gwendoline (just jaeckin, frankreich 1984)

Veröffentlicht: Oktober 11, 2010 in Film
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Gwendoline (Tawny Kitaen) landet auf der Suche nach ihrem Papa, der einem geheimnisvollen Schmetterling hinterherjagt, gemeinsam mit Beth (Zabou) in einem chinesischen Hafen in den Fängen fieser Menschenjäger. Als sie vom Abenteurer Willard (Brent Huff) aus der Bredouille befreit werden, bitten sie ihn um Hilfe, worauf er eher widerwillig eingeht. Die Reise führt sie über einen Fluss, auf dem Piraten ihr Unwesen treiben, durch einen kannibalenverseuchten Urwald und eine Wüste, bis sie schließlich am Ziel ihrer Reise ankommen: dem unterirdischen Reich eines Amazonenstammes …

Der Fotograf Just Jaeckin hatte ja schon mit dem wunderschönen ersten Teil der EMMANUELLE-Reihe bewiesen, dass er es versteht, Filme von geradezu märchenhafter optischer Opulenz zu inszenieren und taktile Erfahrungen somit auch visuell erfahrbar zu machen, und so einen Meilenstein des erotischen Kinos vorgelegt. GWENDOLINE ersetzt diese Opulenz und Sinnlichkeit zwar durch eine gewaltige Prise Pulp, den beherzten Griff in die Trashzauberkiste, frivolen Exhibitionismus und infantilen Humor, ist insgesamt aber nicht minder bezaubernd. Dieser Zauber beginnt schon mit der Eröffnungssequenz in der wuseligen chinesischen Hafenstadt, unverkennbar ein Studiosetting, das sich gegenüber dem Naturalismus, der etwa Spielbergs INDIANA JONES-Filme prägt, durch einen sterilen, überfomten Achtzigerlook auszeichnet, der dem Film seinen eigentümlichen Charme verleiht. Es ist nur folgerichtig, dass GWENDOLINE in seinem Schlussdrittel, wenn er in der unterirdischen Amazonenstadt angekommen ist, aussieht wie der feuchte Traum eines Gaultier-Verehrers: Gertenschlanke Models stapfen in Fetischrüstungen durch die bizarren Settings, die irgendwo zwischen Monumentalfilm, Fritz Langs METROPOLIS und Kunstgalerie anzusiedeln sind. Demgegenüber nimmt sich die Handlungsebene mit ihrem episodischen Aufbau, den Wortgefechten zwischen Gwendoline und Willard, die an eine preisgünstige Variante der Auseinandersetzungen zwischen Humphrey Bogart und Katherine Hepburn in AFRICAN QUEEN denken lassen, und den verschämt-erotischen Szenen angenehm harmlos und  fast schon altmodisch aus, was angesichts seiner Inspirationsquellen durchaus angemessen ist. Jaeckin ist zwar in erster Linie – und sehr zu Recht - an den Schauwerten seines Films interessiert, doch degradiert er dabei nie seine Figuren: Die Szene, in der die Helden gefesselt am Boden einer Kannibalenhütte liegen, und Willard der jungfräulichen Gwendoline nur mithilfe eines Strohhalms, den er mit dem Mund führt, das Gefühl körperlicher Liebe nahebringen möchte, weil sie ihren Tod erwarten, ist einfach hinreißend und – wie die meisten erotischen Szenen des Films – kein bisschen schmierig oder anzüglich. Dass die menschliche Seite des Films so gut funktioniert, ist dabei durchaus beachtlich, bedenkt man, dass weder Huffman noch Kitaen als große Schauspieler in die Annalen eingehen werden. Jaeckin überspielt die damit einhergehenden Schwächen, indem er das Tempo hoch hält, stets mit einem Augenzwinkern inszeniert und die Eindimensionalität seiner Figuren zur Triebfeder des beschwingten Humors macht. Auch wenn man bekritteln mag, dass GWENDOLINE mit 100 Minuten ein kleines bisschen zu lang geraten ist, so stellt er mit seiner wunderbaren Mischung aus Erotik, Groschenheftpulp und Fantasycomic und seinem visuellen Stil, der die 30er-Jahre durch die Achtzigerjahre-Designerbrille bricht, nicht nur einen ziemlich einzigartigen Film dar, sondern auch noch eine willkommene Alternative zu den Hollywood-Mainstreamproduktionen, an die er sich zweifellos anhängt. Toll!

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Kommentare
  1. HomiSite sagt:

    Also das ist mal ein Film! Dein Text beschreibt alles passend, aber wenn man dann manche Szenen und Einfälle tatsächlich sieht, ist’s erstmal schwer zu glauben – auch gerade weil es eigentlich immer harmlos bleibt. Ist der Film eigentlich “typisch französisch”? Der Film aus anderen Ländern wäre sicher ein derber Exploitationstreifen geworden.

    Egal, ich hatte ein unglaäubiges Dauergrinsen im Gesicht und neben dem Irrsinn im Amazonreich war jede Kampfszene ein Brüller. Ist der “infantile Humor” auch im Original? Die deutsche Version hat da anscheinend und wie immer unvergleichlich einige Schippen draufgekippt.

    • Oliver sagt:

      Also den spielerisch-selbstverständlichen Umgang mit Erotik würde ich schon als “typisch französisch” bezeichnen, hat aber wohl auch mit dem Regisseur zu tun. Just Jaeckin hatte sich ja schon bei EMMANUELLE geweigert, die berüchtigte Zigarettenszene zu filmen, weil ihm das zu geschmacklos war. Sein Kameramann musste das dann für den Produzenten drehen. Ich finde das ja auch so schön an dem Film: Im Grunde ist er ein Märchen, der Sexualität nicht als etwas schmieriges, sondern vor allem als sinnliche Erfahrung schildert. Von Humor durchsetzt ist das Original auch, aber krachlederne Synchrowitze gibt es eher nicht.

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