tarkan viking kani (mehmet aslan, türkei 1971)

Veröffentlicht: Juni 3, 2012 in Film
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Bei einem Überfall der Wikinger auf eine Festung der Hunnen, entführen die bösen Nordmänner nicht bloß Attilas schöne Tochter Yonca (Fatma Belgen), sie erschlagen auch Tarkans (Kartal Tibet) treuen Freund, den Wolf Kurt. Der türkische Superheld schwört Rache und macht sich mit Kurts Sohn Kurt sogleich auf den Weg nach Norwegen, um die Wikinger Mores zu lehren. Deren Anführer Toro (Bilal Inci) hat eben den Wikingerkönig Gero gekillt und deswegen den Zorn von dessen Tochter Ursula (Eva Bender) auf sich gezogen. Die tapfere Ursula tut sich natürlich mit Tarkan zusammen, um Yonca zu befreien, die Tode von Kurt senior und Gero zu rächen und ein fieses Krakenmosnter zu plätten. Ach ja, die Tochter des Kaisers von China mischt auch noch mit …

Yeah! TARKAN VIKING KANI hält nun wirklich alles, was 3 DEV KANI bloß versprochen hatte. Aslans Film ist so dermaßen vollgestopft mit wüster Action, rührenden Kostümen, geklauter Soundtrack-Musik (u. a. kommen Morricones berühmte SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD-Melodie und außerdem Strauss’ “Also sprach Zarathustra” zum Einsatz, der Großteil dürfte allerdings aus Fleischers THE VIKINGS stammen), unbeweglichen Pappmachee-Monstern, schlechten Spezialeffekten, absurder Geschichtsklitterei, grellgelben Perücken und meterbreiten Schnurrbärten, dass man sich nach den knapp 90 Minuten fühlt, als habe man sich durch die Auslage einer Konditorei gefressen: pappsatt, aber überglücklich. Man muss diese unwiderstehliche Mischung aus Unbedarftheit und Übereifer einfach lieben: Da werden zwei brave Schäferhunde furztrocken als Wölfe bezeichnet und die verdörrte türkische Berglandschaft als Norwegen ausgegeben, verkommt die Reise ins finstere Mittelalter zu einer wilden Kostümparty, bei der grellbunter Plüsch de rigueur ist. Und je bescheuerter das alles ist, umso mehr scheinen die Schauspieler darauf bedacht, mit doppeltem Einsatz davon abzulenken. Wie die mit ihren Pappschwertern rumfuchteln, ihre albernen Perücken und ultratuckigen Kostüme mit äußerster Würde tragen und, wenn sie dann doch mal die Scham befällt, einfach eine Grimasse ziehen oder wüst rumschreien, nötigt dem Betrachter allerhöchsten Respekt ab.

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, so irrwirtzig ist TARKAN VIKING KANI: Das bewegungslose Krakenmonster hat seit Ed Woods BRIDE OF THE MONSTER nix dazugelernt, bei einer Wikingerorgie werden die hilflosen Weiber von den euphorisierten Kerlen unter anderem mit einem Sprungtuch in die Höhe geworfen, das stolze Wikingerschiff verfügt offensichtlich über einen leistungsfähigen Außenbordmotor, die Wikingerburg (!) praktischerweise auch über ein ausladendes türkisches Bad mit viel prunkvollem Goldkitsch. All diese Details fallen aber hinter die den ganzen Film beherrschenden Raserei zurück: Spätestens nach einer halben Stunde wird das Drehbuch kurzerhand in die Tonne getreten. Statt sich des wohltemperierten Wechselspiels von Ruhepausen und Actionszenen zu bedienen, das man Dramaturgie nennt, steigert sich TARKAN VIKING KANI in einen unaufhaltsamen Rausch. Keilerei folgt auf Keilerei, bevor dann eine Keilerei dazwischengeschoben wird, um zur nächsten Keilerei überzuleiten. Dem Bemühen des Zuschauers, den Überblick zu behalten, wird eine schroffe Absage erteilt. Auch der Schnitt hilft bei der Beschleunigung eifrig mit: Scheiß was auf Rhythmus oder Überblick, Hauptsache es wird möglichst viele geiles Zeug in kürzester Zeit untergebracht. Und wenn mal was danebengeht, auch egal, man hat ja eh keine Zeit, darüber nachzudenken. Mit schnöder Vernunft kommt man hier nicht weiter, TARKAN VIKING KANI ist genau der Film, der vor dem inneren Auge des Achtjährigen vorbeizieht, wenn er mit dem Playmobilpiratenschiff in der Badewanne sitzt oder seine Cowboy- und Indianerfiguren den Angriff auf die Ritterbrug proben lässt. Mehmet Aslan ermöglicht es für die Dauer seines Films, nochmal in die Haut dieses Kindes zu schlüpfen. Wunscherfüllung par excellence.

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Kommentare
  1. [...] dass allerdings plüsch und bunte fummel alleine was für frauen sein sollen, wird ausnahmsweise nicht von diesem film behauptet. mein mann geht wie immer ins detail. [...]

  2. Türke sagt:

    Leider hat der Autor kein Hintergrundwissen bezüglich Tarkan. Die Filme von Tarkan basieren auf Comics von Sezgin Burak, die in der Türkei sehr populär unter Jugendlichen waren (von den 50ern bis 60ern). In den 70ern wurden dann die Filme gedreht.
    Daher ist es einfach unangebracht von “Geschichtsklitterung” zu sprechen. Letzendlich sind die Geschichten größtenteils Fiktion vermischt mit einem kleinen wahren Kern bezüglich türkischer Geschichte (Hunnen/Atilla, Heeresführer nordtürkischer Stämme bezeichnete man als Tarkane) etc. und türkischer Mythologie (ob die Hunnen und Wikinger überhaupt Kontakt miteinander hatten sei mal dahingestellt aber nicht total auszuschließen für die europäischen Hunnen). In seinem ersten Film wird der Werdegang Tarkans gezeigt, wie er von einer Wölfin geseugt wird, das ist türkische Mythologie. Und so sollte man diesen Film auch sehen..als Umsetzung eines Comics…daher auch die schnellen Actionübergänge nehme ich mal an.

    • Oliver sagt:

      Gut gebrüllt, Türke, nur leider zu voreilig. Ich kenne noch ein paar andere Tarkan-Filme, insofern stimmt dein Vorwurf nicht. Dass ich die Comicserie nicht erwähne liegt auch daran, dass das hier eine Art öffentliches Tagebuch ist und ich keine druckreifen Lexikontexte verfassen möchte. Der Begriff “Geschichstklitterung” ist im Kontext meines kleinen Eintrags nicht abwertend gemeint, aber dennoch richtig: Wie du ja selbst sagst, vermischen Film wie Comicserie “größtenteils Fiktion (…) mit einem kleinen wahren Kern bezüglich türkischer Geschichte etc. und türkischer Mythologie”. Was dabei herauskommt, ist kein “realistisches” oder “authentisches” Abbild der Geschichte, sondern eine Fälschung (was die Definition von “Geschichtsklitterung” ist, siehe hier: http://www.wikiweise.de/wiki/Geschichtsklitterung).

      Ich unterstelle dem Film nicht, “wahre” Geschichte in Bilder fassen zu wollen und an diesem Anspruch zu scheitern. TARKAN VIKING KANI ist ein bunter Abenteuerfilm. Aber der Spaß an der Betrachtung bezieht sich für mich – und ich denke für viele, die ihn sich heute anschauen – nun einmal nicht zuletzt aus den u. a. historischen Ungereimtheiten. Worin sich dieser türkische Film übrigens kein Stück von diversen US-amerikanischen oder europäischen Monumentalschinken und Historienfilmen unterschiedet, die ja auch ein oft sehr idealisiertes Bild des Mittelalters, des Wilden Westens, der Renaissance etc. zeigen, aber mit der damaligen Wirklichkeit denkbar wenig zu tun haben.

      Kein Grund also, mich anzufahren: TARKAN VIKING KANI ist schon super, Geschichtsklitterung hin oder her. Alles klar?

      • Türke sagt:

        “Kein Grund also, mich anzufahren”
        Ich habe dich nicht angefahren; habe nur meine Meinung geschrieben. Ich lese hin und wieder Filmberichte auch in englischer Sprache lese und merke, dass bei einigen Autoren Hintergrundwissen fehlt über das was sie schreiben. Selbst der Satiriker muss wissen, worüber er schreibt, bevor es ins Lächerliche zieht. Nun, da du offensichtlich doch informiert bist, hat sich das ja geklärt und ich ziehe meine Aussage zurück.

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