Einträge tagged ‘Selbstjustiz



31
Mär
11

i spit on your grave (steven r. monroe, usa 2010)

Auf F.LM – Texte zum Film kann man meine Rezension zu Steven R. Monroes Remake von Meir Zarchis I SPIT ON YOUR GRAVE lesen, einem der Klassiker des kontroversen Kinos. Der Film ist besser als man das erwarten durfte, aber natürlich kaum weniger streitbar als der Vorgänger – wenngleich auch aus komplett anderen Gründen. Die Sichtung im Rahmen der Fantasy Filmfest Nights war trotzdem ein furchteinflößendes Erlebnis: Was es über den Zustand der Menschheit aussagt, dass einige Vollhonks die unappetitlichen und keineswegs lustigen Gewaltszenen frenetisch bejubelten, so als säßen sie in einem Funsplatterfilm, möchte ich mir lieber nicht ausmalen. Die Empfehlung, ihn sich lieber nicht im Kino anzusehen, um solchen Mutanten zu entgehen, kann ich mir aber sparen, denn Monroes Film wird mit Sicherheit niemals ein deutsches Kino von innen sehen.

22
Mär
11

driven to kill (jeff f. king, usa/kanada 2009)

Der russische Ex-Mobster Ruslan (Steven Seagal), mittlerweile ein erfolgreicher Autor autobiografischer Gangsterromane, erhält von seiner Ex-Frau Catherine (Inna Korobkina) die Nachricht von der bevorstehenden Hochzeit seiner Tochter Lanie (Laura Mennell). Kurz vor dem Fest brechen jedoch Gangster in das Haus der Familie ein, töten Catherine und verletzen Lanie schwer. Ruslan, außer sich vor Zorn, greift sich Lanies zukünftigen Gatten Stephan (Dmitry Chepovetsky), selbst Sohn eines russischen Mobsters, und begibt sich mit ihm in die Unterwelt, um Rache an den Verbrechern zu üben …

Ein Brett!!!

Ich bin ja angesichts der Klasse von URBAN JUSTICE, PISTOL WHIPPED und eben DRIVEN TO KILL wirklich geneigt, von einem Comeback Seagals vielleicht nicht zu alter, aber doch zu neuer Form zu sprechen und verkneife mir das vorläufig nur deshalb, weil ich mit KILL SWITCH  den Vorläufer dieses Werks noch nicht gesehen (ein Text folgt aber in Bälde) und vom Vampiractioner AGAINST THE DARK nur gehört habe, er neige zu ähnlich inszenatorisch-erzählerischen Unzulänglichkeiten à la ATTACK FORCE. Solche sind in DRIVEN TO KILL, einem ruppigen, ohne Umschweife auf die Zwölf krachenden Rachefilm gänzlich abwesend, stattdessen gelingt es Jeff F. King ähnlich wie Roel Reiné in PISTOL WHIPPED ausgezeichnet, die Physis und das Alter Seagals zu seinem Vorteil einzusetzen, anstatt sie in einem verwirrenden Schnittgewitter zu kaschieren. Mit schmierigen Gangstertattoos auf den Unterarmen und einem moderaten russischen Akzent gibt Seagal zwar einen seiner typischen geheimnisumwitterten Krieger, doch ist dessen Reue hier nicht mehr länger nur eine schmückende und letztlich doch nur dessen Heldentum bestätigende Eigenschaft. Wenn Ruslan den unschuldigen Stephan dazu nötigt, ihm bei seiner Mordtour zu helfen, weil ein echter Mann den Mord an seinen Geliebten gefälligst zu rächen habe, er einen harmlosen Pfandleiher, der ihm eine Information mit der Begründung verweigert, er sei kein Auskunftsbüro, brutal zusammenschlägt, einem der typischen Nebendarsteller-Proleten mitleidlos ein Glas ins Gesicht rammt und mit seinen Feinden in einer Weise abrechnet, die falscher Sentimentalität völlig unverdächtig ist, fühlt man sich als Zuschauer eher abgestoßen als angezogen. Soll das etwa die Identifikationsfigur sein? Seagals Filme haben ja noch nie einen Zweifel an der Entschlossen- und Überlegenheit ihres Protagonisten gelassen, doch so explosiv und finster wie hier hat man ihn wohl noch nie gesehen.

Es gibt eine tolle Körperstudie, eine längere Einstellung, die Ruslan einfach nur dabei zeigt, wie er auf die Kamera zugeht, und die künstlich verlängert wird, indem der Schnitt immer wieder ein kleines Stück “zurückspult”. Als letztes sieht man nur noch ein Stück seines Kopfes, das sich links aus dem Bild schiebt. In dieser kurzen Szene kommt die ganze Entschlossenheit und Unaufhaltsamkeit dieses Mannes zum Ausdruck, der einmal angestoßen wohl nur durch eine Kugel in die Stirn aufzuhalten ist. Und Seagals von Falten zerfurchtes Gesicht wird hier auch endlich nicht mehr als Bürde empfunden, sondern immer wieder in Szene gesetzt: Ein tolles Close-Up seiner Augenpartie würde ich am liebsten als Banner für mein Blog verwenden. Meine Lieblingsszene gibt es aber gleich zu Beginn: Ruslan wird von einem Groupie auf eine Stelle in einem seiner Bücher angesprochen, in der er von einem Spiel erzählt, bei dem drei Becher und ein Nagel eine wichtige Rolle spielen. (Wie das Spiel nicht funktioniert, kann man hier sehen.) Ruslan wird von ihr aufgefordert, ihr das vorzumachen, was er dann auch tut, völlig ungerührt. Auf die Frage, wo der Trick liege, sagt er nur: “The trick is to not give a fuck.” Badassery vom Allerfeinsten.

Natürlich erschöpft sich der Reiz von DRIVEN TO KILL nicht in der Inszenierung seines Hauptdarstellers: King serviert dem Zuschauer einen sackbrutalen Actionfilm, der leise Zwischentöne mit der Sensibilität einer Abrissbirne pulverisiert. Zum ersten Mal seit langer, langer Zeit gibt es wieder etliche dieser Seagal-Momente, für die man dessen Filme in den frühen Neunzigern verehrt hat und anlässlich derer man die Hände überm Kopf zusammenschlägt und sich fragt, ob man das gerade richtig gesehen hat. Mitleidlos wird von ihm alles plattgemacht, was sich ihm in den Weg stellt. Dabei bleibt DRIVEN TO KILL staubtrocken, verkommt nie zum überzogenen Splatter-Buhei, für die ADS-Generation. Aller moderner visueller Effekte zum Trotz ist Kings Film eher den harten Actionthrillern der Siebzigerjahre verpflichtet. Hätte man auch nicht gedacht, dass man Seagal mal in eine Traditionslinie mit Charles Bronson, Lee Marvin oder Steve McQueen stellen könnte …

25
Jan
11

savage (brendan muldowney, irland 2009)

Der düstere irische Urban-Crime-/Selbstjustizfilm SAVAGE von Brendand Muldowney ist in der feinen Edition Störkanal von I-On New Media erschienen, die ich bereits mehrfach lobend erwähnt habe. Auch SAVAGE darf man sich als Freund des genannten Subgenres durchaus zu Gemüte führen. AUf F.LM gibt es eine Rezension von mir: Klick.

22
Nov
10

surf nazis must die (peter george, usa 1987)

Eine Bande von surfenden Verbrechern, die “Surf Nazis”, machen einen kalifornischen Strand der nahen Zukunft unsicher, klauen Handtaschen alter Damen, schikanieren Touristen und bekämpfen rivalisierende Surfergangs. Als sie den Afroamerikaner Leroy ermorden, schwört dessen Mutter Eleanor (Gail Neely), eine rüstige Rentnerin, Rache: Sie kauft sich ein stattliches Waffenarsenal zusammen und macht Jagd auf die “Surf Nazis” … 

Vom Titel her verdientermaßen einer der berühmtesten Troma-Filme, ist SURF NAZIS MUST DIE letzten Endes ein doch eher enttäuschendes Unterfangen, auch wenn er mit mehr Verstand und Sorgfalt gefertigt scheint als ein Gros dessen, was unter dem Banner der Produktionsfirma aus New Jersey firmiert. Die klamaukige Hysterie, die so manchen Troma-Film zu einer nervtötenden oder wenigstens anstrengenden Angelegenheit macht, ist hier abwesend, im Gegenteil zeichnet sich SURF NAZIS MUST DIE durch eine sehr unterkühlte Atmosphäre aus, die in hartem Kontrast zu seinem absurden Titel steht. Sommersonnige Langneselaune sucht man jedenfalls vergeblich, was wohl auch darin begründet ist, dass SURF NAZIS genau genommen ein Endzeitfilm ist, auch wenn man das durchaus übersehen kann. Außer einer kurzen Schrifttafel, die das Geschehen in der nahen Zukunft verortet, gibt es lediglich einen kurzen Hinweis auf ein verheerendes Erdbeben, ansonsten sind es eher kleine optische Reize, die für eine Zuordnung zu diesem Subgenre sprechen, etwa die postpunkigen Kostüme der Surf Nazis oder die Bilder von Industrieanlagen und verkommenen Betonsünden, die jedes eventuell aufkommende Urlaubsfeeling schon im Keim ersticken. Leider ist Peter Georges Film aber auch sonst eher von Tristesse geprägt: Die Verbindung von Surfer- und Nazisujet erschöpft sich in ein paar naheliegenden Dialogzeilen (“I am the Führer of the New Beach!”), zahlreichen Hakenkreuzen und darin, dass zwei Mitglieder der Surf Nazis “Adolf” respektive “Mengele” heißen, bringt sonst aber ebenso wenig wie die eigentlich nette Idee, die Bösewichter von einer amoklaufenden Oma aus dem Weg räumen zu lassen. Was hätte daraus für einen herrlichen Baddie machen können! Stattdessen erzählt George seine Minigeschichte aufreizend unambitioniert und ohne jedes dramaturgische Gespür, liefert aber auch nicht genug Selbstzweckhaftes, das einen dies verschmerzen ließe. So muss SURF NAZIS MUST DIE ewig lang ohne Protagonisten auskommen und auch ein Plot kristallisiert sich erst nach gut der Hälfte der Spielzeit heraus. Bei mir äußerte sich das in einer zunehmenden Indifferenz, die sich auch dann nicht mehr gänzlich auflöste, als der Film dann endlich und viel, viel zu spät in Tritt kam. Klar, es gibt ein paar schöne Szenen – vor allem eine Enthauptung per Motorboot ist recht ansehnlich geraten – und so ganz ohne Reiz ist die eigenartige Mischung des Films nicht, aber irgendwie scheint selbst der Regisseur nicht so richtig gewusst zu haben, was er eigentlich will und der Verdacht liegt nahe, dass man einfach nur irgendeinen Film brauchte, dem man die schöne Titelschöpfung aufpfropfen konnte. Ein Exploitationtrasher ohne Krawall und miese Einfälle, eine Komödie ohne Gags, ein Actionfilm ohne Action, ein Drama ohne Drama: Wer kann so etwas wollen wollen? Eigenartig.

13
Nov
10

dangerously close (albert pyun, usa 1986)

Das “Magnet Project” erlaubt es Schülern aus sozial schwachen Familien auf eine Eliteschule zu gehen, so auch dem freundlichen Danny (J. Eddie Peck). Natürlich gefällt das nicht allen Eliteschülern: Ein Anstieg der Kriminalität auf dem Campus wird sofort den ungeliebten Neuen in die Schuhe geschoben und ein Campus-Wachtrupp namens “Sentinels” ins Leben gerufen, der vom Millionärssohn Randy (John Stockwell) angeführt wird. Die Methoden der Sentinels sind mehr als fragwürdig, aber der Erfolg scheint ihnen Recht zu geben. Bis ein Teilnehmer des Magnet Project tot aufgefunden wird …

DANGEROUSLY CLOSE, vom B-Movie-Titan Pyun für die selige Cannon inszeniert, ist zunächst mal ein Fest für alle Achtzigerjahre-Fetischisten: Gleich zu Beginn gibt es eine dieser geilen Scheinwerfer-im-Nebel-Gegenlicht-Aufnahmen, ohne die ein Genrefilm damals einfach nicht auskam, der Soundtrack ist gespickt mit Hochkarätern von Depeche Mode, Robert Palmer, Fine Young Cannibals über T.S.O.L. und die Lords of the New Church bis hin zu Black Uhuru, neben den genannten Darstellern gibt es ein Wiedersehen mit RETURN OF THE LIVING DEAD-Star Thom Mathews und dem späteren Bondgirl Carey Lowell – hier noch mit einem überaus attraktiven Rest von Babyspeck – und inhaltlich vereint der Film zwei der dominierenden Themen seines Jahrzehnts: Selbstjustiz und Klassenkampf. So wendet sich der verschlagene Randy an den zurückhaltenden Danny (seines Zeichens Redakteur der Campuszeitung), weil er dessen Gewogenheit braucht, um seine Sentinels aus dem Fokus des Interesses zu ziehen, und genau weiß, dass er diesen mit seinem materiellen Besitz leicht beeindrucken und gefügig machen kann. Zwischen beiden beginnt ein Spiel um Macht und Verführung, das darüber hinaus mehr als nur latent sexuell konnotiert ist: Ein gerade im Kontext des Selbstjustizplots ziemlich reizvoller Aspekt.

Leider, leider wird dieser interessanteste Teil der Handlung, nachdem er ausführlich aufgebaut wurde, in der zweiten Hälfte des Films aus mir unerfindlichen Gründen zugunsten einer konventionellen, unspektakulären Abwicklung fallen gelassen. Die Beziehung zwischen Randy und Danny wird plötzlich aufgelöst und geht in eine “normale” Rivalität über, die aber auch erst im Showdown ausagiert wird. Nichts, was in der ersten Hälfte angerissen wird, scheint in der zweiten noch eine Rolle zu spielen und das ist ziemlich schade, weil DANGEROUSLY CLOSE durchaus das Potenzial zu einem kleinen Klassiker gehabt hätte. So kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, jemand habe mehr abgebissen als er zu kauen in der Lage war. Ich vermute die Wurzel des Übels beim Drehbuch, aber das ist natürlich schwierig zu sagen. Pyuns Film landet so letztendlich doch nur beim leicht gehobenen Durchschnitt: Man kann sich DANGEROUSLY CLOSE durchaus ansehen kann, ohne sich ärgern zu müssen, aber der bittere Geschmack der Enttäuschung bleibt doch.

18
Okt
10

revenge (director’s cut) (tony scott, usa 1989)

Navy-Pilot Jay Cochran (Kevin Costner) verabschiedet sich nach zwölf Jahren von seinem Arbeitgeber und fährt nach Mexiko, um die neue Freiheit zu genießen und seinen väterlichen Freund, den Gangsterboss Tiburon Mendez (Anthony Quinn), zu besuchen. Bei diesem angekommen, verfällt Jay dessen junger und hochattraktiver Ehefrau Miryea (Madelein Stowe) mit Haut und Haaren – und diese erwidert seine Gefühle. Mit ihrer Affäre begeben sich beide zwar in Lebensgefahr, doch raubt ihnen die Leidenschaft jeden Sinn für die Vernunft. Es kommt, wie es kommen muss: Mendez erfährt von dem Verrat und rächt sich brutal: Jay landet halb tot geprügelt in der Wüste und Miryea entstellt in einem Bordell, wo sie zudem drogenabhängig gemacht wird. Als Jay überlebt, sinnt er seinerseits auf Rache …

REVENGE basiert auf einem seinerzeit sehr gefragten Drehbuch, das von Jim Harrison nach seinem eigenen Romans verfasst worden war. Hollywood-Veteran Ray Stark fungierte als Produzent und holte schließlich Tony Scott an Bord, nachdem zuvor etwa John Huston Interesse an dem Stoff bekundet hatte. Scott fühlte sich dem Stoff seinerseits persönlich sehr verbunden, hatte jedoch von Anfang an damit zu kämpfen, seine “Vision” gegen Stark durchzusetzen: Scott schwebte eine sehr düstere Umsetzung vor, die besonders das Triebhafte im Handeln seiner Protagonisten akzentuieren sollte, während Stark – eher ein konservativer Typ – genau damit Probleme hatte und eine zurückhaltendere Darstellung wünschte. Das Ergebnis war ein 130-minütiger Film, den Scott als zu langsam und geschwätzig empfand, und so gern die Gelegenheit ergriff, einen Director’s Cut zu erstellen, der REVENGE von überflüssigem Ballast befreien sollte und letztlich satte 30 Minuten kürzer ausfiel als die Kinofassung. Ich kenne besagte ursprüngliche Fassung nicht, aber dass der Film in seiner neuem Gewand überaus homogen und schlüssig ausfällt, spricht für Scotts Meinung.

REVENGE ist tatsächlich ein sehr körperlicher Film, nicht zuletzt dank Scotts formidablen visuellen Gespürs, mit dessen Hilfe er die inneren Verwerfungen seiner Charaktere in griffige (und überaus schön anzusehende) Bilder übersetzt. Jays Reise nach Mexiko ist auch eine seelische Reise, die ihn in Rauschzustände versetzt und jegliche Kontrolle verlieren lässt: Seine Liebesbeziehung zu Miryea verläuft schnell, heftig und zügellos, wird jedoch in Scotts Inszenierung nicht auf die nackte Fleischeslust reduziert (obwohl die entsprechenden Szenen erstaunlich explizit geraten sind), sondern zu einer schicksalhaften Liebe stilisiert. Gleiches gilt für die Gewalt, die hier (fast) immer dann einsetzt, wenn die Ratio versagt und die Handelnden hilflos ihren eigenen Trieben überlässt. Doch es ist erstaunlich, welchen Verlauf die Rache Jays nimmt: REVENGE endet nicht mit einem blutigen Rachefeldzug, an dessen Ende nur noch einer steht, sondern auf einer eher introvertierten Note: Am Ende gibt es zwar zwei große Verlierer, aber wenigstens ist es ihnen in letzter Sekunde noch gelungen, ihre Menschlichkeit zu retten. Es ist auch dieses Ende, das REVENGE von anderen Rachefilmen abhebt und mit dem Scott der schnöden Konvention eine deutliche Absage erteilt. Aber das ist noch nicht alles, was für Scotts Film spricht: Trotz der hitzigen Grundstimmung, die den Film beständig am Siedepunklt vor sich hin simmern lässt, hat REVENGE auch seine kontemplativen Momente: Es geht nicht nur um den Kontrollverlust seiner Hauptfiguren und den Preis, den sie dafür bezhalen müssen, sondern auch um die Irrungen und Wirrungen des Lebens generell; und darum, wie man angesichts dieser Irrungen Mensch bleibt. Es gibt einen schönen Subplot in REVENGE, der das besser als alles andere verdeutlicht, einen, der sehr unvermittelt anhebt und ebenso plötzlich wieder abbricht, ohne dass ihm eine größere Bedeutung für den Verlauf der Rachegeschichte zukommen würde: Nach seiner Genesung – Jay wurde von einem hilfsbereiten mexikanischen Farmer gesund gepflegt – hilft er einem texanischen Cowboy (James Gammon), der von seinem Pferd zu Boden getreten wurde. Die beiden Männer fühlen sich in der Fremde sofort verbunden und trinken ein Bier zusammen, als Jay einen seiner Peiniger erkennt, ihn aufs Klo verfolgt und umbringt. Der Cowboy ahnt, was vorgefallen ist, doch schweigt er und begleitet Jay weiter. Sie reisen zusammen und Jay versucht, dem offensichtlich lungenkranken Mann beim Verkauf des Pferdes behilflich zu sein. Doch schließlich verstirbt der neben ihm schlafend auf dem Autositz  und Jay bleibt nichts anderes mehr zu tun, als ihn zu begraben. Mit diesem Exkurs und der Einführung einiger weiterer Nebenfiguren (u. a. Miguel Ferrer und John Leguizamo), die in ihren wenige Dialogzeilen erahnen lassen, welches Schicksal sie in Jays Leben geführt hat, erweitert Scott den Fokus seines Films, öffnet den Blick für eine Welt jenseits seiner drei Protagonisten, die den Nukleus von REVENGE bilden. Er wendet sich damit von deren Blindheit ab und rückt ihre Probleme, die für sie alles andere zu überragen scheinen, in die richtige Perspektive. Damit ist REVENGE einer der wenigen Filme, die das Rachemotiv tatsächlich transzendieren, das Bedürfnis nach Rache zwar plausibel machen, gleichzeitig aber zeigen, wie es alles zerstört, den Rächenden selbst eingeschlossen. Möglicherweise klingt das alles sehr corny, weil man REVENGE – wie eigentlich alles Filme von Tony Scott – vor allem selbst sehen muss. Ich rate hiermit jedem dazu.

12
Okt
10

harry brown (daniel barber, großbritannien 2009)

Anlässlich der DVD-Veröffentlichung von HARRY BROWN habe ich auf F.LM - Texte zum Film eine Rezension zum neuen Selbstjustizfilm mit Michael Caine als rächendem Rentner geschrieben. Was ich über Vigilanten allgemein, den Status quo des Selbstjustizfilms im Jahr 2010 und zu Michael Caines Leistung in dieser britischen Bearbeitung des Themas zu sagen habe, kann man hier lesen und dann entscheiden, ob man die DVD kaufen möchte. Viel Vergnügen!

04
Okt
10

gran torino (clint eastwood, usa 2008)

Der polnischstämmige Korea-Kriegsveteran Walt Kowalski (Clint Eastwood) lebt nicht gerade in Einklang mit sich und der Welt: Seine Ehefrau ist eben verstorben, seine Söhne sind ihm stets fremd geblieben, seine Enkelkinder sind für ihn typisches Beispiel für die Respektlosigkeit der heutigen Jugend und dass sein Viertel mehr und mehr von asiatischen Immigranten übernommen wird, schmeckt ihm auch nicht. Als im Nachbarhaus eine vietnamesische Familie einzieht, begreift er das schon fast als persönlichen Affront, bis sich zwischen ihm und den Sprösslingen dieser Familie, dem schüchternen Thao (Bee Vang) und der mutigen Sue (Ahney Her), eine freundschaftliche Beziehung entwickelt. Als Thao und Sue Probleme mit verwandten Mitgleidern einer asiatischen Gang bekommen, will Walt nicht tatenlos zusehen …

Der durch die Zähne zischende Detective “Dirty” Harry Calahan ist über die Spanne von rund 20 Jahren und fünf Filmen nicht nur zur Karikatur des zynischen Hardliners des Copfilms geworden, sondern auch zur Filmpersona Eastwoods, der wohl auf ewig als grantelnder Konservativer in einer Welt des zunehmenden Werteverfalls im Gedächtnis bleiben wird. GRAN TORINO aktualisiert diese Figur im Spätherbst ihres Lebens, fungiert natürlich und zwangsläufig auch als Eastwoods persönliche Bestandsaufnahme, ergeht sich dabei aber nicht in fadem Metakino und Biografismus, sondern legt endgültig das menschliche Fundament des Zynikers frei, zeigt ihn nicht als voraussetzungslos Seienden gleichsam als Fels in der Brandung der Geschichte, sondern als durch eben jene geschichtlichen Umstände Gewordenen. Hinter Kowalskis abschätzigem Grummeln, seinem ostentativ vor sich hergetragenen Rassismus und seiner offensiven Arschlochigkeit verbirgt sich zwar auch ein Mann, der altersbedingt mit der modernen Welt überfordert ist und ihr deshalb ablehnend gegenübersteht, vor allem aber einer, der die Zugehörigkeit zu seinem Land noch teuer bezahlen musste. Er mag die Erlebnisse des Koreakrieges spurlos überwunden haben, doch haben sie in Wahrheit tiefe Wunden hinterlassen, die nie ganz verheilt sind. Seine Intoleranz und sein Unverständnis sind nicht im Misstrauen gegenüber den Anderen, sondern vor allem im Misstrauen gegen sich selbst begründet: Kowalski sperrt nicht die Welt aus, er sperrt sich vor ihr ein. Dass sein Rassismus nur Fassade ist, wird deutlich, als er in Thao und Sue zwei Jugendlichen begegnet, die noch nicht korrumpiert sind, die er beschützen will, weil er das Gute in ihnen sieht, und die er seinen Schutzpanzer durchdringen lässt. Nach einem Leben, in dem er große Meisterschaft darin gezeigt hat, Dinge zu zerstören, will er etwas Produktives tun. Und er hat etwas über die Wahl der Waffen gelernt: Es ist kein akzeptabler Weg, das Andere als “böse” zu bezeichnen und zu zerstören. Man muss ihm anders beikommen …

Eastwood wird ganz bestimmt kein subtiler Filmemacher mehr werden, das wäre wohl etwas zu viel verlangt von einem Achtzigjährigen, der mittlerweile 35 Filme vorgelegt hat. GRAN TORINO ist dann auch manchmal etwas plump in seinen Bildern und Vergleichen (etwa wenn der auf seiner Veranda sitzende und Kautabak rotzende Kowalski mit der auf der Veranda sitzenden und Kautabak rotzenden vietnamesischen Oma parallelisiert wird), aber das ist verzeihlich, weil er immer aufrichtig und integer ist, zu jeder Sekunde hundertprozentig als Eastwood erkennbar. Nachdem ich mir den Großteil seines Alterswerks nach UNFORGIVEN gespart habe, hat mich GRAN TORINO – der mich thematisch einfach interessiert hat – sehr berührt. Ein schöner Film mit einem den Nagel auf den Kopf treffenden Ende. Wenn nur alle Regieveteranen Werke von solch bestechender Klarheit drehen würden …

11
Sep
10

no safe haven (ronnie rondell jr., usa 1987)

Als der Ex-FBI-Agent Clete Harris (Wings Hauser), der wegen seiner ruppigen Methoden zum Peace Corps nach Honduras abkommandiert worden ist, von der Ermordung seiner Mutter und seiner beiden Brüder erfährt, setzt er alles daran, zu erfahren, wer für ihren Tod verantwortlich ist. Mit Hilfe seiner alten Kontakte kommt er einer Bande südamerikanischer Drogendealer auf die Schliche, mit denen sich sein Bruder Buddy, ein Footballprofi, dummerweise eingelassen hatte. Clete startet seinen privaten Rachefeldzug, bei dem ihm der Schrott- und Waffenhändler Randy (Robert Tessier) tatkräftig zur Seite steht. Die Spur führt beide nach Bolivien …

NO SAFE HAVEN habe ich zum ersten Mal vor drei Jahren gesehen, als ihn mir mein lieber Freund und Himmelhund-Kollege Aussenseiter, ein beinharter Wings-Hauser-Fan, in der deutschen Version vorführte. Die jetzige Sichtung der ungeschnittenen Originalversion kam an dieses schöne Ereignis nicht ganz heran: NO SAFE HAVEN ist so ein Film, den man am besten im Kreise der Lieben genießt. Seine Actionszenen beschränken sich während der ersten 80 Minuten auf einige kurze, aber dafür umso heftigere Morde, erst für den explosiven Showdown in den restlichen zehn Minuten lässt Rondell seinen Film dann von der Leine. Dass NO SAFE HAVEN trotzdem nicht langweilig, im Gegenteil sogar eine sehr kurzweilige Angelegenheit geworden ist, ist zum einen der Besetzung – neben dem immer gern gesehenen Tessier hat vor allem Branscombe Richmond eine schöne Rolle abbekommen -, zum anderem dem Drehbuch mit seinen pointierten, witzigen Dialogen und den immer etwas abseits vom Mainstream angelegten Charakteren zu verdanken.

Hauser ist als Clete Harris (der für die deutsche Version zum “Clint” und auf dem Videocover zum Bond-Verschnitt mutierte) ein liebenswerter Prolet, der seinen Strafdienst in Honduras mit Dosenbier, einem versifften T-Shirt und Füßen auf dem Tisch absolviert, besoffen aus dem Auto von eben durchgezogenen Nutten fällt und auch sonst not quite das gewohnte Heldenmaterial darstellt. Tessier gibt seinen Südstaaten-Waffennarren nicht etwa als rassistischen Redneck, sondern als freundlichen alleinerziehenden Vater im Camouflage-Look, der eine Ferkelsfreude daran hat, wenn Sachen in die Luft gehen, und seinen ebenso veranlagten halbwüchsigen Sohn von einer Gänsefamilie beaufsichtigen lässt und Richmond ist als Drogendealer Manuel stets auf 180 und versucht sich an einer unkultivierten Version von Pacinos Tony Montana. In meiner Lieblingsszene steigen Harris und Randy mitten in der bolivianischen Pampa aus einem Bus und starren erst einmal tatenlos in die Einöde, bevor Randy kurzerhand seine Hose öffnet und zu pissen anfängt, was ihm Harris dann in Ermangelung einer besseren Alternative einfach mal nachmacht. Trotz dieser humorigen Seite wird NO SAFE HAVEN aber niemals zu albernen Hanswurstiade, wie das später im Actiongenre so oft der Fall sein sollte (man denke nur aan die unsäglichen RUSH HOUR-Filme), benutzt den Humor vielmehr ausschließlich dazu, seine Figuren zu charakterisieren. NO SAFE HAVEN gehört bestimmt nicht zu den Actionklassikern seines an solchen nicht gerade armen Jahrzehnts, aber er ist diesen mit seiner locker-flockigen Art dicht auf den Fersen.

Man könnte es vielleicht in folgendes Bild kleiden: Wenn das Actiongenre eine Disco ist, all die FIRST BLOODs, TERMINATORs, COMMANDOs und MISSING IN ACTIONs arhythmisch und unsexy herumstaksende Weißbrote, die eigentlich eher auf eine Schlägerei aus sind als auf eine gute Zeit, dann schwoft NON SAFE HAVEN locker und lässig über die Tanzfläche, lässt enthemmt das Becken kreisen, nimmt am Ende des Abends zwei scharfe Bräute mit nach Hause und zwinkert beim Rausgehen verschmitzt den neidisch über ihrem Bier brütenden Kollegen zu …

01
Jun
10

retribution (guy magar, usa 1987)

Weil der erfolglose Maler George Miller (Dennis Lipscomb) keine Hoffnung im Leben mehr sieht, stürzt er sich vom Dach eines Hauses, kann jedoch gerettet werden. Nach seiner Genesung plagen ihn heftige Albträume, gegen die auch seine Therapeutin (Leslie Wing) machtlos ist. Als George eines nachts träumt, wie er eine ihm völlig fremde Frau umbringt, und am nächsten Tag in der Zeitung liest, dass diese Frau tatsächlich einem unbekannten Killer zum Opfer fiel, ahnt er noch nicht, dass er zum Mordgehilfen eines rachsüchtigen Geistes geworden ist …

Boah ey, was für ein Brett! RETRIBUTION hat mich gleich vom Start weg mit der für seine Entstehungszeit so typischen First-Person-Nachtfahrt durch L.A. und seinen pumpenden Synthiebeats völlig für sich eingenommen und den Weg für eine große, große Wiederentdeckung geebnet. Inhaltlich ein Amalgam aus Selbstjustiz- und Rachefilm, Besessenheitshorror und einigen NIGHTMARE ON ELM STREET-Inspirationen ist es vor allem seine Form, die ihn so wirkungsvoll und beeindruckend macht. Guy Magar, für den dieser Film offensichtlich eine Herzensangelegenheit war - neben der Regie schrieb er auch das Drehbuch mit und besorgte zudem den Schnitt -, brennt nämlich ein stilistisches Feuerwerk ab, dass ich dazu geneigt bin, RETRIBUTION im Überschwang des Augenblicks zum quintessenziellen Horrorfilm seines Jahrzehnts zu küren, quasi zum Horrorpendant eines COBRA. Von der krass artifiziellen Ausleuchtung in Rot-, Grün- und Blautönen, der filigranen Kameraführung und dem heftigen Schnittgewitter, das auf den Zuschauer niedergeht, über die zeitweise wahrhaft kakophonische Ausmaße annehmende Beschallung von der Tonspur bis hin zu den vor diesem Hintergrund noch einmal doppelt so drastisch wirkenden Splattereffekten - Highlight sicherlich der Mann, der im Schlachthaus in einen bluttriefenden Schweinekadaver gewickelt und durchgesägt wird - sind hier alle ästhetischen Merkmale, die man gemeinhin als typisch für einen Film der Achtzigerjahre beszeichnet, im Übermaß vertreten. Das ist jedoch nicht nur modischer Schnickschnack, sondern führt dazu, dass RETRIBUTION in seiner Wirkung weit über das hinausgeht, was man von einem US-amerikanischen Horrorfilm dieser Zeit gemeinhin erwarten konnte. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass Magars Film eine somatische Wirkung erzielt, die ihn in die Nähe dessen rückt, was man heute als “Terrorfilm” bezeichnet. RETRIBUTION stellte sich für mich gestern als eine rund 100-minütige Attacke auf mein Sensorium dar, als Angriff über (fast) alle verfügbaren Sinneskanäle, sodass ich mich zum ohrenbetäubenden Finale in der paradoxen Lage befand, in geradezu stendhal’scher Überforderung um Gnade zu winseln und gleichzeitig wie im Rausch nach mehr zu verlangen. Die zwar nicht besonders originelle, aber im dargebotenen Kontext überaus perfide Schlussfinte beendet den Film mit einer standesgemäßen Rechts-Links-Kombination vor den weichgekloppten Quadratschädel und entlässt den hilf- und atemlosen Zuschauer mit rauchendem Kleinhirn in die wie Balsam wirkenden Endcredits.

OK, ich habe in der noch nicht verklungenen Euphorie vielleicht ein bisschen dick aufgetragen, aber ich kann nur jedem, der meint, dass der US-amerikanische Horrrofilm der Eighties in erster Linie harmloser Bubblegum für Halbwüchsige gewesen sei, nur raten, sich RETRIBUTION anzuschauen und sich ordentlich durchorgeln zu lassen. Der Beweis, dass ein Horrorfilm für Erwachsenen durchaus bunt sein darf, ohne an Durchschlagskraft zu verlieren. The real deal eben.




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