Archiv für November, 2010

Als ein Chemiekonzern entdeckt, dass die von ihm einst achtlos entsorgten Abfälle zu Mutationen in der Pflanzenwelt geführt haben, ahnt der weise Splinter, was die Ursache für seinen und den Wachstum seiner amphibischen Ziehsöhne Donatello, Leonardo, Raphael und Michelangelo ist. Als der für tot gehaltene Shredder (Francois Chau) zurückkehrt und ebenfalls ein großes Interesse an dem gefährlichen “Ooze” entwickelt, kommt es erneut zur Auseinandersetzung zwischen den Parteien, bei der den Turtles der Pizzaboy Keno (Ernie Reyes jr.), die Fernsehreporterin April (Paige Turco) und der Wissenschaftler Professor Jordan Perry (David Warner) zur Seite stehen …

Nachdem der erste TURTLES-Film in den USA zum Superhit avanciert war – er löste seinerzeit Mike Nichols THE GRADUATE als erfolgreichste Indieproduktion ab -, signalisierte der Flop des Sequels schon den Niedergang des wohl doch etwas zu exzentrischen (oder zu blöden, je nach Perspektive) Franchises, das dennoch auch noch für einen dritten Teil gemolken wurde. Wie man Michael Pressmans Sequel bewertet, hängt wohl nicht zuletzt davon ab, wie einem der Vorgänger gefallen hat: Mochte man dieses wegen seiner an die Comics angelehnten visuellen Gestaltung, wird man von der stromlinienförmigeren Fortsetzung wohl eher enttäuscht sein, vermisste man beim ersten Teil jedoch eine stringente Narration und eine stärkere emotionale Anbindung, könnte THE SECRET OF THE OOZE durchaus gefallen. Schrieb ich über Steve Barrons Film noch, dass man die titelgebenden Hauptfiguren als Zuschauer nur schwer auseinanderhalten könne und es deshalb schwer fiele, sich mit ihnen zu identifizieren, so gelingt es Pressman im Sequel wesentlich besser, verschiedene Charakterzüge herauszuarbeiten und den Turtles eine Identität zu verleihen, die über den bloßen Namen und die farbige Augenbinde hinausgeht. Gleichzeitig habe ich aber die kunterbunte Wildheit des Originals vermisst, der sich nicht wirklich darum zu scheren schien, die Erwartungshaltung des Publikums zu bedienen, sondern streckenweise ebenso chaotisch wirkte wie das Innenleben seiner pubertären Hauptfiguren. Im Sequel verläuft das Geschehen auf relativ ausgetretenen Pfaden und folgt der üblichen Überbietungslogik des Sequels: Es gibt mehr Turtle-Action, mehr Sprüche und Gags und mehr Schauspieler in Kostümen: Shredder kreiert mithilfe des Ooze nämlich noch zwei weitere Mutanten – einen Riesenwolf und eine Riesenschnappschildkröte -, deren Design das Herz des Kindes im Mann aufgehen lassen und den Höhepunkt des Films markieren. Das alles sorgt wie gesagt dafür, dass der Film besser reinläuft, aber auch, dass man ihn schneller vergisst. TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES war doch eine reichlich seltsame Angelegenheit, mit seinen Referenzen an ein erwachseneres Kino, der brüchigen Narration, dem Antiklimax zum Finale und den “leeren” Protagonisten. THE SECRET OF THE OOZE ist bunter, runder, lauter, aufregender und greller … aber paradoxerwesie auch vorhersehbarer und daher langweiliger. Aber für meinen gestrigen Abend, an dem mir ein dank kurz ausgefallener Nachtruhe immens langer Tag Hirn und Körper beschwerte, war TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES 2: THE SECRET OF THE OOZE genau das Richtige.

New York wird von einer Welle des Verbrechens überrollt, hinter der die Fernsehreporterin April O’Neil (Judith Hoag) das Treiben des japanischen Foot-Clans vermutet. Als die Reporterin dem Anführer dieser Bande, dem bösen Shredder (James Saito), zu nahe kommt, lässt er sie von seinen Schergen überfallen. Zum Glück kommen ihr die vier mutierten Schildkröten Raphael, Michelangelo, Donatello und Leonardo zur Hilfe: Die wurden von der Ratte Splinter (Kevin Clash) in der New Yorker Kanalisation großgezogen und in der Kunst des Ninjitsu unterwiesen. Zusammen mit dem selbst ernannten Vigilanten Casey Jones (Elias Koteas) stellen sie sich dem Foot Clan …

Die Teenage Mutant Ninja Turtles waren in den mittleren bis späten Achtzigerjahren ein relativ erfolgreiches Comicfranchise für Kinder, schafften mit den ach so beliebten “coolen Sprüchen”, catchphrases wie “Cowabunga!” und einer unstillbaren Pizzavorliebe den Sprung auf Merchandising aller Couleur, in Video- und Computerspiele, ins Fernsehen, in die Spielwarenläden und natürlich auch auf die Kinoleinwände, auf denen es insgesamt drei Filme zu sehen gab, bevor die Filmreihe 1993 zunächst eingestellt und 2007 relativ erfolglos reanimiert wurde. 1990 war ich der Zielgruppe für einen Film mit sprücheklopfenden Kampfschildkröten schon entwachsen, und so ging der neue Trend an mir vorbei, obwohl ich für solch albernem Quark eigentlich damals schon ein Faible hatte. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass ich überaus euphorisch zugegriffen habe, als mir die DVDs der ersten drei Kinofilme in Amsterdam günstig in die Hände fielen. Nachgeholte Kindheit hat ja was für sich und wäre ich mit 14 von meinen Klassenkameraden für einen Kinobesuch wohl ausgelacht und stigmatisiert worden, verleiht mir der Besitz der DVDs heute eine Aura glanzvoller Exzentrik. Na gut, wahrscheinlicher ist es, dass man mich als kaufsüchtigen Nerd bezeichnet. Egal, denn TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES ist gar nicht mal so schlecht.

Regisseur Steve Barron, der sich mit dem berühmten A-ha-Video zu “Take on me” für Comicadaptionen empfahl und ein paar Jahre später noch den liebenswerten THE CONEHEADS nachlegte, schafft es nämlich ganz gut, die alberne und ja auch reichlich egale Story zugunsten der Betonung der visuellen Seite des Films in den Hintergrund zu schieben: Was vom ersten TURTLES-Film in Erinnerung bleibt, das sind die herrlich verwitterten, zwischen Comic-Verklärung und Authentizität oszillierenden New-York-Kulissen, die detailreiche Kanalisationswelt, die tollen Puppen aus der Werkstatt Jim Hensons – allen voran Splinter, der tatsächlich Erinnerungen an selige THE DARK CRYSTAL-Tage weckt -, die herrliche, mit altmodischer Stop-Motion-Animation realisierte Rückblende, die die Origin Story der Turtles erzählt,  und die von den kiloschwer beladenen Schauspielern ausgezeichnet umgesetzten Kampfchoreografien, die belegen, dass das Golden-Harvest-Siegel, das zu Beginn erstrahlt, nicht bloß müder Promogag ist. Was man dem Film hingegen vorwerfen muss – und diesen Schwachpunkt teilt er lustigerweise mit “echten” Ninjafilmen und ihren gleichförmigen Maskenmännern – ist, dass die vier amphibischen Protagonisten keinerlei Identifikationspotenzial aufweisen, weil man sie einfach nicht auseinanderhalten kann. Ihre Persönlichkeit erschöpft sich in Charakterzügen, die wohl nur begeisterte Sechsjährige herausfiltern und dann dem entsprechenden Namen zuweisen können, und verschiedenfarbigen Augenbinden. TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES hinkt deswegen gewaltig, wenn er zur Ruhe kommt und sich von der Action ab- und den vier Helden zuwendet. Dass Barron ihnen zwei menschliche Partner zur Seite stellte, spricht Bände. Andererseits könnte man im Sinne des Films argumentieren, dass sich gerade in dieser Identitätslosigkeit das “Teenage” des Titels entbirgt, das man gern überliest. Michelangelo, Donatello, Raphael und Leonardo sind eben noch keine fertigen Charaktere, sie üben erst noch.

Will man sich nicht damit abfinden, dass TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES nicht mehr als 90 Minuten harmlosen Eskapismus liefert, kann man Barrons Film relativ fruchtbar als Kinderversion von Burtons BATMAN betrachten: Dem düstergothischen Gotham City, das von wahnsinnigen Verbrechern und traurigen Rächern bevölkert wird, setzt Barron ein lebhaftes Manhattan entgegen, das trotz seines Trubels fast dörflichen Charakter hat, der Schurke auf eine ihm hörige Kinderarmee, die großen Spaß daran hat, auf offener Straße Fernseher zu klauen und im Geheimsversteck nach Herzenslust zu skaten oder an Spielautomaten zu zocken (unter ihnen befindet sich ein junger Sam Rockwell) und die Turtles auf ihren kaum zu bändigen Esprit und das Vorrecht der Jugend, laut, aufmüpfig und frech zu sein. Die Verbrecherhatz ist für sie ein großer Spaß, auch wenn der im Laufe des Films dadurch getrübt wird, dass der arme Splinter den Bösen in die Hände fällt. Da müssen die vorlauten Teenager dann doch mal Verantwortung übernehmen.

Der österreichische Prinz Malko Linge (Miles O`Keeffe) arbeitet nebenberuflich als CIA-Agent und reist mit dem Auftrag nach San Salvador, den verbrecherischen Enrique Chacon (Raimund Harmstorff) zu liquidieren, der das kleine Land in Angst und Schrecken versetzt. Weil Chacons Männer aber überall sind, lassen sämtliche Informanten, die Malko helfen sollen, ihr Leben …

Es ist schon erstaunlich, dass so viele große Kameramänner als Regisseure so außerordentlich mäßig sind. Auftritt Raoul Coutard, der als DOP von Jean-Luc Godard und Francois Truffaut den Look der Nouvelle Vague ganz entscheidend mitprägte, dafür sorgte, dass Filme wie A BOUT DE SOUFFLE, TIREZ SUR LE PIANISTE, UNE FEMME EST UNE FEMME, JULES ET JIM, LE MEPRIS, BANDE À PART, PIERROT LE FOU und zahreiche weitere unauslöschlich ins kollektive filmische Gedächtnis eingebrannt sind, inszenierte insgesamt drei Filme, von denen S.A.S. À SAN SALVADOR der letzte ist: Wenn man sich diese unbeholfene Hanswurstiade anschaut, dann wundert man sich nicht, warum danach nichts mehr kam. Basierend auf einer Trivialroman-Reihe von Gérard de Villiers (“die erfolgreichste Agentenserie der Welt”, quäkt der lesenswert dumme Klappentext der exzellenten deutschen DVD, erschienen im “Cobra-Verlag”, wissen die Credits herauszuposaunen), der auch das Drehbuch schrieb, versucht sich Coutard an einem Bond-artigen Agentenabenteuer voller exotischer und mondäner Schauplätze, attraktiver Damen und finsterer Schurken, produziert aber dank hölzerner Akteuere, eines unfassbar schematischen Drehbuchs und eines deutlich knapperen Budgets nur unfreiwillige Lacher und gähnende Langeweile. Dabei kann man Coutard nicht unterstellen, nicht von Anfang an alles zu geben: Erst sorgt die – im weiteren Verlauf überaus inflationäre – Nennung des selten dämlichen Namens der Hauptfigur für ungläubiges Kopfschütteln, dann beruhigen die Aufnahmen auf seinem malerischen Schlösschen die Seele mit etwas Schwarzwaldklinik-Romantik, bevor Sybil Danning ihre getunten Körperformen in den Bildkader schiebt und den endgültigen Abstieg in schmierige Exploitationgefilde signalisiert, in denen man sich in den nächsten 80 Minuten aufhalten darf.

Harmstorff (der sich selbst synchronbellt) gibt den ultrabösen Chacon mit schwarz gefärbter Gelfrisur, prächtigem Schnäuz und weißem Anzug, Anton Diffring spielt einen redseligen Säufer, der in jeder Szene, in der er auftritt, von O’Keeffe links liegen gelassen wird und dann dumm im Hintergrund rumsteht, Dagmar Lassander lässt sich vom Helden einmal quer durch dessen Hotelzimmer dreschen und macht auch schon einen etwas aufgedunsenen Eindruck, der Score düdelt discös vor sich hin und anstatt die Weltgewandtheit der Bondreihe zu emulieren, erinnert Coutards Film eher an die zahlreichen Ausflüge des italienischen Kinos nach Miami. Den Vogel schießt Coutard aber in seinem spannenden Showdown (hüstel …) ab: Irgendwann muss der Film halt mal enden, also latscht Malko einfach zur Vordertür von Chacons Villa rein, die gänzlich unbewacht ist. Vielleicht haben aber auch alle potenziellen Leibwächter schon reißaus genommen, weil Malko erstens zwei Kollegen vor der Eingangspforte platziert hat, damit sie ihn “vom Garten her decken”, und er sich zweitens behende wie ein Panther, aber in plain sight auf das Haus zuschleicht. Der Zweikampf in einem mit vielen Spiegeln sonst aber fast nichts möbliertem Haus lässt einem schmerzhaft bewusst werden, dass man statt S.A.S. À SAN SALVADOR auch ENTER THE DRAGON oder zumindest THE MAN WITH THE GOLDEN GUN hätte gucken können, dann aber andererseits die tollen Porträtfotos verpasst hätte, die Chacon von sich und seiner Frau an der Wand gleich neben den Billigboxen mit den Keramikpapageien drauf aufgehängt hat. So dumm dieser Film auch ist, so spaßig ist er auch, verströmt außerdem viel sterilen Achtzigerjahre-Charme für Nostalgiker und sollte leicht und für wenig Geld aufzutreiben und einer Sammlung mit exploitativer Schlagseite daher unbedingt einzugemeinden sein. Schon allein, um ihn im Regal dann aus böswilliger Ironie neben den Nouvelle-Vague-Filmen zu plazieren.

Kelly (Constance Towers) kommt in die Kleinstadt Grantville, nachdem sie sich im Streit von ihrem Zuhälter getrennt hat. In der beschaulichen Stadt lernt sie den Polizisten Griff (Anthony Eisley) kennen, der sie erst ins Bett zerrt und sie dann an das städtische Bordell vermitteln will, wo er ein und aus geht. Doch Kelly überkommt plötzlich das Bedürfnis, ihr Leben zu ändern. Sie mietet sich bei einer alten Jungfer ein und beginnt als Kinderkrankenschwester zu arbeiten. Als sich Grant (Michael Dante), Lokalprominenz und Urahne des Stadtgründers, in die junge Frau verliebt, scheint ihr Traum von einem neuen, besseren, glücklicheren Leben Wahrheit zu werden. Doch sie erlebt eine böse Überraschung …

Ich weiß gar nicht genau, warum ich meine kleine Fuller-Werkschau im Herbst vergangenen Jahres angebrochen habe: Es war keine bewusste Entscheidung, vielmehr haben sich andere Filme dazwischen gedrängt. Zum Glück braucht man für die Filme des kernigen Zigarrenrauchers keinerlei Einarbeitungszeit, weil der alte Zeitungsmann wusste, dass man keine Zeit verlieren darf, wenn man sich die Aufmerksamkeit des Publikums sichern will. Seine Filme beginnen stets mit einem Knalleffekt, ähnlich einer markigen Schlagzeile, die unsere Neugier erregt. THE NAKED KISS hat dann auch eine Eröffnungsszene fürs Filmgeschichtsbuch: Die uns noch unbekannte Kelly geht auf ihren angetrunkenen Zuhälter los wie eine Furie, verliert dabei ihre Perücke und schlägt vollkommen glatzköpfig auf den armen Kerl ein. Fuller löst die Szene zu einem Großteil in Close-ups auf das wütende, verzweifelte Gesicht der Frau auf, die durch den kahlen Schädel entstellt wird, lässt sie dann während der Anfangscredits ihre Fassung und Würde zurückgewinnen, wenn er sie – ebenfalls im Close-up – dabei zeigt, wie sie ihre Perücke wieder aufsetzt und dabei langsam, aber sicher wieder die Kontrolle über ihre Gesichtszüge erlangt. Bei ihrem nächsten Auftritt in Grantville ist Kelly bereits eine andere Frau: Vornehm und stilsicher sieht sie aus, ihre Haare sind mittlerweile wieder gewachsen. Für den Zuschauer hat sie hier schon einen Sprung gemacht, in ihrem Bewusstsein dauert es aber noch 24 Stunden und eine Nacht mit Griff, bis sie erkennt, dass sie dieses Leben nicht mehr will.

Fullers THE NAKED KISS ist, so sehr er auch dem Groschenroman verpflichtet ist (der Film mutet ein wenig wie ein SHOWGIRLS mit umgekehrten Vorzeichen an), ein ungewöhnlich zärtlicher und einfühlsamer Film, der auf einen Plot fast völlig verzichtet, alle Handlung aus dem Charakter Kellys heraus motiviert. Ihn ein “flammendes Plädoyer” für die Gleichberechtigung zu nennen, liegt zwar nahe, denn Fuller zeigt eine Protagonistin, die sich versucht, in einer von Männern dominierten Welt, in der der Frau immer ihr Plätzchen zugewiesen wird, das sie gefälligst einzunehmen hat, zu behaupten, trifft den Geist des Film aber trotzdem nicht. Fuller hat nämlich keinen wohlfeilen Thesenfilm gemacht, den man dann abnicken kann, vielmehr zeigt er die Welt einfach so, wie sie sich ihm darstellt, kommentiert sie ausschließlich durch die Wahl seiner Hauptfigur. THE NAKED KISS ist gewissermaßen Anti-Noir, weil die Femme Fatale hier niemandem mehr den Kopf verdrehen will, aber von den Männern – selbstsüchtigen Manipulatoren – ständig auf diese Funktion reduziert wird. Die Männer verbünden sich bei ihren Drinks, grienen sich wissend an, beneiden sich heimlich gegenseitig oder erzählen sich Kriegsgeschichten, während es den Frauen zukommt, sich darum zu bemühen, dass die Menschlichkeit bewahrt wird. Griff, der in einem klassischen Noir der Held wäre, wird hier als gewissenlos-egoistischer Widerling gezeichnet: Er lauert am Busbahnhof (im Kino nebenan läuft Fullers SHOCK CORRIDOR) ankommenden Frauen auf, um sie sogleich der Puffmutter Candy (Virginia Grey) zuzuführen, und nach dem gemeinsamen Schäferstündchen – sozusagen seine Vermittlungsprovision – haben sie gefälligst wieder zu verschwinden. Er betrachtet diese Frauen als seinen Besitz, weshalb auch der Hass in seinen Augen aufblitzt, als Grant mehr als nur Interesse für Kelly signalisiert. Die Kriegsfreundschaft zwischen den Männern – Grant hatte Griff einst das Leben gerettet – zählt da nichts mehr. Und dass Griff zwar Polizist ist, wir ihn aber erst ganz zum Schluss einmal bei der tatsächlichen Ausübung seines Berufes sehen, sagt viel über diese Welt, aber auch über ihn aus.   

THE NAKED KISS ist ein hoch interessanter und außergewöhnlicher Film, der mich aber etwas auf dem falschen Fuß erwischt hat. Nach den Männerfilmen Fullers stellt er thematisch einen harten Bruch dar, auch wenn man den Stil seines Regisseurs immer noch erkennt: in den klaren, aber wunderschönen Bildern, in der Unvoreingenommenheit, mit der er seine Charaktere zeichnet, in der unverstellten Inszenierung, die manchmal, je nach Anlass, kitschig oder aber zynisch anmutet, eigentlich aber nur gnadenlos aufrichtig ist. Ich habe mich diesmal eher etwas schwer mit ihm getan, aber ich bin mir sicher, dass sich da bei einer weiteren Sichtung schon wieder anders darstellen kann. Einizigartig ist er in jedem Fall.

Ich hatte anlässlich der Vorführung beim Fantasy Filmfest 2009 schon einmal lobende Worte zu Jonathan Auf Der Heides Spielfilmdebüt VAN DIEMEN’S LAND hier im Blog verloren. Anlääslich der DVD-Veröffentlichung des Film habe ich einen weiteren ausführlichen Text zu diesem wirklich sehenswerten Film geschrieben, der mir beim zweiten Mal sogar noch besser gefallen hat. Den Text findet man auf F.LM – Texte zum Film und zwar hier.

dying breed (jody dwyer, australien 2008)

Veröffentlicht: November 26, 2010 in Film
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Nina (Mirrah Foulkes) begibt sich mit ihrem Freund Matt (Leigh Whannell), Matts Bruder Jack (Nathan Phillips) und dessen Freundin Rebecca (Melanie Vallejo) nach Tasmanien, um dort überlebende Exemplare des eigentlich als ausgestorben geltenden Tasmanischen Tigers, einer Wildhundart, zu finden. Vor Jahren hatte Ninas Schwester dort Spuren des Tieres entdeckt, war aber unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen. Auf Tasmanien angekommen, müssen sich die vier Freunde zunächst mit der etwas hinterwäldlerischen Bevölkerung herumschlagen. Die harmlosen Reibereien schlagen bald jedoch um in blutigen Ernst, denn die Hinterwäldler entpuppen sich als Nachfahren des legendären Kannibalen Alexander Pearce. Und um sich fortzupflanzen sind sie auf frisches Blut angewiesen …

DYING BREED habe ich bei einem privaten Themenabend im Doppelpack mit dem fantastischen VAN DIEMEN’S LAND gesehen, der die wahre Geschichte von Alexander Pearce erzählt. Der Ire fristete zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein Dasein als Sträfling auf Tasmanien, bevor er mit mehreren anderen zusammen in die unendlichen Regenwälder der entlegenen Insel floh. Von Hunger und Kälte geplagt, ohne jeden Proviant, entschlossen sie sich bald dazu, sich gegenseitig zu verspeisen. Pearce überlebte als einziger, landete aber erneut in Gefangenschaft und wurde bei einem zweiten gelungenen Fluchtversuch schließlich rückfällig. DYING BREED bedient sich eines Was-wäre-wenn-Szenarios und geht davon aus, dass der Kannibale eine Nachkommenschaft hinterlassen hat, die heute noch ihr Unwesen auf der Insel treibt. Die Idee mag durchaus reizvollen Stoff für einen Horrorfilm bieten, aber definitiv nicht in der hier vorliegenden Form. Die genannte Prämisse bleibt lückenhaft, nicht nur weil sie der Historie völlig widerspricht, sondern vor allem weil nie die Frage beantwortet wird, wie (und mit wem) sich Pearce fortgepflanzt und wie und an wen er seinen Kannibalismus vererbt haben soll. Es steht zu vermuten, dass sich die wenig kreativen Köpfe hinter dem Film diese lästigen Fragen gar nicht erst gestellt haben, weil sie viel zu begeistert von der Idee waren, kannibalistischen Backwood-Horror mit australischer Geschichte zu verbinden, als dass sie sich von schnöden Plausibilitätsanforderungen die Tour vermasseln lassen wollten. DYING BREED kommt dann auch nie über schematisches Malen nach Zahlen hinaus: Von den flachen Figuren, zwischen denen es von Anfang an die obligatorischen schwelenden Konflikte gibt, über die misstrauisch-unfreundlichen Hinterwäldler, die mit ihren faulen Zähnen und geistig behinderten Kindern in heruntergekommenen Verschlägen hausen, bis hin zum blutigen Showdown mit der schaurigen Finalenthüllung weiß man als halbwegs bewanderter Zuschauer immer, was als nächstes passieren wird, und wundert sich höchstens, dass diese Wiederkehr des ewig Gleichen tatsächlich nicht von einem einzigen originellen Einfall gestört wird. Geht man davon aus, dass ein Film wie DYING BREED von Überzeugungstätern und Horrorfanboys aus der Taufe gehoben wurde, fragt man sich unweigerlich, ob diese sich selbst solch eine abgestandene Plörre tatsächlich zu Gemüte führen würden. Die Phrase “Von Fans für Fans” kann man hier jedenfalls übersetzen mit “Von Einfallslosen für Anspruchslose”. So schleppt sich DYING BREED seinem vorhersehbaren Ende entgegen, ohne dass auch nur für eine Sekunde der Funke überspränge. Abgesehen von einigen schönen Aufnahmen der tasmanischen Wildnis und den guten Production Values gibt es hier wirklich nichts, was das Ansehen lohnen würde. Ein auch schon nicht besonders origineller Film wie WRONG TURN legt wenigstens ein ordentliches Tempo vor, vermeidet es, seine belanglose Geschichte unnötig breit zu treten, sondern serviert 75 Minuten lang handlich verpackten Thrill und Gore, die einen wenigstens für die Zeit des Kinobesuchs durchschütteln, bevor er einen wieder in die Gleichgültigkeit entlässt. DYING BREED tut aber so, als hätte er wirklich etwas zu erzählen und vergisst darüber, wenigstens ein paar happige Ekeleffekte zu kredenzen. Zum Vergessen. Oder zum Einschlafen.

Als der Terrorist “Wulfgar” (Rutger Hauer) nach einem Bombenattentat in London nach New York einreist, um dort mit einem weiteren Anschlag sein angeknackstes Renommee beim terroristenführer Hammad wiederherzustellen, unterweist der britische Terrorexperte Peter Hartman (Nigel Davenport) eine Handvoll New Yorker Cops in Anti-Terror-Maßnahmen. Unter diesen befinden sich auch die Partner Deke DaSilva (Sylvester Stallone) und Matthew Fox (Billy Dee Williams) und vor allem Deke ist ob der empfohlenen Methoden skeptisch: Doch dann steht er dem kaltblütigen Mörder gegenüber ….

NIGHTHAWKS hatte ich irgendwann in meinen Teenagerjahren mal auf RTLplus aufgezeichnet, ihn dann aber nie komplett gesehen, was umso komischer ist, als ich damals ausgewachsener Stallone-Fan war (und dies ja eigentlich auch immer noch bin). Nachdem ich die Lücke gestern endlich geschlossen habe, muss ich leider einräumen, dass ich in all den Jahren eigentlich nichts verpasst, im Gegenteil damals sogar unbewusst eine sehr richtige Entscheidung getroffen habe. NIGHTHAWKS – in der Stallone-Filmografie zwischen ROCKY II und dem Huston-Flop VICTORY anzusiedeln – ist nämlich nur eines von zahlreichen Beispielen schlechter Rollenauswahl, die die Karriere des Superstars und Oscarpreisträgers durchziehen, und ein Film, dessen großes Potenzial durch eine einfallslose und plumpe Inszenierung konsequent unterlaufen wird. Post-9/11 ist ein Film, der Terrorismus vor der imposanten Kulisse Manhattans behandelt, eigentlich per se schon interessant und dass Malmuth antritt, den europäischen Polit- und Agententhriller mit dem US-amerikanischen Großstadtkrimi zu verkuppeln, ist zumindest vor dem Genrehintergrund ein reizvoller Ansatz. Leider demonstriert er hier allerhöchstens, dass beides nicht zusammengehört. Die eisige Nüchternheit des einen Genres erschöpft sich in ein paar Texteinblendungen, die umso sinnloser sind, als Malmuth dies nach der Exposition einfach wieder fallenlässt, und der kühlen Fassade Rutger Hauers, die Direktheit des anderen verkommt in Malmuths uninspirierter Inszenierung zum albernen Kinderkram, wenn DaSilva und Fox ihre Kollegen anzicken und vor ihrem Vorgesetzten die beleidigte Leberwurst spielen. Diese Konflikte gehören zwar zum Inventar des Copfilms, doch hier muten sie bloß simuliert an, weil keinerlei Charakterzeichnung stattfindet. Fast bin ich sogar geneigt, Stallone und Williams als fehlbesetzt zu bezeichnen: DaSilva etwa hat ein Gewissensproblem, das es ihm unmöglich macht, den Abzug in Gegenwart Unschuldiger zu betätigen. Nicht nur, dass diese Schwäche lediglich behauptet wird, zur Figur – immerhin einem Vietnamveteran! – beim besten Willen nicht passt und im weiteren Verlauf des Films auch nie die Rolle spielt, die ihr zunächst zugewiesen wird: Aus heutiger Sicht, mit den berühmten und alles andere als zimperlichen Actionhelden vor Augen, die Stallone später spielen sollte, nimmt man ihm diese moralischen Zweifel einfach nicht ab.

Fehler und Schlampigkeiten dieser Art ziehen sich durch den ganzen Film, der nie der aufregende Großstadtactioner wird, der er wohl gern wäre, seinen B-Movie- oder gar Fernsehfilm-Flair nie ablegen kann. Warum etwa bringt ein Superterrorist eine mit maximal zehn Touristen besetzte Gondel in seine Gewalt, wenn er in New York doch ungleich größeren Schaden anrichten könnte – und dies vorher bei einem Bombeattentat ja auch tut? Weder wird dies seinen größenwahnsinnigen Ansprüchen gerecht, noch sollte dieser Profi ernsthaft annehmen, mit einer Geiselnahme davonkommen zu können. So kommt nie das Gefühl von Bedrohung auf, dass die besten Filme dieser Art hervorrufen: Die Konfrontation zwischen DaSilva, Fox und Wulfgar erfolgt viel zu früh; geradezu lächerlich wirkt es, wenn sie ihm – von dem sie noch nicht einmal wissen, wie er nach einer Gesichtsoperation aussieht -, gleich bei der ersten Patrouille durch nackten Zufall begegnen, nachdem sie vorher lang und breit über seine Raffinesse und Gerissenheit  aufgeklärt wurden. Solche Blödheiten (die ich bei Filmen sonst eigentlich ungern bemängele) sind vielleicht in einem Seagal-Film akzeptabel – mit HARD TO KILL hat Malmuth ein paar Jahre später dann ja auch einen besonders dummen gedreht -, aber nicht in einem reale Ängste bedienenden Terroristenthriller. Neben den Bildern des winterlichen Manhattan – für die ich immer sehr empfänglich bin, weil ich die Metropole selbst zwei Mal in den Wintermonaten besucht habe – und der noch über dem Film liegenden Siebzigerjahre-Aura ist der Schlusstwist, mit dem Malmuth den Bogen zur Auftaktsequenz spannt, das einzige, was ich an NIGHTHAWKS  positiv hervorheben möchte. Das ist deutlich zu wenig. NIGHTHAWKS ist eine der größten Enttäuschungen der letzten Zeit.