Einträge tagged ‘Backwood

30
Okt
11

tucker and dale vs. evil (eli craig, usa 2010)

Tucker (Alan Tudyk) und Dale (Tyler Labine) sind zwei etwas einfach gestrickte, aber grundgute Hinterwäldler. Als sie zu einem Angeltrip aufbrechen, treffen sie auf ein paar ebenfalls urlaubende Städter, die offensichtlich zu viele Backwood-Horrorfilme gesehen haben und das etwas unbeholfene Verhalten der beiden Rednecks konsequent als Bedrohung missverstehen. Als Tucker und Dale die hübsche Allison (Katrina Bowden) nach einem Badeunfall mit zu sich nehmen, interpretieren ihre verängstigten Freunde das entsprechend als Entführung und leiten den Gegenangriff ein. Und Tucker und Dale haben nicht den Hauch einer Ahnung, was um sie herum überhaupt vor sich geht …

TUCKER AND DALE VS. EVIL belegt recht eindrucksvoll, dass eine gute Idee längst noch nicht hinreichend für einen guten Film ist. Die Prämisse ist wirklich sehr hübsch und böte eigentlich reichlich Gelegenheit, die Klischees des Backwood-Slashers auf den Kopf zu stellen, die Vorurteile, auf denen das Genre gründet, als solche bloßzustellen und nebenbei noch mit den Fallstricken missglückter Kommunikation und selektiver Wahrnehmung zu spielen. Was es dafür jedoch dringend gebraucht hätte, ist eine sorgfältig konstruierte Geschichte und ein schlagfertiges, cleveres Drehbuch; eines, das nicht nur beweist, dass seine Autoren sich im Genre auskennen, sondern das auch die Bereitschaft erkennen lässt, über den engen Rahmen des Genrekinos hinauszuschreiten. Was Eli Craig aus seiner potenten Prämisse macht, ist nicht weniger als enttäuschend: Die Missverständnisse, die den Plot überhaupt erst in Gang bringen, sind nur wenig kreativ, der Witz beschränkt sich letztlich auf müden Slapstick und ein paar hingeworfene One-Liner. Nie wird man als Zuschauer überrascht, stattdessen bleibt TUCKER AND DALE VS. EVIL immer schön an der sicheren Oberfläche und begnügt sich damit, Witze zu reißen, die jedem, der sich ein bisschen auskennt im Backwood-Horror, nach fünf Minuten entspannten Brainstormings selbst einfielen (und die dieser dann wahrscheinlich für nicht lustig genug befände).

Das ist nicht nur ärgerlich, weil eine tolle Idee für bloß biederen Durchschnitt verbrannt wurde, sondern auch, weil TUCKER AND DALE VS. EVIL aus der stinkenden Kloake des Funsplatters und der Horrorkomödie trotz seiner eklatanten Einfallslosigkeit immer noch positiv hervorsticht: Seine beiden Hauptfiguren sind immens sympathisch und selbst der eigentlich vorhersehbare und eigentlich nur abgespulte Showdown ist sehr viel überzeugender, als man das aus solchen Gebrauchsfilmen sonst gewohnt ist. Wie wenig Craig offensichtlich selbst gemerkt hat, was für ein Potenzial er da verschenkt hat, zeigt sich in der Auflösung seines Films, die dem eigentlichen Tenor des Films krass zuwiderläuft und dann doch wieder die Mordlust des Hinterwäldlers bestätigt, die man doch eigentlich zuvor als Vorurteil aufgedeckt hatte.

Wie gesagt: TUCKER AND DALE VS. EVIL ist kein Film, bei dem man sich als denkender Mensch unentwegt schämen muss, aber auch weit entfernt davon, als “gut” bezeichnet werden zu dürfen. Ich kann mich mal wieder nur wundern, wie dieser Film zu seiner unverhältnismäßig hohen IMDb-Wertung gekommen ist und was Filmseher weltweit an den doch reichlich müden Witzchen so irrsinnig komisch gefunden haben wollen. Da ich über jahrelange Fantasy-Filmfest-Erfahrung verfüge, kann ich mir die frenetischen Reaktionen der Horrornerds aber nur zu lebhaft vorstellen: Mit gleich drei Kettensägenszenen bedient Craig deren schlichte Erwartungen wie eine freigiebige Prostituierte.

17
Jun
11

white lightnin’ (dominic murphy, großbritannien 2009)

Auf WHITE LIGHTNIN’ hatte ich mich sehr gefreut: Die “Edition Störkanal” hat bislang wenn auch nicht nur Knaller, so doch meist interessante Filme herausgebracht und dieser hier reizte mich wegen seiner Backwood- und Hillbilly-Thematik ganz besonders. Leider bin ich bitter enttäuscht worden und die Tatsache, dass dieser Film mit sehr viel Kritikerlob und sogar diversen Preisen bedacht wurde, lässt mich außerdem wieder einmal so fühlen, als hätte ich einen tollen Witz nicht verstanden. Nee, nee, WHITE LIGHTNIN’ ist für mich kaum mehr als stumpf provokanter und ästhetisch vollkommen eindimensionaler, um nicht zu sagen: hässlicher Quark. Wen meine Ausführungen zum Film interessieren, kann mein Review auf F.LM – Texte zum Film lesen, und zwar hier.

26
Nov
10

dying breed (jody dwyer, australien 2008)

Nina (Mirrah Foulkes) begibt sich mit ihrem Freund Matt (Leigh Whannell), Matts Bruder Jack (Nathan Phillips) und dessen Freundin Rebecca (Melanie Vallejo) nach Tasmanien, um dort überlebende Exemplare des eigentlich als ausgestorben geltenden Tasmanischen Tigers, einer Wildhundart, zu finden. Vor Jahren hatte Ninas Schwester dort Spuren des Tieres entdeckt, war aber unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen. Auf Tasmanien angekommen, müssen sich die vier Freunde zunächst mit der etwas hinterwäldlerischen Bevölkerung herumschlagen. Die harmlosen Reibereien schlagen bald jedoch um in blutigen Ernst, denn die Hinterwäldler entpuppen sich als Nachfahren des legendären Kannibalen Alexander Pearce. Und um sich fortzupflanzen sind sie auf frisches Blut angewiesen …

DYING BREED habe ich bei einem privaten Themenabend im Doppelpack mit dem fantastischen VAN DIEMEN’S LAND gesehen, der die wahre Geschichte von Alexander Pearce erzählt. Der Ire fristete zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein Dasein als Sträfling auf Tasmanien, bevor er mit mehreren anderen zusammen in die unendlichen Regenwälder der entlegenen Insel floh. Von Hunger und Kälte geplagt, ohne jeden Proviant, entschlossen sie sich bald dazu, sich gegenseitig zu verspeisen. Pearce überlebte als einziger, landete aber erneut in Gefangenschaft und wurde bei einem zweiten gelungenen Fluchtversuch schließlich rückfällig. DYING BREED bedient sich eines Was-wäre-wenn-Szenarios und geht davon aus, dass der Kannibale eine Nachkommenschaft hinterlassen hat, die heute noch ihr Unwesen auf der Insel treibt. Die Idee mag durchaus reizvollen Stoff für einen Horrorfilm bieten, aber definitiv nicht in der hier vorliegenden Form. Die genannte Prämisse bleibt lückenhaft, nicht nur weil sie der Historie völlig widerspricht, sondern vor allem weil nie die Frage beantwortet wird, wie (und mit wem) sich Pearce fortgepflanzt und wie und an wen er seinen Kannibalismus vererbt haben soll. Es steht zu vermuten, dass sich die wenig kreativen Köpfe hinter dem Film diese lästigen Fragen gar nicht erst gestellt haben, weil sie viel zu begeistert von der Idee waren, kannibalistischen Backwood-Horror mit australischer Geschichte zu verbinden, als dass sie sich von schnöden Plausibilitätsanforderungen die Tour vermasseln lassen wollten. DYING BREED kommt dann auch nie über schematisches Malen nach Zahlen hinaus: Von den flachen Figuren, zwischen denen es von Anfang an die obligatorischen schwelenden Konflikte gibt, über die misstrauisch-unfreundlichen Hinterwäldler, die mit ihren faulen Zähnen und geistig behinderten Kindern in heruntergekommenen Verschlägen hausen, bis hin zum blutigen Showdown mit der schaurigen Finalenthüllung weiß man als halbwegs bewanderter Zuschauer immer, was als nächstes passieren wird, und wundert sich höchstens, dass diese Wiederkehr des ewig Gleichen tatsächlich nicht von einem einzigen originellen Einfall gestört wird. Geht man davon aus, dass ein Film wie DYING BREED von Überzeugungstätern und Horrorfanboys aus der Taufe gehoben wurde, fragt man sich unweigerlich, ob diese sich selbst solch eine abgestandene Plörre tatsächlich zu Gemüte führen würden. Die Phrase “Von Fans für Fans” kann man hier jedenfalls übersetzen mit “Von Einfallslosen für Anspruchslose”. So schleppt sich DYING BREED seinem vorhersehbaren Ende entgegen, ohne dass auch nur für eine Sekunde der Funke überspränge. Abgesehen von einigen schönen Aufnahmen der tasmanischen Wildnis und den guten Production Values gibt es hier wirklich nichts, was das Ansehen lohnen würde. Ein auch schon nicht besonders origineller Film wie WRONG TURN legt wenigstens ein ordentliches Tempo vor, vermeidet es, seine belanglose Geschichte unnötig breit zu treten, sondern serviert 75 Minuten lang handlich verpackten Thrill und Gore, die einen wenigstens für die Zeit des Kinobesuchs durchschütteln, bevor er einen wieder in die Gleichgültigkeit entlässt. DYING BREED tut aber so, als hätte er wirklich etwas zu erzählen und vergisst darüber, wenigstens ein paar happige Ekeleffekte zu kredenzen. Zum Vergessen. Oder zum Einschlafen.

26
Aug
10

don’t go in the woods (james bryan, usa 1981)

Vier kleine Camper gingen in den Wald/Da war es finster und auch so bitterkalt/Sie trafen einen Killer, ein fettes dummes Schwein/Wer mag dieser Killer mit dem Rauschebart wohl sein?

Die Antwort auf diese Frage bleibt der berühmt-berüchtigte DON’T GO IN THE WOODS (der in Deutschland, wo er als AUSFLUG IN DAS GRAUEN firmierte, ebenso beschlagnahmt ist wie in Großbritannien) dem Zuschauer genauso schuldig wie alle weiteren positiven Eigenschaften, die dieser von einem Film für gewöhnlich erwartet. Selbst, wenn man berücksichtigt, dass die meisten Slasherfilme statt einer Geschichte nur ein nacktes Plotgerüst aufweisen, das ihnen lediglich als Anlass für Sex & Crime dient, mutet James Bryans Film fahrlässig und leer an. Wollte man es positiv ausdrücken, so könnte man ihm zugute halten, dass er das Slasherfilm-Konzept noch einmal bis aufs Äußerste radikalisiert, indem er weder einen Spannungsaufbau noch auch nur die geringste Motivation für das mörderische Treiben liefert. Die vier Protagonisten begegnen in den Wäldern Utahs einem motivlos mordenden Waldschrat und a) sterben oder b) überleben & üben Rache. Weil das aber rein quantitativ noch etwas zu wenig wäre, schreibt Drehbuchautor Garth Eliassen eine ganze Schar von tölpelhaft durchs Unterholz stolpernden Opfern in den Film, die keine weitere Funktion erfüllen, als in den läppisch umgesetzten Mordszenen ihrer Bestimmung zugeführt zu werden, sowie zwei unmotivierte Polizisten, die sich von den zahlreichen Vermisstenmeldungen jedoch nicht aus der Ruhe bringen lassen.

DON’T GO IN THE WOODS erinnert irgendwie an die Anfangstage des Kinos, als ein fassungsloses Publikum sich an Bildern von fahrenden Zügen oder reitenden Menschen berauschte und noch keinen Gedanken daran verschwendete, dass man diese bewegten Bilder zu neuen sinnstiftenden Einheiten zusammenführen könnte, zu Geschichten, die berühren und emotional involvieren. Auch hier bekommt man nicht viel mehr als das, was man unmittelbar auf der Leinwand sieht: Menschen, die laufen, Menschen, die sterben, und immerhin einen Menschen, der mordet. Zwischendurch ein paar hübsche Landschaftsaufnahmen, während es dazu von der Tonspur (hoppla!) synthetisch und nervenzerrend hupt, quäkt und furzt. Die Energie, die der Kameramann darauf verwendet hat, halbwegs interessante und ansehnliche Einstellungen zu finden, hat man dafür beim Schnitt gespart, der arhythmisch vor sich hinruckelt und sich auf ein Aneinanderkleben der einzelnen Bilder beschränkt. “Arhythmisches Ruckeln” charakterisiert den Film aber auch als Ganzes: Es gibt überhaupt keine innere Spannung, was selbst die mieseren Slasherfilme noch irgendwie hingebogen bekommen. Theoretisch hätte Regisseur Bryan auch nach jeder Einstellung andere Darsteller einsetzen, eine andere Kamera verwenden und den Drehort wechseln können, der Effekt wäre derselbe gewesen: Nie wird man als Zuschauer auch nur für fünf Cent in das Geschehen involviert oder wenigstens annähernd in die Lage versetzt, DON’T GO IN THE WOODS für seine lausigen 80 Minuten als Parallelrealität akzeptieren zu können und nicht als minderbemitteltes und misslungenes Make-believe völlig untalentierter Flitzpiepen erkennen zu müssen.

Die Rezeption, so wie ich sie via IMDb-Kommentaren und diversen Rezensionen verfolgt habe, schwankt zwischen der Totalablehnung und dem Feiern seines Trashwertes, der ihn angeblich in höhere So-bad-it’s-good-Sphären katapultiere. Klar, DON’T GO IN THE WOOD ist wirklich ranzensschlecht, versucht sich hier und da halbwegs erfolgreich an so etwas wie Humor: In einer seiner absurderen Szenen sieht man einen Rollstuhlfahrer, der ganz allein durch die unwegbare Wildnis rollt und schließlich, nachdem er mehrere Minuten gebraucht hat, um einen Anstieg zu “erklimmen”, vom Killer enthauptet wird. Und unter Zuführung von reichlich Alkohol und im Kreise gut gelaunter und gleich gesinnter Freunde mag der Film auch ein humoriges Potenzial entfalten, dass sich mir bei meiner traurigen Sichtung allein nicht erschlossen hat, aber auch das ändert nix daran, dass es in dieser Kategorie etliche Filme gibt, die fruchtbarer, lustiger und schlicht weniger langweilig sind. Es ist diese Monotonie, die dem Film das Rückgrat bricht.

Dass ich eine gewisse Faszination trotzdem nicht ganz abstreiten kann, ist wohl nicht zuletzt auf die unangemessen brillante DVD zurückzuführen, die den Film in kräftigen Farben präsentiert und ihm eine saftige Unmittelbarkeit verleiht, die gut zu seinem völligen Verzicht auf narrative Auffüllung passt. Irgendwie ist der ganze Film seinem zotteligen Killer, der da so selbstverständlich und seltsam unspektakulär durchs Unterholz pflügt, nicht ganz unähnlich. Und für rauschebärtige Fettsäcke in selbstgenähten Pelz- und Lederklamotten, die im Wald leben, habe ich seit meiner Kindheit, in der ich stolzer Besitzer sowohl einer Rüberzahl- als auch einer Räuber-Hotzenplotz-Kinderlangspielplatte war, ein unerklärliches Faible. Ja, im Kern ist DON’T GO IN THE WOODS ein Kinderfilm. An normalen Maßstäben gemessen also total nichtswürdiger Schrott, aber irgendwie putzig und liebenswert. Schon komisch: Werden Slasher sonst doch in ihrer Fokussierung auf Blut und Tod als der Inbegriff des spekulativen, zynischen und exploitativen Kinos begriffen, ist dieser Film, der doch kaum mehr als das bietet, von geradezu anrührender Harmlosigkeit und Unschuld.

10
Jun
10

shallow grave (richard styles, usa 1987)

Vier freche Klosterschülerinnen begeben sich auf den Road Trip nach Florida. In Georgia haben sie eine Reifenpanne, die von Sue Ellen (Lisa Stahl) für eine Pinkelpause im angrenzenden Wald genutzt wird. Dort wird sie Zeuge eines Mordes, als ein Mann nach dem Liebesspiel seine eifersüchtige Geliebte kurzerhand erwürgt. Sie kann dem Mörder entwischen, nicht jedoch zwei ihrer Freundinnen, die ihm auf der Suche nach Sue Ellen nichts Böses ahnend in die Arme laufen und schließlich neben der Geliebten im Wald verscharrt werden. Als Sue Ellen mit der verbliebenen Patty nach Hilfe sucht, werden die beiden vom Deputy (Tom Law) aufgegriffen, der ihrer Geschichte allerdings keinen Glauben schenkt. Und als sich dann auch noch der örtliche Sheriff (Tony March) als der Frauenmörder entpuppt, wird die Luft für die beiden Mädchen zunehmend dünner …

SHALLOW GRAVE ist ein sehr schöner, gut gescripteter Thriller mit einem ausgezeichnetem Gespür für das richtige Timing. Gleich zu Beginn wird der Zuschauer mit einem einstellungsgetreu von PSYCHO übernommenen Duschmord konfrontiert und in den Glauben versetzt, einem Teenieslasher beizuwohnen. Der Mord entpuppt sich dann jedoch als Streich der Protagonistinnen, die sich im Folgenden ganz wie die Helden des Suspense-Altmeisters in der ausweglosen Situation befinden, zu Unrecht beschuldigt zu werden und feststellen zu müssen, dass jeder vermeintliche Fluchtweg sie nur tiefer ins Verderben führt. Das funktioniert hier vor allem deshalb so gut, weil alle handelnden Figuren über ein unterschiedliches Wissen verfügen und nur der Zuschauer alle Verflechtungen überblicken kann. So findet man sich in der aus dem Kasperletheater der Kindheit bekannten Situation wieder, den Figuren gute Ratschläge geben oder sie warnen zu wollen und generell vor dem Bildschirm mit ihnen mitzuleiden und mitzufiebern, wie das eben ein guter Thriller gefälligst leisten sollte. Mitleiden ist auch durchaus angebracht, denn SHALLOW GRAVE macht keine Gefangenen, schont seine Heldinnen nicht, lässt ihnen die Rettung mehrfach vor der Nase entwischen und kennt auch sonst kein Erbarmen. Über das Ende kann man daher trefflich streiten: Hitchcock hätte es ganz sicher nicht gemocht und ich fand es zwar  zum grimmigen Rest sehr gut passend, hätte mir aber auch durchaus vorstellen können, dass Styles die Suspense-Schraube noch etwas weiter anzieht und einen echten Showdown serviert. Um einen solchen wird man zwar betrogen, darf dafür aber die böse Schlusspointe noch einige Zeit mit sich herumtragen, was ja auch nicht schlecht ist. Kurzer Rede, kurzer Sinn: SHALLOW GRAVE ist ein leider zu Unrecht weitestgehend unbekannter Film, der in seiner Zeit geradezu paradiesvogelhaft gewirkt haben dürfte und all jenen, die das immer noch nicht für möglich halten, eindrucksvoll beweist, dass sich Cindy-Lauper-Frisuren, Vokuhilas und pastellfarbene Klamotten und ernsthafter, böser Thrill nicht automatisch ausschließen. Wer die Gelegenheit dazu hat: Anschauen!

PS Den Backwood-Tag sollte man nicht überbewerten, weil SHALLOW GRAVE nur am Rande dieses Subgenres entlangschrammt.

08
Jun
10

blood salvage (tucker johnston, usa 1990)

Lange vor den Ludolfs und ihrem Westerwälder Schrottbetrieb gab es BLOOD SALVAGE: Jake Pruitt (Danny Nelson) interpretiert den Begriff der “Resteverwertung” mit seinen beiden schwachsinnigen Söhnen Hiram (Christian Hesler) und Roy (Ralph Pruitt Vaughan) auf eine sehr spezielle Art. Reisende, die sein Revier mit dem Auto durchqueren, werden von Hiram von der Straße abgedrängt, die daraus resultierenden Auto- und Menschenwracks anschließend in der heimischen Garage ausgeschlachtet. Jake ist nämlich nebenbei Organhändler, allerdings im Namen des Herrn unterwegs. Er hat es sich zum Ziel gesetzt, der natürlichen, aber nicht immer gerechten Auslese entgegenzuwirken und “guten” Menschen zu einem längeren und besseren Leben zu verhelfen. Zu diesem Behufe sammelt er Halbtote in seiner Werkstatt, die er künstlich am Leben hält, um ihre besseren Teile weiterzuverwenden. Sein Herzensprojekt ist die Heilung der querschnittsgelähmten Jugendlichen April Evans (Lori Birdsong) und die hält sich anlässlich eines Schönheitswettbewerbs mit ihren Eltern (darunter Papa John Saxon) ganz in Jakes Nähe auf …

BLOOD SALVAGE – in Deutschland seinerzeit unter dem Titel MAD JAKE in einer stark gekürzten Fassung auf Video erschienen – wurde von Evander Holyfield mitproduziert, der im selben Jahr Schwergewichtsweltmeister werden und sich ein paar Jahre später von Mike Tyson das Ohr abkauen lassen sollte (er absolviert hier auch einen kleinen Gastauftritt als Kirmesboxer), und kommt mir nach meinen Aussagen über die Vorzüge des Horrorkinos der Eighties im WOLF CREEK-Text sehr gelegen. Zuerst: BLOOD SALVAGE ist kein guter Film. Er ist bestenfalls zweckdienlich und ohne große kreative Höhenflüge inszeniert, geht vor allem mit den filmischen Mitteln des Schnitts, des Tons, aber auch der Kamera eher bodenständig – sprich: unkreativ – um und basiert auf einem Drehbuch, das locker einige Straffungen vertragen hätte. Die Geschichte um den Backwood-Frankenstein Jake wird bar jeden auflockernden Subplots erzählt und kann über die Laufzeit von 95 Minuten Abnutzungserscheinungen nicht verbergen. In der deutschen Version – ich habe mir die miserable Bootleg- DVD angeschaut – hat BLOOD SALVAGE darüber hinaus unter einer plump-lieblosen Synchronisation zu leiden, die die schwarzhumorig-makabren Spitzen und den Südstaaten-Lokalkolorit des Films total nivelliert und den Eindruck erweckt, man habe ein Publikum aus Kleinkindern und Schwachsinnigen angepeilt.

Obwohl Johnstons Film also mit Sicherheit keine Sternstunde seines Genres ist, kann man ihm einen gewissen Charme nicht absprechen. Der besteht vor allem in der originellen und witzigen Prämisse des Films, der einige heftige Nackenschläge an die Fraktion US-amerikanischer Christofaschisten und scheinheiliger Fernsehprediger verteilt und in der Zusammenführung seiner Kritik mit grell-übersteuerten Schreckensbildern dem deutlich besseren MOTHER’S DAY gar nicht mal so unähnlich ist. Jake ist der ins Groteske übersteigerte Gesinnungsgenosse des christlichen Herrenmenschen, der seine wirren Predigten in der deftigsten Szene des Films auch schonmal zwischen den dahinvegetierenden “Organspendern” hält, die ihm mit gekeuchten und gestöhnten “Amens” und “Hallelujas” beipflichten. Und die Polizei, dein Freund und Helfer, sorgt dafür, dass Jake niemand entwischt – eine Backwood-Konstante, die im hier aufgespannten Rahmen noch einen kleinen gesellschaftskritischen Anstrich erhält. Dass sich BLOOD SALVAGE auch sonst schön in sein Subgenre einfügt, ganz selbstverständlich und ohne Spot-the-Reference-Bescheidwisserei eine an Hoopers Referenzwerk erinnernde Männerfamilie mit Muttermumie als Schurken und einen EATEN ALIVE-Assoziationen weckenden Hausalligator aufbietet, macht ihn für mich aller offenkundigen Macken zum Trotz überaus sympathisch. Also: Eher ein Film für Komplettisten und Eighties-Nostalgiker, die aber sofort verstehen werden, warum mir auch so ein mäßiges Filmchen wie dieses irgendwie lieber ist als die knallhart durchkalkulierten und mit allerhand schnöder Technik auf dirty und evil getrimmten Terrorfilmchen neueren Datums (von denen ich – so viel sei fairerweise hinzugefügt – einige ja trotzdem mag).

07
Jun
10

wolf creek (greg mclean, australien 2005)

Der Australier Ben (Nathan Phillips) unternimmt mit den beiden englischen Touristinnen Liz (Cassandra Magrath) und Kristy (Kestie Morassi) eine Tour zum Wolf Creek, einem riesigen Meteoritenkrater irgendwo im Niemandsland des australischen Outbacks. Als die drei von ihrer Wanderung zurückkommen, will ihr billig erstandener Gebrauchtwagen nicht mehr anspringen und sie sitzen fest. Zum Glück eilt nachts Hilfe in Form des etwas merkwürdigen, aber hilfsbereiten Einheimischen Mick (John Jarratt) herbei, der den jungen Leuten anbietet, sie zu seiner Bleibe zu schleppen und dort ihren Wagen zu reparieren. Die Gestrandeten willigen dankbar ein, ohne zu ahnen, dass sie ihre Entscheidung noch bitter bereuen werden: Mick ist ein Serienmörder, der Touristen gleich in Reihe umbringt …

Sweet Smell of Ernüchterung! Nachdem mir WOLF CREEK vor ein paar Jahren im Rahmen der Fantasy Filmfest Nights ausgezeichnet gefallen hatte, war das gestrige Wiedersehen eine herbe Enttäuschung, die meine in den letzten Wochen und Monaten insgeheim für mich aufgestellte These, dass moderne (sprich: mehr oder minder aktuelle) Horrorfilme dem bei Erstsichtung verströmten Glanz bei weiteren Sichtungen nicht nur höchst selten noch etwas hinzuzufügen wissen, sondern diesen noch nicht einmal aufrechterhalten können, weiter festigt. WOLF CREEK gaukelt mit seiner eröffnenden Texteinblendung, die eine reale Begebenheit als Grundlage des Films angibt, Authentizität vor, kann aber im Verlauf des Films kaum verleugnen, dass auch dies lediglich nur eines der zahlreichen Mittel seiner Affektstrategie ist. Spätestens wenn im blutigen letzten Drittel auch noch das letzte Slasherfilmklischee ausgepackt wird, um die Spannung zu steigern, sich die vermeintlich lebensnahen Protagonisten plötzlich ebenso doof verhalten wie ihre dusseligen Pendants im xten FRIDAY THE 13TH-Sequel, der Killer wie Jason und Co. lustige Wiederauferstehungen feiert, markige One-Liner absondert und überhaupt an Orten auftaucht, an denen er eigentlich gar nicht sein dürfte, merkt man, dass es mit der Authentizität des Films nicht so weit her ist und man sich eigentlich in einem stinknormalen Scareflick befindet, der lediglich mit viel Politur auf ernst und fies getrimmt wurde. Das ist schade, weil WOLF CREEK durchaus über gute Ansätze verfügt, die aber kaum weiter verfolgt werden und nur Kosmetik bleiben. In der schönsten Sequenz des Films etwa, jenen letzten ruhigen Minuten vor dem Sturm, in dene die drei Hauptfiguren den titelgebenden Krater erkunden, ist McLeans Film unverkennbar vom Hauch des Naturmystizismus beatmet, der auch solche australischen Genrefilmen wie PICNIC AT HANGING ROCK, THE LAST WAVE oder LONG WEEKEND durchweht. Eine fremdartige Stimmung liegt in diesen Minuten über den Bildern, die  man auch in sicherer Entfernung vor dem Bildschirm noch spüren kann und die deutlich nachhaltiger beeindruckt als das schnöde Katz-und-Mausspiel, das den eigentlichen Höhepunkt des Films markieren soll. In den letzten Minuten entpuppt sich aber auch dieser positive Aspekt noch als leerer Style, wenn der letzte Überlebende in eine Sonnenfinsternis hineinstolpert, von der vorher nie die Rede war, die nur dazu da ist, um noch ein paar surreale Bilder zu liefern.

Mag sein, dass ich kleinlich bin, aber WOLF CREEK lässt einfach eine klare Linie vermissen: Für einen True-Crime-Film erlaubt er sich zu viele dichterische Freiheiten und Rückgriffe auf Stilmittel des rein fiktiven Genrekinos, die seine Glaubwürdigkeit massiv unterminieren. Was bleibt, ist ein nicht uneffektiver Terrorfilm, der glänzend besetzt und technisch ordentlich gemacht ist, sich aber aus der Masse vergleichbarer Filme nur marginal hervorhebt. Da lobe ich mir doch das – wie ich in den letzten Wochen bemerkt habe – aufgrund einiger zugegebenermaßen blöder Kommerzschoten viel zu schlecht beleumundete Horrorkino der Achtzigerjahre, dessen Vertreter sich noch viel häufiger trauten, eigene Wege zu gehen, und deren Stil deutlich weniger gleichförmig und trist, sondern von Kreativität, Spielfreude und einer ungebändigten Lust am Erfinden und Fabulieren geprägt war, die dann zwar auch mal geschmackliche Ausrutscher und idiotische Ideen produzierte, die man ihnen aber gern nachsah. Es wird jedenfalls Zeit, dass sich der nur noch nervtötende Zynismus und Nihilismus moderner Genrevertreter, den diese dann auch noch als “Realismus” ausgeben, aber damit doch nur die eigene Ideenarmut und den Mangel an schöpferischer Vision kaschieren wollen, wieder verabschiedet und von einem konstruktiveren Gestus abgelöst wird. Den xten in Braun- und Sifftönen fotografierten Gewaltfilm, der mir erzählt, wie kaputt und schlecht die Welt ist, muss ich jedenfalls nicht mehr sehen. Ich hab’s begriffen, lebe schließlich auch auf diesem Planeten.

04
Jun
10

rovdyr (patrik syversen, norwegen 2008)

Camilla (Henriette Bruusgaard), ihr herablassender Partner Roger (Lasse Valdal) und das befreundete Geschwisterpärchen Jörgen und Mia sind unterwegs zu einem Campingtrip in den norwegischen Wäldern. Nachdem sie in einer Raststätte den Zorn diverser Hinterwäldler auf sich gezogen haben, werden sie wenig später auf offener Straße von ein paar unfreundlichen Jägern überfallen, die die schnell auf drei dezimierten Freunde für ein Spielchen im Wald aussetzen …

Eine Einblendung zu Beginn verortet das Geschehen im TEXAS CHAIN SAW-Gedächtnisjahr 1974: ein etwas unbeholfener Tribut und willkommene Legitimierung für die jeder Spitze beraubte Farbpalette des Films, die etwas an vergilbte Fotos aus jener Zeit erinnert. ROVDYR – auch für des Norwegischen nicht Mächtige als “Raubtier” zu entziffern – ist eine 75-minütige Schlachtplatte, die wie ihre unfreundlichen Antagonisten wenig Federlesen macht: Im Hinterland, da, wo die Menschen noch von anderem Schrot und Korn sind, sollte man sich als Städter benehmen – oder sich besser gleich überhaupt gar nicht erst aufhalten, wenn einem das eigene Leben hold und teuer ist. Nach knapp 20 bis 30 Minuten geht die ohne jeden überflüssigen Ballast inszenierte und erzählte Jagd los, bietet Anlass für einige unangenehm, aber nicht allzu breit ausgewalzte Härten, bevor der Spuk nach etwas mehr als einer Stunde nicht übermäßig überraschend, aber auch nicht uneffektiv zu Ende geht.

Ich habe mich schon zwischendurch gefragt, was Syversen eigentlich an dem Stoff interessiert hat, was genau er erzählen wollte. Und ob er jenseits des reinen Affekts überhaupt etwas im Sinn hatte. ROVDYR ist, wie fast alle Vertreter der “Neuen Härte”, in erster und einziger Linie böse, dreckig und gemein und in dieser Ausschließlichkeit paradoxerweise fast schon wieder naiv. Was ihn von vergleichbaren Filmen der letzten Jahre unterscheidet, ist, dass hier nicht mal der kleinste Versuch gemacht wird, das blutige Geschehen irgendwie mit Bedeutung aufzuladen. Das finde ich überaus löblich, waren es doch gerade die von gesellschaftspolitischer Einfalt  geprägten, geradezu schwachsinnig oberflächlichen “Subtexte”, die die meisten seiner Genrekollegen regelmäßig zu solch heuchlerischen Ärgernissen werden ließen: Da wurde dem spießigen Establishment – das diese Filme ja eh nie sieht – ununterbrochen und unter Zuhilfenahme aller zur Verfügung stehenden filmischen Mittel vors Scheinbein getreten, nur um dann mit einer Moral von der Geschicht aufzuwarten, die diesem Spießertum geradezu aus der Seele gesprochen haben dürfte. Man denke nur an den unsäglichen FRONTIERE(S) mit seiner “Ihr asozialen Ghettokinder könnt froh sein, dass wir euch in euren Elendsvierteln ganz human erschießen und eucht nicht noch foltern”-Message oder auch an den kaum weniger einfältigen EDEN LAKE). ROVDYR ist wie gesagt frei von solchem Unsinn und insofern einfach nur drastisches Entertainment, das allerdings auch viel zu schmucklos und leer ist, um nachhaltigen Eindruck zu machen.

02
Jun
10

just before dawn (jeff lieberman, usa 1981)

Um sein geerbtes Grundstück zu besichtigen, begibt sich Warren (Gregg Henry) mit seiner Freundin Constance (Deborah Benson) und drei weiteren Freunden in die Berge Oregons. Zwar werden sie auf dem Weg noch vom freundlichen Ranger Ty (George Kennedy) vor einer nicht weiter genannten Gefahr gewarnt, doch das hindert sie nicht daran, ihre Reise fortzusetzen. Und so laufen sie in der Wildnis einem durch Inzucht degenerierten Brüderpaar in die Arme, für das “Spaß” gleichbedeutend mit “Mord” ist …

Lieb- und freudlose Geister würden diesem Film wahrscheinlich akute Handlungsarmut vorwerfen: Die Protagonisten fahren in den Wald, verlustieren sich ein wenig vor beeindruckender Naturkulisse, verärgern die ortsansässige Redneckfamile und werden nacheinander abgemurkst, bevor sich die Verbliebenen schließlich zur Wehr setzen. Dieser skelettierte Plot wird von Lieberman noch dazu mit einer Unaufgeregtheit und Ruhe abgehandelt, die mit dem meist recht hysterischen Treiben des sonstigen Slasherfilms nur wenig gemein hat und von der sich der Adrenalinjunkie, der auf der Suche nach neuem harten Stoff ist, möglicherweise verprellt fühlt. Wer vom Schlitzereinerlei aber eh die Nase voll hat und bereit ist, JUST BEFORE DAWN für sich stehen und wirken zu lassen, der wird mit einem recht ungewöhnlichen und poetischen Vertreter seiner Gattung belohnt. Schon von den ersten Sekunden an, in denen man zum sphärischen, an Tangerine Dream erinnernden Score von Brad Fiedel und dem unheimlichen Zirpen und Zwitschern unbekannter Vogelarten den Bildern eines Sonnenaufgangs beiwohnt, durchzieht eine mystische Stimmung den Film, die den Backwood-Freund sofort an die Geburtsstunde des Subgenres in DELIVERANCE erinnert. Die Natur ist hier nicht bloß reizvolle Kulisse, sie nimmt vielmehr selbst die Funktion eines Charakters an, der von den Slasherfiguren bloß vertreten wird. Lieberman betont den dem Backwood-Film innewohnenden Natur-vs.-Zivilisation-Diskurs, der sich im Laufe des Films zum Mann-vs.-Frau-Diskurs verwandelt, damit die Brücke zum kürzlich besprochenen STORM WARNING schlagend.

Gleich in der Eröffnungsszene, die in einer verfallenen, von der umgebenden Vegetation überwucherten Kirche spielt, wird von einer Figur behauptet, Gott habe sein Haus verlassen, um den Wäldern Platz zu machen; einer der Killer, beides verfettete riesenhafte Ungetüme mit deformierten Schädeln, wird später von der selben Figur als “built like a mountain” beschrieben und Ty begründet seine zu Beginn gegenüber den Protagonisten ausgesprochene Warnung nicht etwa damit, dass er von der Existenz der Killer gewusst habe, sondern damit, dass er die fünf Städter ”erkannt” habe, also gewusst habe, dass ihre bloße Präsenz ausreichen würde, den Zorn der Natur hervorzurufen. Dieser Naturdiskurs ist insofern interessant, als er mit dem Inzuchtthema kurzgeschlossen wird. Doch Inzucht ist ja erst einmal ein Zivilisationsproblem – bzw. eines von nicht genug Zivilisation:  Die Redneckfamilie ist dazu gezwungen, sich untereinander zu vermehren, weil keine neues Blut von außen in die Familie kommt. Die Degeneration der beiden Sprösslinge  ist das Ergebnis: Im Grunde ein Schutzmechanismus der Natur, die so das schädliche Treiben der Inzucht markiert und stigmatisiert. Doch die beiden Brüder können so verstanden als besonders “natürlich” gelten: Eben weil sich die Natur  in sie besonders nachdrücklich eingeschrieben hat. Sie verkörpern in ihrer deformierten Gestalt die Kraft und Rücksichtslosigkeit der Wälder, die auch über eine Kirche hinwegwuchern, ohne dabei Rücksicht auf einen lieben Gott zu nehmen.   

Und je mehr die Natur sich also als Feind der Stadtmenschen entpuppt, umso mehr verkehrt sich das Kräfteverhältnis zwischen Warren und seiner Freundin Constance. Ist Warren zu Beginn noch der unangefochtene Führer der Clique (er verfügt als einziger über umfassende Bergsteigererfahrungen), verwandelt er sich im Finale in ein wimmerndes, heulendes Häufchen Elend, das hilflos am Boden liegt, während seine Partnerin Constance, die sich vom schüchternen Mauerblümchen in eine wehrhafte (und überaus attraktive) Amazone verwandelt hat, sich auf beeindruckend rabiate Weise des letzten Angreifers entledigt (über die auffallende sexuelle Symbolik dieser finalen Mordszene lasse ich mich jetzt nicht weiter aus). Es war auch immer dieses Finale, das mich so für den Film eingenommen hat: Wie nach dem Tod des Monsters langsam die Dämmerung heraufzieht, nach dem Chaos die Stille wieder einkehrt und die Natur sich als von den Ereignissen vollkommen unbeirrt zeigt. Constance steht da, entrückt gen Himmel blickend, der Rauch des verglimmenden Lagerfeuers hüllt sie in den Nebel des Mythos, den Warren voller Schauder zu durchblicken sucht, und die Kamera schwenkt vom Ort des Geschehens über die Baumwipfel, über denen die Sonne wieder aufgeht. Der Zirkelschluss zum Anfang des Films ist gemacht: Für die Überlebenden hat sich alles verändert, doch für die Welt spielt das alles keine Rolle. Der Mensch ist ein Nichts, sein Verbleib auf diesem Planeten reine Glückssache. Ein wunderschöner, stimmungsvoller Film, den ich nicht missen möchte.

30
Mai
10

the zero boys (nico mastorakis, usa 1986)

Die “Zero Boys”, eine dreiköpfige Gruppe Gotcha-spielender Wochenendsoldaten um den obercoolen Steve (Daniel Hirsch), begibt sich nach gewonnenem Turnier mit den Freundinnen in die kalifornischen Berge, um den Sieg bei Dosenbier und Fummeln gebührend zu feiern. Doch statt eines lustigen Abends steht ihnen eine absolute Schreckensnacht bevor, als sie die Aufmerksamkeit zweier sadistischer Hinterwäldler auf sich ziehen, die in ihrer Scheune Snuff-Filme zur Stillung ihrer perversen Bedürfnisse drehen …

Wie fast alle Filme, die der griechische Regisseur Mastorakis in den Achtzigerjahren drehte, zeichnet sich auch THE ZERO BOYS durch eine sehr gediegene Inszenierung aus, bei der vor allem Kameraarbeit und Lichtsetzung hervorzuheben sind, die einen beträchtlichen Teil der Spannung und Atmosphäre des Filmes ausmachen. THE ZERO BOYS sieht toll aus und tröstet damit darüber hinweg, dass er auf der Handlungsebene nur wenig spektakulär ist. An vordergründiger Gewalt und Splattereffekten war Mastorakis offensichtlich nicht interessiert: Die wenigen Szenen um die Folterkammer, in der die Snuff-Filme gedreht werden, begnügen sich mit Andeutungen und verzichten auf explizite Gewaltdarstellungen. Meines Erachtens hebt das THE ZERO BOYS gegenüber den zahllosen in Blut und Gedärm watenden Filmen seiner Zeit aber eher positiv hervor, weil es ihn trotz des modischen Gotcha-Sujets und der achtzigertypischen Optik in Beziehung zu einer älteren Horrortradition setzt, in der Schrecken durch Suggestion erzeugt wurde, statt durch gnadenloses Draufhalten.

Interessant wird THE ZERO BOYS – den ein wieder einmal erschreckend indisponierter Frank Trebbin in seinem Horrorlexikon der blöden Meinungen in Bausch und Bogen verrissen hat – neben seinem damals noch längst nicht so gegenwärtigen Snuff-Diskurs durch seine Anlehnung an den Actionfilm und die seinerzeit wieder aktuellen Vietnam-Bezüge. Gleich zu Beginn richtet der kampfbereite Steve die mahnenden Worte “Sly, eat your heart out!” an ein RAMBO II-Szenenfoto und die aus dem Hinterhalt mit archaischen Waffen operierenden Hinterwäldler, die man erst sehr spät zu Gesicht bekommt, lassen sich durchaus als Vietcong-Repräsentanten lesen. Oder aber man interpretiert THE ZERO BOYS strukturalistisch: Dann ist er eine Kampfansage des Horrorfilms an seinen damals die Kinokassen dominierenden Konkurrenten, das Actionkino. Aber auch ohne solche Exegesen ist THE ZERO BOYS feine unprätentiöse Unterhaltung. Ich mag den Film trotz seiner letztlich etwas unspektakulären Auflösung sehr gern, zumal mich nostalgische Gefühle mit ihm verbinden: Es war nämlich der erste Film, den ich als Gebrauchtkassette in einer Videothek erstand.




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