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inglourious basterds (quentin tarantino, usa/deutschland 2009)

20090709204631!Inglourious_Basterds_poster[1]Wie anfangen? Vielleicht so: Mir hat INGLOURIOUS BASTERDS überhaupt nicht gefallen. Nach etwas mehr als einer Stunde habe ich begonnen, mich zu fragen, ob ich das Kino verlassen soll, je näher das Ende rückte, umso genervter war ich von Täteräntinos neuestem Opus. Nun kann ich durchaus erkennen, was man an INGLOURIOUS BASTERDS loben muss: Tarantino nimmt das bildungsbürgerliche, stets geschmäcklerisch daherkommende und genau deshalb hoffnungslos verkommene Holocaust-Bewältigungskino aufs Korn, zeigt dessen Verfehlungen und steht da als bissige Replik, die als gallige Bestätigung des oft missverstandenen Adorno-Zitats gelten darf. Sein Film ist demzufolge kein Film über den Holocaust und das Dritte Reich, sondern ein Film über die Filme über den Holocaust und das Dritte Reich. Wenn er seine Figuren in ihren Muttersprachen parlieren lässt, den “Judenjäger” Landa (Christoph Waltz) mühelos zwischen Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch wechseln lässt, zeigt er recht eindrucksvoll nicht nur welcher dramaturgischen Simplifizierung der Zuschauer beim handelsüblichen “Vergangenheitsbewältigungskino” aufsitzt, sondern auch, dass der Terror der Nazis kein singuläres Phänomen war: Der symbolische Krieg der Sprache wird seitdem unter anderem im Kino weiter ausgefochten, nicht zuletzt durch die Hegemonie des englischsprachigen US-Kinos. Dass die filmische Aufarbeitung der Vergangenheit die Sphäre des Filmischen niemals verlassen kann, macht zudem das wirklich eindrucksvolle Ende klar, bei dem die Rache der Jüdin, die ihre Familie verlor, von der Leinwand, auf der ein Nazipropaganda-Film läuft,  in den Kinosaal springt.

Genug Ideen und lobenswerte Ansätze also, die einen echten Triumph hätten bedeuten können, wenn Tarantino nur endlich einmal in der Lage gewesen wäre, von seinen Marotten Abstand zu nehmen. Einen Film, für dessen Plot 90 Minuten dicke ausgereicht hätten, mittels endloser, noch dazu vollkommen unpointierter Dialoge auf 140 Minuten zu zerdehnen und mit abgeschmackten Ideen wie jener um den “Bearjew” (Eli Roth) zu garnieren, deutet darauf hin, dass Tarantino im Zustand koksinduzierter Egomanie nicht mehr zwischen guten und schlechten Einfällen zu unterscheiden in der Lage ist. Diese Unfähigkeit zur Selbstbeschränkung, zur Selektion und zur Ökonomie belastete zwar schon PULP FICTION, doch erst seit KILL BILL bricht sie seinen Filmen regelmäßig das Genick. Tarantinos Kino ist – in meinen Augen – Selbstbefriedigung vor Publikum: Der Fluss seiner Filme wird immer wieder von Szenen zerfasert, die keinem anderen Zweck zu dienen scheinen, als jenem, ihrem Meister zu gefallen, und durch die man sich nun gefälligst hindurchzuquälen habe. Wobei das eigentlich so nicht stimmt, denn einen “Fluss” haben Tarantinos Filme sowieso nicht (mehr). Wie schon DEATH PROOF und KILL BILL VOL. 2 haftet auch INGLOURIOUS BASTERDS der Hauch des Theaterhaften an: Vollkommen isolierte Szenen werden arhytmhmisch aneinandergereiht, der eh schon reichlich dissoziative Effekt durch die Zwischentitel noch verstärkt. Nun sind das allesamt keine Stilmittel, die Tarantino erfunden hätte und per se eine Kritik zwingend erforderlich machen würden. Aber in Tarantinos Popkosmos, der doch von Affekten, Liebe und Begeisterung zusammengehalten werden soll, wirken sie wie die einem vor der Nase zufallende Tür, die einem sagt, dass man gefälligst draußen zu bleiben habe. Ich kann seit DEATH PROOF nur noch entgeistert vor Tarantinos Filmen sitzen und mich fragen, warum er sich überhaupt an ein Publikum wendet, wenn ihm dieses doch offensichtlich scheißegal ist. Nun war DEATH PROOF als reichlich unwichtige Fingerübung sowieso viel zu egal, um sich wirklich darüber zu ärgern (ich habe es dummerweise trotzdem getan), aber wie man angesichts eines so aufgeladenen und schwierigen Themas wie des Holocausts einen über weite Strecken solch kalten, abgebrühten und distanzierten Film drehen kann, der von nichts so sehr getrieben scheint wie dem eigenen Genius, ist mir ein Rätsel. Überall wird immer wieder Tarantinos Leidenschaft gepriesen: Ich würde sie gern einmal wieder auf der Leinwand sehen.

EDIT: Nachtrag vom 27.09.2010: Dieser Text ist Unsinn. Wie ich heute über INGLOURIOUS BASTERDS denke, kann man hier lesen.


6 Antworten zu „inglourious basterds (quentin tarantino, usa/deutschland 2009)“


  1. September 11, 2009 um 10:50 vormittags

    “…deutet darauf hin, dass Tarantino im Zustand koksinduzierter Egomanie nicht mehr zwischen guten und schlechten Einfällen zu unterscheiden in der Lage ist.”

    Dem möchte ich doch widersprechen. Vom Drehbuch zum fertigen Film ist noch einmal ein Filterungsprozeß erfolgt, der die unangenehm kindischen Pipikaka-Ausfälle rausgestrichen hat. Das fand ich sehr löblich, daß er hier seinem Anliegen nicht durch schamverursachende Pseudocoolheit in den Rücken gefallen ist.

  2. 2 Oliver
    September 11, 2009 um 11:05 vormittags

    Das Drehbuch kenne ich (natürlich) nicht. Für mich waren aber immer noch noch genug schlechte Einfälle enthalten. Dass du das anders siehst, wundert mich aber nicht, schließlich hat dir der Film ja auch gefallen. :)

  3. September 11, 2009 um 1:38 nachmittags

    Die unterschiedliche Bewertung des Filmes war mir doch vorher klar. Wollte nur widersprechen, daß es logorrhoeisch aus Tarantino herausbrach. Da gab es auf jeden Fall noch eine zwischengeschaltete Selektionsstufe.

  4. September 16, 2009 um 12:19 nachmittags

    Diese “zwischengeschaltete Selektionsstufe” ist meines Wissens nach Cutterin Sally Menke, die Tarantino schon seit Karrierebeginn begleitet. Sie war es jedenfalls, die Tarantino bei PULP FICTION den Kopf gewaschen hat und den Film mehr als eine Stunde kürzen ließ. Scheinbar schafft es Menke, die unkoordinierten Ideen ihres Regisseurs entsprechend einzuschätzen und in einen funktionierenden Rhythmus zu bringen…

  5. September 17, 2009 um 8:27 nachmittags

    Harry, die hatte ich auch schon in Verdacht, nachdem ich gesehen habe, daß die Cutterin schon so lange dabei ist. Weiß auch von Szenen aus dem Skript, die definitiv gedreht wurden, aber dann nicht in der Endfassung landeten. Aber es gibt auch Veränderungen, die nicht von ihr sein können. So steht im Drehbuch, daß am Ende der Cafehausszene, nachdem Landa seinen Apfelstrudel zurückgelassen hat, die Kamera an Shosana herabgleitet und man sieht, wie unter ihr eine Urinpfütze ist. Offenbar hat Tarantino schon vor dem Dreh bemerkt, wie kontraproduktiv diese pseudocoole Pose für seinen Film und vor allem für seine Figur ist.


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