06
Sep
10

where the wild things are (spike jonze, usa/deutschland 2009)

Scheidungskind Max (Max Records) ist wütend und enttäuscht: Die Freunde seiner älteren Schwester haben sein Iglu zerstört, ohne dass sie ihm geholfen hätte, und seine Mutter (Catherine Keener) kümmert sich abends lieber um ihren neuen Freund als um ihn. Max nimmt Reißaus und seine Fantasie führt ihn an einen weit entfernten Ort, an dem eine Horde ebenso frustrierter Monster (gesprochen von u. a. James Gandolfini & Forest Whitaker) lebt, die Max zu ihrem König macht. Doch bald schleichen sich auch in diese neue Leidensgemeinschaft die üblichen Zankereien ein …

Lange hat Spike Jonze gebraucht, um seine Interpretation von Maurice Sendaks gleichnamigem Kinderbuchklassiker auf die Leinwand zu bringen. Seine Hartnäckigkeit, mit der sich gegen den Willen des Studios nach mehr CGI durchsetzte, hat sich bezahlt gemacht: WHERE THE WILD THINGS ARE ist ein “erwachsener” Kinderfilm geworden, einer der das beunruhigende Potenzial der Vorlage einfängt und ausarbeitet, sowohl seine Charaktere wie auch sein Publikum ernst nimmt und sich nicht mit idiotischen Zugeständnissen an den Zeitgeist anbiedert, die die elliptische, dabei aber stets hellsichtig-kluge Vorlage verhöhnt hätten. Vor allem die “Wild Things”, die doch unter einer weniger selbstbewussten und verständigen Regie allzu leicht zu idiotischen, One-Liner absondernden SHREK-Eleven hätten degradiert werden können, sind schlicht wunderbar, wirken tatsächlich wie den magischen Illustrationen des Buches entsprungen.Und da, wo Jonze das Buch ausarbeitet und hinzudichtet, da nimmt er dem Stoff nicht das Mysterium, sondern fügt nur neue zu entziffernde Schichten hinzu, die dem Geist der Vorlage entsprechen.

Hier liegt der Schlüssel zum Erfolg: Jonze hat – wie Sendak – verstanden, dass Kinder nicht die neunmalklugen Sonnenscheine sind, die den Kinderfilm sonst zu bevölkern pflegen – wahrscheinlich vor allem, um den Eltern zu gefallen – und ihn somit meist zu einer so ekelhaften Angelegenheit machen. Sein Max ist ein wütender, tobender Derwisch, ein asozialer Egoist im Allmachtswahn, der schreit und keift, seine Fantasiewelten von gefräßigen Monstern bewohnen lässt und Feinden das Gehirn rauszuschneiden wünscht. Aber Jonze weiß auch, dass diese Boshaftigkeit eng an Angst gekoppelt ist. Max’ Abenteuer bei den “Wild Things” ist natürlich eine Verarbeitung seiner eigenen Ängste: Die Monster verkörpern verschiedene Aspekte seiner eigenen Persönlichkeit, die perfekten Eltern, die immer für ihn da sind, und den Wunsch nach einer Beständigkeit, die nicht zuletzt durch die reifende Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit arg ins Wanken geraten ist. Während Kreativität und Dichtung in den letzten Filmen von etwa Gilliam und Burton (die sonst auf dieses Thema abonniert sind) zum eitlen Selbstzweck geronnen zu sein scheint, lässt Jonze erkennen, wozu wir Geschichte noch brauchen: Sie lassen uns hoffen und den Schmerz verkraften, geben uns Kraft, unser Leben in die Hand zu nehmen.

WHERE THE WILD THINGS ARE ist einer der seltenen Glücksfälle der sonst so höhepunktarmen Gattung der Literaturverfilmungen. Ein wilder und lebendiger, dabei aber besinnlicher und wunderschöner, ebenso tieftrauriger wie schreiend komischer Film. Ein Film über das Erwachsenwerden und das Leben ganz allgemein, in seiner ganzen in den Wahnsinn treibenden Widersprüchlichkeit.


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