ist ein eklatantes Beispiel für diese Entwicklung, die das italienische Kino retten sollte, seinen Untergang aber vielleicht sogar beschleunigte: Wer brauchte schon den Abklatsch, wenn er das Original haben konnte? Bavas Film spielt im damaligen West-Berlin, auf dem Soundtrack übertönen internationale Metal- und Hardrockbands wie Mötley Crüe, Accept, Saxon und die Pretty Maids oder Pop-Acts wie Go West!, Billy Idol und Rick Springfield die Synthie-Klänge Claudio Simonettis, der dem italienischen Exploitationkino in den Siebzigern noch gemeinsam mit seinen Mitstreitern von Goblin einen markanten Sound verpasst hatte, und die Geschichte vermeidet jede eindeutige kulturelle oder regionale Verortung, indem sie das grenzüberschreitende, völkerverbindende Erlebnis des Kinobesuchs und Filmsehens zum Ausgangspunkt nimmt. DEMONI ist auf einen Schauplatz – ein Kino – und einen Zeitraum von wenigen Stunden – die Zeit rund um einen Kinobesuch – eingedampft, bezieht seinen Reiz in erster Linie aus seiner Film-im-Film-Struktur und in zweiter aus den körperdeformierenden Splatterorgien, die DEMONI als einen der frühen Vertreter des Funsplatter-Genres erkennen lassen.
Der selbstreflexive Charakter wird von Bava zunächst recht überzeugend aufgebaut: Die Auftaktsequenz, die den Zuschauer unterstützt von Simonettis Score und unter Zuhilfenahme aller filmischen Mittel stetig wachsendem Druck aussetzt, um das Gefühl von Bedrohung zu evozieren, löst das lang aufgebaute Versprechen am Ende schließlich doch nicht ein: Die vermeintliche Gefahr entpuppt sich als Verteiler von Kinofreikarten und somit zunächst als harmlos. (Sehr schön, wie schnell die aufgebaute Anspannung nicht nur vom Zuschauer, sondern auch von der Hauptdarstellerin abfällt, die dem Mann, der sie zuvor noch in Todesangst versetzt hatte, sogleich hinterherrennt, um ihm noch eine zweite Karte abzunehmen: Film löst Ängste aus und auf.) Im Kinofoyer angekommen stellt Bava seine Protagonisten vor – das Kino als soziale Begegnungsstätte – und bereitet schließlich die anstehende Krise vor, bevor er sich dem Kinosaal und somit dem Film-im-Film widmet. Hier wird einige Zeit darauf verwendet, die Reaktionen des Publikums einzufangen und zu zeigen, wie sehr diese vom Horrorfilm auf der Leinwand affiziert werden: Menschen rücken enger zusammen, gestehen sich ihre Angst ein oder spielen diese betont herunter. Es mag von manchem als inszenatorischer Mangel angesehen werden, dass der Film auf der Leinwand keineswegs gruselig, sondern viel eher ziemlich albern wirkt, tatsächlich ist das jedoch ein in mehrfacher Hinsicht cleverer Schachzug: Bava betont zunächst die jedem Filmerlebnis wesentliche Verbindung von Zuschauer(raum) und Film(raum). Qualität oder Glaubwürdigkeit sind rein subjektive Kategorien und somit sekundär. Sie sind nicht zuletzt von der Perspektive abhängig: Für Bavas Protagonisten ist der Film effektiv. Gleichzeitig etabliert Bava so die Differenz zwischen seinem Film und dem Film-im-Film: Obwohl beide ja “Film” und aus demselben Material sind, besteht ein Unterschied zwischen ihnen bezüglich ihres Authentizitätsgrads. Wir können den Film somit vom Film-im-Film unterscheiden. Und natürlich handelt es sich um ein Täuschungsmanöver: Denn während sich über die Unbeholfenheit des Films-im-Film gut lachen lässt, ist DEMONI dann doch von anderem Kaliber – in Deutschland hagelte es immerhin eine Beschlagnahmung.
Zurück zur Handlung: Das Geschehen auf der Leinwand überträgt sich schließlich auf den Zuschauerraum; nicht nur implizit – wie eben in jedem “gelungenen” Film -, sondern explizit: Eine der Zuschauerrinnen hat sich wie ihr Spiegelbild im Film mit der “Dämonenpest” infiziert und unterliegt einer Mutation auf der Kinotoilette, wo ihr wenig später auch die beste Freundin zum Opfer fällt. Diese gelangt nun, von der mutierten Freundin und der ihr zugefügten wuchernden Verletzung in Panik versetzt, hinter die Leinwand, die sie just in dem Moment durchbricht, als der Mörder im Film-im-Film ein Zeltdach durchschneidet, um das sich darunter verbergende Mädchen zu ermorden (es ist ein interpretatorisches Klischee, aber die Öffnung in der Leinwand hat trotzdem die Form einer Vagina). Mit diesem Aufgenblick verlagert sich das dämonische Treiben endgültig von der Leinwand in den Kinosaal, der nun zur tödlichen Falle zu werden droht.
Was DEMONI von anderen Vertretern des selbstreflexiven Horrorfilms unterscheidet, ist dass der Film selbst Teil des Spuks ist. Während in SCREAM die grundsätzliche Möglichkeit besteht, Handlungsweisen und Regeln für die filmgewordene Realität aus Filmen zu entnehmen (was den Protagonisten nur deshalb nicht gelingt, weil sie zu dumm sind), lassen sich dem Film-im-Film von DEMONI keine Lehren entnehmen, weil er selbst das Werk des Bösen ist. Somit hoffen die Kinobesucher sich der Dämonen zu entledigen, indem sie den Film anhalten. Schade, denn eigentlich wäre es sehr interessant gewesen, den Protagonisten dabei zuzuschauen, wie sie versuchen, den Film zu Ende zu sehen, um herauszufinden, wie sie die Dämonenbrut besiegen können, und sich dabei genau dieser Brut erwehren müssen. Mit dem Anhalten des Films beendet Bava jedoch auch seinen selbstreflexiven Diskurs und lässt DEMONI in ein ermüdendes Funsplatter-Finale münden, das – wie die Auftaktsequenz – nie einlöst, was der Aufbau versprochen hat. DEMONI ist, darüber sollen meine langen Ausführungen nicht hinwegtäuschen, ein in vieler Hinsicht ungeschickter Film: Bestes Beispel dafür ist die über mehrere vollends nutzlose Szenen gestreckte Einführung einiger Nebencharaktere, deren Rolle diese Ausführlichkeit niemals rechtfertigt. Vor 15 Jahren, als ich DEMONI mit Begeisterung erlegen war und mich über jeden einzelnen blutigen Effekt noch diebisch freuen konnte, habe ich über solche Passagen gern hinweggesehen, heute zerren sie doch arg an den Nerven. Nein, DEMONI ist kein guter Film. Aber das völlige Verschwinden des italienischen Genrekinos lässt mich selbst anlässlich dieses schon alle Zeichen des bevorstehenden Niedergangs tragenden Films doch noch die ein oder andere Träne verdrücken.
0 Antworten zu „demoni (lamberto bava, italien 1985)“