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Jul
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the imaginarium of doctor parnassus (terry gilliam, großbritannien/kanada/frankreich 2009)

Als Schausteller reist der mysteriöse (und unsterbliche) Dr. Parnassus (Christopher Plummer) mit seiner Tochter Valentina (Lily Cole), dem Zwerg Percy (Verne Troyer) und Anton (Andrew Garfield) erfolglos durch das gegenwärtige London, dabei verspricht sein Fahrgeschäft doch die Erfüllung aller Wünsche und Träume. Zur finanziellen Misere gesellt sich der Weltschmerz: Mit dem bevorstehenden 16. Geburtstag seiner Tochter nähert sich auch der Tag, an dem Parnassus sie an den Teufel (Tom Waits) abtreten muss. Eine Wette soll sie davor bewahren: Wer zuerst fünf Seelen eingefangen hat, bekommt die Tochter. Behilflich ist Parnassus dabei das Marketinggenie Tony (Heath Ledger), den die Schaustellertruppe vor dem Tod gerettet hat. Doch der hat ein eigenes dunkles Geheimnis …

Es ist mein Vollständigkeitswahn, der mich davon abhält, mir diesen Text zum jetzigen Zeitpunkt zu verkneifen: Ich habe mich mit Gilliams neuem Film sehr schwer getan, bin nicht richtig reingekommen, habe ihn (wahrscheinlich) nicht komplett verstanden und hätte ihn – schwer hitzegeschädigt – wahrscheinlich am besten vorzeitig abgebrochen, um ihn ein anderes Mal unter besseren Bedingungen zu sehen. Mein Pflichtbewusstsein und meine Gattin, die sich auf diesen Film sehr gefreut hatte, standen diesem Abbruch im Weg und so kann ich nun leider nicht anders als hier und jetzt meine Enttäuschung und Ratlosigkeit über THE IMAGINARIUM OF DOCTOR PARNASSUS auszudrücken. Dabei standen die Zeichen doch eigentlich sehr gut: Es scheint eine halbe Ewigkeit her, seit Gilliam bei einem Film seine eigenen Vorstellungen ohne finanzielle Beschränkungen und Einmischung von außen umsetzen konnte. Doch auch, wenn man einräumt, dass der US-Amerikaner mit dem überraschenden Tod seines Hauptdarstellers auch diesmal wieder ein kaum lösbares Problem bewältigen musste – was ihm ziemlich gut gelungen ist, obwohl man dem fertigen Film natürlich anmerkt, dass auch er nicht aus einem Guss entstehen konnte -, so beschleicht mich langsam, aber sicher die Befürchtung, dass Gilliam in den verlorenen Schlachten der jüngeren Vergangenheit auch etwas von dem Spirit eingebüßt hat, der seine älteren Filme bis etwa FEAR AND LOATHING IN LAS VEGAS immer wieder so ungemein sehenswert machte.

Das größte Problem an IMAGINARIUM ist meines Erachtens, dass der ganze Film zu episodisch angelegt ist (auch das ist sicherlich zum Teil auf den Tod Ledgers zurückzuführen), ohne dass diese Episoden jedoch echte Höhepunkte darstellten. Die Geschichte entfaltet sich sehr gemächlich und im Nachhinein betrachtet sogar ziemlich umständlich: Der Kampf um die fünf Seelen bleibt merkwürdig spannungsarm, bildet keineswesg den finalen Höhepunkt, sondern gliedert sich nahtlos in einen Film ein, der in seinem zweistündigen Verlauf kaum über Ausschläge der Spannungskurve verfügt. Wo ist der Flow geblieben? Die Thematik – IMAGINARIUM singt ein Loblied auf die Kraft der Imagination – erkennt man mittlerweile als das Leib- und Magenthema Gilliams, doch selten wirkte es lebloser und alibihafter umgesetzt. Das liegt nicht zuletzt an den zentralen Imaginariums-Sequenzen, in die Gilliam zwar sein ganzes gestalterisches Geschick geworfen hat (er entwarf zum ersten Mal seit geraumer Zeit wieder umfangreiche Storyboards), die aber trotz der unverkennbaren Parallelen etwa zu diversen alten Monty-Python-Cartoons in ihrer kitschigen CGI-Optik seelenlos und gleichförmig wirken. Diese Effektsequenzen stellten für mich eindeutig die größte Enttäuschung dar, denn zumindest was die visuelle Gestaltung seiner Filme anging, konnte man sich auf Gilliam doch immer verlassen, immer etwas Originelles, Originäres erwarten. Vielleicht ist das Jammern auf hohem Niveau: Natürlich ist IMAGINARIUM nicht schlecht, bietet immer noch wunderschöne Ideen und Bilder, die man so (fast) ausschließlich von Gilliam bekommt, charismatische Schauspieler (mein Fave ist hier eindeutig Christopher Plummer) und dieses schwer beschreibbare Ensemblefeeling, dem zu Beginn der Endcredits mit der Widmung “A film by Heath Ledger & Friends” Rechnung getragen wird. Vielleicht ist es gerade dieser Huldigungscharakter, der dem Film als solchem im Wege steht, vielleicht hätte es nach dem Tod Ledgers doch größerer Umstrukturierungen bedurft, als nur drei andere Schauspieler (Johnny Depp, Jude Law & Colin Farrell) in Ledgers Rolle schlüpfen zu lassen. Es ist durchaus verständlich und auch sehr sympathisch, dass Gilliam davon abgesehen hat, und unterstreicht seine Ausnahmestellung als Filmemacher, der zugunsten einer adäquaten Umsetzung seiner Vision auch mal in Kauf nimmt, dass unterm Strich kein ganzer Film steht. Ich weiß es nicht. Wie gesagt: Ratlosigkeit. 

Ich schließe hier, denn ich möchte dem Film auch nicht Unrecht tun. Eine Zweitsichtung ist verpflichtend und ich würde mich nicht wenig freuen, wenn ich diesen Text dann als Irrtum deklarieren könnte.


4 Antworten zu „the imaginarium of doctor parnassus (terry gilliam, großbritannien/kanada/frankreich 2009)“


  1. Juli 6, 2010 um 8:14 vormittags

    Falls es dich tröstet: Du stehst mit deiner Meinung nicht allein. Trotzdem werde ich mir die DVD bei nächster Gelegenheit kaufen und hoffe das, was auch du dir wünschst – zu einem ganz anderen Urteil zu kommen.

    • 2 Oliver
      Juli 6, 2010 um 4:29 nachmittags

      Es tröstet tatsächlich. Wobei ich nach Knoerers Kritik beim Perlentaucher, der einiges ausspricht, was mir bei der Sichtung gar nicht so bewusst geworden war, immer mehr das Gefühl habe, dass der Film für mich nicht mehr zu retten ist.

  2. 3 Bob
    August 21, 2010 um 1:54 nachmittags

    Ich hatte ähnlich ‘gemischte’ Gefühle nach dem ersten Mal sehen. Mittlerweile dreimal gesehen, und ich will nicht sagen, dass meine Erfahrung stellvertretend sein wird, aber ich bin mir sicher, dass jeder Gilliam-Affine hier zumindest Sequenzen-weise auf seine Kosten kommt. Das größte Übel halt wirklich, dass man die Produktionsumstände so deutlich im Film sieht/spürt. Das wird man selbst mit der x-ten (Schön-)Sichtung nicht übersehen können. Aber alleine die Rahmenhandlung, also alles ohne die vermurksten CGI-Einlagen, finde ich schon zu schön um einen Bogen um den Film zu machen. Diese riesige Kutsche, die durch das düstere London fährt, das ist schon 100% Gilliam. Über Tom Waits als Teufel muss man wohl keine Worte verlieren. Aber gut, will jetzt nicht die Rosinen einzeln heraus picken.
    Kannst ja noch mal berichten, wenn/falls du den Film noch mal siehst, irgendwie bin ich mir sicher, dass du ihm versöhnlicher gegenüber stehen wirst.

    • 4 Oliver
      August 22, 2010 um 9:30 nachmittags

      Hmm, weiß nicht. “Typisch Gilliam” ja, aber eben auch ein Gilliam, der ein bisschen älter und vielleicht mittlerweile doch auch ein bisschen festgefahren und spießig ist. Schon den Auftakt mit der billigen Gegenüberstellung von “gutem” Theater und “bösem” Techno finde ich massiv abtörnend und altvorderlich und die CGI-Effekte einfach nur hässlich. Nee, ich glaube, dass ich mir die Zweitsichtung bis auf Weiteres verkneifen werde.


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