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Okt
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basket case (frank henenlotter, usa 1982)

Mit einem mysteriösen Korb unter dem Arm und einem Bündel Geldscheine kommt der junge Duane Bradley (Kevin van Hentenryck) nach Manhattan. Statt einer Besichtigungstour steht ihm der Sinn aber eher nach Rache: Im Korb trägt er seinen siamesischen Zwilling Belial herum, einen nur aus Gesicht und Armen bestehenden Fleischklumpen, der ihm in seiner Kindheit gegen beider Willen von drei Ärzten entfernt wurde. Und die bekommen nun einer nach dem anderen den Zorn der getrennten Brüder zu spüren - bis Duane Sharon (Terri Susan Smith) kennen lernt …

Viel muss man zu Henenlotters Debüt eigentlich nicht mehr sagen, genießt der Film doch längst Klassikerstatus unter Freunden des abseitigen Films. Und dieser Status ist hochverdient, denn BASKET CASE stellt in der bunten Welt der Exploitation ein Unikat dar. Sämtliche Versuche, ihn in eine Genreschublade zu stecken, greifen zu kurz: Inhaltlich am ehesten dem Horrorfilm zuordenbar, ist Henenlotters Film doch viel zu komisch, um wirklich zu erschrecken, und darüber hinaus mit deutlich erkennbarem Desinteresse an Suspense oder vordergründigem Thrill inszeniert, andererseits dürften seine kruden Gewaltexplosionen und Geschmacklosigkeiten empfindlichen Gemütern dennoch zu weit gehen. Den Film lapidar als Trash abzutun, wäre ebenfalls ungerecht, weil die tragische Geschichte um die beiden siamesischen Zwillinge durchaus emotionale Resonanz erzeugt und man außerdem zu jeder Sekunde spürt, dass Henenlotter nicht bloß Opfer ungünstiger äußerer Bedingungen war, sondern genau den Film gemacht hat, den er machen wollte. BASKET CASE zeichnet sich dann auch zu allererst durch seine unschlagbare Attitüde aus: Seine ranzigen Settings, die authentisch rüberkommenden Schauspieler, die alle den Eindruck machen, Henenlotter habe sie aus einer schummrigen Bahnhofskneipe weggecastet, die billig-kruden, aber nichtsdestotrotz liebevollen Effekte und die eigenwillige Story addieren sich zu einem Film, der all das, was das Exploitationkino auszeichnet, es so wertvoll und charmant macht, in Reinkultur verkörpert. BASKET CASE versprüht Witz und Atmosphäre jenseits glattgebügelter Publikumsaffirmation, befasst sich nicht mit genormten Konflikten ebenso genormter Figuren, sondern nimmt ein Milieu in den Blick, das im Mainstreamkino eher unterrepräsentiert ist: Im Hotel, in dem Duane absteigt, wimmelt es nur so von gescheiterten Existenzen, verschrobenen Tagedieben, Prostituierten und anderen Originalen, die von Henenlotter aber nie als Freaks verheizt und vorgeführt werden. Gleiches gilt dann auch für Belial, der ja zu allererst eine bemitleidenswerte Kreatur ist, die durch die ihn umgebende Welt zum Monster gestempelt wird und von Beginn an keine andere Chance hat, als alle ihr entgegengebrachten Vorurteile zu bestätigen. Insofern hat BASKET CASE durchaus etwas zum Status quo der westlichen Welt um die Jahrhundertwende zu sagen und seine rohe, ungeglättete Form erscheint unter diesem Blickwinkel nicht mehr nur als aus der Not geboren, sondern als vollkommen angemessen. 

Es sollte klar geworden sein: BASKET CASE ist ein – aller “Hässlichkeit” zum Trotz – wirklich schöner Film, dessen Wärme mir erst jetzt, bei meiner dritten Sichtung in rund 20 Jahren, wirklich aufgefallen ist. Das allein sollte als Beleg dafür reichen, dass BASKET CASE weitaus mehr ist als ein stussiger Trashfilm, sondern einer, der mitwächst, wenn man sich auf ihn einlässt. Meine Lieblingsszene, die sehr repräsentativ für Henenlotters Humor ist, ist übrigens jene, in der Duane bei seiner Ankunft im Hotel von einer gesprächigen und mehr als nur leicht verwirrten Dame die Treppe hinauf begleitet wird, und diese sofort auf ihn einzureden beginnt, nur um just in dem Moment, in dem ihre Geschichte beendet ist, ebenso plötzlich und unvermittelt kehrtzumachen und Duane sich selbst zu überlassen. Die herrlichen Stop-Motion-Effekte um den eifersüchtigen Belial, der in einem Tobsuchtsanfall das Hotelzimmer auseinandernimmt, sollten aber auch nicht verschwiegen werden.

Ach so: BASKET CASE stellt den Auftakt meiner aufgrund seines übersichtlichen Oeuvres kleinen Henenlotter-Werkschau dar, die in den kommenden Tagen chronologisch fortgesetzt wird.

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7 Antworten zu „basket case (frank henenlotter, usa 1982)“


  1. 1 Funxton
    Oktober 15, 2010 um 1:08 nachmittags

    Ganz feiner Text zu diesem ganz feinen Film. Eines der großen 42nd-Street-Movies, für mich auf einer Linie mit “Maniac”, “The Exterminator”, “Ms. 45″ und dem etwas späteren “Street Trash”. Nehme an, am Ende deiner Henenlotter-Schau wid “Bad Biology” stehen? Da kannst du dich schonmal auf was gefasst machen… :-D

  2. 2 Oliver
    Oktober 15, 2010 um 3:26 nachmittags

    Ja, er passt gut in diese Reihe. Glickenhaus hat ja dann später auch die Produktion bei BASKET CASE 2 und 3 und FRANKENHOOKER übernommen, aber auch sonst bietet Henenlotters Werk einige Anknüpfungspunkte zu den von dir genannten Filmen: Jim Muro bediente bei BRAIN DAMAGE die Steadicam, STREET TRASH-Darsteller James Lorinz spielt in FRANKENHOOKER mit, dessen Puffszene möglicherweise im selben Etablissment wie jene in EXTERMINATOR gedreht wurde, zumindest sieht das sehr ähnlich aus. Und der fiese Prostituiertenschänder, der dort vom Ginty ne Kugel in den Allerwertesten bekommt, darf auch in FRANKENHOOKER unsanft beim Sex verenden.

  3. 3 Funxton
    Oktober 15, 2010 um 5:51 nachmittags

    Sehr gut beobachtet ;-)


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