matinee (joe dante, usa 1993)

Veröffentlicht: Februar 21, 2011 in Film
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1962: Während die Kubakrise sich zum Dritten Weltkrieg auszuweiten droht, fiebern ein paar Kinder auf Key West dem Besuch Lawrence Woolseys (John Goodman) entgegen, einem berühmten Horrorfilmregisseur, der im örtlichen Kino die effektgespickte Aufführung seines neuen Films “Mant” überwachen soll. Unter den Kindern ist auch Gene (Simon Fenton), ein echter Filmnerd, dessen Vater als Navy-Soldat aktiv an der Seeblockade teilnimmt. Bei der heiß ersehnten Vorführung des Schockers um einen Mann, der unter dem Einfluss radioaktiver Strahlung zur Riesenameise mutiert, kommt es schließlich zur Massenpanik, weil die Zuschauer Woolseys Gimmicks als Wirkung einer Atombombenexplosion interpretieren …

MATINEE kann man nach dem doch etwas ausufernden GREMLINS 2: THE NEW BATCH durchaus als inszenatorisches Heilfasten von Regisseur Dante beschreiben. Statt eines wilden, gaggespickten Effektfeuerwerks um kleine Knuddelmonster wirft er mit MATINEE einen sehr persönlich geprägten Blick zurück in die Vergangenheit und auf eine kurze aber dramatische Phase, in der die Zerstörung der Welt plötzlich kein Science-Fiction-Stoff mehr war, sondern ein ganz realistisches Szenario. Man kann sich das als jemand, der damals noch nicht lebte, kaum vorstellen und Dante tut gut daran, sich bei der Wahl der Mittel zur Horizontannäherung  zurückzunehmen. Es gibt keine pathetischen Monologe und Selbstoffenbarungen der Protagonisten, vielmehr sind es die schmerzhafte Abwesenheit des Vaters, die wie eine Wunde klafft, der Blick Genes, der für seinen kleinen Bruder irgendwie die Contenance bewahren muss, obwohl er fast starr vor Angst ist, die stets präsenten Radio- und Nachrichtenmeldungen und die bemitleidenswerten Versuche der Menschen, in einem Moment totaler innerer Auflösung irgendwie die Ordnung zu wahren, die den empathiebegabten Betrachter in die Lage versetzen, das Gefühl, das sich damals tief in den Magengruben eingenistet hatte, nachzuvollziehen. Aber MATINEE ist als Joe-Dante-Film natürlich auch und vor allem ein Film über das Kino ganz allgemein, die gesellschaftliche Relevanz von Horrorfilmen und die kathartische Erfahrung des kollektiven Kinobesuchs im Besonderen. Lawrence Woolsey - der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass er von der B-Movie-Legende William Castle inspiriert ist – bietet mit seinen Filmen aber längst nicht nur die oft herbeizitierte Möglichkeit, der tristen Realität zu entfliehen, diese Einschätzung greift nämlich viel zu kurz: Er gibt den realen Ängsten überhaupt erst eine Gestalt und erlaubt es seinen Zuschauern so, diese auszuleben. Die Atombombe, an die alle Besucher von “Mant” denken, und die Explosion, die sie auslöst, sind abstrakte Gebilde, körperlose und deshalb nicht greifbare Vorstellungen, mit denen sich kaum produktiv umgehen lässt. Der Ameisenmann hingegen lauert nicht nur auf der Leinwand, er läuft in den Inszenierungen Woolseys auch im Kinosaal herum: Man kann ihn an- und wegschreien, anfassen und wenn man will sogar verprügeln. Dass die Vorführung von “Mant” fast selbst zur Katastrophe ausartet, ist zwar nicht beabsichtigt, spielt Woolsey aber trotzdem in die Karten; den Kids, die sich den Weltuntergang gar nicht vorstellen können, hat er einen Testlauf ermöglicht.

MATINEE markiert in Dantes Schaffen wohl so etwas wie den Scheitelpunkt seiner Laufbahn. Auf GREMLINS 2: THE NEW BATCH noch einen draufzusetzen, wäre für ihn wohl kaum noch befriedigend gewesen, die Entscheidung, einen Film über die Filme zu drehen, die er so liebt und denen er in jedem seiner Filme Tribut zollte, war mithin goldrichtig. Aber MATINEE ist eben leider nicht aus dem Stoff, mit dem sich die Massen mobilisieren lassen, und unterbrach somit eine eindrucksvolle Reihe von künstlerisch wie auch finanziell erfolgreichen Filmen. Die Rückkehr zum bunten Genrekino mit SMALL SOLDIERS konnte die Talfahrt von Joe Dante danach nicht mehr aufhalten. Auch wenn MATINEE vielleicht der ideale Film gewesen wäre, eine dem B-Film und Exploitationkino gewidmete Karriere zu beenden, hoffe ich, dass Joe Dante dem Kino noch eine Weile erhalten bleibt und sich die Leute vielleicht wieder daran erinnern, warum sie in den Achtzigerjahren in Schare in seine Filme gerannt sind: nicht für die knuffigen Gremlins, sondern für das, was diese Gremlins ihnen zu verstehen halfen.

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Kommentare
  1. Habe den Film jetzt das erste Mal seit Kindertagen wieder gesehen. Dante zählte für mich sicherlich zu den prägenden Regisseuren meiner frühkindlichen Filmsozialisation und daran kann ich noch immer anknüpfen, auch wenn seine Filme, dieser hier eingeschlossen, nicht mehr ganz die Magie von einst heraufbeschwören können, aber das ist wohl normal. Interessant an MATINEE ist, wie er eine Beschwörung an jene Phase, in der das Kino seine Position als effektvoller Spektakelhort gegen den gefährlichen Konkurrenten Fernsehen verteidigen musste, mit den kollektiven Ängsten vor der atomaren Katastrophe verknüpft und somit letztlich viel Interessantes über das Genrekino der 50er und 60er erzählt. Die Castle-Hommage, der eigentliche Grund für die Widersichtung des Films, finde ich nicht ganz gelungen, da wenig tiefschürfend auf dessen Showmansship-Eigenschaften reduziert, aber das ist okay. Im Großen und Ganzen ein sehr schöner Film mit einigen inszenatorischen Unsicherheiten. Schade, dass Universal ihn ohne Extras veröffentlicht hat, obwohl Dante haufenweise Bonusmaterial zur Verfügung stellen wollte.* Aber zumindest kann man ihn jetzt im Originalformat schauen, ich bin nach wie vor kein Freund von diesem gezoomten Mist aus dem VHS-Zeitalter. :)

    *http://www.dvdtalk.com/dvdsavant/s3208dant.html

    • Oliver sagt:

      Oh, schön, wusste gar nicht, dass es ne brauchbare DVD gibt. Habe aus Versehen die miese deutsche gekauft und das beste draus gemacht. :)

      Zu deinen Kritikpunkten: Die kann ich weitestgehend stehenlassen, auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin, wo die inszenatorischen Unsicherheiten, die du ansprichst, genau liegen sollen.

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