Einträge tagged ‘Comicverfilmung

07
Mai
12

marvel’s the avengers (joss whedon, usa 2012)

Dass für den Freund bunten Firlefanzes dieses Jahr kein Weg an MARVEL’S THE AVENGERS vorbeiführt, zeigt sich schon daran, dass selbst ich den Weg ins Kino gefunden habe, um ihn mir mit 3D-Brille bewaffnet anzusehen und mich selbst davon zu überzeugen, dass es sich hierbei um den CITIZEN KANE des Superheldenfilms handelt. Zwar bin ich ganz froh, dass ich mein anlässlich des grauenvollen X-MEN ORIGINS: WOLVERINE geäußertes Versprechen, Marvel-Filme zukünftig zu meiden, gebrochen habe, dennoch hapert es auch bei diesem jüngsten Werk ganz erheblich an allem, was über Krawall und Action hinausgeht. Was das heißt, könnt ihr in meiner Rezension nachlesen, die ich für Hard Sensations verfasst habe. Klick!

26
Mar
12

creepshow 2 (michael gornick, usa 1987)

1. “Old Chief Wood’nhead”: Die Gemischtwarenhandlung des Ehepaars Spruce (George Kennedy & Dorothy Lamour) wird von dem rebellischen Indianer Sam Whitemoon und seinen weißen Proletenkumpels überfallen, das Ehepaar ermordet. Weil Spruce den Indianern immer wohlgesonnen war, begibt sich Chief Wood’nhead, eine vor dem Laden postierte Indianer-Holzstatue, auf Rachefeldzug, um den Mord zu sühnen. 2. “The Raft”: Vier Jugendliche fahren an einen einsamen Bergsee, um sich auf der in der Mitte treibenden Insel zu sonnen. Doch dort angekommen bemerken sie, dass sie von einer Art monströsem Ölteppich belagert werden, der Appetit auf Menschenfleisch hat. 3. “The Hitch-Hiker”: Die untreue Gattin Annie Lansing (Lois Chiles) überfährt auf der Heimfahrt von ihrem Liebhaber einen Anhalter und begeht Fahrerflucht. Doch der Tote erweist sich als äußerst hartnäckig …

Licht und Schatten liegen bei diesem Sequel, das die Klasse der Vorgängers nicht annähernd erreicht, dicht beieinander: Die Rahmenhandlung, ein Trickfilm um einen jungen Comicfan, der sich gegen eine Horde Bullies mit einer fleischfressenden Pflanze wehrt, die er über eine Anzeige in seinem geliebten Horrorcomic bestellt hat, wirkt wie ein müder Abklatsch und kann technisch nicht mit den Animationssequenzen des ersten Teils mithalten, wirkt irgendwie unpersönlich und uncharmant (ein bisschen wie die doofen Trickfilmserien der Achtzigerjahre). Und mit “Old Chief Wood’nhead” beginnt der Episodenreigen dann gleich mit der schwächsten Geschichte. Unpointiert, vorhersehbar und ohne echten Höhepunkt wird eine Standard-Rachegschichte abgespult, deren einsame Höhepunkte – der immer verlässliche, immer liebenswerte George Kennedy und die lebende Holzstaue – ziemlich verschenkt sind. Das Niveau steigt mit den beiden folgenden Geschichten zwar erheblich, vor allem “The Raft” ist ziemlich großartig, wenn man bedenkt, wie beknackt seine Prämisse eigentlich ist, doch den pulpigen, barocken Charme des Originals, das die Ästhetik der zugrunde liegenden Comics durch eine recht avancierte Bildgestaltung und Schnitttechnik und angemessen übersteuerte Performances eines Allstar-Casts einfing, vermisst man hier schmerzlich. Michael Gornick, dessen einziger Kinofilm dies blieb, inszeniert bestenfalls zweckmäßig, ohne nennenswerte Ideen oder das Gespür für saftige Bilder, nach denen der Stoff eigentlich verlangt. Was verwunderlich ist, denn als DoP von solchen nun nicht gerade blass zu nennenden Filmen wie MARTIN, DAWN OF THE DEAD oder DAY OF THE DEAD hätte man das eigentlich erwarten können. So verwundert es immerhin nicht, dass er nach diesem Abstecher  wieder ausschließlich fürs Fernsehen tätig war. Wenn CREEPSHOW packt, dann geht das vor allem auf das Konto der Effektleute, die in “The Raft” und “The Hitch-Hiker” ganze Arbeit geleistet haben und erheblich dazu beitragen, dass diese Epsioden dann doch noch eine Schlagseite in Richtung schmerzhaften Körperhorrors bekommen.

Man sollte diese Kritik nicht überbewerten: CREEPSHOW 2 ist ein nettes Horrofilmchen für Zwischendurch, nicht wirklich schlecht, aber eben kein Stück nachhaltig. Was ja nun auch nicht so richtig verwunderlich ist, wenn man bedenkt, welcher Quelle hier Tribut gezollt werden soll. Wie viele dieser Episodenfilme können schon für sich beanspruchen, einen über das kurzweilige Amüsement hianus beschäftigt zu haben? Eben. Daran gemessen schneidet dann auch CREEPSHOW 2 nicht so schlecht ab. Bedenkt man aber, was George A. Romero im Vorgänger aus der Prämisse herausgeholt hatte, dann ist Gornicks Sequel schon ein bisschen ernüchternd.

15
Mar
12

creepshow (george a. romero, usa 1982)

Ein Papa (Tom Atkins) entreißt seinem jungen ein Comicheft der Reihe “Creepshow” und schmeißt es in die Mülltonne. Der Wind blättert durch das Heft und seine Geschichten. 1. “Father’s Day”: Ein missgünstiger Ehemann und Vater kommt Jahre nach seiner Ermordung aus seinem Grab, um sich endlich seinen Vatertagskuchen von seinen Hinterbliebenen abzuholen. 2. “The Lonesome Death of Jordy Verrill”: Der geistig zurückgebliebene Farmer Jordy (Stephen King) lässt über seine Träume vom großen Geld alle Vorsicht fahren und fasst einen Meteor an, der auf seinem Grundstück gelandet ist. Bald bemerkt er an seinem Körper und im Haus überall grüne Sporen, die unaufhaltsam wuchern. 3. “Something to tide you over”: Der gehörnte Ehemann Richard (Leslie Nielsen) hat sich für eine Frau (Gaylen Ross) und ihren Geliebten (Ted Danson) etwas ausgedacht. Nahe der Flutlinie gräbt er sie im Sand ein und schaut sich ihren Todeskampf mittels Kamera bequem zu Hause an. Doch abends hört er Geräusche … 4. “The Crate”: Der Professor Dexter Stanley (Fritz Weaver) entdeckt in einer alten Kiste im Universitätsgebäude eine uralte, gefräßige Kreatur, die sogleich den Hausmeister und einen Studenten vertilgt. Er erzählt seinem alten Freund und Kollegen Henry Northrup (Hal Holbrook) davon und der hat sogleich eine Idee, wie er seine ätzende Gattin Billie (Adrienne Barbeau) loswerden kann. 5. “They’re creeping up on you”: Der misanthropische Geschäftsmann Upson Pratt (E. G. Marshall) hat panische Angst vor Bakterien und Ungeziefer und lebt deshalb in einem klinisch reinen Hight-Tech-Apartement, von wo aus er seine Untergebenen über das Telefon gängelt und kontrolliert. Doch derzeit hat er alle Hönde voll zu tun, der Kakerlakenplage Herr zu werden …

Mann, habe ich den schon lange nicht mehr gesehen! Und: Mann, war das gut, den mal wieder zu gucken! Langer Rede, kurzer Sinn: CREEPSHOW, eine aus der Feder von Stephen King stammende und von George A. Romero inszenierte Hommage an die EC-Comics, die auch die Grundlage für die britischen Verfilmungen TALES FROM THE CRYPT und VAULT OF HORROR sowie die erfolgreiche Fernsehserie TALES FROM THE CRYPT bildeten, ist vor allem ein Trumph des Designs. Unter Zuhilfenahme von wundervollen Trickfilmsequenzen, eines trick- und einfallsreichen Schnitts, der erfolgreich die Panelstruktur des Comics nachahmt (ein traumhaft schönes Comicalbum zum Film wurde ebenfalls aufgelegt), der garstig-übersteuerten Effektarbeit Tom Savinis, einer traumhaft expressiven Kameraarbeit und Lichtsetzung und der superb aufgelegten Besetzung gelingt das Kunstwerk, den Geist der Comics ohne Verlust in ein anderes Medium zu übertragen. CREEPSHOW ist bunt, ohne dabei plastikhaft, plakativ, ohne platt zu sein, bösartig, ohne je zynisch zu werden, geschmacklos, aber niemals stillos und vor allem witzig, ohne dabei den Horror zu vernachlässigen. An dieser Mischung versucht sich seit knapp zwei Jahrzehnten ein ganzes Genre, ohne auch nur annähernd die Klasse dieses Films zu erreichen (gemeint ist natürlich das fürchterliche Fun-Splatter-Kino). Große Exegesen sind dann auch gar nicht nötig, die Qualität dieses Films sticht wortwörtlich ins Auge. Nur soviel: Die alttestamentarische Moral, die diese Geschichten zu vertreten scheinen, ist ja gar nicht so klar, wie es auf den ersten Blick scheint. Der Tod geht dann wohl doch nicht nur streng nach dem Regelwerk vor, sondern hat durchaus einen Sinn für dramaturgische Kniffe. Warum etwa der Rachemord des betrogenen Richard Vickers eher geahndet gehört als das ja kaum weniger heimtückische Vergehen des baven Henry Northrup, darüber könnte man sicher lange Diskussionen führen.

05
Mar
12

the vault of horror (roy ward baker, goßbritannien 1973)

In einem Bürogebäude besteigen fünf Männer den Aufzug, der sie jedoch erst im “Sub-Basement” entlässt. Weil es dort keinen Ausgang gibt, beschließen die Männer das Beste aus ihrer Lage zu machen. Sie setzen sich zusammen, gießen sich einen edlen Tropfen ein und beginnen über ihre Albträume zu sprechen: 1. Harold Rogers (Daniel Massey) kehrt in einem Restaurant ein, nachdem er seine Schwester ermordet hat. Doch das Etablissemnt hat eine sehr spezielle Klientel … 2. Der penible Arthur Critchit (Terry-Thomas) terrorisiert seine in häuslichen Dingen etwas ungeschickte Gattin Eleanor (Glynis Johns) mit seinem Ordnungswahn. Als sie versucht, ein ihr in seiner Abwesenheit unterlaufenes Malheur zu beheben und dabei alles nur noch schlimmer macht, kommt es zum Konflikt … 3. Der Zauberkünstler Sebastian (Curd Jürgens) stößt bei seinem Indienaufenthalt auf eine Frau, die ihm einen verblüffenden Seiltrick vorführt, sich jedoch weigert, ihn zu verkaufen. Sebastian greift zu drastischen Maßnahmen, doch er findet keine Freude an dem neu erworbenen Trick … 4. Maitland (Michael Craig) täuscht seinen Tod vor und lässt sich lebendig begraben., um seine Lebensversicherung einzustreichen. Ein Freund soll ihn rechtzeitig exhumieren. Doch der macht sich mit der Belohnung aus dem Staub und stattdessen machen sich zwei mittellose Medizinstudenten an Maitlands Grab zu schaffen: Sie brauchen dringend einen Körper, um für ihr Examen zu lernen … 5. Der in der Karibik lebende Maler Moore (Tom Baker) findet heraus, dass er betrogen wurde: Seine Bilder sind für viel mehr Geld verkauft worden, als er jemals dafür bekommen hat. Er sucht einen Voodoo-Priester auf, dessen Zauber ihm die Fähigkeit verleiht, Bilder als Vodoopuppen-Äquivalent zu malen. Zwar hat er in der Folge viel Freude an den Porträts der Übeltäter, doch muss er dafür sein Selbstbildnis hüten wie seinen Augapfel …

Die von Roy Ward Baker inszenierte Forsetzung von TALES FROM THE CRYPT, basiert wie jener auf Geschichten der gleichnamigen Comicserien aus der Feder von William Gaines, teilt mit dem direkten Vorgänger die meisten von dessen Stärken und Schwächen, fällt insgesamt aber noch eine Ecke unspektakulärer als jener aus. Der Gewaltanteil wurde noch einmal reduziert: Für einen Horrorfilm ist THE VAULT OF HORROR ziemlich ungrafisch und gleich zweimal wird der blutige Höhepunkt nur wenig elegant mittels Freeze Frame festgehalten und so entschärft. Mit der zweiten Episode, “The Neat Job”, gibt es sogar eine offen komödiantisch angelegte Geschichte, die mit Terry-Thomas aber brillant besetzt ist und so neben der letzten und längsten Episode zum Höhepunkt des Films avanciert. Diese, “Drawn and Quartered” betitelt, schließt dann auch noch einmal an die Highlights “Poetic Justice” und “Blind Alley” aus TALES FROM THE CRYPT an, leider aber ohne dabei wie diese ein wirklich griffiges, nachhaltiges Bild zustande zu bringen. THE VAULT OF HORROR bietet 90 Minuten lang sehr akzeptables und natürlich vor allem sehr sympathisches Entertainment – wer britische Horrorfilme jener Zeit mag, der wird auch hier nicht wirklich enttäuscht werden -, aber ihm fehlt der letzte Kick, ein großer Besetzungscoup, ein knackiger Spezialeffekt, eine gruselige Maske oder eben ein besonders sadistischer Einfall. Exemplarisch dafür stehen die Episoden drei und vier, aus deren Prämisse man sehr viel mehr hätte machen können und deren jeweilige Auflösungen nicht das halten können, was der Aufbau noch versprochen hatte. Der Vorteil an dieser “Unterperformance”: Die Rahmenhandlung, die wie schon jene in TALES FROM THE CRYPT sehr einfallslos und unfertig rüberkommt, verpasst dem Film keinen Dämpfer, sondern fügt sich weitaus besser ins Gesamtgefüge ein. Das klingt jetzt sehr böse und hört sich so an, als hätte ich den Film überhaupt nicht gemocht. Das stimmt nicht, er hat mir aller objektiven Schwachpunkte zum Trotz gut gefallen und durchaus Freude gemacht. Aber seine Stärken sachlich-objektiv zu verargumentieren ist nicht so einfach: Man muss einen Draht zur Stimmung dieser Filme haben, sich in ihre unaufgeregte Art, ihren Tongue-in-cheek-Humor einfinden und am besten – hier tut sich eine Parallel zwischen dem britischen Horrorfilm der Sechziger und Siebziger und dem dem italienischen Exploitationkino auf – eine Beziehung zu den Akteuren haben, die sie bevölkern, um sie richtig genießen zu können. Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, dann liebt man diese Filme allesamt, ganz unabhängig von ihren jeweiligen Stärken oder Schwächen. Ich befinde mich in dieser glücklichen Lage, deswegen ist THE VAULT OF HORROR auch nur ein weiteres Puzzlesteinchen in einem großen Gesamtbild, das ich in meinem Filmseherherzen mit mir herumtrage – und auf dessen Unversehrtheit ich, analog zum Protagonisten der letzten Epsiode, auch in Zukunft sehr gut aufpassen werde.

05
Mar
12

tales from the crypt (freddie francis, großbritannien 1972)

Fünf Personen besichtigen eine alte Gruft. Dort erwartet sie bereits ein Mann, der sie fragt, wo sie herkommen und was sie an diesen unwirtlichen Platz führt. Die Personen erinnern sich: 1. Heiligabend: Joanne Clayton (Joan Collins) hat soeben ihren Gatten ermordet, als sie im Radio hört, dass ein Irrer im Weihnachtsmannkostüm umgeht. Wenig später klopft es an ihre Tür … 2. Carl Maitland (Ian Hendry) betrügt seine Gattin mit einer jüngeren Frau, mit der er ein neues Leben beginnen will. Bei einer Autofahrt geraten beide in einen schweren Unfall. Als Carl das Bewusstsein wiedererlangt, ist seine Geliebte verschwunden und alle Menschen, denen er begegnet, nehmen schreiend vor ihm Reißaus … 3. Das hutzelige Häuschen des Witwers Grimsdyke (Peter Cushing) ist einem reichen Grundstücksbesitzer ein Dorn im Auge. Mit perfiden Mitteln treibt er den alten Mann schließlich an einem Valentinstag in den Selbstmord. Genau ein Jahr später erhält er selbst eine Valentinstagskarte … 4. Der Unternehmer Ralph Jason (Richard Greene) hat sich mit dubiosen Finanzspekulationen hoch verschuldet. Eine Statue, die er und seine Frau vor Jahren aus dem Urlaub mitgebracht haben und die ihrem Besitzer angeblich drei Wünsche gewähren soll, soll Abhilfe schaffen. Doch die Wünsche gehen allesamt nach hinten los …
5. Der eiserne Major William Rogers (Nigel Patrick) übernimmt die Leitung eines Heims für Blinde und beginnt sein Regiment mit eiserner Hand. Der blinde George Carter (Patrick Magee) mahnt ihn zur Nachsicht mit den Bewohnern, doch der ehemalige Soldat hört nicht auf ihn. Als einer der Blinden verstirbt, bekommt er die Quittung serviert …

Die erste Verfilmung von Geschichten der populären gleichnamigen amerikanischen Horrorcomics von William M. Gaines fügt sich relativ nahtlos in die Reihe der Episodenfilme ein, mit der die britische Produktionsfirma Amicus den schwächelnden Hammer-Studios in den Siebzigerjahren Konkurrenz machte. Statt des grellen Humors und der saftigen Splattereffekte, die die späteren Fernsehadaptionen der Comics in den USA auszeichneten, setzt Freddie Francis auf etwas leisere, aber kaum weniger humoristische Töne. Und das steht den Schuld-und-Sühne-Geschichten sehr gut zu Gesicht, weil ihr menschlicher Kern so stärker betont wird, wo die genannten US-Episoden sich doch eher in den sadistischen Rachefantasien ergehen: Sie bieten vielleicht mehr Schauwerte, sind aber eben auch eindimensionaler. Zentrum von TALES FROM THE CRYPT ist eindeutig die dritte Episode namens “Poetic Justice”. Sie profitiert von der Besetzung mit dem großartigen Peter Cushing als liebenswerter, kinder- und tierfreundlicher Witwer Grimsdyke, einer Rolle, die etwas abseits seiner sonstigen asketischen Vernunftmenschen angesiedelt ist und dank seiner herzzerreißenden Darbietung das emotionale Zentrum des Films bildet. Auf ähnlichem Niveau befindet sich die finale Episode “Blind Alleys” um Patrick Magee, die gemeinsam mit “Poetic Justice” auch rein längenmäßig den Löwnenateil des Films ausmacht. Die drei restlichen Episoden mit ihrer Laufzeit von gerade einmal zehn bis fünfzehn Minuten  verkommen gegenüber diesen Glanzlichtern leider zu besserem Füllmaterial. Es ist eben nicht ganz leicht, in dieser Kürze einen funktionierenden Spannungsbogen zu entwickeln. Trotzdem haben auch diese Episoden einen unverwechselbaren makaber-staubigen Charme und vielleicht profitieren sie sogar von ihrer knackigen Kürze: Dass sie nicht gerade wahnsinnig originell sind, fällt so jedenfalls kaum ins Gewicht.

Einziger echter Schwachpunkt des Films ist somit die Rahmenhandlung, die ihren Alibicharakter nicht verbergen kann, sehr halbherzig wirkt und darüberhinaus auch nicht wirklich Sinn ergibt: Es stellt sich – für jeden Kenner solcher Filme absolut vorhersehbar – heraus, dass alle fünf Personen Tote sind, die in der Gruft quasi Zwischenstation auf ihrem Weg zur Hölle machen. Ihre in den Episoden geschilderten Taten sind die Sünden, für die sie nun ihre vermeintlich gerechte Strafe bekommen, was ziemlich gemein ist, wenn man bedenkt, dass sie diese doch bereits in Form eines äußerst unangenehmen Todes erhalten haben. Das darf man schon als schludrig bezeichnen. Natürlich ist die Rahmenhandlung bei einem solchen Film nicht wirklich entscheidend, weil es in erster Linie doch um die Episoden selbst geht, aber dass man auch diese lästige Pflicht mit Kreativität und Sorgfalt erfüllen kann, beweist etwa der wie TALES FROM THE CRYPT ebenfalls von Milton Subotsky gescriptete und Freddie Francis für die Amicus inszenierte DR. TERROR’S HOUSE OF HORRORS von 1965. Vielleicht war die Luft sieben Jahre später auch einfach etwas raus.

09
Jun
11

popeye (robert altman, usa 1980)

Man weiß nicht, was das größere Rätsel ist: wie die Entscheider bei Disney und Paramount auf die Idee kommen konnten, ausgerechnet Altman für die Verfilmung des beliebten Comicstrips zu engagieren, einen Regisseur, der sich bis dahin nicht gerade einen Namen mit kassenträchtigen Publikumsschlagern und kindgerechtem Entertainment gemacht hatte. Oder wie es Altman gelang, alle Befürchtungen eines Sellouts zu zerschlagen, mit POPEYE tatsächlich ein jederzeit als Altman-Film erkennbares Werk abzuliefern und noch dazu eines, das nicht bloß als Kuriosität und bizarrer Fehlschlag angesehen werden darf, sondern eines, das aller offenkundiger Mängel zum Trotz tatsächlich als eine der schönsten, eigenständigsten und mutigsten Comicverfilmungen bezeichnet werden muss. Diese Meinung teilt man allerdings nicht mit allzu vielen Menschen: POPEYE ist in der Rezeption weitestgehend als Flop gebrandmarkt, was zumindest in finanzieller Hinsicht schon rein faktisch falsch ist, denn er war seinerzeit durchaus erfolgreich und spielte das Doppelte seines Budgets allein während seiner Kinoveröffentlichung in den USA ein. Allerdings dürfte ein nicht unerheblicher Teil der Zuschauer damals etwas irritiert aus dem Kino gekommen sein, denn was Altman aus der Vorlage gemacht hatte, widersprach der Hoffnung des Publikums auf eine bunte, geradlinige und den etablierten Strukturen des Unterhaltungskinos verhaftete Umsetzung vehement.

Wenn man wollte, dann könnte man so etwas wie eine Plotlinie aus POPEYE herausfiltern, doch ist Altman an dieser viel weniger interessiert als daran, das aus der Zeit gefallene Fantasiestädtchen Sweethaven mit seinen verschrobenen Bewohnern zu einem lebendigen und authentisch wirkenden Eigenleben zu verhelfen, ohne es jedoch lediglich zu “verrealisieren”. Mit seinen windschiefen, chaotisch übereinander getürmten und beinahe organisch aus den Skeletten älterer Bauten und gestrandeter Schiffe errichteten Häusern, die gegen architektonische Paradigmen wie Ökonomie, Effizienz oder Pragmatik krass verstoßen, verfügt POPEYE nicht nur über eine der schönsten Filmkulissen überhaupt, Altman versteht es auch, diese Kulisse als Ausdruck des Innenlebens der Bewohner zu inszenieren und Sweethaven so zur Karikatur auf das moderne Stadtleben zu überhöhen.

Der “Taxman” (Donald Moffat) erhebt auf jede Tätigkeit sogleich eine Steuer, im Restaurant von Round House (Allan F. Nicholls) gibt es ausschließlich Burger (als Vorsichtsmaßnahme gegen die immer wieder ausbrechenden Schlägereien kann die Kassiererin von der Decke einen Käfig über ihren Arbeitsplatz herabsenken), Bluto fordert nachts mit einem lauten Schrei alle Bewohner dazu auf, ihre Lichter zu löschen, und alle sind so sehr mit ihren hanebüchenen Tätigkeiten beschäftigt, dass sie darüber völlig unempfänglich für die eigenen Bedürfnisse und Gefühle und die ihrer Mitmenschen sind. So schiebt Olive ihre Hochzeit mit Bluto, mit dem sie nur wegen seines Ansehens zusammen ist und über den sie nicht mehr Positives vorbringen kann, als dass er “large” sei, ständig vor sich her, bis ihr nur noch die Flucht vor ihm bleibt. Kein Wunder, dass Popeye, der von sich selbst nur sagen kann “I am what I am what I am what I am”, frischen Wind in die Stadt bringt. Alle diese Charaktere wirken wie echte Persönlichkeiten, nicht bloß wie zweidimensionale Pappaufsteller, und die Besetzung muss man als phänomenal bezeichnen. Robin Williams kopiert den Comicseemann in seinem Spielfilmdebüt geradezu perfekt, hat mit seinem hingenuschelten Seemannsenglisch voller falsch betonter Wörter eine zitierwürdige Zeile nach der anderen (mein Favorit: “I’m no doctor but I’m losing my patience.”) und außerdem traumhafte Gummiunterarme und -waden. Paul L. Smith, der in den Siebzigern gern als Bud-Spencer-Klon besetzt wurde (und später in Raimis göttlichem CRIME WAVE mitspielte) ist perfekt als Bluto und dasselbe gilt für Paul Dooley als burgersüchtiger Wimpy. Im Zentrum steht aber eindeutig Shelley Duvall, die für die Rolle der Olive Oyl wohl geboren wurde und ohne die man sich den Film gar nicht vorstellen mag. Wie sie die Bewegungslegasthenie ihres Comicvorbilds kopiert, ihre Beine ineinander verheddert und mit ihrer fragilen wie durchdringenden Stimme “He needs me” singt, ist herzerweichend. Man merkt, dass Altman die Vorlage ganz genau studiert hat und sie deshalb bis ins Detail perfekt in Spielfilmbilder übersetzen konnte. (Wer allen Ernstes kritisiert, dass die Schauspieler schlecht sängen, hat tatsächlich den Witz nicht verstanden.)

Dass POPEYE trotzdem nicht ausschließlich positiv aufgenommen wurde, liegt wiederum ebenfalls an Altman: An ausuferndem Klamauk ist er ebenso wenig interessiert wie an den Balgereien, die in den Comics meist im Vordergrund standen. Die kurzen Schlägereien des Films muten undynamisch und wie ein Zugeständnis an die Erwartungen des Publikums an, genauso wie der sich erst im letzten Drittel in den Vordergrund drängende Plot, dessen Verlauf weitaus weniger interessant ist als das geschäftig-ziellose Treiben auf den Straßen Sweethavens. Altman ist einfach kein Actionregisseur, weil er sich für Bewegung nur soweit interessiert, wie sie etwas über den Charakter verrät: Deswegen ist sie in POPEYE auch meist als Tanz an die von Hardy Nilsson geschriebenen Musicalnummern gekoppelt. Bewegung als Selbstzweck, das Aufgehen in der Aktion, das ein Sich-Verlieren im Hier und Jetzt ist, hingegen sind seine Sache nicht. So stellt sich gerade in den slapstickartigen Actionszenen ein Gefühl der Distanz ein: Man spürt als Zuschauer, dass Altman mit diesen Szenen nichts anzufangen wusste, sie ihn nicht interessierten. Da sitzen Schnitte nicht richtig, Bewegungsabläufe scheinen unnatürlich und forciert und visuelle Pointen versanden wirkungslos, weil sie schlecht getimt sind. Der Finalkampf gegen Bluto schließlich ist nicht weniger als antiklimaktisch. Aber nirgendwo sonst tritt das Desinteresse Altmans an der Schlagkraft seiner Hauptfigur so deutlich hervor, wie in seinem Verzicht auf das zentrale Erzählelement der Comics: Als ganz zum Schluss endlich die Dose Spinat geöffnet wird, die Popeye seine Kraft verleiht, wirkt das wie eine Niederlage Altmans.

Doch auch wenn POPEYE also letztlich vor allem als Ergebnis eines verlorenen Kampfes Altmans mit sich selbst betrachtet werden kann, sein Film demzufolge alles andere als eine runde Sache, sondern in sich unschlüssig und zerrissen ist, so ändert das nichts an meiner Zuneigung für ihn. Die ist mit dieser Zweitsichtung noch gestiegen: Vielleicht auch, weil ich die verwinkelten Gässchen Sweethavens, das sein Dasein heute unter dem Namen “Popeye Village” als etwas maroder (und überteuerter) Vergnügungspark auf Malta fristet, wo der Film gedreht wurde, selbst schon durchschreiten durfte und bei Betrachtung des Films demnach das schöne Gefühl hatte, diesen Ort – und mit ihm seine Bewohner – tatsächlich zu kennen.

18
Jan
11

howard the duck (willard huyck, usa 1986)

Der Enterich Howard widmet sich auf seinem Entenplaneten nichts Böses ahnend dem Feierabendbier und dem Herrenmagazin “Playduck”, da reißt ihn ein Beben förmlich aus dem Sitz und katapultiert ihn  auf die Erde und geradewegs vor die Füße der Rocksängerin Beverly (Lea Thompson). Mithilfe des Hobbyforschers Phil (Tim Robbins) finden sie heraus, dass Howard durch die Laserexperimente des Wissenschaftlers Jennings (Jeffrey Jones) auf die Erde gebeamt wurde. Und bei dessen Bemühungen, Howard den Weg zurück zu ermöglichen, landet noch etwas auf der Erde, das weniger freundlich als eine Ente ist …

HOWARD THE DUCK ist als einer der großen, ja katastrophalen Flops der Achtzigerjahre in die Filmgeschichte eingegangen. Den Mut von George Lucas, einen Multimillionen-Dollar-Blockbuster um eine freche anthropomorphe Ente zu produzieren, mag man noch loben, doch die Entscheidung, eine mit ihrer lasterhaften Hauptfigur eindeutig auf Erwachsene abzielende Comicserie für die Filmadaption (fast) aller Spitzen und somit ihres prägenden Elements, ja ihres ganzen Wesens zu berauben, somit alle Fans des Comics zu vergraulen und stattdessen darauf zu hoffen, dass der durchschnittliche Kinogänger bereit ist, sich einen Film um eine sprechende Ente, die er nicht kennt, anzuschauen, kann man nur als selbstmörderisch bezeichnen. Die Menschen blieben dem Film denn auch in Scharen fern und so liegt es an den nachfolgenden Generationen von Video- und DVD-Guckern den Film neu zu bewerten.

In manchen Kreisen genießt HOWARD THE DUCK mittlerweile Kultstatus, der wohl nicht zuletzt darauf gründet, dass der Film in seiner ganzen Absurdität ein echtes Unikat ist: Man kann – muss? – Huycks Film lieben, gerade weil er so einen groteske Fehlkalkulation darstellt. Und es gibt ja auch sonst Einiges an ihm zu mögen: Die Effekte sind – vom Entenkostüm, das ein einziger Irritationsmoment bleibt, mal abgesehen – erste Sahne, Jeffrey Jones liefert im Jahr von FERRIS BULELLER’S DAY OFF seine zweite Glanzvorstellung ab und die kleinen anstößigen Spitzen, die man aus dem Comic in den Film hinüberrettete, wirken in diesem Kinderkram umso verstörender. Lea Thompson etwa versprüht mit ihrem knapp unterhalb der Nieren endenden Minirock – eine akute Blasenentzündug induzierend – mehr Sex als so manche durchgeliftete Diva im angeblich heißesten Erotikthriller der Saison und bringt demzufolge den Hormonhaushalt der Ente ziemlich durcheinander. Und auch die von Lovecraft inspirierten “Dark Overlords”, die es am Ende zu besiegen gilt, sehen, in zeitloser Stop-Motion-Animation realisiert, einfach spitze aus. Auf der Negativseite muss man allerdings bemängeln, dass HOWARD THE DUCK merkwürdig leer und irgendwie auch leblos wirkt, was wohl darauf zurückzuführen ist, dass die Story arg schematisch und ohne echte eigene Ideen abgespult wird. Man merkt, dass es hier in erster Linie darum ging, ein Erfolg versprechendes Franchise auf den Markt zu schmeißen. Was mich an HOWARD THE DUCK jedoch am meisten wurmt, ist dass er das Ende der Regiekarriere von Willard Huyck bedeutete, der in den Siebzigerjahren mit MESSIAH OF EVIL einen der besten kleinen US-Horrorfilme überhaupt verantwortet hatte. Ach wärst du doch in Düsseldorf geblieben …

27
Dez
10

iron man 2 (jon favreau, usa 2010)

Das exzentrische Genie Tony Stark (Robert Downey jr.) ist wegen seiner Superheldennebentätigkeit als Iron Man zur internationalen Popikone geworden, gleichzeitig aber auch zum Sicherheitsproblem geworden. Wenn er einen High-Tech-Maschinenanzug bauen kann, dann sollten auch andere Menschen mit weniger guten Absichten dazu in der Lage sein. Tony Stark wiegelt ab, doch dann tritt der Russe Ivan Vanko (Mickey Rourke) mit seinen mörderischen Elektronenpeitschen auf. Im mäßig erfolgreichen Waffenproduzenten Justin Hammer (Sam Rockwell) findet er einen willigen Finanzier …

Das Übermaß positiver Reaktionen auf den sehr guten, aber doch auch etwas zu runden IRON MAN sollte wohl durch das kaum weniger unverhältnismäßige bashing des zweiten Teils wieder ausgeglichen werden. Tatsächlich versagt Favreaus Sequel immer dann, wenn er auf den Pfaden des ersten Teils wandelt und lediglich klassisches Superhelden-Erzählkino sein will. Die nötigen klischierten Plotpunkte werden nämlich lediglich lustlos abgehakt, die eigentlich zentrale Rivalität zwischen Stark und Vanko bleibt sträflich unterentwickelt, kaum mehr als eine Fußnote in einem Film voller wesentlich interessanterer Subplots, was auch der finale Zweikampf belegt, der lediglich pflichtschuldig abgespult wird und – wie schon im Vorgänger – enttäuscht. Dass IRON MAN 2 mehr sein könnte, wenn er nicht so sklavisch der Vorgabe verpflichtet wäre, massentaugliches Entertainment mit den typischen Beigaben zu liefern, wird offenkundig, wenn Favreau sich vom abgegriffenen Gut-gegen-Böse-Schema ab- und den Verwicklungen von Politik, Wirtschaft und Militär zuwendet. Schon die Auftaktsequenz, in der sich Stark/Iron Man während einer Eröffnungsfeier in einer überaus befremdlichen Popchoreografie buchstäblich als Messias feiern lässt, muss demjenigen Zuschauer, der hier seinem Comichelden zujubeln wollte, eigentlich die Kehle zuschnüren. Klar, der unverhohlene Narzissmus gehört zur Stark-Figur nunmal dazu, aber mit ihrer Verortung in einer mit unserer Welt stark verwandten Quasirealität verliert er eindeutig seine Unschuld. Zu den stärksten Momenten des Films, der mit seiner High-Gloss-Optik im Kontext sehr treffend auf Verführung und Täuschung seiner Konsumenten abzielt, zählt eine gerichtliche Anhörung Starks, bei der dieser von sich behauptet, den Weltfrieden privatisiert zu haben. Solche kurzen Momente liefern weitaus mehr Gedankenfutter, als der restliche Film mit seiner reichlich uninteressanten Materialschlacht, denn von einem solch “privatisierten Weltfrieden” und den Problemen, die ein solcher aufwirft, scheinen wir in einer Welt, in der Privatunternehmer mit ihren Erfindungen plötzlich ganz erheblich in die Politik eingreifen – man denke da aktuell nur an den Wirbel um Wikileaks –, tatsächlich nicht mehr allzu weit entfernt zu sein.

So bleibt ein zwiespältiger Film, der sich nicht so recht zwischen klassischem, affirmativen Erzählkino und einem postmodernen, fragmetarischen Erzählen entscheiden will, stattdessen versucht, beides auf einmal zu bieten und in der Folge keines von beiden schafft. Schade um die guten Ansätze und die verbratenen Millionen. Besser als belangloser Müll wie X-MEN ORIGINS: WOLVERINE oder ähnliche Langweiler ist er aber natürlich trotzdem.

01
Dez
10

scott pilgrim vs. the world (edgar wright, usa/großbritannien/kanada 2010)

Scott Pilgrim (Michael Cera) ist 22, Bassist in einer Rockband und ein liebenswerter Schüchterling, dessen Ex-Freundin gerade als Popstar durchstartet, während er sich noch die Wunden leckt. Als gerade mit der erst 17-jährigen Knives Chau (Ellen Wong) anbändelt, trifft er auf einer Party das sprichwörtliche Mädchen seiner Träume: Ramona Flowers (Mary Elizabeth Winstead). Als sich tatsächlich eine Beziehung mit ihr anbahnt, muss er dies nicht nur der unsterblich verliebten Knives beibringen, sondern gleichzeitig auch noch gegen die “7 Deadly Exes” von Ramona antreten, die ihn zu tödlichen Zweikämpfen herausfordern …

Ich muss mich hier bewusst etwas drosseln, denn SCOTT PILGRIM VS. THE WORLD ist einer jener Filme, die einen bei Erstsichtung vollkommen plätten mit ihren visuellen und erzählerischen Einfällen im Sekundentakt und die man deshalb besser noch ein zweites und drittes Mal sieht, bevor man sie mit Superlativen überhäuft, um zu prüfen, wie sie sich bewähren, wenn die erste Euphorie verflogen ist. Ich habe im Moment allerdings nur wenig Zweifel daran, dass Edgar Wrights Film dem Test mehrerer Sichtungen standhalten wird, weil der britische Regiseur ja schon mit SHAUN OF THE DEAD und HOT FUZZ bewiesen hat, welch großes komödiantisches und inszenatorisches Potenzial in ihm schlummert. Den contrarianism, dem Filmpuristen nach den überwiegend begeistert ausgefallenen Lobeshymnen in einem typischen Reflex frönen, halte ich hier für vollkommen unangebracht, auch wenn SCOTT PILGRIM VS. THE WORLD zumindest oberflächlich einen anderen Weg geht als die beiden so liebgewonnenen Vorgänger.

Ja, wer meint, dass ein Film, der mit vielen kleinen optischen Gags und visuellen Effekten aufwartet, seine Narration einem Beat ‘ em up-Videogame angleicht, ein enormes Tempo vorlegt, dies bis zum Ende durchhält, gleichzeitig auch noch antritt, den rush von Rockmusik zu verbildlichen, sich thematisch den doch recht trivialen Sorgen und Nöten der Adoleszenz widmet und dies alles auch noch mehrheitsfähig und zielgruppenfreundlich verpackt, per se minderwertig ist, der darf über SCOTT PILGRIM VS. THE WORLD ruhig lästern. Ihm entgeht dann aber, dass jeder noch so kleine pun im Dienste des großen Ganzen steht, dass Wright die Irrungen und Wirrungen des männlich-adoleszenten Liebeslebens brillant in griffige, weil nachfühlbare Bilder übersetzt, dass die Idee, den “Neuen” gegen die “Alten” kämpfen zu lassen, nicht bloß nerdiger Spaß ist, sondern nur die konsequenteste Ausformung dieses Bilderwillens: Scott, der Selbstzweifler, muss sich im Duell mit den – in seinen Augen – so viel attraktiveren, aufregenderen, besseren, klügeren, aufregenderen Ex-Partnern erst seinen eigenen Wert beweisen, bevor er das Selbstbewusstsein hat, das es braucht, um ein guter, gleichwertiger Liebhaber zu sein.

Aber daneben gibt es so unglaublich viele unglaublich kluge Momente, dass man tatsächlich etwas verpasst, wenn man nur eine Sekunde unaufmerksam ist. Großartig etwa, wenn dem mit Trennungsgedanken nicht mehr nur spielenden Scott die Liebesherzchen der zuckersüßen Knives Chau entgegenfliegen und der sie wegwischt wie einen unangenehmen Geruch: Das ist so echt, fängt das unangenehme Gefühl, Empfänger nicht (mehr) gewollter Zuneigung zu sein, perfekt ein. Aber da sind noch so viele andere Szenen und Momente, die ich erwähnen müsste: Ich liebe den Wortwitz des Drehbuchs, das eine poetische Spielfreude an den Tag legt, die man mit bestem Hip-Hop vergleichen kann. Mein Favorit in dieser Hinsicht ist die Verabschiedungsformel, die Scott am Schluss an Knives Chau richtet: “Ciao, Knives.” Das ist ebenso genial, wie es völlig beiläufig und unaufdringlich ist; ein kleines Detail, das keine weitere Beduetung hat, aber dazu beiträgt, dem Film Leben einzuhauchen. SCOTT PILGRIM VS. THE WORLD ist keineswegs ein vordergründiger Film. Wer das meint, reduziert ihn nur auf seine glänzende Oberfläche, und übersieht, das im Kern all des visuellen Overkills das Gefühsleben der Protagonisten steht, deren emotionalen Tumulte sich in den Bildern spiegeln und von denen jeder zu seinem Recht kommt, auch wenn er noch so unbedeutend ist.

Ich war eigentlich angetreten, SCOTT PILGRIM VS. THE WORLD zumindest zu diesem Zeitpunkt noch nicht abzufeiern. Das ist gründlich misslungen. Aber warum sich zurückhalten, wenn man vor Begeisterung fast platzen möchte? Das Leben ist zu kurz für solche Kleingeisterei. Volle Kraft voraus, Lautstärkeregler bis zum Anschlag nach rechts, nieder mit der Larmoyanz! (Ich glaube, ich muss den gleich nochmal gucken.) (Ach ja, und Judd Apatow kann jetzt officially nach Hause gehen.)

01
Dez
10

teenage mutant ninja turtles 3 (stuart gillard, usa 1993)

Eines von April O’Neils (Paige Turco) Mitbringseln für die Turtles entpuppt sich als magisches Zepter, das einen oder mehrere Personen in feudale Japan bugsiert und dafür mehrere Japaner in die Gegenwart holt. Das erste Opfer des Zepters ist April selbst und die Turtles reisen ihr kurzerhand hinterher, um sie zurückzuholen. Im alten Japan angekommen geraten die Kampfschildkröten in einen tobenden Konflikt – und verlieren das Zepter, das ihnen wieder die Rückreise ermöglichen soll …

Alles, was ich vorurteilsbeladen schon über die ersten beiden TURTLES-Filme gedacht hatte, bevor sie mich dann eines etwas Besseren belehrten, verkörpert dieser dritte Teil, der den letzten Nagel im Sarg eines schon maroden Franchises bedeutete. Plastik regiert und anstatt die recht gelungenen Bemühungen der beiden Vorgänger fortzusetzen, die ein geschlossenes Turtles-Universum kreierten, in dem die Figuren dann ihre Abenteuer erlebten, hat man sich stattdessen dafür entschieden, eine zwar spektakuläre und mit vielen Schauwerten garnierte Geschichte um die Comichelden herumzustrecken, die aber leider vollkommen austauschbar und darüber hinaus so involvierend wie nasse Pappe ist. Man hat etwas den Eindruck, dass eine 20-minütige Cartoonepisode auf Gedeih und Verderb auf Spielfilmlänge gestreckt wurde, doch was im Kleinformat vielleicht angenehme Kurzweil (für Kinder) geboten hätte, ufert so zur langweiligen Materialschlacht aus, deren letzten 30 Minuten ich mir nur noch aus missverstandenem Pflichtbewusstsein heraus angeschaut habe. Der Aufwand, der für Kostüme und Bauten betrieben wurde, ärgert umso mehr, als TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES 3 trotz solcher Schmankerl visuell nie über das Niveau eines DTV-Filmchens oder, schlimmer noch, eines Fernsehfilms hinauskommt. Alles ist immer schön hell ausgeleuchtet, damit man alles gut erkennen kann, und jeder Anflug von Stimmung wird im Keim erstickt. Das Drehbuch passt sich dem an und hakt ein abgedroschenes Klischee nach dem anderen ab, um bloß niemanden aus dem Schlaf zu reißen, oder erfindet sinnlose Mysterien, ohne sich dann um deren Auflösung zu scheren. Beispielhaft dafür ist etwa die Entscheidung, Elias Koteas nicht nur eine Rückkehr als Casey Jones zu ermöglichen – wohl um eine Anbindung an den populären ersten Teil zu schaffen und so für die Kontinuität zu sorgen, die man sonst im dritten Teil schmerzlich vermisst -, sondern ihm auch noch eine zweite Rolle angedeihen zu lassen, die nicht nachvollziehbar ist, weil die äußerliche Verwandtschaft der beiden Figuren inhaltlich gar nicht motiviert wird. Aber selbst, wenn man mit weitestmöglich nach unten korrigierten Erwatungen an den Film herangeht und einfach nur bunten Comicfiguren zuschauen will, wird man enttäuscht: Mit Splinter wird die schönste und interessanteste Figur des Turtle-Franchises zu einem sprechenden (und äußerst zerzaust aussehenden) Kopf degradiert, der Erinnerungen an die deutsche Sesamstrassen-Tiffy weckt, die ja auch stets unterleibslos hinter einem Tresen stand. Wo die mutierte Ninja-Ratte in den ersten beiden Filmen eine archaische Würde und Anmut ausstrahlte und den Vergleich mit den berühmtesten Schöpfungen Jim Hensons nicht zu scheuen brauchte, ist sie hier zum sinn- und charakterlosen Stichwortgeber verkommen, der nur noch da ist, damit man eine zugehörige Actionfigur verhökern konnte. Und die Turtles-Kostüme sind zwar detailreicher und insgesamt beweglicher als zuvor, doch sehen sie so schmerzhaft nach Plastik aus, dass der durch diese Verbesserungen angepeilte “Realismus” sich gleich wieder ad absurdum führt. Es spricht Bände, dass der Auftritt eines Vanilla Ice, der im zweiten Teil noch seinen “Turtles Rap” (Refrain: “Go, Ninja! Go, Ninja, go!”) samt dazugehöriger Choreografie vortragen durfte, in diesem Film tatsächlich einen Höhepunkt bedeutet hätte. So läuft unter den Anfangscredits ein Song von ZZ Top, deren Retro-Bluesrock anno 1993 ähnlich maschinell und seelenlos klang, wie dieser Film aussieht. Nuff said.




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