the black cat (edgar g. ulmer, usa 1934)

Veröffentlicht: Oktober 1, 2009 in Film
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658857699_a92275b470[1]Was bleibt von diesem Film: bleierne Schwere, das Schwarz einer ewigen Nacht, unüberbrückbare Distanz. Ulmers sehr frei nach Poes Kurzgeschichte erzählter Film verbildlicht so gleichermaßen die niederdrückende Last einer nie vergoltenen Schuld wie die peinigende, niemals zu löschende Erinnerung an ein unbeschreibliches vergangenes Leid, verkörpert durch die beiden Protagonisten, den Stararchitekten Dr. Hjalmar Poelzig (Boris Karloff) und den Psychologen Dr. Vitus Werdegast (Bela Lugosi).

Das Ehepaar Alison (Julie Bishop und David Manners) lernt auf der Reise mit dem Orientexpress durch Ungarn Dr. Werdegast kennen. Nach einem Autounfall, bei dem Joan Alison leicht verletzt wird, landen sie im futuristischen Haus von Dr. Poelzig, den mit Werdegast eine gemeinsame Vergangenheit verbindet: Poelzig war einst Kommandant der Festung Marmaros, während des Krieges Schauplatz einer fürchterlichen Schlacht, in die auch Werdegast verwickelt war und danach – durch Poelzigs Mitschuld – 15 Jahre in einem Kerkerloch verschwand. Seine Frau hat Werdegast seit 18 Jahren nicht mehr gesehen: Er vermutet sie bei Poelzig, der sein Haus just an dem Ort errichtete, an dem einst die Festung stand …

Es wird bei Betrachtung des Films sofort evident,warum Theodore Roszak den Exilanten Ulmer als Referenzpunkt für seine fiktive Alternativ-Filmgeschichtsschreibung “Flicker” (zu deutsch “Schattenlichter”) verwendete, in der das Medium Film die Erfindung einer Templersekte ist, die ihr als Instrument zur Unterjochung der Menschheit via Massenhypnose dienen soll. In Ulmers Film – das wollte ich mit meinem Eingangssatz zum Ausdruck bringen – lösen sich die Bilder von ihrem faktischen Inhalt, dem Zweck, den sie innerhalb der Geschichte einnehmen, und entfalten eine Präsenz, die nur schwierig in Worte zu fassen ist. Da gibt es diese eine Szene, in der Poelzig sich neben seiner Frau Karen (Lucille Lund) – es handelt sich dabei um Werdegasts Tochter – auf dem Bett niederlässt und ihr zärtlich über das Gesicht streichelt. Was daran so befremdlich ist, ist dass Karloffs Hand das Gesicht seiner Partnerin gar nicht berührt: Es sieht aus, als habe Ulmer an dieser Stelle mit einer Rückprojektion gearbeitet, aber auch das ist nicht der Fall. Es gibt mehrere solcher merkwürdiger Bildeffekte, die zunächst ganz unscheinbar sind: Der Blick von Werdegast aus dem Zugfenster ins Dunkel, in dem man den vorüberziehenden Dampf der Lokomotive und erst danach die Spiegelung von Werdegast Gesicht in der Fensterscheibe sieht, so als sähe man ihn durch den Rauch. Später eröffnet eine Szene mit dem Blick auf eine dunkle Steppdecke, die Peter Alison über sich zieht und die wie eine über dem Zuschauer zusammenbrechende Welle aussieht. In einer anderen Sequenz fährt die Kamera unter Verwendung diverser Überblendungen durch die verschiedenen Räume des Kellers von Poelzigs Haus, untermalt von dessen Erläuterungen gegenüber Werdegast, dem er sein Haus vorführt. In dieser Sequenz verwandeln sich die beiden Protagonisten allein durch die Inszenierung in die Geister, die sie seit dem Krieg sind, werden von Ulmers Regie und der Kameraarbeit vollkommen entkörperlicht.

Zwar steht dies alles durchaus im Dienste der Geschichte, aus der man unschwer Ulmers Haltung zu den Ereignissen herauslesen kann, die Europa und die Welt aus dem Ersten geradewegs in den Zweiten Weltkrieg führten und die durch den Konflikt der beiden Hauptfiguren Poelzig und Werdegast repräsentiert werden. Aber mehr als durch Worte oder den Plot entbirgt sich diese Haltung in den Bildern von THE BLACK CAT: Man sieht sie, aber mehr noch fühlt man die bleierne Schwere, das Schwarz der ewigen Nacht und unüberbrückbare Distanz.

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Kommentare
  1. Alex sagt:

    Danke für diesen schönen Eintrag! Hat mir gleich mal wieder Lust auf den Film gemacht…

  2. Oliver sagt:

    Dankeschön und viel Spaß!

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