Autor Archive für Oliver Nöding

24
Mai
12

dikaya okhota korolya stakha (valeri rubinchik, weißrussland 1979)

In den letzten Tagen des 19. Jahrhunderts sucht der junge Akademiker Andrej (Boris Plotnikov) vor einem Unwetter Unterschlupf in einem gewaltigen Schloss. Es wird von der anämischen Nadeshda Janowska (Yelena Dimitrova) und ihren Dienern bewohnt, die den jungen Mann freundlich aufnehmen. Doch Andrej, nach eigenem Bekunden Sammler von Sagen und Volksliedern, bemerkt schnell, dass etwas nicht stimmt: Alle Bewohner der Region scheinen verängstigt und geradezu fatalistisch, empfehlen ihm, die Gegend schleunigst wieder zu verlassen. Er erfährt von einer mysteriösen Mordserie, die die Einheimischen einem uralten Fluch zuschreiben: Vor Jahrhunderten soll ein Vorfahre der Janowska König Stach und seine Männer ermordet, die Leichen auf ihren Pferden festgebunden und in die Sümpfe getrieben haben. Weil Stach kurz vor seinem Tod noch ewige Rache schwören konnte und Augenzeugen tatsächlich von einer Reiterschar berichten, die aus den Sümpfen komme, befürchtet man, dass sich der Fluch tatsächlich bewahrheitet. Andrej beginnt nachzuforschen – und die Skepsis des Studierten gerät heftig ins Wanken, als er selbst der Reiterschar begegnet …

Um im Bild zu bleiben, könnte man sagen, dass DIE WILDE JAGD DES KÖNIG STACH (wie die freie deutsche Übersetzung des russischen Originaltitels lautet) nach dem etwas holprigen Schweinsgalopp über Stock und Stein namens ZIRNEKLIS anmutet wie ein entspannter Ausritt durch malerische Landschaften auf dem Rücken eines prächtigen Zuchthengsts. In opulenten Bildern erzählt Rubinchik seine Geschichte in getragenem Tempo und richtet den Fokus weniger auf ihren fantastischen Gehalt als auf die Auswirkungen der vermeintlich übernatürlichen Bedrohung auf die zahlreichen Figuren. Bleischwer lastet die Angst auf den Menschen um die Janowska, die sich längst apathisch ihrem vermeintlich unausweichlichen Schicksal ergeben haben. Man meint, hier durch die Brille des Mysterythrillers direkt in die von Gefühlswallungen hin und her gerissene russische Seele blicken zu können. Zu diesem Eindruck tragen auch die unglaublich Settings bei: Der barocken Düsternis des Schlosses steht die Kargheit der dieses umgebenden Sumpflandschaft gegenüber, die sich im ewigen Nebel bis in die Unendlichkeit auszudehnen scheint und nur wenig Hoffnung auf ein Morgen macht, das in Form eines neuen Jahrhunderts vor der Tür steht. DIKAYA OKHOTA KOROLYA STAKHA ist – wie eben erwähnt – ein Mysterythriller, ja, sein Plot nicht unähnlich etwa Arthur Conan Doyles THE HOUND OF THE BASKERVILLES (der mir natürlich auch wegen seines Sumpfsettings als Parallele eingefallen ist), was bedeutet, dass sich die übersinnliche Bedrohung am Ende als sehr weltlich erweist, hinter dem Spuk ein schnöder Mordplan steckt. Die Enttäuschung des Zuschauers darüber, dass hier kein aus dem Jenseits zurückgekehrter Geist sein Unwesen treibt, findet diegetisch ihre Entsprechung im Abschied einer von Aberglauben und Mythen geprägten Zeit und dem unvermeidlichen Eintritt in ein “aufgeklärtes” Jahrhundert, das den endgültigen Siegeszug der Naturwissenschaften mit sich bringen wird. Zwar löst sich die Angst der Protagonisten zum Schluss in Luft auf, doch statt ihres Lebens haben sie etwas anderes verloren. Und die freudige Erwartung, mit der das Erwachen des 20. Jahrhunderts verkündet wird, kann der Zuschauer, der weiß, was dieses für Schrecken mit sich bringen wird, nicht teilen. Gegenüber den europäischen Schlachtfeldern des Ersten und Zweiten Weltkriegs nimmt sich die Rache König Stachs vergleichsweise harmlos aus.

Laut diverser Quellen beträgt die Laufzeit des Films offiziell 135 Minuten. Die DVD-Version, die mir vorlag, läuft satte 30 Minuten kürzer. Dass ich DIKAYA OKHOTA KOROLYA STAKHA dennoch als etwas langatmig und auch irgendwie umständlich erzählt empfand, liegt wahrscheinlich eher darin begründet, dass man hier versucht hat, einen Film in eine Schablone zu pressen, in die er einfach nicht hineingehört. Rubinchik folgt seinem eigenen Rhythmus, widersetzt sich dem bekannten Auf und Ab von spannenden, actiongeladenen und ruhigen Sequenzen, das für den Unterhaltungsfilm typisch ist. Nur selten sticht ein Set Piece aus dem Gesamtwerk heraus – etwa der erste Auftritt von König Stach und seinen Reitern -, das so enorm homogen wirkt und nur schwer in kleinere Sinneinheiten gegliedert werden kann. Wie ich schon sagte: Im zentrum des Films steht weniger seine Geschichte als vielmehr eine Stimmung. Ich schätze, dass diese in der langen Fassung noch stärker zum Tragen kommt, weniger im Clinch mit dem Plot liegt, wie es in der DVD-Version der Fall ist. Vielleicht muss man den Film aber auch einfach an einem tristen Herbsttag schauen …

Nächste Station: vermutlich das ehemalige Jugoslawien …

23
Mai
12

zirneklis (vasili mass, lettland 1991)

Eigentlich fängt meine filmische Weltreise erst jetzt so richtig an. Bislang bewegte ich mich noch auf vertrauten Pfaden, doch mit diesem Film beginnt die kontinuierliche Entfremdung von westlichen Erzählstandards und ich darf mich in den nächsten Tagen auf fremdartige Filmwunder aus dem ehemaligen Ostblock, dem Nahen Osten und Vorderasien freuen. Die Grenzüberschreitung in dieses doch weitgehend unbekannte Territorium mit dem noch zu Zeiten der UdSSR entstandenen lettischen Spielfilm ZIRNEKLIS (was schlicht “Spinne” bedeutet) ging noch relativ sanft vonstatten – lediglich das Fehlen einer verständlichen Ton- oder Untertitelspur gab einen Vorgeschmack auf den noch bevorstehenden Kulturschock.

Auch wenn erzählerische Details somit an mir vorbeigegangen sind, ein paar Lücken erst durch Hypnosemaschine Alex’ Text geschlossen werden konnten (der mir diesen und zahlreiche der kommenden Filme netterweise zur Verfügung gestellt hat – vielen Dank nochmal ganz offiziell!), fühlte ich mich in ZIRNEKLIS doch noch einigermaßen gut aufgehoben. Er erinnert ein wenig an erwachsene tschechische Märchenfilme wie etwa VALERIE A TYDEN DIVU, wenn er auch dessen formale Brillanz vermissen lässt, roher, ungeschliffener und, ja, auch etwas “billiger” rüberkommt. Er erzählt die Geschichte der hinreißend schönen Vita (Aurelija Anuzhite), die einem Maler Modell für ein Marienporträt stehen soll. Unter dem Einfluss dessen expressiver, etwas an die Werke von Hieronymus Bosch erinnernder Gemälde gerät Vita in Trance und kann sich nur mühsam den folgenden sexuellen Avancen des Künstlers entziehen. In den folgenden Tagen leidet sie immer wieder an Albträumen und Halluzinationen, in denen sie von einer riesigen Spinne vergewaltigt wird. Aus Sorge um Vita schickt die Mutter ihre Tochter zu Verwandten an die Küste des baltischen Meeres, wo sich die Gute gleich in einen stattlichen Jüngling verliebt. Doch der teuflische Maler will sich seine Errungenschaft nicht so leicht abspenstig machen lassen und folgt ihr …

ZIRNEKLIS besticht wahrscheinlich nicht nur für den des Russischen nicht mächtigen Zuschauer durch seine Bilder: Die in der Gegenwart angesiedelte Geschichte wirkt durch verschiedenste visuelle Mittel einer konkreten Zeit enthoben, traumgleich. Für ersteres ist vor allem der intensive Braunstich verantwortlich, der alles mit der Patina vergangener Jahrhunderte bedeckt, für letzteres sowohl der Einsatz von Weichzeichner als auch Mass’ Verwendung natürlichen Gegenlichts, das die Bilder oft verschwimmen, ja beinahe transparent werden lässt. ZIRNEKLIS lullt den Zuschauer mit dieser Technik ein, macht ihn empfänglich für seine Sinnestäuschungen und stellt ihn somit auf eine Stufe mit der orientierungslosen Vita. Ganz im Gegensatz zu dieser das Materielle anscheinend scheuenden Bildsprache stehen die kruden, vielleicht aber gerade deshalb beeindruckenden Spezialeffekte. Vor allem die “Sexszenen” mit der Riesenspinne bleiben im Gedächtnis, weil sie sich stilistisch wunderbar in das Gesamtbild einfügen. Statt auf technische Perfektion, die sich Mass wahrscheinlich nicht leisten konnte, setzt der Regisseur auf Atmosphäre und einen desorientierenden Schnitt. Wunderschöne Stop-Motion-Effekte ergänzen das Effektinventar und zwingen den Zuschauer dazu, eine  kindlich-staunende Perspektive einzunehmen. Vielleicht trifft der Begriff des “magischen Realismus” am besten, was Mass mit ZIRNEKLIS geleistet hat: Der Film widmet sich einem ganz und gar weltlichen Thema – das Erwachen der Sexualität -, formt dieses aber zu einen verstörenden Märchen über böse Magier, gute Priester, wilde Fantasien und die Verlockung des Bösen um. Dass die lettische Küste, an der Teile des Films entstanden, aussieht wie gemalt, spielt ihm dabei nicht wenig in die Karten. ZIRNEKLIS ist sicher kein Film, den ich mir jeden Tag ansehen müsste, dafür ist er in seinen expositorischen Szenen ein klein wenig zu unbedarft (zumindest wirkt es so, wenn man nichts versteht), aber einer, der einem schmerzhaft klar macht, welches große künstlerische Potenzial einst hinter dem Eisernen Vorhang fernab der westlichen Aufmerksamkeit schlummern musste und bis möglicherweise heute unentdeckt geblieben ist.

Ein paar Impressionen noch, dann geht es weiter nach Weißrussland.



22
Mai
12

la caduta degli dei (luchino visconti, italien/deutschland 1969)

Deutschland im Jahr 1933: Die Industriellenfamilie Essenbeck trifft sich zum Geburtstag ihres Seniors Joachim (Albrecht Schönhals), der sich den Annäherungsversuchen der Nazis bislang beharrlich widersetzt hat. Als die Familie die Nachricht vom Reichstagsbrand ereilt, ist klar, dass die Verweigerungstaktik nicht mehr länger funktionieren wird, will man nicht als Regimekritiker sein Leben riskieren. Der Patriarch liegt wenig später erschossen in seinem Schlafzimmer, der Mord wird dem Vizepräsident des Essenbeck-Konzerns und Nazigegner Herbert Thallmann (Umberto Orsini) in die Schuhe geschoben, der die Pläne Joachims erzürnt zur Kenntnis genommen hatte. Doch der Täter ist der Geliebte von Essenbecks Tochter Sophie (Ingrid Thulin), Friedrich Bruckmann (Dirk Bogarde), ein systemnaher Karrierist, der auf das Engagement des SS-Offiziers Aschenbach (Helmut Griem) hin zum Generalbevollmächtigten der Essenbeck-Stahlwerke aufsteigt. Aber das reicht den Nazis noch lange nicht: In Sophies Sohn, dem pädophilen Martin (Helmut Berger), sieht Aschenbach eine Chance, den Essenbeck-Konzern ganz in die Hand der Nazis zu bringen …

LA CADUTA DEGLI DEI, zu Deutsch “Götterdämmerung”, nach dem vierten Teil von Wagners “Ring der Nibelungen”, ist der erste Teil von Viscontis “Trilogia tedesca”, der “deutschen Trilogie”, die mit den folgenden Filmen MORTE A VENZIA und LUDWIG komplettiert werden sollte. Visconti schildert die “Dämmerung” des Dritten Reichs und des heraufziehenden Zweiten Weltkriegs anhand des Falls der Familie Essenbeck, die an die Industriellenfamilie Krupp angelehnt ist. Es geht ihm jedoch nicht um eine streng an historischen Daten orientierte Fiktionalisierung jener Jahre unmittelbar nach der Machtergreifung der Nazis: Nach melodramatischem Vorbild sind es vielmehr die unterschiedlichen Psychen der Mitglieder der Essenbeck-Familie, die einer genauen Betrachtung unterzogen und als symptomatisch für die Eskalation im weiteren Verlauf der Dreißigerjahre herangezogen werden. Das erklärt auch, warum LA CADUTA DEGLI DEI – wie übrigens auch Viscontis LUDWIG – beinahe elliptisch anmutet, was die Handlungsebene betrifft: Der Wirbel der historischen Ereignisse um die Essenbeck-Familie ist kaum mehr als als Hintergrundrauschen vernehmbar, vom Brand des Reichstages erfährt man nur aus Dialogen und auch das Schicksal handelnder Figuren wird oft abseits des Kamerablickes besiegelt: Die Essenbeck-Familie ist trotz ihrer unbestreitbaren finanziellen Macht und der Bedeutung ihres Werks für die Kriegspläne der Nazis nur ein hilflos auf den gewaltigen Wogen der Geschichte hüpfender Ball, die Bemühungen Friedrichs, die Kontrolle zu behalten, sind von vornherein zum Scheitern verurteilt. Einer nach dem anderen wird aus dem Weg geräumt, zum Schluss ist es der eigene Sohn, der Sophie und ihren Friedrich vom Thron stürzt und sich die SS-Uniform überstreift. Zwar darf er sich laut der Tagline des Films als “zweitmächtigster Mann der Nazis” fühlen, doch man ahnt, dass seine sexuellen Präferenzen auch ihm das Genick brechen werden, wenn er in der Gunst derer, die seine Enthronisation betrieben haben, erst einmal gesunken oder er ihnen einfach nicht mehr nützlich ist.

Auch die Wahl der Schauplätze – der Großteil des Films spielt im Haus der Essenbecks, nur ein geringer Teil unter freiem Himmel – stützt Viscontis Strategie, seine Protagonisten vom Geschehen zu isolieren, den Fokus von aktiven Handlungen auf innere Vorgänge zu richten. Und es ist nicht schön, was sich da hinter zivilisierter Fassade für Abgründe auftun. Kaum jemand äußert sich ehrlich, sagt, was er denkt oder handelt gar entsprechend. Die Karriere, der Anschein sind das höchste Gut: Der Einzige, der von dieser Haltung abweicht, Herbert, wird nicht nur geschasst, sondern gleich noch als Mörder ausgegeben. Er muss Frau und Kinder erst zurücklassen, um sein Leben zu retten, dann schließlich im Exil von ihrer Deportation ins KZ Dachau erfahren, die die Essenbecks gänzlich mitleidlos zur Kenntnis genommen haben. Die sexuellen Eskapaden Martins lösen lediglich eine leicht verschämte Genervtheit beim Großvater aus, als er  dessen in Fraunekleidern vorgetragenes Geburtstagsständchen ertragen muss (Marlene Dietrichs “Kinder, heute abend, da such ich mir was aus”), ansonsten lässt man ihn gänzlich ungehindert mit kleinen Kindern – auch der eigenen Familie – spielen. Auch die Beziehung des merkwürdig asexuellen Machtmenschen Friedrich (eine typische Bogarde-Figur) und der autoritär wirkenden Sophie (immer leichenfahl geschminkt) fußt kaum auf Liebe, allerhöchstens auf einer unterschwelligen Lust, einem animalischen Todestrieb. Sexualität spielt überhaupt eine wichtige Rolle in LA CADUTA DEGLI DEI, auch wenn man vergeblich auf einen klaren Kommentar Viscontis wartet: Das Saufgelage der SA in Bad Wiessee, an dem auch Joachims einziger Sohn Konstantin von Essenbeck (René Kolldehoff) teilnimmt und das zur Zielscheibe des Röhm-Putsches wird, wird zur Travestie-Show, bei der sich besoffene SA-Männer in Uniform und Frauenkleidern grölend in den Armen liegen, zeichnet die Nazis als einen Haufen ungezähmter Fetischisten kurz vor der Implosion und auch das lustvoll-diabolische Spitzbubengrinsen Aschenbachs scheint das Ergebnis einer beständigen inneren Erregung an der eigenen Macht. Ohne dies allzu explizit in den Vordergrund treten zu lassen, zieht Visconti doch eine Verbindung zwischen der Macht und einer aus den Fugen geratenen Lust. Wie anders ist zu erklären, dass gerade der Pädophile Martin, ein unsicher zwischen juveniler Aufmüpfigkeit, unberechenbarer Aggression und effeminierter Weichheit pendelnder junger Mann zum Schluss das Sinnbild für den nun nicht mehr aufzuhaltenden Untergang herangezogen wird?

LA CADUTA DEGLI DEI, den ich in meinem vorangegangenen Text zu IL PORTIERE DI NOTTE etwas vorschnell (ich kannte den Film bis heute nur auszugsweise) in eine Reihe mit diesem und Pasolinis SALÒ gesetzt hatte, ist seinerzeit kontrovers diskutiert worden. Viele Kritiker sahen eine unzulässige Melodramatisierung des Naziterrors und sicherlich lagen sie nicht ganz falsch damit. Es ist nicht ganz klar, ob Visconti nun einfach ein leichtes Faible für die Nazi-Ästhetik von Unterwerfung und Dominanz hat oder lediglich einen wertfreien Umgang mit diesen Insignien im Sinne seines Films pflegt. Ebenso wenig wird seine Haltung gegenüber den Essenbecks klar,  deren selbstverschuldeter Fall – speziell im Bild der im Freitod geschiedenen Sophie und Friedrich – durchaus dunkelromantische Züge trägt. Anders als bei LUDWIG, dessen Statik durch die Konzentration auf eine Hauptfigur, deren Handlungsunfähigkeit der Film immer wieder herausstellte, für Erkenntnisgewinn sorgte, vermisste ich bei LA CADUTA DEGLI DEI eine “objektive” Außenperspektive. Trotz seiner 150 Minuten Laufzeit ergibt sich kein wirklich “rundes” Bild: Dem Film fehlt gewissermaßen ein Zentrum, keine einzige der handelnden Figuren ließe sich als echter Protagonist bezeichnen. So fungiert der Film eher als eine Sammlung von Schlaglichtern, denn als geschlossene Erzählung. Letztlich vielleicht die einzige Möglichkeit, sich dem Thema überhaupt ehrlich und adäquat anzunehmen, dennoch bleibt der Eindruck bestehen, dass selbst Visconti hier etwas überfordert war. Das ändert aber nichts daran, dass LA CADUTA DEGLI DEI selbstverständlich ein beeindruckender, ästhetisch homogener und mitreißend gespielter Film ist. Es sind eben auch die oben kritisierte Offenheit, die Nicht-Fassbarkeit des Ganzen, das harte Aufeinanderprallen und sanfte Ineinanderfließen von Schönheit und Tod, das ständige Entgleiten des Films vor einem festen Zugriff, die dem Film als ästhetisches Werk und als Porträt einer fürchterlichen Zeit überhaupt erst eine gewisse Autorität verleihen. Ekel, Faszination, Grausen, Erregung und Kopfschütteln reichen sich in stetem Wechsel die Hand, bis sie nicht mehr voneinander zu trennen sind. Der Film überwältigt und macht es somit nahezu unmöglich, ihn nach einer Sichtung angemessen zu beurteilen.

Jetzt aber: Next Stop: Lettland.

19
Mai
12

il portiere di notte (liliana cavani, italien 1974)

Wien, 1957: Der ehemalige Nazi Maximilian Theo Aldorfer (Dirk Bogarde) ist untergetaucht, arbeitet im “Hotel zur Oper” als Nachtportier, weil er sich “im Tageslicht schämt”. Er steht immer noch in Kontakt zu ein paar alten Gesinnungsgenossen und gemeinsam versuchen sie, die Spuren ihres alten Lebens zu verwischen und neu anzufangen. Der Erfolg ihres Vorhabens gerät in Gefahr, als Lucia Atherton (Charlotte Rampling) im Hotel einkehrt: Als junges Mädchen war sie Maximilian, der für die Nazis medizinische Experimente durchführte, als Gefangene begegnet und in seinen Bann geraten. Die sadomasochistische Beziehung zwischen den beiden, die durch das Ende des Krieges jäh unterbunden worden war, blüht neu auf. Doch Maximilians alten Genossen, die befürchten, dass ihre Identität aufgedeckt werden könnte, ist das zweifelhafte Liebesglück ein Dorn im Auge …

Liliana Cavanis Film bildet gemeinsam mit Luchino Viscontis LA CADUTA DEGLI DEI und Pasolinis SALÒ E LO 120 GIORNATE DI SODOMA die künstlerisch-intellektuelle Speerspitze einer Bewegung, die den Nationalsozialismus – dessen Vertreter in den Sechziger- und Siebzigerjahren keineswegs vollständig verschwunden waren – nicht zuletzt als Ausdruck einer gestörten Sexualität interpretierte. Ihr bleiches, deprimierendes, tieftrauriges Porträt einer fehlgeleiteten Liebe, wurde – wie Pasolinis ein Jahr später entstandener Film – bei Erscheinen kontrovers diskutiert und für seine Darstellungen als geschmacklos verurteilt: Niemand konnte ahnen, dass erst die Vertreter der Naziploitation, die sich an den Erfolg der genannten Filme anhängten, das sensationalistische Potenzial der Nationalsozialismus-Thematik ohne Rücksicht auf Verluste ausschlachten würden.

Mit knapp 40 Jahren Abstand, in denen IL PORTIERE DI NOTTE zu einem Klassiker des so genannten transgressiven Kinos reifen konnte, relativieren sich die einstigen Empörungsrufe. Die verstörende Wirkung, die Cavanis Film einst auf ein Publikum ausübte, das den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg zum Teil noch miterlebt hatte und diese Zeit nur vergessen wollte, tritt für den heutigen Betrachter – ich habe diesen Film jetzt zum ersten Mal gesehen – durch die elegante, fast musikalische Inszenierung und die schwermütig-tragische Stimmung in den Hintergrund. Vielleicht war aber auch gerade das der Stein des Anstoßes: Maximilian ist nicht etwa der pathologische Menschenquäler, sondern im Gegenteil ein sensibler Mann, dessen Obsessionen ihm selbst das größte Rätsel sind. Und sein Opfer ist nicht bloß Opfer: Ihre Liasion lässt sich nicht einfach nur auf beschädigte Psychen schieben: Beide ergänzen sich in ihren Bedürfnissen und die Machtverhältnisse sind längst nicht in Stein gemeißelt, sondern schlagen mal zugunsten der einen, mal zugunsten der anderen aus. Für beide erweisen sich die Ereignisse jener vergangenen Zeit als so einschneidend, dass ihnen der Neuanfang schlicht unmöglich ist: Sie sind Gefangene der Vergangenheit, ihrer eigenen Biografie. Sie stehen sich selbst im Weg.

Im Marlene-Dietrich-Schlager “Wenn ich mir was wünschen dürfte”, den Lucia in der ikonischen Szene des Films im Nazi-Fetisch-Outfit singt, kommt diese Disposition deutlich zum Vorschein:

“Man hat uns nicht gefragt, als wir noch kein Gesicht
Ob wir leben wollten oder lieber nicht
Jetzt gehe ich allein, durch eine große Stadt,
Und ich weiß nicht, ob sie mich lieb hat
Ich schaue in die Stuben durch Tür und Fensterglas,
und ich warte und ich warte auf etwas

Wenn ich mir was wünschen dürfte
Käm ich in Verlegenheit,
Was ich mir denn wünschen sollte,
Eine schlimme oder gute Zeit

Wenn ich mir was wünschen dürfte
Möchte ich etwas glücklich sein
Denn wenn ich gar zu glücklich wär’
Hätt’ ich Heimweh nach dem Traurigsein [...]“

Nicht nur, dass sie und Max wie ziellose Schlafwandler durch die Realität irren, ohne sich zu dieser zugehörig zu fühlen, das Wesen des Glücks ist für beide diffus geworden. Sie sind zum Glück nur noch in der Lage, wenn es mit Schmerzen verbunden ist, die sie in jene Zeit zurückbringen. Dass sie sich zum Schluss in Maximilians spärlich eingerichtetem Apartment einschließen, ist zwar in erster Linie der Belagerung durch Max’ Nazi-Freunde geschuldet, noch mehr aber Ausdruck der mit Zunahme ihrer Gefühle wachsenden Entfremdung von der Welt, die sie umgibt. Es ist die Emigration ins INnere, die sie vollziehen. Insofern ist IL PORTIERE DI NOTTE weitaus mehr als “nur” ein Film über den Nationalsozialismus und seine privaten psychischen Folgen. Es ist ein Film über Menschen, die den Kontakt zur Welt und ihrem eigenen Menschsein verlieren. Das Gefühl, das Cavanis Film weit mehr als jedes andere prägt, ist Trauer und Empathie mit diesen verlorenen Seelen. Für Max’ Nazifreunde, die nichts mehr fürchten als ihre Enttarnung, setzen die alten Reflexe wieder ein, sobald jemand “Sieg Heil!” ruft – dann reagieren sie wie der Pawlowsche Hund, auch wenn sie sich selbst als “therapiert” bezeichnen. Maximilian ist ihnen insofern voraus, weil er weiß, dass er sich nichts vormachen kann: Er ist immer noch derselbe, nur die Welt um ihn herum hat sich verändert.

Dirk Bogarde interpretiert seinen Maximilian als distinguierten, effiminierten Aristokraten: Die Herrenmenschenideologie ist zu einem unscharfen Snobismus degeneriert, gleichzeitig ist er innerlich von Selbstzweifeln, Scham und Unsicherheit zerfressen. Nur in seinen leisen Triumphen ahnt man noch, wozu er einst fähig gewesen sein mag: Der verächtliche Blick, mit dem er den Pawlowschen Hitlergruß seiner Kameraden quittiert, verrät den entschlossenen, intelligenten Mann hinter des Maske des braven Hoteldieners. Charlotte Rampling ergänzt den Romantiker Maximilian mit einer Mischung aus kindlicher Unschuld und katzenhafter Aggression. Es ist nachvollziehbar, warum Maximilian ihr verfallen und was sie als Kind an diesem Mann finden konnte, der sie mit heiligem Ernst untersuchte wie eine fremde Göttin. Aber so exzentrisch beide in ihrer Lust auch sind, sie bleiben Opfer: Gebannt von den blassen Farben, die sich einem Leichentuch gleich über die Bilder legen. Wenn Maximilian und Lucia am Ende tot auf den regennassen Gehsteig fallen, ist mit ihnen nur ein Symptom ausgeschaltet. Die Krankheit würde Europa noch eine Weile länger beschäftigen.

Über meine nächste Station bin ich noch unentschlossen: Entweder, ich lege noch Viscontis LA CADUTA DEGLI DEI nach, oder ich begebe mich schnurstracks zur nächsten Station: Lettland. Lasst euch überraschen!

Apropos: Wie meine Leser gemerkt haben dürften, ist der Filmflow hier derzeit etwas ins Stocken geraten. Das ist sowohl einer gewissen temporären Unlust als auch der Tatsache geschuldet, dass ich meine filmische Weltreise nicht einfach nur abreißen möchte, sondern jedem Film mit einem Mindestmaß an Aufmerksamkeit gegenübertreten will, das an manchen Abenden einfach nicht gewährleistet ist. Die Weltreise geht also definitiv weiter, wenn auch etwas gemächlicher als zunächst geplant. Wenn’s euch nicht stört …

10
Mai
12

la corrupción de chris miller (juan antonio bardem, spanien 1973)

Die junge Chris Miller (Marisol) kehrt von ihrem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik zurück in das Haus ihrer Stiefmutter Ruth (Jean Seberg). Die kämpft immer noch mit dem Zorn auf ihren Ehemann, Chris’ Vater, der beide Frauen vor einem Jahr ohne Angabe von Gründen sitzen lassen hat. In die komplizierte Beziehung zwischen den beiden Frauen platzt der Musiker Barney (Barry Stokes): Der will eigentlich nur Unterschlupf finden, wird von Ruth jedoch erst vernascht, dann verjagt, als nächstes schließlich auf die Stieftochter angesetzt. Will Ruth die labile Chris aus Rache an ihrem Ehemann verletzen? Und ist Barney möglicherweise der umgehende Serienmörder?

LA CORRUPCIÓN DE CHRIS MILLER ist ein Thriller, der als Modernisierung einer klassischen Märchenprämisse verstanden werden darf: Die schöne Tochter bekommt es mit der bösen Stiefmutter zu tun, wird unter dem Deckmantel der Fürsorge nach und nach korrumpiert, wie der Titel verrät. Einen schönen Prinzen gibt es auch, nur ist nicht so ganz klar, ob es sich bei diesem nicht doch um den Wolf im Schafspelz handelt. Juan Antonio Bardem, der Onkel des Oscar-Preisträgers Javier Bardem, lässt diese Frage lange offen, erkundet in der ersten Filmhälfte zunächst die Beziehung zwischen Ruth und Chris, bevor er den männlichen Protagonisten in die Wagschale wirft. Die Entscheidung im sich langsam entwickelnden Psychoduell, in dem Ruth die treibende Kraft ist, wird jedoch recht abrupt kurz vor der Eskalation vertagt, weil sich der Film nun dem Killer zuwendet, von dem immer noch nicht klar ist, ob es sich bei diesem um Barney handelt. Die Sequenz, in der sich der Unhold in das Haus einer nichts Böses ahnenden Familie einschleicht, ist für sich genommen zwar durchaus spannend geraten, kostet letztlich aber vor allem Zeit, die dann am Ende fehlt, um die Geschichte um Ruth, Chris und Barney zu einem befriedigenden Ende zu bringen. Es geht plötzlich alles etwas hopplahopp, wo zuvor noch Geduld oberste Priorität hatte, und der finale Twist ist etwas zu banal, um als Höhepunkt durchzugehen. Bardem hätte lieber auf den sich dann noch anschließenden, merkwürdigerweise wieder aufreizend langsam entwickelten Epilog verzichtet, der so gar nichts bringt.

Auch wenn LA CORRUPCIÓN DE CHRIS MILLER also kein zu Unrecht vergessenes Meisterwerk ist, darf man ihn Freunden des mediterranen Spannungskinos als leicht überdurchschnittlichen Vetrreter empfehlen. Bardem gelingt es ganz gut, die Spannung zwischen den drei Protagonisten auf die Spitze zu treiben; die erste Hälfte des Films verspricht letztlich mehr, als die zweite einzulösen weiß, aber ein Versagen muss man ihm auch nicht attestieren. Bei der Recherche zum Film habe ich erfahren, dass Jean Seberg der Film, den sie aus rein pekuniären Gründen gedreht hat, angeblich eher unangenehm gewesen sein soll. Das finde ich reichlich übertrieben. Gut, für jemanden, der in Godards À BOUT DE SOUFFLE mitwirken durfte, einem der vielleicht einflussreichsten Filme des 20. Jahrhunderts, mag LA CORRUPCIÓN DE CHRIS MILLER tatsächlich wie nichtswürdiger Schund aussehen, etwas Humor und die Fähigkeit, sich selbst nicht ganz so ernst zu nehmen, könnten da aber Wunder wirken. Wenn man bedenkt, was andere, weitaus berühmtere Schauspieler für Leichen im Keller haben … Naja, für die Seberg kommt diese Anmerkung natürlich ein paar Jahrzehnte zu spät. Zugutehalten muss man ihr, dass man ihrem Spiel die Abneigung nicht anmerkt: Lediglich ihre fürchterliche Frisur, eine Art Vokuhila für Hausfrauen, könnte man als kleinen Sabotageakt deuten.

Nächste Station auf meiner Weltreise: Italien.

09
Mai
12

el retorno del hombre lobo (paul naschy, spanien 1981)

Die Wissenschaftlerin Erika (Silvia Aguilar) hat die Grabkammer der Vampirgräfin Bathory (Julia Saly) ausfindig gemacht, und möchte sie – unter ihrem Bann stehend – zu neuem Leben erwecken. Zwei Grabräuber haben aus Versehen bereits den Wolfsmenschen Waldemar Daninsky (Paul Naschy), aufgeweckt, der sein Schicksal der Bathory verdankt. Zunächst kommt er Erika und ihren beiden Freundinnen aber zur Hilfe, nimmt sie dann bei sich auf und verliebt sich schließlich in die schöne Karen (Azucena Hérnandez), in der Hoffnung, dass sie ihn von seinem Fluch erlösen möge. Als Erika die Wiedererweckung der Bathory gelingt, treibt aber plötzlich auch eine Gruppe weiblicher und verführerischer Vampire ihr Unwesen. Kann Waldi sie aufhalten?

Mein Reisebericht aus Spanien hat länger auf sich warten lassen als geplant: Derzeit schlafe ich einfach bei jedem Film ein und bin dann zur Nacharbeit verdammt. Doch EL RETORNO DEL HOMBRE LOBO ist nicht so richtig gut geeignet, ihn häppchenweise zu genießen, weil sein Erzählfluss gerade in der ersten Stunde so lose und locker ist, dass man nur schwer reinfindet, wenn man einmal draußen ist. Er ist mitnichten kompliziert oder gar langweilig, aber er verfügt auch nicht gerade über eine besonders flüssige Szenenabfolge. Vielmehr präsentiert er sich als munterer Reigen mal mehr, mal weniger theatralischer Szenen, mit denen sich Regisseur Naschy eher stolpernd auf einen Schluss zubewegt. So knutscht Daninsky in der einen Szene noch mit seiner neuen Angebeteten, bevor er in der nächsten ohne Vorwarnung und unter dem Einfluss des Vollmonds erst zum Derwisch, dann zum Werwolf mutiert. Nicht nur hinsichtlich seiner Bilderwelt – die Karpathen sehen verdächtig nach Spanien aus, der Werwolf wie ein mürrischer Teddybär, eine lebende Mumie mit Zahnlücke erinnert an die reitenden Leichen Ossorios und “Wissenschaftler” sind attraktive Frauen, die mit okkulten Amuletten herumwedeln – lässt sich EL RETORNO DEL HOMBRE-LOBO also am ehesten als “kindlich” beschreiben, auch die ihm zugrunde liegende Handlungslogik (oder der Mangel an einer solchen), erinnert an die Europa-Horror-Hörspielkassetten von einst, auf denen auch alle möglichen Monster bunt durcheinandergewürfelt und kombiniert wurden. Erst gegen Ende, wenn die Bathory mit ihren neuen Vampirsklavinnen durch die Gemächer wandelt, immer von einer dicken Nebelwolke umhüllt und schick ausgeleuchtet, findet EL RETORNO DEL HOMBRE LOBO dann seine Linie und auch seinen visuellen Stil: Während der Sinn dafür, was hier “real” ist, unter dem Zauber der Vampirgräfin mehr und mehr ins Wanken gerät, wird der Film paradoxerweise gleichzeitig konkreter und klarer. Der Spuk endet schließlich in einer handfesten Balgerei zwischen Daninsky und Bathory, bevor er über seine geliebte Karen herfällt, die ihm aber noch den geweihten Silberdolch ins Herz rammen kann und so die Prophezeiung, er könne nur durch das Selbstopfer seiner wahren Liebe erlöst werden, wahr macht.

Was ich an spanischen Horrrofilmen so liebe, das ist die Mischung aus der beschriebenen kindlichen Naivität und einer melodramatischen Schwermut: Alle Gefühle werden zu Phänomenen von existenzieller Schwere aufgeblasen, die die Protagonisten von einem Zusammenbruch in den nächsten treiben. Exemplarisch dafür steht hier die herrliche, gut fünf Minuten dauernde Verwandlungssequenz, während der Daninsky die gesamte Inneneinrichtung zerkloppt, sich quer durch das geräumige Zimmer und wieder zurück arbeitet, ab und zu hinter einem Möbelstück verschwindet, um dann mit etwas mehr Gesichtsbehaarung wieder aufzutauchen, und sich in Schmerzen auf dem Boden windet, bevor er endlich  als fertiger Wolf dasteht. Naschy ist dann auch der Grund, warum die Stimmung von EL RETORNO DEL HOMBRE LOBO eher gedrückt ist: Sein herzensguter Held wirkt dank Naschys nun nicht gerade imposanter Statur und seinem eher durchschnittlichen Äußeren alles andere als heldenhaft, viel eher traurig und defizitär; den heißblütigen Liebhaber nimmt man ihm nur mit viel Goodwill ab. Ich meine, Naschy weiß das: Man kann ihn von der traurigen Daninsky-Figur kaum trennen und wahrscheinlich begreift man diesen Film deshalb am besten als ausuferndes Stimmungsbild, denn als kohärente Sinneinheit. Das karge iberische Ungarn ist ein Spiegel von Daninskys/Naschys Seelenleben, das unter ständiger Bedrohung unbekannter, außerweltlicher Kräfte steht. Mit der unsterblichen Liebe geht der eigene Tod einher und was im einen Moment noch glasklar erscheint, darüber legt sich im nächsten schon dichter Nebel. Und wer fragt bei so viel Poesie noch nach der korrekten Interpunktion? Das Bild der ekstatischen Bathory, als sich nach Jahrhunderten der Dunkelheit endlich wieder das rote Blut einer Jungfrau über ihr bleiches Antlitz ergießt, lässt keine Fragen offen.

07
Mai
12

marvel’s the avengers (joss whedon, usa 2012)

Dass für den Freund bunten Firlefanzes dieses Jahr kein Weg an MARVEL’S THE AVENGERS vorbeiführt, zeigt sich schon daran, dass selbst ich den Weg ins Kino gefunden habe, um ihn mir mit 3D-Brille bewaffnet anzusehen und mich selbst davon zu überzeugen, dass es sich hierbei um den CITIZEN KANE des Superheldenfilms handelt. Zwar bin ich ganz froh, dass ich mein anlässlich des grauenvollen X-MEN ORIGINS: WOLVERINE geäußertes Versprechen, Marvel-Filme zukünftig zu meiden, gebrochen habe, dennoch hapert es auch bei diesem jüngsten Werk ganz erheblich an allem, was über Krawall und Action hinausgeht. Was das heißt, könnt ihr in meiner Rezension nachlesen, die ich für Hard Sensations verfasst habe. Klick!

04
Mai
12

les predateurs de la nuit (jess franco, spanien/frankreich 1988)

Der Schönheitschirurg Dr. Flamand (Helmut Berger) versucht verzweifelt, seiner entstellten Schwester Ingrid ein neues Gesicht zu transplantieren: Das Säure-Attentat einer wütenden Ex-Patientin hatte einst sie anstatt ihres Bruders getroffen. Gemeinsam mit seiner Geliebten, der Klinikchefin Nathalie (Brigitte Lahaie), kidnappt er Nacht für Nacht geeignete weibliche “Spender”, die er in seiner Klinik einsperrt und nach der Operation entsorgt. Weil jedoch alle Versuche scheitern, holt Flamand schließlich den ehemaligen KZ-Arzt Moser (Anton Diffring) zur Hilfe. Die Zeit drängt, denn der Vater (Telly Savalas) der jüngst entführten Barbara Hallen (Caroline Munro) hat den Detektiv Sam Morgan (Chris Mitchum) beauftragt, nach seiner Tochter zu suchen … 

Wie in meinem Eintrag zu LES YEUX SANS VISAGE schon angekündigt, verbleibe ich noch etwas länger in Frankreich. LES PREDATEURS DE LA NUIT drängt sich an dieser Stelle nämlich förmlich auf, “zwischengeschoben” zu werden: nicht nur, weil er eine Art Quasiremake von Franjus Klassiker ist, sondern auch, weil er als spanisch-französische Koproduktion für einen geschmeidigen Transfer zur iberischen Halbinsel sorgt. Und “geschmeidig” ist auch LES PREDATEURS DE LA NUIT, allerdings auf eine Art und Weise, die andere vielleicht eher als “schmierig” bezeichnen würden. “Gewidmet dem Mitternachtskino” besagt eine Texteinblendung während der Anfangscredits und diese Widmung ist kein loses Lippenbekenntnis: Franco vereint für seinen Film viele (ehemalige) Stars des europäischen (und internationalen) Films, geschmacklos-saftige FX und jene zwischen Glamour und Schmodder angesiedelte Form der Jetset-Erotik, die ein Relikt der Achtzigerjahre ist. Das alles wird mit einem für Franco durchaus beachtlichen Budget stilsicher auf die Leinwand gezaubert: Das Ergebnis ist wenn auch kein dem allgemeinen Verständnis nach spannender Film, so doch ein ausgesprochen unterhaltsamer Timewaster. Sleaze mit Erfolgsambitionen, sozusagen.

Entscheidend für diesen Erfolg ist vor allem seine eigenartige Stimmung. Die stellt sich gleich in den ersten Sekunden ein, wenn Flamand in Begleitung von Nathalie und Ingrid über die nächtlichen Prachtboulevards der französischen Hauptstadt chauffiert wird und vom Soundtrack eine an George Michael erinnernde Herzschmerz-Ballade ertönt, deren Titelzeile ich immer als “faceless whores come out at night” verstanden habe, aber das wird wohl ein Verhörer gewesen sein. Gefühle wie Verlorenheit und Sehnsucht kommen zum Ausdruck, scheinen aber nicht in den Protagonisten beheimatet zu sein, die ganz unreflektiert ihrem Tag- und Nachtwerk nachgehen. Die Ausflüge ins Pariser Nachtleben setzen sich im weiteren Verlauf des Films fort und verleihen ihm etwas gleichermaßen Traumwandlerisches wie Getriebenes. Die Suche nach dem perfekten Gesicht für Ingrid scheint kaum mehr als eine Ersatzhandlung: Es ist die Jagd selbst, die Flamand und Nathalie motiviert, viel mehr als der letztliche Erfolg. Das spiegelt sich dann auch in den deftigen Splatterszenen: Auch wenn ehemalige KZ-Ärzte an gefangenen Frauen herumfuhrwerken, Gesichtshäute blutig abgenommen und malträtierte Köpfe mit der Kettensäge abgetrennt werden, so wahrt Franco doch stets die Contenance. Seine Geschmacklosigkeiten springen den Zuschauer weniger an, als dass sie die Nebelwand zwischen Film und Betrachter verstärken, Distanz zu den Charakteren schaffen, die im wahrsten Sinne des Wortes verloren sind. In dieser Hinsicht ist Francos Film sehr typisch für die Achtzigerjahre: Hinter der Fassade aus Schönheit, Reichtum und Bildung tun sich seelische Abgründe auf und das bizarre Happy End suggeriert eine Welt, in der Gerechtigkeit längst nur noch eine verblassende Erinnerung ist.

Die unheimlichsten Momente des Films sind dann auch die leiseren, jene, in denen das Unsagbare kurz an die Oberfläche tritt: das Gespräch mit Dr. Orloff (Howard Vernon), der seine in vierzig Jahren kaum gealterte Gattin (Lina Romay) als “sein Meisterwerk” bezeichnet, die Nervosität Mosers – Anton Diffring, die deutsche Antwort auf Peter Cushing, beweist, dass er für die Darstellung von Nazis und KZ-Ärzten geboren wurde -, bevor er endlich wieder seiner so lange vermissten Tätigkeit nachgehen darf. Schließlich als Höhepunkt der Moment, in dem die erste Operation missglückt, er das Reißen der kostbaren Gesichtshaut mit einem “Scheiße, Scheiße!”-Ausruf quittiert, als habe er Rotwein auf eine teure Sitzgarnitur geschüttet. Hier offenbart sich ein verstörendes Potenzial, das nur ganz kurz zwischen den Bildern bestrumpfter Schönheiten, softerotischen Tingeltangels (der Film bleibt nicht nur für Franco-Verhältnisse überaus zahm) oder comichafter Splatter-Garstigkeiten durchblitzt und gerade deshalb umso nachhaltiger wirkt. Am Schluss bleibt kaum mehr als ein Schatten: Hat man das eben wirklich gesehen? LES PREDATEURS DE LA NUIT ist ein später Höhepunkt des Franco’schen Schaffens und ein Film, den man als Freund des Achtzigerjahre-Kinos durchaus mal einer Neu- oder auch Erstbetrachtung unterziehen sollte.

Nächste Station: Spanien.

02
Mai
12

les yeux sans visage (georges franju, frankreich/italien 1959)

Durch einen von ihrem Vater, dem berühmten Chirurgen Dr. Génessier (Pierre Brasseur), verursachten Autounfall verliert dessen Tochter Christiane (Edith Scob) ihr Gesicht - bis auf die Augen. Fieberhaft arbeitet der Mediziner daran, seiner Tochter ein neues Antlitz zu verleihen, doch es gibt zwei Probleme: zum einen benötigt er “Spender”, die nach der Operation entsorgt werden müssen, was die Polizei auf den Plan ruft, zum anderen stößt Christianes Körper das transplantierte Gewebe immer wieder ab. Für die junge Frau wird das Warten, verbunden mit dem Wissen, das andere für sie sterben müssen, zur Qual …

Ein weitere Klassiker, den ich jetzt endlich einmal gesehen habe. Georges Franjus Film wird zu den Sternstunden des europäischen Horrorkinos gezählt: zu Recht, doch eigentlich ist diese Schublade viel zu klein für ihn. LES YEUX SANS VISAGE besticht vor allem durch seine klinische Kühle, Sachlichkeit und messerscharfe Präzision, ohne jedoch für diese seinen Sinn für Poesie gänzlich aufzugeben. Auch wenn beide Elemente unvereinbar scheinen: Bei aller fast dokumentarischen Distanziertheit wirkt LES YEUX SANS VISAGE wie ein schrecklich schöner Albtraum. Hätte ich den Film als Kind gesehen, die Bilder der gesichtslosen Tochter, die mit einer weißen, konturlosen und nur die Augen freilassenden Maske durch das prächtige Haus des Vaters wandelt, hätten mir bestimmt schlaflose Nächte beschert. 

Franju erweist sich als meisterlicher Beobachter und Dialektiker, der sich einem einfachen Urteil über seine Hauptfigur verweigert. In einem Fernsehinterview über seine Idee von Horror befragt, gab er zu Protokoll, dass es nicht absonderlich sei, wenn ein Verrückter verrückte Dinge tue: Das sei im Gegenteil absolut normal. Furchterregend werde es erst, wenn der Urheber des Verrückten ein ganz normaler Mensch sei: Hier liege die Quelle des Schreckens. LES YEUX SANS VISAGE spiegelt diese Überzeugung in mehrerlei Hinsicht und äußerster Konsequenz wider. Mit einiger Distanz beobachtet Franju seinen Protagonisten bei der Arbeit, zeichnet ihn eben nicht als verrückten Wissenschaftler, sondern als von der Liebe zu seiner Tochter und Schuldgefühlen getriebenen Vater, dem der moralische Kompass verloren gegangen ist und der darüber zum Serienmörder wird. Das Piece de Resistance, eine lange Operationsszene in der Mitte des Films, ist in beinahe semidokumentarischen Stil inszeniert und schockiert nicht so sehr mit Kunstbluteinsatz, sondern vielmehr mit der Professionalität und Konzentration, mit der sie ausgeführt wird. Die Effekte, obwohl technisch einfach und durchsichtig, sind auch heute noch immens effizient und verfehlen ihre Wirkung nicht.

LES YEUX SANS VISAGE ist ein klaustrophobischer Film mit engem Fokus: Nie sieht man eine Totale von Génessiers Anwesen, in dem der Film hauptsächlich spielt, Ausflüge in die Außenwelt sind enorm kurz gehalten: Der Zuschauer wird ganz in die Beziehung zwischen dem Vater und seiner Tochter hineingezogen, teilt gewissermaßen die Obsession des Arztes. Aber da ist diese sekundenkurze Einstellung eines Flugzeugs, das am Himmel vorüberfliegt, während der Arzt mit seiner Assistentin Louise (Alida Valli) eine Leiche verscharrt: ein flüchtiger Moment mit großer Wirkung, denn hier löst Franju die Isolation seiner Figuren gewissermaßen auf. Génessier handelt mitnichten im luftleeren Raum, er ist Bestandteil einer Welt, die sich um ihn herum bewegt. Ein faszinierender Moment, ein kleiner Kniff nur, den man leicht übersieht, der aber sehr wichtig für den Film als Gesamtwerk ist, weil er ihm eine moralische Dimension hinzufügt, deutlich macht, dass Génessiers Verbrechen eine Wirkung haben, nicht bloß “Privatsache” sind. Es ist ein paradoxer Moment, weil er den Schleier des Traums auf der einen Seite zugunsten der Klarheit lüftet, andererseits aber selbst so vollkommen fremdartig und singulär ist. Und Louise, die dem Flugzeug hinterher blickt, als habe sie eine Erscheinung gehabt, scheint erst in diesem Moment zu begreifen, dass sie an einer Mordserie beteiligt ist.

LES YEUX SANS VISAGE ist ein ungemein reicher Film, seine Geschichte bietet genug Widerhaken, an denen man sich interpretatorisch einhängen könnte: Es gibt eine sehr problematische Vater-Tochter-Beziehung, gleichzeitig geht es auch um die Bindung zwischen Arzt und Patient. Er stellt die ethische Frage danach, wie weit die Medizin gehen darf, und eine existenzphilosophische nach dem Zusammenhang zwischen Gesicht und der Identität. Doch Franju hat keinen diskursiven Film gemacht, keinen “filmischen Diskussionsbeitrag”, sondern ein poetisches, dichterisches Werk, dem man sogar den einen Schönheistfehler verzeiht: Dass die Polizei eine ertappte Ladendiebin dazu zwingt, den Köder für den Killer zu geben, mutet im Rahmen dieses Films arg unglaubwürdig an.

Die nächste Station meiner Weltreise sollte eigentlich Spanien sein, vielleicht verweile ich aber noch ein bisschen bei den Franzosen. Lasst euch überraschen!

01
Mai
12

born of fire (jamil dehlavi, großbritannien 1983)

Eine Astronomin (Suzan Crowley) beobachtet im Zuge einer Sonnenfinsternis ungewöhnliche starke Aktivität an der Oberfläche der Sonne und vernimmt währenddessen zudem eine eigenartige Musik. Sie sucht den Flötisten Paul Bergson (Peter Firth) auf, der die Musik ebenfalls hört: Sein Vater kam unter myteriösen Umständen ums Leben, nachdem er sich in der Türkei von einem “Master Musician” unterrichten ließ. Als ein vermeintlich inaktiver Vulkan in der Türkei ausbricht, ist die Astronomin davon überzeugt, dass dies mit der Sonnenaktivität und der Musik zusammenhängt und überredet Paul, in die Türkei zu reisen. Der wird dort nicht nur mit bislang unbekannten Erkenntnissen über seinen Vater konfrontiert, sondern auch mit dem Teufel (Oh-Tee), der eine Möglichkeit gefunden hat, die Welt mithilfe von Musik zu unterjochen. Doch dafür benötigt er einen Musiker …

BORN OF FIRE entzieht sich einer Einordnung in eine Schublade wie nur wenige Filme, die ich kenne. Er wurde von dem in Indien geborenen Pakistani und nach Großbritannien ausgewanderten Jalil Dehlavi für das britische Fernsehen inszeniert, zeigt deutliche Einflüsse der orientalischen Erzähltradition, die aufs Härteste mit denen der westlichen, vermeintlich “rationaleren”, aufeinanderprallen. BORN OF FIRE beginnt zunächst wie ein “typischer” Okkult- oder Mysterythriller. Doch die bis dahin noch relativ klar herausgearbeitete Story tritt mit dem Schauplatzwechsel in die Türkei zugunsten einer symbolträchtigen, assoziativen und nonlinearen Erzählhaltung in den Hintergrund. Träume und Visionen beginnen die Filmwirklichkeit zu überlagern, die Dialoge, die in der ersten halben Stunde Exposition geleistet haben, verschwinden mehr und mehr, der Film wird von Sprachlosigkeit ergriffen. Dehlavi wollte nach eigenem Bekunden eigentlich Maler werden und das sieht man BORN OF FIRE an, der sich immer mehr in einen Bilderbogen verwandelt. Der an bizarr anmutenden Originalschauplätzen im anatolischen Hinterland gedrehte Film profitiert sehr von seinen außerweltlichen Settings, die seine Fremdartigkeit noch unterstreichen. Und man spürt, wie sehr diese Umgebung vom Regisseur und seinem Film Besitz ergriffen hat. BORN OF FIRE ist auch ein Film über den Verlust von (künstlerischer) Kontrolle und ihre Wiedererlangung und es scheint, als habe der Regisseur selbst sich mit seinem Team dieser Entwicklung unterworfen.

Ein Urteil möchte ich mir nach einer Sichtung noch nicht anmaßen. So faszinierend BORN OF FIRE auch anzusehen ist: Leichte Ermüdungserscheinungen kann ich nicht verhehlen. Dehlavi wandelt auf dem schmalen Grat zwischen Genrekino und Kunst, doch sein Film ist in der Verquickung der beiden Pole nicht hundertprozentig ausgewogen. Der Kampfbegriff der artsy-fartsiness schwebt immer in Reichweite und es ist lediglich diese mit den Settings und der Geschichte verbundene Urwüchsigkeit und Ursprünglichkeit, die den Film am Boden halten, Kopf und Geist sozusagen mit dem dringend benötigten Bauch ausstatten und erden. Trotzdem überwiegen Sympathie und Wohlwollen: Wenn Dehlavi in einem auf der DVD enthaltenen Interview beinahe gekränkt davon berichtet, dass er längst nicht mehr die Filme machen kann, die er machen möchte, er am liebsten ganz auf die Dialoge verzichtete, die seine Filme mittlerweile gezwungenermaßen bestimmen, dann erkennt man, mit welchen Schmerzen das Künstlerleben verbunden ist und welchen Triumph BORN OF FIRE für ihn darstellen muss. Ein Film, in dem sich seine künstlerischen Instinkte gegen alle kommerzielle Erwägungen und Kompromisse durchgesetzt haben. Der Teufel wurde in BORN OF FIRE gleich auf zwei Ebenen in die Flucht geschlagen.

Nächste Station: Frankreich.




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