Es gibt eigentlich nur zwei mögliche Reaktionen auf SUSPIRIA: Entweder man erkennt ihn als absolut einzigartigen Ausdruck eines großen Stilwillens und Kunstverstandes oder aber man wirft ihm vor, er habe keine Handlung, sei unlogisch oder dumm. Letzteres verbietet sich eigentlich, es sei denn man hat ein sehr altmodisches und eindimensionales Verständnis davon, was Film ist, sein sollte und darf. SUSPIRIA ist ein Paradebeispiel für einen Film, der in einer ganz eigenen Welt spielt, die ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt und nur ganz oberflächlich mit unserer übereinstimmt. Wenn eine Stimme aus dem Off zu Beginn nüchtern berichtet, dass die Balletttänzerin Susie Banyon (Jessica Harper) mit dem Flieger von New York nach München reist, um dort – genauer gesagt in Freiburg – an einer Ballettschule zu studieren, dann wird mit dieser Nüchternheit und der sie begleitenden Faktentreue, mit der geografische Namen und Uhrzeiten wiedergegeben werden, eine Verwandtschaft mit der uns bekannten Welt nur vorgetäuscht. Die expressive Farbgebung und Lichtsetzung, die aus Volksmärchen bekannten archetypischen Figuren und Situationen, die (Alb-)Traumästhetik, die Argento entwirft, sie mögen zwar zu tiefenpsychologischen Ausdeutungen inspirieren, doch letztlich genügt SUSPIRIA sich selbst. Und das ist zumindest für mich mittlerweile, nach etlichen Sichtungen, ein echtes Problem.
SUSPIRIA wird meist als Argentos Meisterwerk, als Kulmination seines Schaffens bezeichnet, als der Film, in dem Argento jeden Ballast abgeworfen und zu seiner reinsten Form gefunden habe. Ich bin mir da nicht so sicher. So sehr man ihn auch als Film des Italieners erkennt, so sehr sich einzelne seiner Elemente, seien es nun inhaltliche und motivische oder aber formale Aspekte, die sich wie ein roter Faden durch sein Werk ziehen, auch in diesem wiederfinden (das ganze Drama beginnt etwa damit, das Susie die Worte einer Mitschülerin nicht versteht und sich krampfhaft an diese zu erinnern versucht), so sehr fällt SUSPIRIA in seiner krassen Künstlichkeit auch wieder aus diesem heraus. Die eine Szene, in der Argento kurz vor Schluss für ein paar Minuten in die “Realität” und einen Dialog entführt, dessen expositorischer Charakter aus dem Kontext des Films völlig herausfällt, hätte in keinem seiner sonstigen Filme so deplatziert gewirkt wie hier. Noch nicht einmal der nachfolgende INFERNO, nach diesem ersten der zweite Teil der erst 2007 vollendeten Mütter-Trilogie, der SUSPIRIA noch recht nahesteht, wirkt nicht so durchgehend fremartig und außerweltlich wie dieser.
SUSPIRIA ist sicherlich der Film des Italieners, der auf den Uneingeweihten am stärksten wirkt: Man kann sich seinen Reizen nur schwer verschließen, er überfällt einen ja förmlich. Meine Probleme mit Argento, die in den vergangenen Jahren immer mal wieder zu mehr oder weniger hitzigen Diskussionen geführt haben, verkörpert SUSPIRIA in Reinkultur. Keinen seiner Filme habe ich in den letzten 18 Jahren häufiger gesehen – aber auch keiner hat sich in dieser Zeit so stark abgenutzt wie dieser. Dabei gibt es an seiner formalen Meisterschaft beim besten Willen keinen Zweifel. Jedes seiner Bilder, jede seiner Szenen und Sequenzen ist für sich genommen großartig. Die Ankunft Susies am Flughafen, die anschließende Fahrt durch einen sehr unheimlichen Wald, die blutrote Fassade der Tanzschule im Regen, der erste Mord in einem Apartmenthaus, in dessen Treppenhaus ein kubistischer Innenarchitekt Amok gelaufen zu sein scheint, Susies Gang durch die Flure der Schule, wo sie der Haushälterin begegnet, die einen eigentümlichen Kristall poliert, die Übernachtung in einem provisorischen Schlafsaal, der Angriff eines unsichtbaren Flugungeheuers auf den blinden Pianisten, der Mord an Susies Freundin, schließlich das Finale: Diese Momente brennen sich unauslöschlich ins Gedächtnis ein, nicht nur, weil sie fantastisch inszeniert und fotografiert sind, sondern auch weil sie an über Jahrhunderte der Zivilisation verschüttete Ängste rühren. (Niemand hat etwa das zutiefst Beunruhigende der Volkstümelei jemals so trefflich ins Bild gesetzt wie Argento in der kreuzunheimlichen Brauhaus-Szene.)
Doch offenbart SUSPIRIA diese Qualitäten – von gestalterischen Feinheiten vielleicht abgesehen – eben auch schon bei der ersten Begegnung: Er ist so ziemlich das Gegenteil von einem subtilen Film. Das ist für sich genommen nicht schlimm, weil er auf die denkbar spektakulärste und stilvollste Art und Weise plump ist. Ich glaube, ich bin tatsächlich zu traditionell “veranlagt”, um heute noch so begeistert von SUSPIRIA zu sein wie ich es mal war: Der Film verändert sich nicht mehr, ich vermisse neue Einsichten und Erkenntnisse, wenn ich ihn sehe. Er erzählt mir nichts mehr. Und für eine “irrationale”, emotionale Reaktion kenne ich ihn einfach zu gut. Und wenn ich heute auch etwas empfänglicher bin für die psychologische Komponente des Films, so fügt dies dem Film nichts wirklich Wesentliches hinzu: Es ist einfach nur eine weitere Ebene seines abstrakten Verweissystems, so wie die Kunstgeschichte eine andere ist. Sehr schade, denn der Film ist schon sehr toll. Aber das ist eben keine wirklich gefühlte Erkenntnis mehr, sondern bloß eine rational gedachte. Ich kann SUSPIRIA eigentlich nur noch als Technokrat betrachten. Und so will ich Filme nicht schauen.
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