the boston strangler (richard fleischer, usa 1968)

Veröffentlicht: Oktober 10, 2011 in Film
Schlagworte: , , , , , , ,

Zwischen Juni 1962 und Januar 1963 werden in Boston zahlreiche vor allem ältere Frauen vergewaltigt und erwürgt. Die Polizei hat alle Hände voll zu tun, die ihnen bekannten Sexualstraftäter einzufangen und zu verhören – ohne Erfolg. Auch als der Staatsanwalt John Bottomly (Henry Fonda) beauftragt wird, das “Strangler Bureau” zu leiten, das die Ermittlungen der verschiedenen Reviere koordiniert, kommt man dem Täter nicht näher. Doch dann begegnet Bottomly durch Zufall dem Klempner Albert DeSalvo (Tony Curtis), der kurz zuvor wegen eines Einbruchs verhaftet wurde. Weil sich die Verdachtsmomente gegen DeSalvo erhärten und Bottomly verhindern will, dass der Mann wieder freigelassen wird, beginnt er den als schizophren diagnostizierten Mann zu verhören. Er will ihn “knacken”, erreichen, dass der Ahnungslose bemerkt, welche andere Seite da in ihm schlummert …

THE BOSTON STRANGLER basiert auf dem gleichnamigen Buch von Gerold Frank, das die Geschichte des (vermeintlichen) gleichnamigen Serienmörders und seiner Verhaftung erzählt, weicht aber erheblich von den dort präsentierten Fakten ab und verfolgt eine eigene Agenda. Es geht Fleischer vor allem darum, Empathie, oder neutraler gesprochen: ein Verständnis für den Mörder zu erzeugen. Dieses Verständnis sei, so seine Schlussfolgerung des Films, nicht nur entscheidend in der Behandlung von Serienmördern, sondern auch um der Genese solcher Persönlichkeiten vorzubeugen. Sein Ansatz ist dezidiert gesellschaftskritisch: In einem Land, dass – so ein Zitat – 44 % seines Haushalts zur Finanzierung von Tötung einsetzt, sei es heuchlerisch, dem Phänomen “Serienmord” so verständnislos zu begegnen, außer der Hinrichtung keinen Lösungsansatz vorweisen zu können. THE BOSTON STRANGLER erntete seinerzeit überwiegend ablehnende Kritiken: Zwar wurde die revolutionäre Split-Screen-Technik (kurz zuvor war sie zum ersten Mal in Norman Jewisons THE THOMAS CROWN AFFAIR in einem Spielfilm zum Einsatz gekommen) gelobt, doch kreidete man dem Film an, eine lebende und zudem nicht verurteilte Person zum Zweck der “Unterhaltung” zu missbrauchen. Dass Fleischer und Drehbuchautor Edward Anhalt sich zudem einige Freiheiten erlaubten, kam erschwerend hinzu. So behauptet der Film, DeSalvo habe unter einer Persönlichkeitsspaltung gelitten, die in Wahrheit jedoch nie diagnostiziert wurde, und lässt keinen Zweifel daran, dass er der Täter war, obwohl daran bis heute berechtigte Zweifel bestehen.

Auch wenn diese Kritik durchaus stichhaltig und angesichts der zeitlichen Nähe des Films zur Tatgeschichte auch verständlich ist, so darf THE BOSTON STRANGLER dennoch als einer der interessantesten, reichsten – und natürlich diskussionswürdigsten – Vertreter des damals noch recht jungen, heute aber weit ausdifferenzierten Subgenres des Serienmörderfilms gelten. Strukturell lässt sich der Film in zwei Hälften gliedern, wobei die erste sich mit den Bemühungen der Polizei beschäftigt und darüber hinaus mithilfe der erwähnten Splitscreen-Technik ein kaleidoskopartiges Stimmungsbild einer Stadt in Angst zeichnet, die zweite sich schließlich DeSalvo, seiner Ergreifung und der den Film beschließenden “Therapie” durch Staatsanwalt Bottomly widmet. Diese Zweiteilung und der aus ihr folgende Verzicht auf einen Protagonisten – der Fokus des Zuschauers wird nacheinander auf den Polizisten DiNatale (George Kennedy), Staatsanwalt Bottomly und schließlich DeSalvo gerichtet – steht zwar einer traditionellen Geschlossenheit des Films im Wege, doch akzentuiert Fleischer gerade dadurch die Brüche und Wechselbeziehungen, die in Serienmordfällen zutage treten und ein gesellschaftliches Äquivalent zur psychischen “Spaltung” De Salvos darstellen. Gerade hinsichtlich der Bedeutung der medialen Rezeption ist THE BOSTON STRANGLER überaus hellsichtig: Die die Hysterie noch befördernde Stimmungsmache der Medien spiegelt sich nicht nur auf der Handlungsebene durch die ständige Anwesenheit von Kameras und Reportern, sondern auch in der Aufsplittung des Filmbildes in mehrere kleinere Ausschnitte, deren Informationen der Zuschauer nur atemlos aufnehmen kann. Erst in der zweiten Hälfte bündelt Fleischer seine Konzentration, verdichtet den Film nach und nach erst auf zwei Personen und dann einen Raum. Das rüksichtslose “Monster” wird zum unsicheren, nervös hin und her rutschenden DeSalvo, der von den Taten seiner anderen Hälfte nichts weiß, die Ermittlungen Bottomlys verlagern sich von der materiellen Welt in eine psychische. Wenn Bottomly und DeSalvo gemeinsam dessen Erinnerungen “bereisen”, sich Fernsehbilder, echte Erinnerungen und Deckerinnerungen überlappen, findet Fleischer nicht nur nur eine adäquate Bildsprache für die Psychotherapie DeSalvos, er schlägt auch die Brücke zur ersten Stunde des Films, bevor er Film und Psyche DeSalvos in einem erdrückenden Finale gemeinsam implodieren lässt.

Was mich wirklich für THE BOSTON STRANGLER eingenommen hat, ist weder seine formale Zaubershow noch seine ehrenwerte humanistische Botschaft, sondern die Ausgewogenheit, in der auch die Opfer noch ihren Platz finden. Ein starker Film, dem ich eine gewisse – meines Erachtens kaum vermeidbare – Schwergängigkeit deshalb gern verzeihe. Ich finde sogar, dass das “Unvermögen” Fleischers, dieses schwierige Thema mit spielerischer Leichtigkeit und der Unbeirrbarkeit des souveränen Meisters zu behandeln, ein deutliches Indiz für seine Aufrichtigkeit ist.

About these ads

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s