Irgendwo im diesigen Oregon: Eine Gruppe von Teenagern langweilt sich zwischen billigem Dope und Dosenbier, während die Eltern durch Abwesenheit oder Indifferenz glänzen. Als der schweigsame Samson (Daniel Roebuck) erzählt, er habe seine Freundin erwürgt, und den ungläubigen Freunden die Leiche am Fluss vorführt, meint Layne (Crispin Glover), er müssen ihn vor der Polizei beschützen. Matt (Keanu Reeves) hingegen ist skeptisch …
RIVER’S EDGE habe ich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen und an Details der Handlung konnte ich mich dann auch nicht mehr wirklich erinnern, aber seine bedrückende Stimmung hat sich fest in meinem Gedächtnis eingebrannt. Hunter, der später einige Folgen von TWIN PEAKS inszenieren sollte – was passt, weil die Lynch-Serie fast dieselbe Prämisse wie sein Film hat –, erzeugt diese Stimmung ausschließlich durch Erzähltempo, Dialoge, Charakterisierungen und Settings und ohne Rückgriff auf die heute so angesagten Tricks der Postproduktion, die schlechten Filmemachern als bequeme Abkürzung dienen. RIVER’S EDGE ist dann auch kein Film, der den Zuschauer überrumpelt oder mit krassen Bildern um sich wirft, sondern einer, der fast unmerklich ins Bewusstsein drängt und dort ganz langsam seine Wirkung entfaltet. Hunters Film ist wie ein herbstlicher Nieselregen: Man spürt ihn nicht direkt und es dauert eine ganze Weile, bis man durchnässt ist, aber dann ist man bis auf die Knochen durchfeuchtet und halb erfroren.
Hunter zeigt eine vollkommen entfremdete und desorientierte Jugend, die gar nicht mehr in der Lage ist, etwas zu empfinden – und ziemlich ratlos vor dieser furchtbaren Erkentnis steht. Matt und seine Freunde wissen, dass es schrecklich ist, dass ihre Freundin tot am Flussufer liegt, sie wissen, dass sie trauern oder aber wenigstens erschrocken sein müssten, stattdessen regt sich nichts in ihnen. Layne verwandelt das Erlebnis in ein Abenteuer, wie er es aus dem Fernsehen oder Kino kennt (“I feel like Chuck Norris”, sagt er einmal), und als Matt Samson schließlich anzeigt, tut er das aus rein rationalen Erwägungen, weil er weiß, dass Samson jederzeit wieder zuschlagen könnte. Wie Geister stapfen die Kids durch die trostlose Landschaft ihrer Heimat auf der Suche nach irgendetwas, dass sie lebendig fühlen lässt. Diese Akzentuierung unterscheidet RIVER’S EDGE von zahlreichen anderen Filmen, die eine verrohte, von zu viel Medienkonsum und zu wenig Erziehung brutalisierte Jugend auf dem Weg ins gesellschaftliche Abseits zeigen, und vorgeben, ganz genau zu wissen, wo der Hase im Pfeffer liegt. Hunter hebt hingegen nie den mahnenden oder belehrenden Zeigefinger, bringt vielmehr viel Mitgefühl und Verständnis für seine hilflosen Protagonisten auf, die einen verzweifelten Kampf um den Erhalt ihrer Menschlichkeit kämpfen – und diesen zu verlieren drohen. Ein Meisterwerk des Teeniefilms mit durchweg starken Darstellern, aus denen der eh grandiose Crispin Glover mit seiner allerdings dankbaren Rolle des Möchtegernanführers Layne noch heraussticht. Und dass sich fast das komplette Debütalbum “Show no Mercy” von Slayer auf dem Soundtrack befindet, schadet dem Film sicher auch nicht.
Bestellt für kleines Gellt
Kennst du den etwa noch nicht? Schockschwerenot!
Doch, haben wir uns doch bei unserem letzten Treffen noch drüber unterhalten, du seniler Greis. Aber aufgrund deiner positiven Erinnerungsstütze habe ich dann jetzt wieder Blut geleckt.
Hätte mich auch sonst schwer gewundert.