Einträge tagged ‘Fantasy

26
Apr
12

tonari no totoro (hayao miyazaki, japan 1988)

Satsuki und ihre kleine Schwester Mei ziehen mit ihrem Vater in ein altes Haus auf dem Land, um in der Nähe des Krankenhauses zu sein, in dem die kranke Mutter behandelt wird. Bei ihren Erkundungsgängen in die umgebende Natur macht die kleine Mei Bekanntschaft mit Totoro, einem riesengroßen, pelzigen, freundlichen Waldgeist, mit dem sich die Mädchen schließlich anfreunden. Als ein beunruhigendes Telegramm aus dem Krankenhaus eintrifft, läuft Mei von zu Hause weg. Satsuki sucht kurz entschlossen Totoro auf, damit er ihr bei der Suche behilflich ist …

Bei den Eltern musste unsere Tochter Selma ja ein Filmfan werden. Und weil wir daher in den letzten Monaten eine schwere Überdosis Pixar, Disney und Dreamworks erhalten haben, war ich froh, als mir einfiel, dass ja noch ein paar von arte aufgenommene Miyazakis im Schrank lagen. TONARI NO TOTORO, von dem ja eigentlich jeder schwärmt, der ihn gesehen hat, war definitiv die richtige Wahl: Ich weiß nicht, ob Papa den nicht sogar noch eine Spur schöner, lustiger, trauriger, süßer und besser fand als die kleine Selma. Tatsächlich ist dieser Film ein Glücksfall sondergleichen, einer, der keine Fragen offenlässt und dennoch nicht alle Geheimnisse offenbart; einer, der ausschließlich in Bildern erzählt, der keinen konstruierten Plot mehr darüber stülpen muss, um Einheit zu suggerieren; ein Film von großer stilistischer Sicherheit; einer, der in jeder Sekunde die Weisheit seines Machers erkennen lässt. TONARI NO TOTORO ist ein Film über die kindliche Fantasie und über Fantasie überhaupt. Über den Respekt vor der Natur, die Demut vor Schöpfung, darüber, dass der Mensch nicht allein auf der Welt ist, dass es um ihn herum zahlreiche Dinge gibt, die er nicht versteht. Darüber, wie er Sinn in die Welt bringt, indem er ihr aufgeschlossen gegenübertritt, seine Sinne nicht von kalter, starrer Vernunft vernebeln lässt. Und diese Haltung gegenüber den Dingen übernimmt man nur zu gern, weil Miyazakis Film selbst ein ungeahntes Maß an Leben und Lebensfreude ausstrahlt. Man vergisst tatsächlich, dass man einen Film, einen Trickfilm noch dazu, sieht: TONARI NO TOTORO ist wie ein Fenster in eine Realität, aus der alles Kalkül, jede Schablone abgezogen wurde, und die man daher in absoluter Klarheit sieht. Die Bilder, die Musik: Man kann sich diesen Film schlicht nicht anders vorstellen. Alles ist so perfekt, ohne dabei jemals klinisch, leblos oder unspontan zu wirken, wie das bei “perfekten” Filmen allzu oft der Fall ist. Miyazaki erreicht diese Perfektion, weil sich sein Gestaltungswille immer seinen Protagonisten unterordnet. Es sind Satsuki und Mei, die den Rhythmus des Films bestimmen, die die Regeln machen, denen er folgt, die den Blick des Films konstituieren: den Blick von Kindern, die die Welt erst noch verstehen lernen, denen menschliche Hybris fern ist, weil sie nur den grenzenlosen Himmel, turmhohe Wolken und majestätische Bäume sehen. Ja, TONARI NO TOTORO ist in gewisser Hinsicht ein Film über den Himmel, Wolken und Bäume. Und nie sahen sie schöner aus als hier. Ein Traum.

27
Mar
12

trolljegeren (andré øvredal, norwegen 2010)

Zweitsichtung. Letztes Jahr hat mich TROLLJEGEREN bei den Fantasy Filmfest Nights einfach nur glücklich gemacht: Es handelt sich um einen dieser seltenen Filme, bei denen zur makellosen Umsetzung einer für sich genommen schon großartigen Idee noch genau jenes Quäntchen Extracharme hinzukommt, das dafür sorgt, dass man den Kinosaal mit einem breiten Grinsen und eben diesem nicht weiter definierbaren kindlichen Glücksgefühl verlässt. TROLLJEGEREN ist pure Kinomagie:  Für knapp 90 Minuten gibt es nichts anderes als die zerklüftete Landschaft Norwegens und seine zwar gefählrichen, aber auch ungemein liebenswerten mythischen Ureinwohner, die Trolle. Weil ich schon einen ausführlichen Text über diesen Film geschrieben  und diesem auch ein Jahr später nichts Wesentliches hinzuzufügen habe, will ich mich hier nur kurz auf einen Aspekt beschränken, der mir diesmal besonders aufgefallen ist. Der im Dienste der norwegischen Regierung stehende Trolljäger Hans hat meiner Meinung nach durchaus das Zeug dazu, zu den großen (tragischen) Helden des Genrekinos zu avancieren. Zunächst war ich gestern über eine vermeintliche Drehbuchschwäche gestolpert: Mir schien es nicht plausibel, dass Hans den Umschwung vom unnahbaren, schweigsamen Eigenbrötler zum bereitwilligen Kollaborateur des Filmteams so überaus abrupt vollzieht: Nachdem er zunächst alle Annäherungsversuche der Studenten brüsk, einsilbig und sehr bestimmt abweist, ist er plötzlich bereit, alle Geheimnisse mit ihnen zu teilen. Zwar kann man sich durchaus immer noch darüber streiten, ob ein fließenderer Übergang dramaturgisch besser gewesen wäre, aber seine Motivation tritt dann doch deutlich zu Tage, mehr als mir das bei der ersten Sichtung bewusst geworden wäre. Im Verlauf des Films gibt es nämlich einige Hinweise darauf, warum Hans gegen das Geheimhaltungsdiktum der Regierung verstößt: Es geht ihm nicht in erster Linie um die Aufklärung der norwegischen Bevölkerung, sondern tatsächlich darum, Buße abzulegen für seine Taten. So souverän und sachlich Hans in der Erfüllung seiner Aufgabe auch scheint, der “Scheißjob”, wie er ihn bezeichnet, hat ihn tief traumatisiert. In seinem von “Trollstank” durchzogenen Wohnwagen schläft er ausschließlich unter Solariumsleuchten, weil er die Dunkelheit nicht mehr ertragen kann: Hans hat Angst. Dann ist da schließlich das Geständnis, er habe im Auftrag der Regierung ein wahres Massaker unter der Trollbevölkerung angerichtet, Neugeborene und Mütter umbringen müssen, um Trollgebiet für Menschen besiedelbar zu machen. Und die Schuld an diesem Vergehen an der Natur lastet schwer auf seinen Schultern. TROLLJEGEREN ist unter der kindlich-liebevollen, humorigen Fassade auch ein Film über die Hybris des Menschen, der radikal in die Natur eingreift. Um sich die Landschaft nutzbar zu machen schickt er seine Soldaten vor, die ihm den Weg bereiten: Hans ist einer jener Soldaten; ein stummer Diener, der Ergebnisse zu liefern, die Drecksarbeit zu erledigen hat. Er lädt die Schuld auf sich, damit wir sauber bleiben können. Am Schluss geht er dann wahrscheinlich – der Film lässt das im Unklaren – in den Freitod, in dem Glauben, dazu beigetragen zu haben, das Verbrechen publik zu machen. Doch wie es sich für eine gute Verschwörungstheorie gehört, lässt sich das System nicht von einem Handwerker bezwingen. Das kollektive Gewissen muss porentief rein bleiben.

23
Dez
11

red sonja (richard fleischer, niederlande/usa 1985)

Die Schwertmeisterin Red Sonja (Brigitte Nielsen) begibt sich auf den Weg zur Festung der schurkischen Königin Gedren (Sandahl Bergman): Die hatte einst nicht nur Sonjas Familie ermordet, sie ist auch im Besitz eines Steins, mit dessen Hilfe sie die Welt unterjochen will. Der Kämpfer Kalidor (Arnold Schwarzenegger) sowie der kindliche Prinz Tarn (Ernie Reyes jr.) und dessen treuer Diener Falcon (Paul L. Smith) schließen sich ihr an …

Ein Jahr nach CONAN THE DESTROYER drehte Richard Fleischer – wieder für seinen alten Freund Dino De Laurentiis – diesen Barbarenfilm, ebenfalls basierend auf einer allerdings weniger populären Comicserie. Der zum damaligen Zeitpunkt 69 Jahre alte Regisseur wird das später wahrscheinlich bereut haben: Der Film floppte an der Kinokasse, wurde einhellig verrissen, Brigitte Nielsen verlacht und auch heute noch ist man sich weit gehend einig darüber, dass der Film eine einzige Lachnummer ist. So ganz nachvollziehen kann ich das ehrlich gesagt nicht. Klar, RED SONJA ist nicht mehr als harmloses Fantasykino ohne jeden Tiefgang für eher schlichte Gemüter und gehört zudem einem Subgenre an, dessen Höhepunkt CONAN, THE BARBARIAN danach eigentlich nichts mehr hinzuzufügen war, aber das weiß man ja schon, bevor man sich diesen Film anschaut. Man kann ihm Einiges vorwerfen – Nielsens und Schwarzeneggers Schauspielkunst, das mäßig originelle Drehbuch –, aber definitiv nicht, dass er handwerklich schlecht gemacht wäre. Mir hat RED SONJA gestern jedenfalls überraschend gut gefallen: Es gibt ein paar wirklich tolle Bauten und Kulissen zu bewundern, die Kostümbildner haben sich ebenfalls nicht lumpen lassen, prachtvolle Matte Paintings sorgen für Nostalgieschübe, Morricones Score für das Pathos und die große Gefühle, die die Story vermissen lässt, und wenn der Film auch eine durchgehende Dramaturgie und etwas Gewicht vermissen lässt, so sind seine Episoden doch immerhin kurzweilig.

RED SONJA als Fleischer-Film zu betrachten, macht natürlich überhaupt keinen Sinn und man fragt sich schon, ob der zun diesem späten Zeitpunkt seiner Karriere nicht besser beraten gewesen wäre, sich in den Lehnstuhl zurückzuziehen und andere die Arbeit machen zu lassen. Seine beeindruckende Laufbahn hätte sicherlich ein ruhmreicheres Ende verdient gehabt. Lässt man das außen vor, dann kann man mit RED SONJA aber durchaus glücklich werden. Ich finde ihn nicht wesentlich schlechter als Fleischers CONAN-Film.

06
Mai
11

starcrash (luigi cozzi, usa/italien, 1978)

Die beiden Weltraumschmuggler Akton (Marjoe Gortner) und Stella Star (Caroline Munro) werden von dem intergalaktischen Polizisten Thor (Robert Tessier) und seinem Roboterhelfer Elle (Judd Hamilton) gefangen genommen und erhalten vom Emperor (Christopher Plummer) einen Auftrag: Sie sollen die Vernichtungswaffe des bösen Zarth Arn (Joe Spinell) finden und zerstören und auf der Suche Ausschau nach Simon (David Hasselhoff), dem Sohn des Kaisers, halten, der mit seinem Raumschiff Opfer eines Angriffs des Schurken geworden war …

Viel hatte ich von diesem Film gehört, jetzt habe ich ihn endlich gesehen, und, oh boy, das Warten hat sich gelohnt, denn STARCRASH dürfte wohl eines der beknacktesten jener Science-Fiction-Märchen sein, die im Gefolge von Lucas’ Sternenoper die Kinos fluteten, aber gleichzeitig wahrscheinlich auch das wildeste, bunteste, psychedelischste und schlicht und ergreifend schönste - lediglich Mike Hodges’ FLASH GORDON stellt noch ernsthafte Konkurrenz für ihn dar. Gleich zu Beginn beschleunigen Stella Star und Akton ihr Raumschiff auf Hyperspeed und anscheinend wird davon auch Cozzis Film erfasst, denn der jagt in den folgenden 90 Minuten von einem irrwitzigen Set Piece zum nächsten, ohne auch nur mal kurz Luft zu holen oder innezuhalten und sich zu fragen, ob das alles noch Sinn ergibt. Ein kurzer Abriss gefällig? Das Raumschiff von Simon wird von “roten Monstern” (eigentlich eher rote Blubberblasen, die per Doppelbelichtung über das Bild gelegt werden) zerstört, Schnitt zu Akton und Stella, die von der Polizei verfolgt werden. Beide finden das führerlos treibende Raumschiff und bergen einen Verwundeten, der von den roten Monstern faselt, bevor Stella und Akton dann von der Polizei geschnappt und zu Strafarbeit verdonnert werden. Stella arbeitet in einem Reaktor, zettelt aber nach nur wenigen Stunden eine Meuterei an, sodass sie entkommen kann und schließlich in einem Maisfeld von einem Raumschiff abgeholt wird: An Bord sind wieder ihre Ankläger, die es sich jedoch anders überlegt zu haben scheinen, und ihr und Akton nun den oben beschriebenen Auftrag erteilen. Die Suche nach den Überresten des Raumschiffs führt Stella und Elle erst an einen Strand, wo sie von berittenen Amazonen gefangen genommen werden und schließlich vor einem riesigen Roboter fliehen müssen. Die nächste Reise führt auf einen Eisplaneten, wo Elle und Stella sich einschneien lassen müssen und nur von Elles Roboterenergie am Leben gehalten werden können. In einer Höhle findet Stella am Schluss schließlich den Prinzen Simon, der beiden im Kampf gegen Zarth Arn hilft, alles explodiert, Ende.

Diese rasante Aneinanderreihung von Episoden wird vor allem durch den Look des Films zusammengehalten: Als habe ihm eine Low-Budget-Version von 2001: A SPACE ODYSSEY vorgeschwebt, kleistert Cozzi nämlich jede Einstellung mit preisgünstigen Spezialeffekten zu - Rückprojektionen, Doppelbelichtungen, Stop-Motion, Miniaturmodelle - und hüllt seine Protagonisten in die neueste Fetischmode: alles, was das Nerdherz begehrt. Die Effekte sind natürlich ziemlich fadenscheinig und leicht zu durchschauen, doch tut das ihrem Gelingen keinen Abbruch, im Gegenteil: Die Ästhetik von STRACRASH unterstreicht das Artifizielle des Films, markiert ihn als Popfantasie und verleiht ihm erst seinen surreal-psychedelischen Charme, der jede Kritik an technischen Unzulänglichkeiten als das Geläster herzloser Erbsenzähler erscheinen lässt. Wer will sich denn allen Ernstes über mäßige Spezialeffekte beklagen, wenn unterm Strich ein Ergebnis wie eben STARCRASH herauskommt, ein Film, dem man die Liebe, Begeisterung, den Enthusiasmus und die ungezügelte Fabulierfreude seines Machers in jeder Sekunde anmerkt? Cozzi hat sich seine Vision nicht von miesepetrigen Machbarkeisterwägungen kaputtmachen lassen und das sollte man meines Erachtens entsprechend würdigen, als ihn mit nüchtern durchgerechneten Hochglanzprodukten zu vergleichen, deren Macher sich für das Budget von STARCRASH wahrscheinlich noch nicht einmal aus ihrem Bett erhoben hätten. Viel zu viele Filme kranken an fehlendem Mut, an der Abwesenheit jeglichen Wahnsinns und vor allem an der über allem stehenden technischen Perfektion, die doch oft ziemlich langweilig ist – wenigstens aber nicht allein einen guten Film ausmacht. STARCRASH ist mit seinem herrlichen kreativen Chaos ziemlich heilsam und mir tausendmal lieber als der inspirations- und kantenlos runtergekurbelte, dafür aber mit absurden Riesenbudgets aufgemotzte Retortenkäse, der einem heute als Eventkino verkauft wird.

Jaja, ich weiß, auch das ist im Grunde eine ziemlich miesepetrige und kulturpessimistische Haltung, aber wenn ich sehe, wie STARCRASH allerorten verlacht wird – selbst auf Seiten, von denen man eigentlich mehr erwarten könnte -, dann ruft das bei mir eben entsprechende Reflexe hervor. Ich finde es einfach nur traurig, wie die zunehmende Perfektionierung von Spezialeffekten den kindlichen sense of wonder fast völlig abgetötet hat: Dass man Kino – und Fiktion überhaupt - mit der suspension of disbelief begegnen, dass man dem Erzähler mit einem Vertrauensvorschuss begegnen, sich ihm überantworten sollte, diese Bereitschaft scheint ziemlich aus der Mode gekommen. Schade, schade, schade, denn lässt man sich auf Cozzis STARCRASH ein, nimmt man ihn mit seiner wahnwitzigen Ausstattung, seiner Krachbummpeng-Dramaturgie, seinen haarsträubenden Dialogen und seinen Netzhaut-ablösenden Spezialeffekten at face value, fährt man eindeutig besser – und darf sich auch mit 35 mal wieder wie ein staunender Sechsjähriger fühlen, der noch ein ganzes Leben voller Abenteuer vor sich hat: Vielleicht ja eines als Weltraumschmuggler mit einer Stella Star oder, für die Damen, einem schmucken Akton im Arm. Wer wird da nicht schwach?

05
Mai
11

barbarian queen (héctor olivera, usa/argentinien 1985)

Am Tag der Hochzeit zwischen der schönen Amethea (Lana Clarkson) und dem blonden Engel Argan (Frank Zagarino) wird das idyllische Dörfchen der beiden vom bösen König Zohar (Tony Middleton) und seinen Schergen überfallen, der blonde Argon und einige weitere Bewohner in die Stadt verschleppt, wo sie in Gladiatorenkämpfen verheizt werden sollen. Amethea schart ihre Freundinnen um sich, die sich gerade noch verstecken konnten, und macht sich mit ihnen auf den Weg, um ihren Argon zu befreien. Ein paar Rebellen, die Zohar loswerden wollen, helfen den Mädels …

BARBARIAN QUEEN ist der mit einigem Abstand debilste Film, den ich in letzter Zeit gesehen habe und das will angesichts solch illustrer Konkurrenz wie THE HORROR OF PARTY BEACH, THE TERROR WITHIN, DON’T GO NEAR THE PARK, EVILS OF THE NIGHT, THE DARK POWER oder ALIEN OUTLAW schon was heißen. Ich habe dann auch vom Plot nicht allzu viel mitbekommen, weil ich vom unfassbaren Dekor des Films schlicht weggeblasen wurde. Aber eins nach dem anderen: Der Film beginnt mit einer Einstellung der blümchenpflückenden Schwester Ametheas, Taramis (Dawn Dunlap), der von zwei Bösewichtern sogleich mal beherzt an die Milchtheke gelangt und dann Schlimmeres angetan wird. Schnitt zum Barbarendorf, das ein wenig an das Insel-Setting aus dem Spencer/Hill-Film CHI TROVA UN AMICO, TROVA UN TRESORO erinnert und in dem sich auch die Schlümpfe unter Garantie pudelwohl fühlen würden. Die gut gelaunten Wilden tragen fesche Wildlederlendenschurze mit topmodischen Fellapplikationen und Stirnbändern, die nicht nur erkennen lassen, dass der vermeintlich den Achtzigerjahren zuzuordnende Aerobic-Trend bereits in einem Land weit vor unserer Zeit florierte, sondern auch, dass der Barbarenlook, den uns Filme wie CONAN, THE BARBARIAN als “authentisch” verkaufen wollten, niemals existierte. Schon damals legte man nämlich großen Wert auf ein gepflegtes Äußeres und wusste in der Mode verschiedenste kulturelle Einflüsse miteinander zu einem einzigartigen Look zu verquicken.  

Die Barabarenqueen von Welt war modebewusst und verfügte über ein angeborenes Talent für Styling und einen untrüglichen Instinkt für die heißesten Styles. Amethea, Estrild (Katt Shea), Taramis und Tiniara (Susana Traverso) sind in jeder Lebenslage perfekt angezogen und verfügen über alle nötigen Basics, um auch beim Übergang von subtropischen in gemäßigte Zonen mit nur wenigen Handgriffen ihr Outfit anzupassen. Kein Wunder, denn ihr Stamm, das sieht man schon auf den ersten, oberflächlichen Blick, scheint zu ahnen, dass Sauberkeit und Ordnung die wichtigsten Tugenden auf dem Weg zur Zivilisation sind. Der Sand, auf dem ihre perfekt lotrecht erbauten Basthütten stehen, ist fein geharkt, appetitlich auf einer Picknickdecke drapierte Früchte laden zu einem Picknick im Sonnenschein ein und sattgrüne Palmwedel schmücken das Haus der zukünftigen Braut, die in der Betonbadewanne (!), die in ihrer kleinen Hütte steht (!!!) noch flugs ein Schaumbad nimmt (!!!), damit sie porentief rein ist, wenn sie ihren Argan in die Arme schließt. Wie viel den Damen Reinlichkeit bedeutet, wird spätestens klar, wenn Ametheas Gesicht von der beschwerlichen Reise verschmutzt ist und Estrild ein geistesgegenwärtig hervorgeholtes Taschentuch mit Speichel befeuchtet, um die Barbarian Queen zu säubern (I’m not making this shit up!). Die Filmwissenschaft ist sich einig, dass dieser Reinlichkeitssinn pathologische Züge trägt, die auf eine tief sitzende Tramatisierung hindeuten: Olivera setzt das in der genannten Taschentuchszene dadurch ins Bild, dass beide Damen an einem Fluss stehen, sich jedoch erst mit ihrer eigenen Spucke säubern, bevor sie sich zum Wasser hinunterbeugen. Ein gespaltenes Verhältnis zu Körperflüssigkeiten haben sie also immerhin nicht, was ihnen noch zugute kommen soll. In der Stadt des bösen Zohar angekommen, verkleiden sich die drei als züchtige Zofen und werden beim Versuch, in des Königs Burg zu gelangen, festgenommen. Amethea landet in der Folterkammer, wo ihr der derangierte Folterknecht mit seiner Erfindung – einem von der Decke hängenden Eisenarm (?) – so lange an den Nippeln herumspielt, bis sie es kaum noch aushalten kann. Beherzt nimmt er sie noch an Ort und Stelle, hat jedoch nicht mit der Schließmuskelkraft der Dame gerechnet, die ihm in einem Akt des Willens erst den Schniepel abklemmt und ihn dann in das bereitstehende Säurebecken schubst.  

Ich habe jetzt ehrlich gesagt vergessen, wie der Film weiter- und ausgeht. Aber solche inhaltlichen Details - so viel sollte nach meiner kleinen Beschreibung klar geworden sein - sind für den Genuss dieses beknackten Films völlig unerheblich. Wer vier wie aus dem Ei gepellten Bimbos dabei zusehen möchte, wie sie als tapfere Kriegerinnen durchzugehen versuchen, ist bei BARBARIAN QUEEN am Ziel seiner feuchten Träume angelangt. Vor allem für Frauen, die die Schnauze voll haben von SEX & THE CITY und sich nach etwas mehr Fantastik sehnen, ohne dabei auf Mode und Styling verzichten zu wollen, ist dieser Film gemacht. Oder für Mädchen, die insgeheim von einer Barbaren-Barbie träumen, die sie nach Herzenslust kämmen, schminken und in die neueste Wildledermode hüllen können, auf dass sie vom Barbaren-Ken hemmungslos durchgeorgelt wird. Beiden Zielgruppen dürfte auch die Spielzeit des Films zusagen: Nach 69 Minuten beginnen die Credits zu rollen, sodass noch genug Zeit für eine ausgedehnte Shoppingtour bleibt, die nach der Vielzahl erhaltener modischer Anregungen auch unerlässlich ist. Oh, ein lustiger Dialog fällt mir noch ein: Estrild hält eine soeben durch Folter verstorbene Rebellin im Arm und weint bitterlich: “I gave her water!” Amethea (röstend): “You did what you could.” Das reicht, im Gegensatz zu einem Film wie BARBARIAN QUEEN, nicht immer.

04
Mai
11

the warrior and the sorceress (john c. broderick, argentinien/usa 1984)

Auf seinem Marsch durch die postapokalyptische Einöde des Planeten Ura kommt der letzte Angehörige eines alten Kriegerstammes, Kain (David Carradine), in ein Dorf, in dem sich zwei rivalisierende Armeen um den einzigen Brunnen balgen: auf der einen Seite steht der dekadente Fettsack Bal Caz (William Marin) mit seinem Gefolge, auf der anderen Zeg (Luke Askew), der die Zauberin Naja (Maria Socas) gefangen hält, damit sie ihm einmächtiges Zauberschwert herstellt. Kain wechselt zwischen den beiden fröhlich die Seiten …

Wie der filmerfahrene Leser unschwer erkennen kann, dürften Kurosawas YOJIMBO bzw. dessen Adaption durch Leone, PER UN PUGNO DI DOLLARI, für THE WARRIOR AND THE SORCERESS als, hüstel, Inspirationsquelle gedient haben. Umso frecher, dass die beiden Drehbuchautoren John C. Broderick und William Stout für ihr aus allen möglichen Erfolgsfilmen zusammengeklautes Werk auch noch einen “Story”-Credit erhalten haben: Dass THE WARRIOR AND THE SORCERESS ohne Milius’ CONAN, THE BARBARIAN nicht existieren würde, muss man nicht noch extra erwähnen, und dass der fette Bal Caz, der auf seinem Thron stets von willfährigen Nacktmodels und einem ihm kluge Ratschläge einflüsternden Echsenmenschen umgeben ist, eine Art Jabba the Hut für arme Leute ist, scheint mir ebenfalls ziemlich offensichtlich. Gut, Originalität habe ich von diesem Film eh nicht unbedingt erwartet, womit diese epigonalen Züge leicht zu verschmerzen sind, dennoch kommt Brodericks Film nicht so richtig aus den Pötten. Die Motivationen der Schurken sind reichlich eindimensional und Carradine schreitet in der ihm eigenen unnachahmlich selbstbewussten und ungerührten Art durch den Film, dass man sich eh nie Sorgen um ihn machen muss. Und wenn es dann doch einmal brenzlig für ihn wird, darf man davon ausgehen, dass die Bösewichter mit ihrer Unfähigkeit selbst dafür sorgen, die Lage wieder zu entschärfen. Dennoch ist Brodericks Film ein durchaus effektiver Timewaster: Die 81 Minuten fliegen schnell vorbei, die Production Values sind ordentlich, auch wenn der Film vermutlich aus Cormans Kaffekasse finanziert wurde, und ein paar saftige Momente gibt es auch: Da wäre zum einen ein lustiges Krakenmonster, das unter einem Kerker haust und ein bisschen wie ein verlorener Bruder vom Alienwesen aus FORBIDDEN WORLD aussieht, eine Tänzerin mit vier Brüsten (immerhin sechs Jahre vor der nur Dreibrüstigen aus TOTAL RECALL!) und die adrette Zauberin Naja (Nunja?), die es ebenfalls zu ihrer Lebensphilosophie gemacht zu haben scheint, ihren Brüsten nie die Frischluftzufuhr abzuschneiden. Das sind nicht zu verachtende Zutaten, die einen Mann von Welt, wie ich es bin, für THE WARRIOR AND THE SORCERESS durchaus einnehmen können. Ein idealer Film für einen verkaterten Morgen oder als Einstieg in einen Abend mit Kumpels, Dosenbier und vielleicht sogar besseren Filmen.

28
Apr
11

don’t go near the park (lawrence d. foldes, usa 1981)

12.000 Jahre in der Vergangenheit werden die Geschwister Tra (Barbara Bain) und Gar (Robert Gribbin) von der eigenen Mutter für einen begangenen Frevel zu ewigem Leben verflucht: In einem Jahr sollen sie jeweils zehn Jahre altern, ihre Jugend können sie kurzfristig zurückerlangen, wenn sie das Blut und Fleisch eines Menschen zu sich nehmen, und erst in 12.000 Jahren sollen sie eine Möglichkeit erhalten, den Fluch aufzulösen. Dazu müssen sie eine Jungfrau opfern, die zu einem Teil von ihnen selbst, zum anderen von den “Normalsterblichen” abstammt. Und so schickt sich der Bruder also zum geeigneten Zeitpunkt an, eine Frau zu finden, die ihm ein Kind schenkt, dessen Tötung ihn und seine Schwester von dem Fluch des ewigen Lebens befreien soll …

DON’T GO NEAR THE PARK ist, vielleicht ahnt man das schon, ein merkwürdiger Film: In Großbritannien jahrelang als Video Nasty verboten, wurde er in Deutschland unter dem nur wenig verheißungsvollen, ja geradezu konservativen Titel DER FLUCH DES EWIGEN LEBENS  veröffentlicht, was auch eher nach einem Propagandafilm für Atheisten klingt als nach einem Horrorfilm. Damit enden die Merkwürdigkeiten aber noch nicht: Die narrative Klammer, mit ihrer schlappe 12.000 Jahre zurückreichenden Rückblende, erscheint arg ambitioniert für einen Low-Budget-Schocker, und so ist Foldes Film dann auch ziemlich vollgestopft mit einer Handlung, aus der andere Filmemacher mindestens zwei Filme gemacht hätten, die aber wahrscheinlich nicht halb so interessant wie DON’T GO NEAR THE PARK geworden wären.

Die erste halbe Stunde widmet sich den erfolgreichen Versuchen Gars, eine Frau (Linnea Quigley in ihrem Filmdebüt) für sein Kind zu finden, und erinnert mit seiner Atmosphäre familiären Terrors und trügerischem Kindersegen an konservative Thriller um böse Papas, zusammenbrechende Mamas und gemeine Wechselbälger. Foldes gelingen hier tatsächlich einige ziemlich beunruhigende Szenen, bis das Drehbuch den nächsten großen Handlungsschritt erforderlich macht. Als Gars Tochter Bondie (Tamara Taylor) nämlich 16 wird und der Zeitpunkt ihrer Opferung naht, reißt sie von zu Hause aus, sitzt beim Trampen allerdings einer Gruppe jugendlicher Vergewaltiger auf, die ihr in einer ziemlich unangenehmen Sequenz an die Wäsche gehen und flüchtet sich, nachdem sie sich der Schmierlappen mithilfe eines vom Papa geschenkten magischen Amuletts entledigt hat, geradewegs in die Hände von Tra, die unter dem Namen Patty als altes Mütterchen im titelgebenden Park wohnt und ausgerissene Kinder bei sich aufnimmt, darunter den kleinen Nick und den hübschen Cowboy. Der Fokus verschiebt sich nun zugunsten Bondies und des kleinen Nick, der dank des sehr unvermittelt auftauchenden Autors Taft (Aldo Ray) erfährt, dass mit Patty irgendwas nicht stimmt, ja dass sie vermutlich schon mehrere hundert Jahre alt ist. Der Plot verdickt sich, bis es schließlich zum Ritual kommt, bei dem Bondie geopfert und der Fluch Tras und Gars aufgelöst werden soll. Natürlich kommt alles anders und so können die drei ausgerissenen Kinder zu guter Letzt als elternlose Familie in den Sonnenuntergang marschieren. Die letzte Einstellung zeigt jedoch, dass Bondie von ihrem Papa vielleicht den Appetit auf Menschenfleisch geerbt haben könnte.

DON’T GO NEAR THE PARK eignet sich gut dazu, das zu verdeutlichen, was ich neulich in meinem Text über Rodriguez’ MACHETE geschrieben habe. Legt man ein klassisches Verständnis von technischer und erzählerischer Wohlgeformtheit zugrunde, dann ist Foldes Film eine ziemliche Katastrophe. Der Plot ist konfus und ausufernd, es fehlt ihm ein emotionales Zentrum, zudem reicht das Budget nicht aus, um den Rückblick auf ein Land weit, weit vor unserer Zeit glaubhaft auszugestalten: Mit ihrem Lendenschurz, der Kriegsbemalung und dem sauberen Haarschnitt sehen Tra und Gar weniger aus wie “echte” Urzeitmenschen, sondern eher wie Manager im Selbstfindungsseminar. Weitere tpische Schwierigkeiten – der “Star”, für den eigentlich kein Platz im Drehbuch war (Aldo Ray), die abgebrochenen Subplots (von der Mutter des kleinen Ausreißers Nick hört man nie wieder etwas), die Lücken in der Handlung (was genau finden die Kinder an der gruseligen Patty?) – lassen sich als logische Konsequenzen einer hektischen Produktion unter widrigen Bedingungen werten. Aber diese “Fehler” machen DON’T GO NEAR THE PARK erst zu dem, was er ist: ein Film, der sich geradezu renitent dagegen sperrt, einsortiert zu werden, Sinn zu ergeben – aber auch dagegen, seine Zuschauer mit hundertfach gesehen Standardszenarios zu nerven. Klasse!

07
Apr
11

the stupids (john landis, großbritannien/usa 1996)

Familie Stupid – Papa Stanley (Tom Arnold), Mutter Joan (Jessica Lundy), Sohnemann Buster (Bug Hall) und Töchterchen Petunia (Alex McKenna) – sind in Panik: Irgendjemand stiehlt regelmäßig ihren am Straßenrand deponierten Müll! Die Ermittlungen Stanleys ergeben, dass der Müllraub kein Einzelfall, sondern vielmehr Bestandteil eines groß angelegten Plans ist, hinter dem vermutlich der diabolische Mr. Sender (Christopher Lee) steckt, an den auch – wie Stanley während seiner Arbeit als Briefträger herausfand – alle unzustellbaren Briefe geleitet werden. Vlle gefährlicher werden ihm aber erst einmal ein paar abtrünnige Militärs, denen er einen Waffendeal vermasselt. Die Familie Stupid schwebt in Gefahr und trägt dabei keine kleinere Verantwortung, als die Welt zu retten …

THE STUPIDS ist zunächst einmal ein ziemlich deutlicher Beleg dafür, wie tief Landis in der Wahrnehmung der Verleiher, aber auch der Zuschauer zur Mitte der Neunzigerjahre gesunken war: Hatte er von Mitte der Siebzigerjahre bis zum Ende der Achtzigerjahre noch einen Hit an den nächsten gereiht – TRADING PLACES, AN AMERICAN WEREWOLF IN LONDON, INTO THE NIGHT, SPIES LIKE US, THREE AMIGOS!, COMING TO AMERICA - und solche verehrten Kultfilme wie SCHLOCK, KENTUCKY FRIED MOVIE, NATIONAL LAMPOON’S ANIMAL HOUSE und THE BLUES BROTHERS inszeniert, war THE STUPIDS ein weiterer in einer anhaltenden Serie von Flops, der hierzulande gar nicht mehr erschien und gleich unter dem ebenfalls Bände sprechenden Titel EINE FAMILIE ZUM KOTZEN im Fernsehen seine Premiere feierte. Zwar muss ich einräumen, dass THE STUPIDS nicht an alte Glanzleistungen anknüpfen kann, dennoch ist er deutlich unter Wert verkauft worden, denn das Konzept des Films ist ziemlich originell und funktioniert nach einigen Anlaufschwierigkeiten über weite Strecken sehr gut.

Die Stupids sind, wie ihr Name und obige Inhaltsangabe schon zeigt, eine zum Schreien dumme Familie: Als Zerrbild der oberflächlich-naiven amerikanischen Fünfzigerjahre-Vorzeigefamilie wohnen sie in ihrem kitschigbunten Haus (zusammen mit zwei überflüssigen computeranimierten Haustieren) und noch die alltäglichste Handlung wird von ihnen auf groteske Weise missverstanden. Das Drehbuch bezieht einen Großteil seines Humors etwa daraus, dass die Stupids Dinge wörtlich nehmen – etwa die Formel “Return to Sender” – und Bedeutungen vermuten, die nicht existieren. Hinter der städtischen Müllabfuhr sehen sie einen teuflischen Weltbeherrschungsplan, die wahren und sehr weltlichen Verbrecher jedoch bemerken sie gar nicht. Das vielleicht schönste Beispiel für die Dummheit der Stupids gibt es bei einem Besuch Stanleys und seiner Tochter im Planetarium: Beim Anblick des künstlichen Firmaments glauben sie sogleich im Himmel gelandet zu sein, den Hausmeister Lloyd (Frankie Faison) halten sie für den lieben Gott, dessen Namen sie bislang als “Lord” und somit falsch ausgesprochen haben. Doch mit den grotesken Dummheit der Stupids endet der Witz des Films noch nicht: Denn aus der Summe all dieser Missverständnisse kreiert John Landis eine  Welt, die plötzlich Sinn ergibt: Die Müllabfuhr gehört tatsächlich einem Mr. Sender, der in seinem unterirdischen Reich unzustellbare Post liest und verbrennt, die “alien pilots” einer Zeitungsschlagzeile, mit der eigentlich zwei Science-Fiction-Serien gemeint sind, entpuppen sich als real existierende außerirdische Piloten und eine Computerwarnmeldung bezüglich eines Schadens in Laufwerks B: (“drive b”) verstehen Mama Stupid und ihre Sprösslinge als Warnung vor einer bestimmten Biene (“drive bee”), die später – wer hätte es gedacht – von Mr. Sender tatsächlich losgelassen wird. Die bösen Militärs (darunter Mark Metcalfe aus Landis’ NATIONAL LAMPOON’S ANIMAL HOUSE) können schließlich auch zu keinem anderen Schluss kommen, als dem, dass Stanley Stupid, der kraft seiner Dummheit und dank unendlichem Glück jeden Mordanschlag überlebt, ein echter Vollprofi ist.

Was THE STUPIDS breitere Anerkennung verwehrt hat, das ist sicher seine ans Dekonstruktivistische grenzende Dramaturgie, die unmittelbar aus dem Humor des Films erwächst: Es gibt keine Exposition, die Handlung beginnt sofort und schreitet mit einem bis zum Finale nie nachlassenden Tempo voran, es bleibt folglich kein Raum, die Stupids auf irgendeine und schon gar nicht auf herkömmliche Weise zu charakterisieren. Woher sie kommen, warum sie so dumm sind und wie sie es überhaupt so weit brachten, bleibt ebenso nebulös, wie die Existenz jeder über ihre Dummheit und Familienloyalität hinausgehende Charaktereigenschaften. THE STUPIDS funktioniert wie eine 90-minütige Slapsticksequenz, der man den Kontext entzogen hat. Das ist nicht immer ganz einfach und der Erfolg des Films steht und fällt letztlich mit der Qualität der Gags, die logischerweise nicht immer ins Schwarze treffen. Ich mag den Film dennoch sehr, weil ich es erstaunlich finde, wie aus dem schieren Blödsinn wie durch Zauberhand Sinn entsteht. Landis-Fans (hallo, Frank!) sollten ernsthaft in Erwägung ziehen, die klaffende Bildungslücke zu schließen.

01
Apr
11

the hole 3d (joe dante, usa 2009)

Meine Fantasy-Filmfest-Berichterstattung ist noch nicht zu Ende: Mein nächster Text widmet sich dem von mir doch sehr herbeigesehnten neuen Film von Joe Dante: THE HOLE 3D. Geärgert hat er mich nicht, begeistert aber auch nicht. Warum, könnt ihr hier lesen.

28
Mar
11

trolljegeren (andré øvredal, norwegen 2010)

Ein dreiköpfiges studentisches Filmteam heftet sich an die Fersen eines mysteriösen Bärenjägers, der von den anderen Jägern misstrauisch als Außenseiter beäugt wird. Der Mann (Otto Jespersen) zeigt sich wortkarg und abweisend, doch die Studenten bleiben hartnäckig und mit der Kamera immer dicht dran. Nach einer turbulenten nächtlichen Begegnung im norwegischen Wald kommt die Wahrheit über ihn ans Licht: Er ist ein Trolljäger, der im Auftrag der Regierung aus ihrem Revier ausgebrochene Trolle einfängt und kaltstellt. Die norwegische Sagengestalt gibt es nämlich wirklich. Und der Trolljäger hat keine Lust mehr auf die Heimlichtuerei …

TROLLJEGEREN ist der neueste Vertreter des 1999 mit dem unglaublichen Erfolg von BLAIR WITCH PROJECT gerade im Horrorgenre populär gewordenen Found-Footage-Films. Gleich zu Beginn weisen – ganz typisch – mehrere kurze Texteinblendung auf die Authentizität des Materials hin, das man im Gegensatz zu dessen Urhebern bergen konnte, auf die Bruchstückhaftigkeit desselben und räumen ein, dass man nicht so genau wisse, was man davon zu halten habe. Worauf der folgende Film hinausläuft, ist damit schon vorgezeichnet, von Interesse eigentlich nur die Frage, was und wie sich dies vollzieht. TROLLJEGEREN ist damit strukturell ein ganz typischer Found-Footage-Film, dessen Eigenschaften und die aus diesen resultierenden narrativen Implikationen ich in meinem Text zu PARANORMAL ACTIVITY schon einmal versucht habe, aufzuführen. Doch TROLLJEGEREN weiß sich aus den Fesseln des Korsetts zu befreien, indem er die Blaupause für eine furiose Komödie nutzt, mit der Regisseur Øvredal zum einen wieder einmal einen Beweis für den herrlich trockenen Humor des skandinavischen Kinos erbringt, zum anderen seinem Heimatland eine filmische Liebeserklärung macht.

Der Troll, ein menschenähnliches, stinkendes haariges Wesen von minderer Intelligenz ist so etwas wie das heimliche Wappentier Norwegens und wird einem Besucher des Landes in den Souvenirgeschäften in tausendfacher Ausfertigung als Stofftier, Nippesfigur, Holschnitzerei oder als Postermotiv förmlich hinterhergeschmissen. Die Existenz dieser Wesen, denen jeglicher Glamour abgeht, die dafür aber die mit Norwegen assoziierte Urwüchsigkeit und Erdigkeit in Reinkultur verkörpern, wird in TROLLJEGEREN nicht nur als Fakt verkauft, sie ist auch Anlass für paranoide Verschwörungstheorien auf X-FILES-Niveau, die umso absurder sind, als es hier eben nicht um Aliens, Geheimagenten, Weltbeherrschung und Machtspielchen geht, sondern um Trolle. Der foxmulderesken Coolness und dem Hightech-Equipment der US-Agenten wird eine rührende Improvisations- und praktische Handwerkskunst gegenübergestellt, wenn etwa ein polnischer Lieferservice Bärenkadaver an die Trollfundorte bringt, um mit dessen Platzierung Neugierige abzulenken und zu besänftigen, ein Regierungsbeamter mit umgeschnallten Bärentatzen entsprechende Fußspuren produziert oder Trolljäger Hans in seinem kleinen Wohnwagen Trollhaarklumpen, -fett und -schleim einkocht, um Trollgestankkonzentrat zu Tarnungszwecken herzustellen.

Ein anderer großartiger Einfall des Films rührt hingegen an den Kern nationaler Mythen und Sagen generell, macht den Film eher zu einem reflektierten Bestandteil der norwegischen Folklore, anstatt diese arrogant von oben herab abzuurteilen. TROLLJEGEREN ist auch ein Road Movie, der die Protagonisten durch verschiedene Regionen des Landes führt und dabei dessen Topografie im Sinne seiner Prämisse umdeutet: zuerst werden umgestürzte Baumstämme und Erdrutsche als Zeichen von Trollaktivität und umherliegende Felsbrocken als Zeichen einer Auseinandersetzung zwischen Wald- und Bergtrollen gewertet, später gesteht Hans den erstaunten Studenten, dass es sich bei den Strommasten im Norden tatsächlich um Schutzzäune handelt, die die Trolle am Ausbruch aus ihrem Gebiet hindern sollen. In den besten Momenten des Films hat man fast den Eindruck, einzelne Szenen seien on-the-spot entstanden und improvisiert worden; als sei das Filmteam lediglich mit offenen Augen durchs Land gezogen und habe die Landschaft konsequent – und so wie der Trolljäger Hans – auf Anzeichen von Trollaktivitäten hin interpretiert. TROLLJEGEREN macht so sehr schön transparent, wie solche Sagen überhaupt enstehen.

TROLLJEGEREN steht nicht über den Dingen, macht sich nicht mit billiger, abgezockter Ironie immun gegen Kritik, sondern folgt seiner Prämisse mit voller Überzeugung und viel, viel Liebe und Herz. Die Trollanimationen sind traumhaft und im Finale erreicht der preisgünstig produzierte Film eine Erhabenheit und Epik, die in diesem Genre per definitionem eher abwesend ist, und für die ein CLOVERFIELD deutlich mehr Kapital und Technikeinsatz einsetzen musste.  Die Vorschusslorbeeren, die TROLLJEGEREN allerorten erhalten hat und die ihm sogar einen regulären deutschen Kinostart eingebracht haben, sind allesamt verdient. Er ist, so abgedroschen das Found-Footage-Subgenre heute auch schon wieder ist, ein wunderschöner, origineller und geistreicher Film, den ich noch während der Sichtung tief in mein Herz geschlossen habe. T(r)oll!




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