Einträge tagged ‘Agentenfilm

30
Mar
11

the spy who came in from the cold (martin ritt, großbritannien 1965)

Alec Leamas (Richard Burton) ist nach Jahren der Geheimdiensttätigkeit für Großbritannien zwischen den Fronten des Kalten Krieges zermürbt, am Ende. Sein Auftraggeber Control (Cyril Cusack) schickt ihn auf seine letzte Mission, nach der Leamas endlich “aus der Kälte hereinkommen” darf, wie im Geheimdienstjargon der Ausstieg aus dem Dienst genannt wird. Ziel seiner letzten Operation ist es, den russischen Agenten Mundt (Peter van Eyck), Leamas’ Erzfeind, vor seinen eigenen Leuten als Doppelagent zu diffamieren und so seine Liquidierung zu erzielen. Zunächst läuft alles planmäßig, doch ausgerechnet die sich anbahnende Liebesbeziehung zur britischen Kommunistin Nan (Claire Bloom) wird ihm zum Verhängnis …

THE SPY WHO CAME IN FROM THE COLD, der auf einem frühen Bestseller John Le Carrés basiert, stellt ganz oberflächlich betrachtet zunächst einmal eine deutliche Abkehr von Ritts bisherigem Ansatz dar: Auch wenn er sich bereits zuvor mit politischen Themen wie Rassismus, Sexismus und den gesellschaftlichen Missständen einer kapitalistisch geprägten Welt allgemein beschäftigt hatte, so übte er seine Kritik doch stets vor dem Hintergrund zwar repräsentativer, aber dennoch vor allem individueller, persönlicher Schicksale. Natürlich geht es auch in THE SPY WHO CAME IN FROM THE COLD in erster Linie um Leamas und darum, welche Auswirkungen seine Tätigkeit auf sein Leben hat, aber sein Schicksal vollzieht sich hier nun vor dem Hintergrund weltpolitischer Ereignisse. Es geht genau um diesen Kontrast: darum, wie eben Politik von Menschen gemacht wird, deren persönliche Probleme plötzlich eine Tragweite erhalten, die über ihr eigenes Befinden weit hinausgeht; darum, wie umgekehrt die großen, wichtigen, das einzelne Individuum transzendierenden und die ganze Welt betreffenden Angelegenheiten von einem einzelnen Mann ausgehandelt und verarbeitet werden müssen. Wie kann ein einzelner Mensch diese Last tragen, ohne darunter zu zerbrechen? Es geht nicht.

Wenige Jahre, nachdem die James-Bond-Reihe mit sensationellem Erfolg angelaufen war, inszenierte Martin Ritt seinen düsteren Kalter-Krieg- und Spionagethriller als deutlichen Gegenentwurf zu deren Jet-Set-Pop-Fantasien. Oswald Morris fängt das Geschehen in dunklen, ungemütlichen, fast klaustrophobischen Bildern ein, fast der gesamte Film spielt in Innenräumen, in denen die Protagonisten sich in langen Dialogen verstricken, und wenn es dann doch einmal nach draußen geht, befindet man sich entweder am nächtlichen, von Stacheldraht gesäumten Checkpoint Charlie, am regnerischen Trafalgar Square, an der kargen niederländischen Nordseeküste oder in einem winterlichen Nadelwald irgendwo in Osteropa: Keine Spur von den exotischen Paradiesstränden, die Sean Connerys Superagent zur selben Zeit regelmäßig besuchen durfte. Die Musik von Sol Kaplan akzentuiert nicht die Taktierereien der Blöcke, die globalpolitischen Umwälzungen, sondern das menschliche Drama, das sich vor den Augen des Zuschauers vollzieht und Richard Burton spielt den Leamas nicht als weltgewandten und tollkühnen Charmeur und Lebemann, sondern als ausgebrannten Beamten, der den Glauben, für die richtige Seite zu arbeiten oder dafür, dass es diese überhaupt gibt, längst verloren hat. Burton, dem der Sinn für das rechte Maß sowohl beruflich als auch privat manchesmal abhanden kam, agiert hier, in einem Part, der ihm durchaus die Gelegenheit geboten hätte, auf seine ihm eigene, unverwechselbare Weise zu chargieren, mit angemessener Zurückhaltung und lässt den großen Namen hinter der Rolle fast vollständig vergessen. Der Clou an diesem Film, der vor lauter Konzentration und Kompaktheit fast Atemnot erzeugt, ist aber das raffinierte Drehbuch: Es gehört beim Agentenfilm ja fast zum guten Ton, dass man als naiver Durchschnittsmensch schnell den Überblick verliert; hier ist das genauso, was aber eben nicht an einer überkomplizierten Handlung liegt, sondern allein in der Struktur des Scripts begründet ist. Zum Verständnis wichtige Informationen werden lange zurückgehalten und dann mit verblüffendem Effekt nachgereicht. Diese Strategie funktioniert perfekt, weil so nicht nur die gegnerischen Agenten auf Leamas Täuschungsmanöver hereinfallen, sondern der Zuschauer gleich mit ihnen. Den Glauben an einen Spion, der sich in dieser Welt des Verrats, der Täuschung und versteckter Agendas mit Eleganz und Souveränität bewegt, zerschlägt Ritt mit Nachdruck: Ein Mensch muss hier früher oder später scheitern oder seelisch verkrüppeln. Den entscheidenden Twist, der das Treiben der Geheimdienste endgültig als amoralisch und unmenschlich enttarnt, verrate ich natürlich nicht. Er ist aber nur der krönende Abschluss eines Films, der sich zwar nicht unbedingt als Meisterwerk aufdrängt, aber trotzdem kaum anders bezeichnet werden kann.

18
Mar
11

attack force (michael keusch, usa/rumänien 2006)

Bevor es hier mit der versprochenen hohen Filmkunst weitergeht, brauche ich erst einmal eine ordentliche Dosis Gewalt, verabreicht von dicken Männern, die kaum noch aus den zugeschwollenen Augen gucken können. Genau, ich bin mal wieder bei Steven Seagal gelandet. 

Die Inhaltsangabe kann ich aufgrund der in ATTACK FORCE vorherrschenden Plotkonfusion nur mithilfe der IMDb verfassen, man verzeihe mir: Marshall Lawson (Steven Seagal), Anführer einer Spezialeinheit, verliert sein Team beim Überfall einer Gruppe blutrünstiger Killer. Die Ermittlungen führen ihn zu einem Drogendealer und einer geheimen Operation: Mithilfe der Droge CTX verwandeln sich Menschen in unaufhaltsame Mordbestien. Eigentlich ist die Droge für militärische Kampfeinsätze vorgesehen, doch stattdessen wird sie ins Trinkwasser geleitet. Lawson nimmt mit seinen Leuten den Kampf gegen die Killer auf …

Kurz nach diesem DTV-Filmchen, das die typischen Merkmale der meisten Filme des Seagal’schen Oeuvres ab 2001 aufweist, auf die ich gleich eingehen werde, fand die mysteriöse Kampfwurst mit dem düsteren URBAN JUSTICE überraschend wieder in die Spur, knüpfte damit zwar nicht an sein mit Studiopower produziertes Frühwerk der Jahre 1988 bis ca. 1996 an, konnte sich aber endlich von den billig produzierten, ultrakonfusen und überkomplizierten Agententhrillern verabschieden, mit denen er seine Zuschauer ab ca. 2001 regelmäßig zu überfordern pflegte. ATTACK FORCE markiert zwar schon einen Schritt in die richtige Richtung – die Handlung ist deutlich gradliniger, das Personeninventar übersichtlicher, die Action zupackender – doch war man vom Ziel, einen ansehbaren Film zu produzieren oder auch nur eine halbwegs sinnstiftende Inszenierung hinzubekommen, immer noch meilenweit entfernt. Das heillose Chaos, als das sich ATTACK FORCE dem verdutzen Zuschauer darstellt, hat eine verblüffende Ursache: Erst in letzter Sekunde entschied man sich, aus einem ursprünglich geplanten Alien-Invasion-Film einen “normalen” Terroristen-Actioner zu machen. Überreste dessen, was einmal sein sollte, sind aber noch überall im fertigen Film verstreut: Warum etwa die durch die Droge zu Amokläufern mutierten Opfer unter einer rätselhaften (und tricktechnisch gar nicht mal so schlecht realisierten) Mutation ihrer Augen leiden, außerdem Messer aus einem auf der Erde unbekannten Material mit sich führen, kann natürlich nie befriedigend erklärt werden – außer eben dadurch, dass es sich bei ihnen ursprünglich mal um böse Aliens handelte. Warum man sich für diese Neukonzeptionierung entschied, ist mir nicht bekannt, aber die ganze Drogengeschichte ist mit derart heißer Nadel gestrickt, dass man entscheidende Dialogpassagen nicht einmal mehr neu drehen konnte, sondern schlicht nachsynchronisierte. Das hat wiederum zur Folge, dass Seagal in diesem Film mit zwei verschiedenen Stimmen spricht: seiner eigenen, meistens aber mit der eines Synchronsprechers, dessen Organ nur wenig Ähnlichkeit mit des Shadow Mans sanftem Bariton hat, auch schon mal spricht, wenn Seagal den Mund gar nicht bewegt, und deshalb für einige Verwirrung sorgt. (Und natürlich gilt das auch für alle anderen Darsteller des Films.) Angesichts dieses Chaos ist es schon erstaunlich, dass ATTACK FORCE ästhetisch gar nicht mal so schlecht geworden ist.

Wieder einmal in Bukarest gedreht, das hier nur wenig überzeugend Paris darstellen soll, ist Seagals Beinahe-Science-Fictioner düster und klaustrophobisch. Tageslicht gibt es in Keuschs Film fast gar nicht, Szenen unter freiem Himmel ebenfalls nur ganz selten und die Kamera geht nie in eine Raum spendende Totale, sondern ist meist so dicht an den Figuren dran, dass man nie einen Eindruck vom Raum erhält, in dem sich das Geschehen abspielt. Der ganze Film fühlt sich unangenehm und beengt an, als wohne man einem abgefilmten Fiebertraum bei und dazu passt auch, dass Seagal dank der geschilderten Umstände noch mehr wie ein Geist wirkt als das ohnehin schon der Fall ist. Eine Verbindung zwischen ihm und dem Rest des Films ergibt sich nie, er wirkt immer wie aus einer anderen Dimension ins Geschehen gebeamt und schwebte er auf einer Wolke durch die Settings, es machte kaum einen Unterschied. Vielleicht war auch den Machern – Seagal selbst fungierte als Produzent – bewusst, dass er mehr und mehr wie eine überirdische, immaterielle Präsenz, ja wie ein Engel wirkt, selbst wenn er wie im Showdown einen meterlangen Schießprügel in den schwammigen Wurstfingern hält, als handele es sich dabei nicht um eine Waffe, sondern um eine besonders wertvolles Stangengebäck. Das erklärte sowohl, warum man ihn fürs DVD-Cover via Photoshop in einen jungfräulichen 17-Jährigen schönfärbte, als auch, warum man die Aliens kurzerhand in Drogenopfer verwandelte: Ein Seagal ist bereits mehr Alien als ein Film vertragen kann.

14
Mar
11

nati con la camicia (enzo barboni, italien/usa 1983)

Der rollschuhfahrende drifter Rosco (Terence Hill) verwickelt den soeben aus der Haft entlassenen Doug O’Riordan (Bud Spencer) erst in eine Keilerei und stiftet ihn dann auch noch zum Raub eines LKWs an. Auf der anschließenden Flucht vor der Polizei besteigen beide unter falschem Namen ein Flugzeug, nur um plötzlich für Geheimagenten gehalten zu werden. Als Steinberg und Mason sollen die beiden es mit dem Superschurken K1 aufnehmen, der die Welt durch den Abschuss einer Rakete ins Chaos stürzen will …

Eigentlich wollte ich diesen Film nicht nochmal schauen, da ich ihn als sehr mäßig im Gedächtnis behalten hatte, doch mit dem traurigen MIAMI SUPERCOPS konnte ich die Reihe beim besten Willen nicht enden lassen. So hatte jener Totalausfall wenigstens ein Gutes, nämlich dass ich mich davon überzeugen konnte, dass NATI CON LA CAMICIA gar nicht so schlecht ist. Die Verwechslungsposse zapft bereits das komische Potenzial an, das der darauffolgende NON C’É DUE SENZA QUATTRO so erfolgreich für sich nutzen sollte: Als texanische Ölbarone getarnt, dürfen sich die Proleten Spencer & Hill komplett gehen lassen, sich in die geschmacksverwirrte Garderobe schmeißen, die nur Neureiche so zielsicher aus dem Kleiderschrank zu ziehen wissen, und das vornehme Gehabe im Luxushotel genussvoll bloßstellen. Die Agentenposse, die sich inhaltlich etwas an das damals aktuelle Connery-Bond-Revival namens NEVER SAY NEVER anlehnt (inklusive dem Barbara-Carrera-Ersatz Faith Minton), lockt zwar wirklich keinen Hund hinterm Ofen hervor, ist aber immerhin mit einigem Tempo inszeniert und kann mit etlichen kleinen Gags, die nicht ausschließlich auf das Konto von Hill & Spencer gehen, punkten. Besonders gut gefallen haben mir die beiden V-Männer der feindlichen Geheimdienste, die als Eis- bzw. Würstchenverkäufer getarnt sind und ihre Funksprüche in eine Eistüte bzw. Senftube sprechen - letzterer ist zudem auch noch den Decknamen “Würstchen” gestraft. In einer anderen tollen Szene steigt ein Mann in sein Auto, nur um zu bemerken, dass man das Lenrad entfernt hat. Vollkommen verwirrt schaut er sich im Innenraum des Wagens danach um, unter anderem hinter den Sichtblenden und im Handschuhfach. In einer ähnlichen Szene finden sich Spencer und Hill auf einer kleinen Toilette ein, in die sie vorher etliche Bösewichter haben verschwinden sehen, die nun jedoch wie vom Erdboden verschluckt sind. Auf der Suche nach einer Geheimtür widmet sich Hill dem Handtuchspender und zieht voller Erwartung – und jederzeit mit dem schlimmsten rechnend - mehrere der Papierhandtücher heraus. Solche kleinen visuellen Gags hat man in CHI TROVA UN AMICO, TROVA UN TRESORO vergeblich gesucht, sodass man NATI CON LA CAMICIA entgegen meiner im Eintrag zu jenem Film voreilig vorgenommenen Abwatschung des Spätwerks durchaus als “gelungen” bezeichnen kann. Insgesamt muss man zwar konstatieren, dass auch Barbonis Film sich lediglich mit dem unkreativen Abspulen des Erfolgsrezepts begnügt, in einigen Sequenzen unbeholfen und billig erscheint und zum Auswalzen der Spielzeit eine lange, spannungsarme Parasailing-Sequenz einbindet, die heute, wo man diesem Hobby an jedem Baggersee nachgehen kann, verblüffend unspektakulär anmutet. Aber schon der Volksmund weiß: Besser gut geklaut als schlecht neu erfunden. Reicht.

03
Mar
11

telefon (don siegel, usa 1977)

In den USA häufen sich Anschläge von Zivilisten auf ehemalige militärische Ziele. Doch hinter den vermeintlich unbescholtenen Bürgern verbergen sich in Wahrheit russische “Schläfer”, die vom abtrünnigen Dalchimsky (Donald Pleasence) per Telefon reaktiviert werden und daraufhin wie Roboter ihrer längst hinfälligen Bestimmung folgen. Die UdSSR schickt Major Grigori Borzov (Charles Bronson), um Dalchimsky auszuschalten, bevor dieser weiteres Unheil anrichten kann, oder die Geheimdienste der USA herausfinden, wer sich hinter den Anschlägen verbirgt. Borzov zur Seite steht die Amerikanerin Barbara (Lee Remick) – und die hat wiederum den Auftrag Borzov zu eliminieren, sobald er seine Mission erfüllt hat …

Als ich dieses Blog vor fast genau drei Jahren gründete, war die Don-Siegel-Werkschau eine tragende Säule. Leider ist sein umfangreiches Werk bis heute nicht vollständig auf DVD erhältlich, trotzdem freue ich mich darüber, wenn ich dem unvollständigen Puzzle ein weiteres Teilchen hinzufügen und im Fall von TELEFON außerdem ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten feiern kann. Zwischen den späten Meisterwerken THE SHOOTIST und ESCAPE FROM ALCATRAZ entstanden, ist Siegels mit Science-Fiction-Elementen angereicherter Agententhriller trotz der Besetzung mit dem damaligen Superstar Charles Bronson ein auf den ersten Blick eher “kleiner” Film. Ist man von Siegel sonst annähernd maschinelle Effizienz gewohnt, die im Zusammenhang mit seinen typischen Männergeschichten leicht den Eindruck von Zynismus erweckt, wie etwa besonders eklatant in DIRTY HARRY oder THE BLACK WINDMILL, mutet TELEFON trotz der für das Genre typischen Schrifteinblendungen, die das angezeigte Verstreichen der kostbaren Zeit noch mit maschinellem Rattern unterlegen, seines Kalter-Krieg-Szenarios und der bitteren Geschichte richtiggehend entspannt an. Und das ist nicht etwa auf einen Inszenierungsfehler zurückzuführen, sondern vollkommen beabsichtigt.

TELEFON ist, ich sage das jetzt mal so krass, ein Frauenfilm. Nicht im Sinne der RomComs, die nur dazu gemacht werden, dass Frauen sich mit Taschentüchern vor dem Fernseher versammeln und dem gerade trendmäßig anzuhimmelnden Traumtyp nachschmachten, sondern in dem Sinne, dass die weiblichen Charaktere den Film tragen und ihn erden. Das ist umso überraschender, als Siegel als ausgesprochener Männerregisseur gilt und aufgrund seiner zahlreichen Kollaborationen mit Clint Eastwood eine beliebte Zielscheibe des feministisch befeuerten Zorns der Filmkritikerin Pauline Kael war. Wer weniger inputhermeneutisch an Siegels Werk geht, wird erkannt haben, dass es schon immer wichtige und starke Frauenfiguren in seinen Filmen gab, aber in TELEFON tritt das besonders eklatant hervor. Der große Wurf des Drehbuchs von Stirling Silliphant und Peter Hyams ist somit nicht etwa die wunderschöne Idee, die Schläfer durch ein Gedicht von Robert Frost “wecken” zu lassen, sondern die Spiegelung der Schläfergeschichte im Konflikt Barbaras, die sich in Borzov verliebt, ihn aber gegen ihren Willen umbringen soll. (Die bestehenden Parallelen werden noch dadurch betont, dass auch Barbara ihren Auftrag am Telefon erhält und ihre Reaktion darauf von Siegel genauso inszeniert wird wie die der Schläfer.) Durch die auf den ersten Blick etwas aufgesetzt wirkende Liebesgeschichte zwischen Barbara, die den heiligen Ernst ihres Partners fast belustigend findet, und Borzov, der von den privaten Avancen sichtlich genervt ist, wird auch das eigentliche Drama hinter den Anschlägen akzentuiert: Nicht die Bedrohung für die USA oder den Weltfrieden ist es, die erschüttert, weil diese Konzepte von Siegel gar nicht weiter beleuchtet werden und abstrakt, ja fremdartig bleiben müssen, sondern die privaten Auswirkungen, das Herausreißen von Durchschnittsbürgern aus ihrem Leben und das Zurückbleiben ihrer Familien, die das Mitleid des Zuschauer erzeugen.

Und so enttarnt Siegel die Machtspiele der Geheimdienste als chauvinistische Eitelkeit, die nicht zuletzt auf dem Rücken der Frauen ausgetragen werden.Die größte Grausamkeit des Films ist es, als Borzov Barbara dazu auffordert, einen der überlebenden Schläfer zu exekutieren: Es ist der Versuch, sie zu brechen, sie auf seine Seite zu ziehen. Aber schließlich will auch Borzov nicht mehr mitmachen: Er und Barbara entziehen sich dem bösen Spiel und haben am Ende das Leben und die Welt buchstäblich vor sich. Dieses Finale ist dann auch eines der schönsten, die Siegel jemals inszeniert hat. Ja, TELEFON ist ein Liebesfilm und bestätigt mal wieder die These, dass alle Agentenfilme verklausuliert von der Liebe handeln, weil die sozusagen die Fortsetzung der Spionage mit anderen Mitteln ist. Ach so, die andere Frauenfigur des Films, die CIA-Computeranalystin Putterman (Tyne Daly), habe ich jetzt unterschlagen in meiner kleinen Exegese. Aber ihr sollt ja auch noch was zum Nachdenken haben.

26
Jan
11

gotcha! (jeff kanew, usa 1985)

Der Student Jonathan (Anthony Edwards) fährt gemeinsam mit seinem Kumpel Manolo (Nick Corri) nach Europa – nicht zuletzt in der Hoffnung, dort endlich entjungfert zu werden. In Paris begegnet er der erotischen Tschechin Sasha Banicek (Linda Fiorentino) und beide stürzen sich in eine heftige Affäre. Als sie Paris in Richtung Berlin verlassen muss, schließt sich Jonathan ihr an, noch nicht ahnend, dass sie tatsächlich eine CIA-Agentin ist, die einen dubiosen Auftrag in Ost-Berlin zu erfüllen hat. Und so sieht sich der arglose Student nach kurzer Zeit von KGB-Männern verfolgt …

GOTCHA! ist auch wieder so ein Kandidat: Hätte ich den Film im Teeniealter gesehen, könnte ich heute wahrscheinlich kaum objektiv über ihn urteilen. Tatsächlich erinnere ich mich noch an die lobenden Worte eines Klassenkameraden, dem die Begeisterung über den Teenie-Agentenfilm förmlich aus den Augen sprang. Ganz so hin und weg bin ich dann nicht, auch wenn GOTCHA! ein sehr ordentlicher und vor allem recht origineller Vertreter des in den Achtzigerjahren so populären Teeniefilms ist. Mit Anthony Edwards steht Jeff Kanew ein sehr sympathischer und vor allem natürlicher Hauptdarsteller zur Verfügung und die authentische Berliner Kulisse ist natürlich ein Augenschmaus und – Achtung: marketingdeutsch – absolutes Alleinstellungsmerkmal. Da bin ich dann auch fast geneigt, es GOTCHA! positiv anzurechnen, dass er nicht von Attraktion zu Attraktion hüpft, nicht eine Zote an die nächste reiht, sondern seine Geschichte sehr behutsam und durchaus mit einigem Ernst entwickelt – während der Sichtung hätte ich mir gerade in der ersten Hälfte etwas mehr Zug zum Tor gewünscht. Kanew gelingt es aber recht gut, die in den Achtzigerjahren noch ganz gegenwärtigen Spannungen zwischen Ost und West aus der Sphäre obercooler Superagenten zurück in den Alltag zu holen. Ein bisschen amerikanische Kommunistenparanoia muss man als Europäer zwar verknusen können, aber auch das war vor 25 Jahren eben die gängige Reaktion auf das Treiben hinter dem eisernen Vorhang. Mein verhaltener Einstieg war also eigentlich gar nich so angebract, denn GOTCHA! ist schon ein feiner Film. Aber eben nichts, was mich vor Begeisterung um den Schlaf bringt.

15
Jan
11

made in u.s.a (jean-luc godard, frankreich 1966)

Eine fiktive Stadt namens Atlantic-Cité. Eine Frau namens Paula Nelson (Anna Karina) und ihre schicken Kleider. Ein toter – ermordeter ? – Geliebter namens Richard, dessen Nachname bei jeder Nennung von Schuss- oder Hupgeräuschen übertönt wird. Zwei geheimnisvolle Agenten namens Donald Siegel (Jean-Pierre Léaud) und Richard Widmark (László Szabó). Ein Informant namens Mr. Typhus. Marianne Faithfull und “As Tears go by”. Ein Tonband mit kommunistischer Agit-Prop. Pop-Art. Pulp Fiction. Viele Tote. Keine Antworten. Nur die Erkenntnis, dass noch ein langer Weg vor “uns” liegt. Die Linke im Jahre null. Und Godard am Scheideweg.

So. Das ist jetzt tatsächlich der erste Godard in meiner kleinen Retrospektive (SYMPATHY FOR THE DEVIL, den ich im vorvergangenen Jahr gesehen habe, lasse ich mal außen vor), der dem entspricht, was man sich als Uneingeweihter unter dem Namen “Godard” so vorstellt: enigmatisches, wenn nicht gar hermetisches, nichtnarratives, voller hochtrabender, mit poetischen, politischen, philosophischen Verweisen übefüllter Dialoge nur so strotzendes, ikonoklastisches Avantgarde-Kino, das den Zuschauer nicht “bedienen”, sondern ihm im Gegenteil vor den Kopf stoßen will. Ohne die fantastischen Extras der schönen Criterion-DVD – ein interessanter Essay im beigelegten Booklet, ein kurzes Featurette, in dem alle Verweise und Zitate aufgedeckt werden, sowie ein Interview mit zwei Godard-Experten, die MADE IN U.S.A (und 2 OU 3 CHOSES QUE JE SAIS D’ELLE) in den Kontext des Godard’schen Schaffens einordnen und Hintergründe erläutern, wäre ich ziemlich aufgeschmissen gewesen, hätte kaum mehr zu sagen gewusst, als dass MADE IN U.S.A fantastisch aussieht in seinen knalligen Farben und den plakativen Bildkompositionen und nach MASCULINE FÉMININE zwar wieder eine Rückbewegung zu den vorigen Genredekonstruktionen darstellt, dabei aber den bei PIERROT LE FOU eingeschlagenen Weg konsequent fortsetzt. MADE IN U.S.A ist ein zorniger und verzweifelter Film, in dem Godard die Affäre um den marokkanischen Menschenrechtler Mehdi Ben Barka aufgreift, die 1965/1966 die französische Öffentlichkeit erschüttert hatte. Man hatte Barka unter dem Vorwand nach Paris gelockt, dass dort ein Dokumentarfilm mit ihm gedreht werden sollte, ihn dann aber an Marokko ausgeliefert, wo er in der Folge zu Tode gefoltert wurde. Diese Geschichte dient Godard als Ausgangspunkt für eine ultrastilisierte Dystopie, deren Figuren keine psychologischen Charaktere mehr sind, sondern reine Sprachflächen, die die Frage nach der Möglichkeit eines richtigen Leben im Falschen diskutieren und sich dabei immer wieder in Metadiskursen verlieren. Trivial- und Hochkultur werden von Godard auf Kollisionskurs geschickt und der Plot lässt selbst die eh schon unnachvollziehbaren Noir-Klassiker THE BIG SLEEP oder THE MALTESE FALCON als durchsichtige Kinderfilme erscheinen. Ich kann nicht sagen, mich durchweg “amüsiert” zu haben – wenngleich einzelne Sequenzen, wie etwa jene, in der Paula eine Werkstatt besucht, in der pulpige Kinoplakate und -dekorationen hergestellt werden, in ihrem visuellen Witz bemerkenswert sind –, aber um MADE IN U.S.A halbwegs einschätzen zu können, muss man ihn wohl mindestens zweimal gesehen haben. Eine schöne Inspiration für eine zweite Sichtung liefert Colin McCabe, einer der zwei erwähnten Experten: Für ihn ist MADE IN U.S.A ein Film, der aus der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit Godards entstanden ist, in seiner Schönheit aber in sich selbst einen Ausweg aus dieser aufzeigt. Als nächstes kommt für mich in jedem Fall erst einmal 2 OU 3 CHOSES QUE JE SAIS D’ELLE, den Godard direkt im Anschluss an den on the fly improvisierten MADE IN U.S.A inszenierte.

29
Nov
10

s.a.s. à san salvador (raoul coutard, frankreich/deutschland 1983)

Der österreichische Prinz Malko Linge (Miles O`Keeffe) arbeitet nebenberuflich als CIA-Agent und reist mit dem Auftrag nach San Salvador, den verbrecherischen Enrique Chacon (Raimund Harmstorff) zu liquidieren, der das kleine Land in Angst und Schrecken versetzt. Weil Chacons Männer aber überall sind, lassen sämtliche Informanten, die Malko helfen sollen, ihr Leben …

Es ist schon erstaunlich, dass so viele große Kameramänner als Regisseure so außerordentlich mäßig sind. Auftritt Raoul Coutard, der als DOP von Jean-Luc Godard und Francois Truffaut den Look der Nouvelle Vague ganz entscheidend mitprägte, dafür sorgte, dass Filme wie A BOUT DE SOUFFLE, TIREZ SUR LE PIANISTE, UNE FEMME EST UNE FEMME, JULES ET JIM, LE MEPRIS, BANDE À PART, PIERROT LE FOU und zahreiche weitere unauslöschlich ins kollektive filmische Gedächtnis eingebrannt sind, inszenierte insgesamt drei Filme, von denen S.A.S. À SAN SALVADOR der letzte ist: Wenn man sich diese unbeholfene Hanswurstiade anschaut, dann wundert man sich nicht, warum danach nichts mehr kam. Basierend auf einer Trivialroman-Reihe von Gérard de Villiers (“die erfolgreichste Agentenserie der Welt”, quäkt der lesenswert dumme Klappentext der exzellenten deutschen DVD, erschienen im “Cobra-Verlag”, wissen die Credits herauszuposaunen), der auch das Drehbuch schrieb, versucht sich Coutard an einem Bond-artigen Agentenabenteuer voller exotischer und mondäner Schauplätze, attraktiver Damen und finsterer Schurken, produziert aber dank hölzerner Akteuere, eines unfassbar schematischen Drehbuchs und eines deutlich knapperen Budgets nur unfreiwillige Lacher und gähnende Langeweile. Dabei kann man Coutard nicht unterstellen, nicht von Anfang an alles zu geben: Erst sorgt die – im weiteren Verlauf überaus inflationäre - Nennung des selten dämlichen Namens der Hauptfigur für ungläubiges Kopfschütteln, dann beruhigen die Aufnahmen auf seinem malerischen Schlösschen die Seele mit etwas Schwarzwaldklinik-Romantik, bevor Sybil Danning ihre getunten Körperformen in den Bildkader schiebt und den endgültigen Abstieg in schmierige Exploitationgefilde signalisiert, in denen man sich in den nächsten 80 Minuten aufhalten darf.

Harmstorff (der sich selbst synchronbellt) gibt den ultrabösen Chacon mit schwarz gefärbter Gelfrisur, prächtigem Schnäuz und weißem Anzug, Anton Diffring spielt einen redseligen Säufer, der in jeder Szene, in der er auftritt, von O’Keeffe links liegen gelassen wird und dann dumm im Hintergrund rumsteht, Dagmar Lassander lässt sich vom Helden einmal quer durch dessen Hotelzimmer dreschen und macht auch schon einen etwas aufgedunsenen Eindruck, der Score düdelt discös vor sich hin und anstatt die Weltgewandtheit der Bondreihe zu emulieren, erinnert Coutards Film eher an die zahlreichen Ausflüge des italienischen Kinos nach Miami. Den Vogel schießt Coutard aber in seinem spannenden Showdown (hüstel …) ab: Irgendwann muss der Film halt mal enden, also latscht Malko einfach zur Vordertür von Chacons Villa rein, die gänzlich unbewacht ist. Vielleicht haben aber auch alle potenziellen Leibwächter schon reißaus genommen, weil Malko erstens zwei Kollegen vor der Eingangspforte platziert hat, damit sie ihn “vom Garten her decken”, und er sich zweitens behende wie ein Panther, aber in plain sight auf das Haus zuschleicht. Der Zweikampf in einem mit vielen Spiegeln sonst aber fast nichts möbliertem Haus lässt einem schmerzhaft bewusst werden, dass man statt S.A.S. À SAN SALVADOR auch ENTER THE DRAGON oder zumindest THE MAN WITH THE GOLDEN GUN hätte gucken können, dann aber andererseits die tollen Porträtfotos verpasst hätte, die Chacon von sich und seiner Frau an der Wand gleich neben den Billigboxen mit den Keramikpapageien drauf aufgehängt hat. So dumm dieser Film auch ist, so spaßig ist er auch, verströmt außerdem viel sterilen Achtzigerjahre-Charme für Nostalgiker und sollte leicht und für wenig Geld aufzutreiben und einer Sammlung mit exploitativer Schlagseite daher unbedingt einzugemeinden sein. Schon allein, um ihn im Regal dann aus böswilliger Ironie neben den Nouvelle-Vague-Filmen zu plazieren.

14
Sep
10

from paris with love (pierre morel, frankreich 2010)

James Reece (Jonathan Rhys Meyers), ein junger aufstrebender Agent im Dienste der US-amerikanischen Botschaft in Paris, erhält den Aufrag, mit dem Agenten Charlie Wax (John Travolta) zusammenzuarbeiten, um einen terroristischen Anschlag auf ein in Kürze stattfindendes Gipfeltreffen zu verhindern. Reece ist zunächst erschüttert über die ruppigen Methoden des großmäuligen Amerikaners, doch als sich herausstellt, dass er ganz persönlich in die Pläne der Terroristen involviert ist, ändert sich seine Haltung …

Während die gegenwärtigen Großtaten des amerikanischen Actionkinos überwiegend dem Independentbereich entspringen, zeigen die Franzosen unter Federführung des Produzenten Luc Besson derzeit am eindrucksvollsten, wie die Hochglanzvariante gefälligst auszusehen hat. Von den Nachwuchsregisseuren entwickelt sich vor allem Pierre Morel zu einer ernstzunehmenden Größe: Nachdem er als DoP für den Look von Filmen wie THE TRANSPORTER, UNLEASHED oder WAR verantwortlich war, inszenierte er selbst mit BANLIEUE 13, TAKEN und nun eben FROM PARIS WITH LOVE drei der herausragenden Beispiele des neuen französischen Actionfilms, allesamt geprägt durch eine phänomenale Choreografie ihrer atemberaubenden Actioneinlagen. Nach dem düsteren TAKEN nähert er sich mit FROM PARIS WITH LOVE zwar einer kommerzielleren Ausrichtung des Actionfilms an, wirft dabei aber gottseidank nicht jegliche Relevanz über Bord. Der Abgleich mit dem Vorgänger drängt sich nahezu auf, denn in beiden mischt ein US-Amerikaner die als Hauptstadt der Liebe apostrophierte französische Hauptstadt mächtig auf, verwandelt sie geradezu in ein qualmendes Kriegsgebiet. Doch während sich der Rachefeldzug Liam Neesons als Ex-Agent Mills in TAKEN noch als Kommentar zur Interventionspolitik der USA lesen ließe (oder die Figur einfach als Nachfolger der grenzüberschreitenden Helden des Westerns), so eignet sich Travoltas Charlie Wax eher für eine strukturalistische Lesart. FROM PARIS WITH LOVE – dessen Titel ein ganz fieser Scherz ist – beginnt als beschwingt-romantischer Agentenfilm mit einem smarten, gentlemanhaften Rhys Meyers, der als Reece zudem mit der wunderschönen Caroline (Kasia Smutniak) liiert ist, die jederzeit ein gutes Bondgirl abgeben würde. Er zieht das elegant-erfinderische Anbringen von Wanzen der handfesten Auseinandersetzung vor, macht sich nur ungern die Hände schmutzig und auf den nicht zu anstrengenden Arbeitstag folgt das romantische Candlelight-Dinner mit der Geliebten im Traumappartement über den Dächern von Paris. Die harte Zäsur erfolgt mit dem Eintreffen seines neuen amerikanischen Partners: Schon am Flughafen wird der Frieden durch den Kraftausdrücke und rassistische Verunglimpfungen förmlich sprühenden Wax jäh gestört, die anschließende Zerstörungstour durch als Chinarestaurants getarnte Drogenhöhlen, Hinterhofpuffs und das in den Banlieues angesiedelte Gangland markiert den engültigen Umschwung vom romantischen Agentenfilm hin zum brutalen Actioner mit zunehmend irritierenden komödiantischen Buddyfilm-Anleihen. Aber entgegen der Konventionen dieses Subgenres geht es hier keineswegs um eine beiderseitige Annäherung: Es ist allein Reece, der aus der Zusammenarbeit  mit dem mit allen Abwassern gewaschenen Profis etwas zu lernen hat. Am Ende wird er nicht nur begriffen haben, dass die Geheimdienstarbeit kein glamouröses Abenteuer, sondern vor allem dreckige Arbeit ist, die es auch einmal erfordert, dem Gegner eine Kugel in den Kopf zu jagen. Und diese Lektion wird der junge Agent auf die denkbar schmerzhafteste Art und Weise lernen, in einem Finale, das den bitteren Schlusspunkt unter einen Film setzt, der doch wie ein unschuldiger Spaß begann. 

Man könnte monieren, dass FROM PARIS WITH LOVE seinen amerikanischen Antihelden etwas zu extrovertiert anlegt, dass dessen wilde Sprücheklopferei nicht ganz zur ernsten Wendung passt, die der Film im letzten Drittel nimmt - die Verbindung von Travolta & Paris machte eine Royale-with-Cheese-Referenz wohl unumgänglich -, doch das hieße auch, die erwähnte strukturalistische Ausrichtung des Films zu übersehen, ebenso wie die Tatsache, dass Wax eben kein ausgereifter Charakter, sondern  Typ ist, der sich durch bestimmte durch Kinokonvention präfigurierte Wesenszüge auszeichnet – und der vom Scientologen Travolta überdies mit viel Verve und sichtbarer Ferkelsfreude gegeben wird. Und natürlich, dass FROM PARIS WITH LOVE ganz großes Entertainment darstellt, dessen Actionsequenzen geradezu fulminant sind und der unter anderem die vielleicht bestinszenierte Schießerei enthält, die ich seit langer Zeit gesehen habe. Den finalen Schub erhält der Film aber eben durch sein bitterböses und tragisches Ende, das mit einer Romantisierung des Agentendaseins endgültig aufräumt. Und dass er für seine Schlusseinstellung dann wieder zum beschwingten Ton zurückfindet, ist nicht etwa als pietätlos zu betrachten, sondern als endgültiger Knockout.

11
Sep
10

no safe haven (ronnie rondell jr., usa 1987)

Als der Ex-FBI-Agent Clete Harris (Wings Hauser), der wegen seiner ruppigen Methoden zum Peace Corps nach Honduras abkommandiert worden ist, von der Ermordung seiner Mutter und seiner beiden Brüder erfährt, setzt er alles daran, zu erfahren, wer für ihren Tod verantwortlich ist. Mit Hilfe seiner alten Kontakte kommt er einer Bande südamerikanischer Drogendealer auf die Schliche, mit denen sich sein Bruder Buddy, ein Footballprofi, dummerweise eingelassen hatte. Clete startet seinen privaten Rachefeldzug, bei dem ihm der Schrott- und Waffenhändler Randy (Robert Tessier) tatkräftig zur Seite steht. Die Spur führt beide nach Bolivien …

NO SAFE HAVEN habe ich zum ersten Mal vor drei Jahren gesehen, als ihn mir mein lieber Freund und Himmelhund-Kollege Aussenseiter, ein beinharter Wings-Hauser-Fan, in der deutschen Version vorführte. Die jetzige Sichtung der ungeschnittenen Originalversion kam an dieses schöne Ereignis nicht ganz heran: NO SAFE HAVEN ist so ein Film, den man am besten im Kreise der Lieben genießt. Seine Actionszenen beschränken sich während der ersten 80 Minuten auf einige kurze, aber dafür umso heftigere Morde, erst für den explosiven Showdown in den restlichen zehn Minuten lässt Rondell seinen Film dann von der Leine. Dass NO SAFE HAVEN trotzdem nicht langweilig, im Gegenteil sogar eine sehr kurzweilige Angelegenheit geworden ist, ist zum einen der Besetzung – neben dem immer gern gesehenen Tessier hat vor allem Branscombe Richmond eine schöne Rolle abbekommen -, zum anderem dem Drehbuch mit seinen pointierten, witzigen Dialogen und den immer etwas abseits vom Mainstream angelegten Charakteren zu verdanken.

Hauser ist als Clete Harris (der für die deutsche Version zum “Clint” und auf dem Videocover zum Bond-Verschnitt mutierte) ein liebenswerter Prolet, der seinen Strafdienst in Honduras mit Dosenbier, einem versifften T-Shirt und Füßen auf dem Tisch absolviert, besoffen aus dem Auto von eben durchgezogenen Nutten fällt und auch sonst not quite das gewohnte Heldenmaterial darstellt. Tessier gibt seinen Südstaaten-Waffennarren nicht etwa als rassistischen Redneck, sondern als freundlichen alleinerziehenden Vater im Camouflage-Look, der eine Ferkelsfreude daran hat, wenn Sachen in die Luft gehen, und seinen ebenso veranlagten halbwüchsigen Sohn von einer Gänsefamilie beaufsichtigen lässt und Richmond ist als Drogendealer Manuel stets auf 180 und versucht sich an einer unkultivierten Version von Pacinos Tony Montana. In meiner Lieblingsszene steigen Harris und Randy mitten in der bolivianischen Pampa aus einem Bus und starren erst einmal tatenlos in die Einöde, bevor Randy kurzerhand seine Hose öffnet und zu pissen anfängt, was ihm Harris dann in Ermangelung einer besseren Alternative einfach mal nachmacht. Trotz dieser humorigen Seite wird NO SAFE HAVEN aber niemals zu albernen Hanswurstiade, wie das später im Actiongenre so oft der Fall sein sollte (man denke nur aan die unsäglichen RUSH HOUR-Filme), benutzt den Humor vielmehr ausschließlich dazu, seine Figuren zu charakterisieren. NO SAFE HAVEN gehört bestimmt nicht zu den Actionklassikern seines an solchen nicht gerade armen Jahrzehnts, aber er ist diesen mit seiner locker-flockigen Art dicht auf den Fersen.

Man könnte es vielleicht in folgendes Bild kleiden: Wenn das Actiongenre eine Disco ist, all die FIRST BLOODs, TERMINATORs, COMMANDOs und MISSING IN ACTIONs arhythmisch und unsexy herumstaksende Weißbrote, die eigentlich eher auf eine Schlägerei aus sind als auf eine gute Zeit, dann schwoft NON SAFE HAVEN locker und lässig über die Tanzfläche, lässt enthemmt das Becken kreisen, nimmt am Ende des Abends zwei scharfe Bräute mit nach Hause und zwinkert beim Rausgehen verschmitzt den neidisch über ihrem Bier brütenden Kollegen zu …

09
Sep
10

icarus (dolph lundgren, usa/kanada 2010)

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat sich der ehemalige, unter dem Decknamen “Icarus” operierende KGB-Agent Eddie (Dolph Lundgren) eine neue Existenz als Geschäftsmann und Familienvater in Kanada aufgebaut. In Wahrheit ist er jedoch immer noch für die russische Mafia als Auftragskiller tätig, weil diese ihn in seiner neuen Heimat ausfindig gemacht und erpresst hat. Mit seinem Doppelleben hat er sich einigermaßen arrangiert, doch nach einem weiteren erfolgreich absolvierten Auftrag gerät er plötzlich selbst ins Kreuzfeuer. Die Suche nach dem Verantwortlichen führt ihn weit in die eigene Vergangenheit …

Nach dem von mir nach einer Sichtung eher als Spaßfilm eingestuften COMMAND PERFORMANCE kehrt Lundgren mit ICARUS wieder auf das ihm so gut zum verhärmten Gesicht stehende ernstere Terrain zurück und reanimiert das Genre des Killer- und Agentenfilms, das in den vergangenen Jahrzehnten etliche Metamorphosen durchlaufen hat. Lundgren bleibt sich jedoch insofern treu, als er mit ICARUS erneut das eigene Älterwerden thematisiert, seinen Killer Eddie zur – zunächst ungewollten – Selbstfindung führt und ihn die großen philosophischen Fragen nach dem Wesen von Charakter, Prägung, Bestimmung und Freiheit stellen lässt, die sich auch schon Melvilles Protagonisten einst stellen mussten, ohne darauf noch die Antwort finden zu dürfen. “They say life is about choices”, sagt Eddie zu Beginn, um den Satz nach einigen blutigen Einschüssen, die ein Flash-Forward auf das Ende des Films darstellen, mit den Worten fortzusetzen: “It seems like I didn’t make a lot of good ones”. Der Killer als Ergebnis einer Reihe von Fehlentscheidungen, also von Entscheidungen wider das bessere Wissen, wider das eigene Wesen? Nein, denn es folgt die unausweichliche Erkenntnis: “Now I know I never really had a choice.” Das bedeutet zum einen, dass Eddie stets einem vorgezeichneten Weg namens “Schicksal” gefolgt ist, von dem er allerhöchstens für eine kurze Strecke abweichen konnte, nur um schließlich wieder auf ihn zurückgeholt zu werden: “ That’s the funny thing about fate… if you don’t follow, it will drag you where it wants to go.” Aber auch, dass Eddie immer eins mit seinen Handlungen gewesen ist, auch wenn sie sich im Rückblick als falsch erwiesen haben. Es stellt sich heraus, dass ausgerechnet die in ferner Vergangenheit liegende Verweigerung eines Mordbefehls ihn und seine Familie in der Gegenwart in Lebensgefahr bringt – und zwar ironischerweise durch genau jenen Mann, dem er mit seiner Verweigerung damals das Leben rettete. Es gibt aber keine Reue in Eddie, kein Bedauern über den vergangenen “Fehler”: Er musste damals so handeln wie er gehandelt hat, denn hätte er es nicht getan, dann wäre ihm jede Grundlage der Reflexion darüber entzogen. Er wäre dann nicht hier. Er muss seinen Weg bis zum Ende gehen und darauf hoffen, dass sein Schicksal von einem guten Autor verfasst wurde.




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