compulsion (richard fleischer, usa 1959)

Veröffentlicht: September 14, 2011 in Film
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Chicago 1924: Die beiden aus reichem Hause stammenden Studenten Artie Strauss (Bradford Dillman) und Judd Steiner (Dean Stockwell) sehen sich als intellektuelle Übermenschen, die über den für das gemeine Volk erlassenen Gesetzen stehen. Um diese Überlegenheit zu beweisen, bringen sie einen kleinen Jungen um – einfach so. Doch ihr Plan, mit den Behörden ein lustiges Katz-und-Maus-Spiel zu veranstalten, schlägt fehl, weil Judd am Tatort seine Brille verloren hat. Beide erwartet der Tod durch den Strang und nur der Staranwalt Jonathan Wilke (Orson Welles) wirft sich für ihr Recht zu Leben in die Bresche …

Richard Fleischers COMPULSION (der erste Schwarzweiß-Film Fleischers seit THE HAPPY TIME von 1952) basiert wie schon sein THE GIRL IN THE RED VELVET SWING auf einem realen Mordfall, der die USA in den Zwanzigerjahren in Aufruhr versetzte, dem nach den Namen der Täter benannten Leopold-Loeb-Fall. Bei der Motivation der Täter, dem Tathergang sowie in der abschließenden Gerichtsverhandlung orientiert sich Fleischer bzw. sein Drehbuchautor Richard Murphy an den Fakten, lediglich die Namen der Beteiligten wurden von ihnen verändert. COMPULSION lässt sich inhaltlich in zwei Hälften gliedern: die Vorgänge bis zur Verhaftung von Steiner und Strauss und schließlich die Gerichtsverhandlung. Daraus lässt sich schon ablesen, was Fleischer an dem Fall im Wesentlichen interessierte, nämlich zum einen die psychische Disposition der Mörder und das ihrer Tat zugrunde liegende Menschenbild, zum anderen die Frage nach der Legitimität der Todesstrafe, die sich auch in einem so eindeutigen Fall mit zwei durchaus als “böse” zu bezeichnenden Tätern stellt. Bei der Schwere dieser Themen wundert es dann auch nicht, dass COMPULSION sehr dicht gewoben ist und nur wenig Freiraum lässt. Eine Szene folgt ganz zwangsläufig und notwendig auf die andere, nichts ist überflüssig oder auch nur redundant, nichts weicht auch nur den kleinsten Hauch von dem eingeschlagenen Pfad ab. Fleischer war der Film sehr wichtig, er war stolz auf das Endergebnis und zählte ihn zu einen persönlichsten Werken. Und man merkt COMPULSION das in jeder Sekunde an: Die humanistische Message steht über allem und der ordnet sich Fleischer – ganz “Dienstleister” – unter. Er wollte, dass sein Film richtig verstanden wird, seine Botschaft ankommt.

Seine Zurückhaltung wird besonders in der Inszenierung des Mordes augenfälllig: War Fleischer hinsichtlich Gewaltdarstellungen sonst kein Kind von Traurigkeit, lässt er die Tat selbst hier ganz aus und zeigt auch die fürchterlich zugerichtete Leiche des Jungen kein einziges Mal. Diese Rücksichtnahme ist nicht selbstverständlich: Die Tatsache der Ermordung allein soll ausreichen, die Affekte des Zuschauers zu steuern. Das ist wohl das Bemerkenswerteste an COMPULSION: Wie Fleischer ein Thema, das Anlass zu billigster Polemik und Populismus geboten hätte, mit nüchterner Sachlichkeit behandelt, ohne sich dabei jedoch dem Vorwurf der Unmenschlichkeit auszusetzen. Er zeigt ganz deutlich, dass Gerechtigkeit und Recht nicht mit Emotionen vereinbar sind. Wie gut das Rechtssystem funktioniert, zeigt sich daran, wie sehr es auch in den grausamsten Fällen noch seinem  Prinzip der Neutralität verpflichtet bleibt.

Im Zentrum des Films stehen die beiden Täter, an deren Gedankenwelt der Zuschauer gezwungen wird, teilzunehmen. Dass man sie trotzdem als Identifikationsfiguren akzeptiert, liegt an der Dynamik zwischen beiden: Dem selbstherrlich-arroganten und intriganten Schnösel Strauss steht der blind nach seiner Pfeife tanzende Judd gegenüber, der wohl mehr als freundschaftliche Ambitionen gegenüber Artie hegt. So kalkuliert die beiden auch vorgehen, so abstoßend ihre Philosophie auch ist und so wenig sie Empathie oder auch nur Reue zu zeigen in der Lage sind, so sehr begreift man, dass bei diesen beiden etwas ganz entschieden falsch gelaufen ist. Etwas, für das die menschliche Gemeinschaft zusammen die Verantwortung tragen muss. Sie muss diese Mörder aushalten können.

Natürlich spielt auch Orson Welles gravitätische Erscheinung – und sein langer Schlussmonolog – eine wichtige Rolle bei der Meinungsbildung des Zuschauers (ebenso wie E. G. Marshalls auf die Todesstarfe pochender Staatsanwalt). Sein gewaltiger Körper strahlt genau jene Anziehungskraft aus, die COMPULSION endgültig auf die gewünschte Umlaufbahn bringt. Ich habe es aber doch auch als kleinen Minuspunkt empfunden, dass Fleischer diesen erklärenden Vortrag braucht, um auf den Punkt zu kommen. Ich bin aber sowieso nicht ganz glücklich mit dem Film: Fleischer zielt mir zu stringent auf ein Ziel ab. Seine Botschaft ist natürlich wichtig, aber er scheint nicht wirklich überzeugt davon, diese Botschaft auch ohne Manipulation unters Volk bringen zu können. Man bekommt nicht die Möglichkeit, sich gegen die Argumentation des Films zu stellen. (Etwas, das er im Übrigen mit vielen Gerichtsfilmen teilt, die ich mal sehr mochte, heute aber meist als steif und bevormundend empfinde.) Das kann man auch als rundum positiv bewerten. Ich fühlte mich etwas zu sehr an der Hand geführt.

 

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Kommentare
  1. Whoknows sagt:

    Nun habe ich – wohl etwas müde von des Tages Lasten – tatsächlich gegoogelt; dabei lag es eigentlich auf der Hand: Hitchcock’s “Rope” (1948) orientiert sich natürlich auch am Leopold-Loeb-Fall. :) Ein Grund mehr, mir “Compulsion” mal zu besorgen, da er offenbar näher an der Wirklichkeit ist. Erstaunlich, dass einem derartige Filme entgehen können.

  2. Oliver sagt:

    Danke für den Hinweis auf ROPE. Den wollte ich eigentlich noch als Referenz erwähnt haben, habe ihn beim Verfassen dann aber wieder vergessen.

  3. Janine sagt:

    Hey Oliver,

    der Film hört sich sehr spannend an. Habe eben in Frank Schirrmachers “MINIMUM” den Hinweis darauf gefunden.

    Wo finde ich den Film. Ich finde ihn nicht auf amazon, ebay oder you tube

    Danke dir schon einmal vorab und vor allem für diese tolle Zusammenfassung

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