the naked kiss (samuel fuller, usa 1964)

Veröffentlicht: November 29, 2010 in Film
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Kelly (Constance Towers) kommt in die Kleinstadt Grantville, nachdem sie sich im Streit von ihrem Zuhälter getrennt hat. In der beschaulichen Stadt lernt sie den Polizisten Griff (Anthony Eisley) kennen, der sie erst ins Bett zerrt und sie dann an das städtische Bordell vermitteln will, wo er ein und aus geht. Doch Kelly überkommt plötzlich das Bedürfnis, ihr Leben zu ändern. Sie mietet sich bei einer alten Jungfer ein und beginnt als Kinderkrankenschwester zu arbeiten. Als sich Grant (Michael Dante), Lokalprominenz und Urahne des Stadtgründers, in die junge Frau verliebt, scheint ihr Traum von einem neuen, besseren, glücklicheren Leben Wahrheit zu werden. Doch sie erlebt eine böse Überraschung …

Ich weiß gar nicht genau, warum ich meine kleine Fuller-Werkschau im Herbst vergangenen Jahres angebrochen habe: Es war keine bewusste Entscheidung, vielmehr haben sich andere Filme dazwischen gedrängt. Zum Glück braucht man für die Filme des kernigen Zigarrenrauchers keinerlei Einarbeitungszeit, weil der alte Zeitungsmann wusste, dass man keine Zeit verlieren darf, wenn man sich die Aufmerksamkeit des Publikums sichern will. Seine Filme beginnen stets mit einem Knalleffekt, ähnlich einer markigen Schlagzeile, die unsere Neugier erregt. THE NAKED KISS hat dann auch eine Eröffnungsszene fürs Filmgeschichtsbuch: Die uns noch unbekannte Kelly geht auf ihren angetrunkenen Zuhälter los wie eine Furie, verliert dabei ihre Perücke und schlägt vollkommen glatzköpfig auf den armen Kerl ein. Fuller löst die Szene zu einem Großteil in Close-ups auf das wütende, verzweifelte Gesicht der Frau auf, die durch den kahlen Schädel entstellt wird, lässt sie dann während der Anfangscredits ihre Fassung und Würde zurückgewinnen, wenn er sie – ebenfalls im Close-up – dabei zeigt, wie sie ihre Perücke wieder aufsetzt und dabei langsam, aber sicher wieder die Kontrolle über ihre Gesichtszüge erlangt. Bei ihrem nächsten Auftritt in Grantville ist Kelly bereits eine andere Frau: Vornehm und stilsicher sieht sie aus, ihre Haare sind mittlerweile wieder gewachsen. Für den Zuschauer hat sie hier schon einen Sprung gemacht, in ihrem Bewusstsein dauert es aber noch 24 Stunden und eine Nacht mit Griff, bis sie erkennt, dass sie dieses Leben nicht mehr will.

Fullers THE NAKED KISS ist, so sehr er auch dem Groschenroman verpflichtet ist (der Film mutet ein wenig wie ein SHOWGIRLS mit umgekehrten Vorzeichen an), ein ungewöhnlich zärtlicher und einfühlsamer Film, der auf einen Plot fast völlig verzichtet, alle Handlung aus dem Charakter Kellys heraus motiviert. Ihn ein “flammendes Plädoyer” für die Gleichberechtigung zu nennen, liegt zwar nahe, denn Fuller zeigt eine Protagonistin, die sich versucht, in einer von Männern dominierten Welt, in der der Frau immer ihr Plätzchen zugewiesen wird, das sie gefälligst einzunehmen hat, zu behaupten, trifft den Geist des Film aber trotzdem nicht. Fuller hat nämlich keinen wohlfeilen Thesenfilm gemacht, den man dann abnicken kann, vielmehr zeigt er die Welt einfach so, wie sie sich ihm darstellt, kommentiert sie ausschließlich durch die Wahl seiner Hauptfigur. THE NAKED KISS ist gewissermaßen Anti-Noir, weil die Femme Fatale hier niemandem mehr den Kopf verdrehen will, aber von den Männern – selbstsüchtigen Manipulatoren – ständig auf diese Funktion reduziert wird. Die Männer verbünden sich bei ihren Drinks, grienen sich wissend an, beneiden sich heimlich gegenseitig oder erzählen sich Kriegsgeschichten, während es den Frauen zukommt, sich darum zu bemühen, dass die Menschlichkeit bewahrt wird. Griff, der in einem klassischen Noir der Held wäre, wird hier als gewissenlos-egoistischer Widerling gezeichnet: Er lauert am Busbahnhof (im Kino nebenan läuft Fullers SHOCK CORRIDOR) ankommenden Frauen auf, um sie sogleich der Puffmutter Candy (Virginia Grey) zuzuführen, und nach dem gemeinsamen Schäferstündchen – sozusagen seine Vermittlungsprovision – haben sie gefälligst wieder zu verschwinden. Er betrachtet diese Frauen als seinen Besitz, weshalb auch der Hass in seinen Augen aufblitzt, als Grant mehr als nur Interesse für Kelly signalisiert. Die Kriegsfreundschaft zwischen den Männern – Grant hatte Griff einst das Leben gerettet – zählt da nichts mehr. Und dass Griff zwar Polizist ist, wir ihn aber erst ganz zum Schluss einmal bei der tatsächlichen Ausübung seines Berufes sehen, sagt viel über diese Welt, aber auch über ihn aus.   

THE NAKED KISS ist ein hoch interessanter und außergewöhnlicher Film, der mich aber etwas auf dem falschen Fuß erwischt hat. Nach den Männerfilmen Fullers stellt er thematisch einen harten Bruch dar, auch wenn man den Stil seines Regisseurs immer noch erkennt: in den klaren, aber wunderschönen Bildern, in der Unvoreingenommenheit, mit der er seine Charaktere zeichnet, in der unverstellten Inszenierung, die manchmal, je nach Anlass, kitschig oder aber zynisch anmutet, eigentlich aber nur gnadenlos aufrichtig ist. Ich habe mich diesmal eher etwas schwer mit ihm getan, aber ich bin mir sicher, dass sich da bei einer weiteren Sichtung schon wieder anders darstellen kann. Einizigartig ist er in jedem Fall.

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