Mary McGrieff (Francoise Christophe), die mit ihrem angeblich wahnsinnigen Sohn James (Hiram Keller) im altehrwürdigen Sitz der Familie lebt, Schloss Dragonstone in Schottland, ist pleite. Um das Schloss in ihrem Besitz halten zu können, bittet sie ihre Schwester Alice (Dana Ghia), ihr Geld zu leihen, doch die lehnt ab: Ihr Vermögen gehöre ihrer Tochter Corringa (Jane Birkin), die just in diesem Moment als Überraschungsgast vorbeikommt. Wenig später ist Alice tot und weitere Morde folgen …
Es ist nur auf den ersten Blick verwunderlich, dass Antonio Margheritis Beitrag zum Giallo-Subgenre sehr marginal ausfällt: LA MORTE NEGLI OCCHI DEL GATTO ist vielleicht der einzige Film des italienischen Routiniers, den man mit einigen Abstrichen als Giallo bezeichnen kann, aber auch dieser Film unterscheidet sich erheblich vom Gros der Genrebeiträge seiner Kollegen. Wie schon Kollege Foerster über Margheriti schrieb, nahm dieser sein “englisches Pseudonym für den internationalen Markt (Anthony M. Dawson) am ernstesten [von allen italienischen Regisseuren mit englischen Pseudonymen, Anm. von mir] [...] Man kann da schon von einer ziemlich vollständigen Identifizierung mit dem amerikanischen B-Film ausgehen, die irgendwie bereits in der Ökonomie des no-nonsense-Namen ,Dawson’ steckt.” Auch für LA MORTE NEGLI OCCHI DEL GATTO dienten Margheriti in erster Linie angelsächsische Kulturerrungenschaften als Inspirationsquelle, allen voran der Gothic Horror und die britische Murder Mystery. Zwar ist der Giallo diesen sowieso verpflichtet (der Ursprung der Giallo-Morde liegt wie beim Gothic Horror auch immer in der Vergangenheit), doch überträgt er deren Muster immer in ein poppig-modernes urbanes Ambiente. Und mit dieser Verschiebung verschwindet auch die Verwurzelung in der Romantik: Bleiben die Protagonisten des Gothic Horrors ihren verfluchten Familien auch dann noch treu, wenn das den eigenen Tod bedeutet, so werden familiäre Bande im Giallo mit der Klinge des Rasiermessers lustvoll zerschnitten, bis nichts mehr übrig bleibt. Von Melancholie keine Spur.
Zurück zu Margheriti: Der macht ja schon mit der Wahl seines Schauplatzes klar, woher der Wind weht, und so darf sich der geneigte Zuschauer für die kommenden 90 Minuten auf (meist) hoch geschlossene distinguierte Damen und Herren, Schauerlegenden und Aberglauben, dunkle, mit Ratten und Fledermäusen verseuchte Gewölbe, Geheimtüren und -gänge und gothische Grabkammern einstellen. Margheriti, der Bava in den frühen Sechzigerjahren im Bereich des italienischen Gothic Horrors mächtig Konkurrenz machte, zeigt dann auch, warum er einer der vielleicht unterschätztesten Regisseure seines Landes ist: LA MORTE DEGLI OCCHI DEL GATTO sieht fantastisch aus und es gelingt ihm ausgezeichnet, den Geist eines doch schon mehr als nur leicht angestaubten Genres in ein Jahrzehnt herüberzuretten, dessen Interessen ganz woanders lagen. Natürlich darf auch etwas würziger Käse nicht fehlen: Der Orang-Utan (= Mann im fransigen Affenkostüm), den der ganz und gar nicht verrückte, allenfalls etwas aufmüpfige James in einem Käfig in seinem Zimmer hält, sorgt für unmotiverten Camp und sieht mit etwas Goodwill vielleicht wie ein alterscchwacher Gorilla aus, aber bestimmt nicht wie ein Orang-Utan, und der immer wieder bedeutungsschwanger angesprochene Vampirfluch kommt über den Status des schmückenden Beiwerks leider auch nie wirklich hinaus. Großen Anteil am merkwürdig dekadenten Charme des Films, der ihn am meisten auszeichnet, hat die Entscheidung, völlig im Unklaren zu lassen, wann die Geschichte eigentlich spielt. Zwar suggerieren einige Details eine Verortung in der Gegenwart – etwa die Kleidung von Corringa und James -, andere stellen diese wiederum ebenso stark in Frage. Das Aus-der-Zeit-Gefallen-Sein, das immer ein Nebenaspekt des Gothic Horrors ist, findet so auch seinen Platz in LA MORTE NEGLI OCCHI DEL GATTO, der gute, angenehm gemütliche Schauerunterhaltung bietet. Italo-Afficionados freuen sich zudem über den Score von Riz Ortolani und die Anwesenheit von Luciano Pigozzi und Franco Ressel.
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