trouble in paradise (ernst lubitsch, usa 1932)

Veröffentlicht: Dezember 22, 2012 in Film
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Sex! Darum und um nichts anderes geht es in Lubitschs phänomenalem TROUBLE IN PARADISE. Die Tatsache selbst ist eigentlich nicht weiter der Rede wert, schließlich trifft das auf ziemlich viele Filme zu, aber was verblüffen muss, ist, wie es dem deutschen Regisseur gelingt, dieses Thema so volkommen unmissverständlich zu behandeln, ohne dabei auch nur einmal explizit zu werden. TROUBLE IN PARADISE ist beinahe unverschämt sexy und seine hinreißende Love Triangle aus Kay Francis, Miriam Hopkins und Herbert Marshall lässt die Hormone derart in Wallung geraten, dass man eigentlich schon nicht mehr von einem erotischen Knistern, sondern mindestens von einem Schwelbrand sprechen muss. Alle Darsteller bleiben stets züchtig bedeckt, aber wenn Lubitsch einmal sanft von der Chaiselongue, auf der sich ein Pärchen eben innig umarmt, auf das plötzlich leere Möbel überblendet, oder der Schatten zweier Küssender auf ein Bett fällt, dann mutet das im Kontext des Filmes schon beinahe skandalös an.

Lubitsch wählt für seine Liebeskomödie ein Sujet, das die emotionalen Verwerfungen in ein griffiges Bild überträgt: Herbert Marshall ist Gaston Munescu, ein Gentleman-Dieb, Con-Man und Hochstapler, ein Mann, der sich mit spielerischer Leichtigkeit in der Welt der oberen Zehntausen bewegt, mühelos ihr Vertrauen und sogar ihre Zuneigung gewinnt, um sie dann zu berauben. Miriam Hopkins, die mit ihrer erotischen Selbstsicherheit in Lubitschs DESIGN FOR LIVING gleich zwei Männer betörte, ist hier Lily, Gastons weibliches Gegenstück, das der Weltmännischkeit ihres Konterparts mit gespielter mädchenhafter Naivität begegnet, um ihn in Sicherheit zu wiegen. Am Ende ihres ersten Rendezvous haben sie sich gegenseitig mehrfach bestohlen und dabei ertappt und die Gerissenheit des anderen treibt sie beide in kaum verborgene Ekstase. Da haben sich zwei Menschen gefunden, die in ihrer eigenen Welt leben und die anderen nur brauchen, um sich ihren eigenen Traum zu inszenieren. Bis die elegante Mariette Colet in Gestalt der umwerfenden Kay Francis auf den Plan tritt. Gaston hatte – ohne von der Verbindung zu wissen – bereits ihren Liebhaber Filiba (Edward Everett Horton, vor DESIGN FOR LIVING erneut in der Rolle des unglücklichen Lovers) bestohlen und hat nun die Reichtümer der Unternehmerin ins Auge gefasst. Ihre kostbare Handtasche ist schnell erbeutet, doch anstatt sie mit Verlust einem Hehler zu verkaufen, beschließen Gaston und Lily, ihr die Tasche zurückzugeben und den üppigen Finderlohn einzustreichen. Der Plan gelingt und nach erfolgter Übergabe des geliebten Accessoires hat Gaston mit seinem umwerfenden Charme nicht nur das Herz der Dame erobert, sondern auch eine Stelle als ihr persönlicher Sekretär. Das eröffnet dem Diebespärchen eine Chance, ungeahnte Reichtümer abzustauben, doch Gaston verliert angesichts der Avancen der aufregenden Mariette mehr und mehr die Kontrolle über die Situation.

Neben der Lubitsch-typischen Eleganz der Inszenierung und der Dialoge, seinem feinen Humor und der erwähnten aufreizend unterschwelligen Erotik, die dem Betrachter den Schweiß auf die Stirn treibt, ist es auch hier wieder diese wunderbar moralische Amoralität, die gleichermaßen erstaunt wie begeistert. War jemals ein Filmemacher fortschrifttlicher in der Zeichnung geschlechtlicher Beziehungen als Lubitsch? Mir ist noch keiner untergekommen, der bestehende Konventionen und Normen derart lustvoll und intelligent zerlegt hätte und dabei immer warmherzig, liebevoll und menschlich geblieben wäre. Das Ende von TROUBLE IN PARADISE ist geradezu schockierend in seiner Offenheit: Gaston macht sich dann doch mit Lily und diversen Reichtümern Mariettes aus dem Staub, nachdem es nur wenige MInuten zuvor ganz danach aussah, als würde er mit ihr sesshaft werden. Mit derselben Euphorie, mit der sie sich kennengelernt hatten, fahren Gaston und Lily davon, de Geprellte in dem Glauben zurücklassend, die Kontrolle über die Situation behalten zu haben. Das mutet grausam an, aber dann stellt sich die Frage, ob nicht eher Gaston und Lily zu Opfern ihres Lebensstils geworden sind. Gaston entscheidet sich für die Lust und den Kick und lässt die Liebe hinter sich. Oder ist das doch nur eine einseitige Sicht? Lassen sich Lust und Glück derart voneinander trennen? Lubitsch gibt keine klare Antwort darauf, aber seine Sympathien scheinen eindeutig auf der Seite der Seite derer zu liegen, die sich für den Rausch des Augenblicks entscheiden. Ich sagte es ja bereits: Hier geht es vor allem um Sex.

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