Einträge tagged ‘Slasher

26
Mar
12

slaughter high (george dugdale/mark ezra, usa 1986)

Jahre, nachdem ihr Mitschüler, der nerdige Loser Marty (Simon Scuddamore), bei einem nach hinten losgegangenen Aprilscherz brutal verstümmelt wurde, werden die Verantwortlichen, eine Clique nun im Berufsleben stehender Unsympathen, in das mittlerweile leerstehende Schulgebäude eingeladen, um dort einer mysteriösen Überraschungsparty beizuwohnen. Doch das reich gedeckte Büffet entpuppt sich als Henkersmahlzeit, die zum bekannten Zehn-kleine-Negerlein-Spielchen gereicht wird …

SLAUGHTER HIGH ist mal wieder ein Eintrag ins Buch meiner nostalgischen Reisen in die Horror- und Venloer-Videotheken-Zeit meiner frühen Adoleszenz. Der nur mäßig bekannte Film zählt zur zweiten Welle des abebbenden Slasherbooms und muss insofern schon als Kopie der Kopie bezeichnet werden. Alle Bestandteile der Handlung – die ätzende Clique und ihr grausam missglückter Streich, der leidtragende Mitschüler, die rätselhafte anonyme Einladung, der erste April als Tag der Handlung – wurden schon in anderen Filmen verwurstet und die Macher unternehmen nicht einmal im Ansatz den Versuch, den Zuschauer, der von Anfang an weiß, was hier gebacken ist, zu überraschen. So sind es denn – mal wieder – einzig und allein die Mordszenen, die das Interesse wachhalten und zumindest hier liefert SLAUGHTER HIGH: Der sich nach dem Genuss einer vergifteten Bierdose aufblähende und dann schließlich mit Schmackes platzende Bauch, aus dem die Eingeweide putzig hervorquellen, darf als einer dieser kleinen Höhepunkt verzeichnet werden, die man damals auf Compilation-Tapes festgehalten hat. Kaum weniger schön, wenn auch weniger blutig, ist das unter Strom gesetzte Bett, auf dem zwei arglos Vögelnde bei lebendigem Leib geröstet werden. Der Gewaltpegel stimmt also und weil die Macher von SLAUGHTER HIGH wenig Zweifel daran lassen, dass das das Einzige ist, worum es ihnen geht, läuft der Film ganz gut rein. Das Setting der runtergekommenen, düsteren Schule ist durchaus etwas überdurchschnittlich und bietet die Stimmung, die diesem filmischen Malen-nach-Zahlen sonst gänzlich abgeht, und das Drehbuch genau jene Menge haarsträubend idiotischer Motivationen und Logiklöcher, die zu zählen dann ja auch einen nicht unbeträchtlichen Teil des Charmes solcher Werke ausmachen: Dass sich keiner der Protagonisten über die Einladung wundert, ja sie es sogar als großen Spaß betrachten, allein in einer Ruine am Arsch der Welt abzuhängen, weil es gratis billiges Dosenbier gibt, kennt man ja kaum anders, dass eine der anwesenden Frauen aber erst einmal eine Badewanne (?) besteigt, nachdem ihr kurz zuvor der Bauchinhalt ihres Kumpels ins Gesicht explodiert ist, erfordert hingegen schon ein größeres Maß an Toleranz vom Zuschauer.

Dann ist da noch der Streich, der den Film einleitet: Zuerst wird der bebrillte Marty von der schönen Carol (Caroline Munro, die sich mit ihren damals 37 Lenzen sicherlich gefreut hat, nochmal ein High-School-Schülerin spielen zu dürfen) unter dem Vorwand des Liebesspiels in die Damenumkleide gelockt, dann voll entblößt von der ganzen Horde ausgelacht, fotografiert und gedemütigt und schließlich kopfüber ins Klo gesteckt. Doch damit nicht genug: Als nächstes wird auch noch sein Chemieexperiment sabotiert, sodass er sich erst selbst anzündet und ihm dann auch noch eine selten dämlich auf einem wackligen Regal postierte Flasche Säure ins Gesicht klatscht. Auch wenn ich mir mit meinen 36 Jahren mittlerweile keine Illusionen mehr über die unbegrenzte Blödheit des Menschen und sein Potenzial zum Bösen mache: In keiner Welt käme jemand auf die Idee, dass es lediglich ein lustiger, harmloser Scherz sei, im Chemielabor an irgendwelchen Substanzen oder der Gasleitung rumzupfuschen. Mitleid fällt angesichts der Grausamkeit und Blindheit, mit der da gegen Marty vorgegangen wird, ziemlich schwer: Strukturalistisch könnte man daher argumentieren, dass SLAUGHTER HIGH eine der typischen Eigenschaften des Slasherfilms – nämlich die Umkehrung des Verhältnisses von Protagonist zu Antagonist – schon auf der Ebene der Handlung verortet. Oder man drückt sich weniger gespreizt und apologetisch aus und konstatiert lediglich, dass die Masterminds hinter diesem Epos sich nicht so wirklich viele Gedanken gemacht haben. Immerhin trägt ihr Killer einen lustigen Hut. Und diese Szene mit dem Bauch, die hat was, definitiv …

13
Feb
12

trhauma (gianni martucci, italien 1980)

Der spielsüchtige Andrea (Gaetano Russo) versammelt eine illustre Gesellschaft wohlhabender Unsympathen in dem baufälligen Landhaus, das er gegen den Willen seiner Frau gekauft hat, um ihnen etwas Geld aus den Rippen zu leiern. Während er mit seinen Gesuchen bei einem nach dem anderen auf taube Ohren stößt, hat ei Killer, der ums Haus schleicht mehr Erfolg bei der Ausübung seiner Tätigkeit …

Als erstes sollte festgehalten werden, dass TRHAUMA ein schlechter Film ist, als zweites, dass seine handwerkliche Minderbemitteltheit ihm auf eine Art und Weise in die Karten spielt, die ihn jede Schundigkeit transzendieren und zu einem abstrakten Meisterwerk emporsteigen lässt. Martuccis Film besetzt bräsig und breitärschig die Schnittstelle zwischen Giallo und Slasherfilm, bietet demzufolge eigenschaftslose Nullgesichter als Identifikationsfiguren, sinnlos über die Spielzeit verstreute Morde, viel Herumgestolpere im dunklen Tann, halbherzig gelegte falsche Fährten, einen derangierten Killer ohne Persönlichkeit und eine “Geschichte”, die dieser Bezeichnung spottet. Doch keiner dieser in ihrer Gesamtheit potenziell vernichtenden Vorwürfe ist in der Lage, an Martuccis Film zu kratzen, weil er in seinem Versagen, eine spannende Mordgeschichte zu erzählen, eine andere Identität findet. TRHAUMA, das ist wie der Blick Neos hinter die schicken Großstadtbilder auf den in grünen Zahlenketten über den Bildschirm flimmernden Zahlencode der Matrix, auf das nackte Programm hinter der Illusion, (fast) jeder Veredelung beraubt. Die einzelnen Elemente sind zwar da, aber der Fugenkitt, der für das reibungslose Reinlaufen sorgen soll, der fehlt und sorgt für Schluckbeschwerden. Schon die in ihrer Banalität verbüffende Eröffnungsszene, die Giallo-typische Rückblende, die nach dem Gesetz des Genres später, wenn sie in den Kontext reintegriert wird, für den großen Aha-Effekt sorgen soll, stellt die Weichen: Am Ende wird sie in TRHAUMA nicht als das Puzzlestück fungieren, das zum Verständnis noch fehlt, sondern als einzig der Konvention geschuldeter Wurmfortsatz. Rätselt man während des Films noch, ob die Identität des Killers und die Bedeutung jener Szene wirklich so offen liegen, wie es den Anschein hat, so wirkt die finale Bestätigung dieses Verdachts noch stärker als jeder noch so brillant herbeimanipulierte Twist.

Um Martuccis modus operandi zu beschreiben, gibt es im Englischen den Begriff “going through the motions”: Er besagt, dass eine Handlung nicht mehr einfach ausgeführt wird, sondern dass ihre Ausführung mehr oder weniger nachgeahmt wird, ohne jede emotionale Beteiligung und mit beinahe robotischer Steifheit. Martucci simuliert die Inszenierung eines tückischen Giallos, doch keine seiner Strategien verfängt, weil sie losgelöst von jeder Funktion für das große Ganze sind. Das größte Täuschungsmanöver des Films ist es, den Zuschauer glauben zu machen, er sehe einen Giallo. Und so zeichnet sich TRHAUMA durch eine ganz eigene, traumgleiche Qualität aus: Dinge ergeben keinen Sinn, ohne dass es jemandem auffällt, der dramaturgische Fluss wird immer wieder ohne erkennbare Grund unterbrochen, Szenenabfolgen erscheinen teilweise völlig willkürlich festgelegt worden zu sein, Spannung wird vorgegaukelt, wo gar keine ist. Dazu agieren die Schauspieler, als müssten sie in vollem Bewusstsein an einem jeder Logik spottenden Albtraum teilhaben, der noch dazu einem fremden Bewusstsein entspringt, und das Finale ist genauso radikal wie es unverschämt ist. Surrealismus ist niemals so hemdsärmelig gewesen wie hier. Doch wenn dieser Text jetzt den Eindruck erweckt haben sollte, TRHAUMA sei ein von allen guten Geistern verlorener Baddie, den ich mir zurechtintellektualisiert habe, so muss ich korrigieren: Martuccis hat seinen Film mit einigem visuellen Gespür inszeniert, weiß sein Setting – das heruntergekommene Landhaus, für das Designer den Begriff “shabby chic” erfunden haben, den umgebenden Wald – effektiv ins Bild zu setzen und so für jene Spannung zu sorgen, die der Film an anderer Stelle aufreizend vermissen lässt. Auch der Soundtrack, der vom funkigen Discobeat im Titelsong bis hin zu beunruhigend industriellem Dräuen eine breite Palette abdeckt, zeugt von Könnerschaft und zauberte mir die eine oder andere Gänsehaut in den Nacken. Und zumindest eine richtig verstörende Szene ist ihm ebenfalls gelungen, die in einem konventioneller gefertigten Film wahrscheinlich nur halb so bizarr gewirkt hätte. Ich fand TRHAUMA also richtig geil. Aber ich räume ein, dass das möglicherweise ein sehr individuelles Empfinden ist.

30
Okt
11

tucker and dale vs. evil (eli craig, usa 2010)

Tucker (Alan Tudyk) und Dale (Tyler Labine) sind zwei etwas einfach gestrickte, aber grundgute Hinterwäldler. Als sie zu einem Angeltrip aufbrechen, treffen sie auf ein paar ebenfalls urlaubende Städter, die offensichtlich zu viele Backwood-Horrorfilme gesehen haben und das etwas unbeholfene Verhalten der beiden Rednecks konsequent als Bedrohung missverstehen. Als Tucker und Dale die hübsche Allison (Katrina Bowden) nach einem Badeunfall mit zu sich nehmen, interpretieren ihre verängstigten Freunde das entsprechend als Entführung und leiten den Gegenangriff ein. Und Tucker und Dale haben nicht den Hauch einer Ahnung, was um sie herum überhaupt vor sich geht …

TUCKER AND DALE VS. EVIL belegt recht eindrucksvoll, dass eine gute Idee längst noch nicht hinreichend für einen guten Film ist. Die Prämisse ist wirklich sehr hübsch und böte eigentlich reichlich Gelegenheit, die Klischees des Backwood-Slashers auf den Kopf zu stellen, die Vorurteile, auf denen das Genre gründet, als solche bloßzustellen und nebenbei noch mit den Fallstricken missglückter Kommunikation und selektiver Wahrnehmung zu spielen. Was es dafür jedoch dringend gebraucht hätte, ist eine sorgfältig konstruierte Geschichte und ein schlagfertiges, cleveres Drehbuch; eines, das nicht nur beweist, dass seine Autoren sich im Genre auskennen, sondern das auch die Bereitschaft erkennen lässt, über den engen Rahmen des Genrekinos hinauszuschreiten. Was Eli Craig aus seiner potenten Prämisse macht, ist nicht weniger als enttäuschend: Die Missverständnisse, die den Plot überhaupt erst in Gang bringen, sind nur wenig kreativ, der Witz beschränkt sich letztlich auf müden Slapstick und ein paar hingeworfene One-Liner. Nie wird man als Zuschauer überrascht, stattdessen bleibt TUCKER AND DALE VS. EVIL immer schön an der sicheren Oberfläche und begnügt sich damit, Witze zu reißen, die jedem, der sich ein bisschen auskennt im Backwood-Horror, nach fünf Minuten entspannten Brainstormings selbst einfielen (und die dieser dann wahrscheinlich für nicht lustig genug befände).

Das ist nicht nur ärgerlich, weil eine tolle Idee für bloß biederen Durchschnitt verbrannt wurde, sondern auch, weil TUCKER AND DALE VS. EVIL aus der stinkenden Kloake des Funsplatters und der Horrorkomödie trotz seiner eklatanten Einfallslosigkeit immer noch positiv hervorsticht: Seine beiden Hauptfiguren sind immens sympathisch und selbst der eigentlich vorhersehbare und eigentlich nur abgespulte Showdown ist sehr viel überzeugender, als man das aus solchen Gebrauchsfilmen sonst gewohnt ist. Wie wenig Craig offensichtlich selbst gemerkt hat, was für ein Potenzial er da verschenkt hat, zeigt sich in der Auflösung seines Films, die dem eigentlichen Tenor des Films krass zuwiderläuft und dann doch wieder die Mordlust des Hinterwäldlers bestätigt, die man doch eigentlich zuvor als Vorurteil aufgedeckt hatte.

Wie gesagt: TUCKER AND DALE VS. EVIL ist kein Film, bei dem man sich als denkender Mensch unentwegt schämen muss, aber auch weit entfernt davon, als “gut” bezeichnet werden zu dürfen. Ich kann mich mal wieder nur wundern, wie dieser Film zu seiner unverhältnismäßig hohen IMDb-Wertung gekommen ist und was Filmseher weltweit an den doch reichlich müden Witzchen so irrsinnig komisch gefunden haben wollen. Da ich über jahrelange Fantasy-Filmfest-Erfahrung verfüge, kann ich mir die frenetischen Reaktionen der Horrornerds aber nur zu lebhaft vorstellen: Mit gleich drei Kettensägenszenen bedient Craig deren schlichte Erwartungen wie eine freigiebige Prostituierte.

05
Sep
11

hide and go shriek (skip schoolnik, usa 1988)

Acht Teenager – praktischerweise im Geschlechterverhältnis 1:1 aufgeteilt und bereits zu Pärchen zusammengeführt – lassen sich für die “Nacht ihres Lebens” in einem Möbelhaus einschließen. Weil sich das als genauso spannend entpuppt wie es sich anhört, beginnt das Jungvolk nach kurzer Zeit mit einem Versteckspiel, das letztlich jedoch bloß den willkommenen  Vorwand dafür liefert, sich ineinander zu verbeißen und zu verkeilen. Als zwei von ihnen erst als Leichen wiedergefunden werden, dämmert den Verbliebenen, dass sich ein Killer mit ihnen im Möbelhaus befindet. Ist es vielleicht der Ex-Knacki, der als Angestellter ein trauriges Dasein im Keller des Hauses fristet?

Hätte ich vor kurzem nicht diese tolle Aufarbeitung der FRIDAY THE 13TH-Reihe gelesen, die dem interpretatorisch festgelegten Franchise mit offenem, unverstelltem Blick begegnet und gute Gründe dafür liefert, die Gültigkeit der gängigen Lesart – ein puritanischer Killer “bestraft” sündige Teens – zu hinterfragen und einer Revision zu unterziehen, ich hätte über HIDE AND GO SHRIEK nicht viel mehr zu sagen gewusst, als dass es sich dabei um einen eher langweiligen, zudem billigen und unauffälligen Vertreter des Slashergenres handelt, das seinen Zenith zum Zeitpunkt seiner Entstehung schon längst überschritten hatte. Mit genannten Texten im Hinterkopf lassen sich die schmutzig-graue Tristesse von Schoolniks Film aber durchaus Gewinn bringend als treffende visuelle Umsetzung  und seine narrative Unterdurchschnittlichkeit weniger als Versagen denn als zwangsläufige Folge der im Slashergenre angelegten Ideen deuten. Mal ehrlich, was ist das für eine Jugend, die sich voller Euphorie und Begeisterung in eine Nacht im Möbelhaus stürzt, ja, diese Nacht gar als das Großereignis des bisherigen Lebens bezeichnet? Eine solche Jugend ist doch schon lange, bevor ihr der Maskenmann mit dem Katzendolch biologisch den Garaus macht, verloren.  Erstaunlich auch mit welcher Wahrnehmungsstörung alle gesegnet sind:  Mit großer Beharrlichkeit wird über die sündhaft teuren Designermöbel schwadroniert, vor deren angeblichem Wert die ahnungslosen Kids geradezu in Ehrfurcht erstarren. Für den Zuschauer entpuppen sich diese “Luxusmöbel” aber als nicht erst 25 Jahre später lediglich potthässlicher Tand von zweifelhafter Qualität für Menschen mit zu viel Geld und zu wenig Stil und das Luxusmöbelhaus, das sich hinter der glitzernden Schaufensterfassade verbirgt, ist passenderweise nicht mehr als eine hoffnungslos zugestellte Lagerhalle, deren fragwürdigen Einrichtungsideen – Schaufensterpuppen sollen die Modellzimmer “bewohnt” aussehen lassen – den Eindruck unterstreichen, dass sich die Konsumgesellschaft bereits im Stadium fortgeschrittener Leichenstarre befindet. Um die genannten Punkte zusammenzufassen: HIDE AND GO SHRIEK widmet sich einer fantasie- und hoffnungslosen Jugend, die Objekte fetischisiert, die nicht nur hässlich sind, sondern für sie auch noch unerreichbar. Mehr noch: Diese Objekte werden fetischisiert, weil sie unerreichbar sind. Die “Nacht ihres Lebens” ist somit ein Ringelpiez des Selbsthasses und der Orientierungslosigkeit, das im gewaltamen Tod sein folgerichtiges Ende findet.

Natürlich spielt auch Sexualität eine Rolle und hier wird es dann richtig interessant: Während sich die Teeniepaare in klassischen heterosexuellen-monogamen Beziehungen bewegen und ihre eigene Spießigkeit und Konventionalität mit Experimentierfreude verwechseln – ein Pärchen erwägt gar die Hochzeit, noch während sie postkoital seine mangelnde sexuelle Ausdauer kritisiert -, scheint der Killer deutlich weniger festgelegt und dadurch auch überlegen zu sein: Vor dem ersten Mord an einer Prostituierten legt er Make-up auf, seine Verbindung zum Plot ist eine amouröse Knast-Liaison mit dem im Möbelhaus arbeitenden Knacki (die Schlangentattoos auf dessen Hand- und Fußrücken sind ebenfalls sexuell konnotiert: Streckt sich hier einer seinen Schwanz etwa in beide Richtungen?) und am Ende tritt er im Sadomaso-Ledergeschirr auf. Hier unterscheidet sich HIDE AND GO SHRIEK dann auch von den sexuell meist eher verunsicherte oder verstörte Killer aufbietenden Slasherfilmen und legt ein Überdenken der Puritanismus-These im oben erwähnten Sinne sehr nahe. Wenn doch nur die Morde mit etwas mehr Verve inszeniert worden wären: Es gibt eine hübsche Enthauptung per Fahrstuhl und einmal wird der Arm einer Schaufensterpuppe als Stichwaffe benutzt. Vielleicht ist es sogar im Sinne des Films, dass auch das Sterben so furchtbar identitätslos vonstatten geht, aber das Auge würde sich trotzdem über den ein oder anderen hervorstechenden Moment freuen. Skip Schoolnik hat das wahrscheinlich genauso gesehen und sich deshalb auf die Inszenierung und Produktion kunterbunter Fernsehserien verlegt: Zu seinen Credits zählen sowohl ANGEL und X-FACTOR als auch SONS OF ANARCHY und THE WALKING DEAD. Kein schlechter Karrieresprung.

01
Jun
11

maniac cop (william lustig, usa 1988)

In New York werden unbescholtene Bürger ausgerechnet von jemandem umgebracht, der sie eigentlich beschützen sollte: einem Polizisten. Der ermittelnde Frank McCrae (Tom Atkins) hat den Verdacht, dass der Mörder sich nicht bloß als Cop verkleidet hat, sondern tatsächlich aus den Reihen des NYPD kommt. Der Verdacht fällt zunächst auf Jack Forrest (Bruce Campbell), dessen Gattin ermordet wurde, nachdem sie ihren Mann im Bett einer anderen Frau erwischt hat. Doch auch nach Jacks Inhaftierung reißt die Mordserie nicht ab. Die Spur führt zu dem wegen seiner Methoden verurteilten Ex-Cop Matt Cordell (Robert Z’Dar), doch der sollte eigentlich längst tot sein …

MANIAC COP hat es zwar auf immerhin zwei Sequels gebracht, deren Existenz ja schon als Indikator dafür fungiert, dass Regisseur Lustig und Drehbuchautor Cohen einen Nerv beim Horror-Publikum getroffen hatten. Der Maniac Cop Matt Cordell hat seinen Platz im Pantheon der in den Achtzigerjahren so populären Slasherfiguren sicher, auch wenn er sich dort mit einem der billigeren Plätze zufrieden geben muss. Ich fand ja schon immer, dass der Film sein Potenzial nicht ganz ausschöpfen, die Erwartungen, die an eine Zusammenarbeit von Lustig und Cohen zwangsläufig geknüpft werden müssen, nicht ganz erfüllen kann und diese Meinung hat sich auch bei dieser ersten Sichtung seit einigen Jahren wieder bestätigt: Aber irgendwie macht ihn auch gerade das für mich so liebenswert und hebt ihn von den zahlreichen anderen seriellen Filmkillern, die die Willkommensfreude im Laufe ihrer zahlreichen Wiederauferstehungen gnadenlos überstrapazierten, positiv ab.

Cohens finstere Story um einen No-Nonsense-Cop, der für sein hartes Durchgreifen bestraft wird und es im Gefängnis schließlich mit genau jenen Subjekten zu tun bekommt, die er zuvor mit der Macht des Gesetzes ausgestattet drangsaliert hatte, daraufhin für tot erklärt wird, nur um dies dann für einen persönlichen Rachefeldzug gegen die Polizei zu nutzen, ist ohne Zweifel von der aufgeheizten Stimmung im New York der Prä-Giuliani-Ära mit ihrem Zero-Tolerance-Großreinemachen geprägt (und darüber hinaus eine schlagfertige Überspitzung der Tough-Cop-Filme der Siebzigerjahre). Cohen – einer der essenziellen New-York-Filmemacher – verfügt über ein ausgezeichnetes Gespür dafür, soziale Missstände und die aus diesen resultierenden Ängste der Stadtmenschen zum Ausgangspunkt für seine potenten, doppelbödigen und intelligenten, niemals aber verkopften Genrefilme zu machen, und auch MANIAC COP ist da keine Ausnahme: Was wäre, wenn sich in einer Stadt, in der die Straßen nach Einbruch der Dunkelheit kaum noch gefahrlos zu betreten sind, ausgerechnet ein Polizist als größte Bedrohung entpuppte? Lustig setzt diese Angst in der ersten Hälfte des Films, die eben fast ausschließlich nachts spielt, sehr effektiv ins Bild, verzeichnet die Straßen Manhattans ganz im Sinne des düsteren Crime- und Selbstjustiz-Thrillers  seines Jahrzehnts zum Kriegsschauplatz (hier müssen Lustigs VIGILANTE und MANIAC unbedingt genannt werden). Man merkt dem Film in jenen Szenen an, dass seine Urheber mit Leib und Seele New Yorker  sind: Der Film erreicht eine Intimität und Authentizität, die durchaus bemerkenswert und keineswegs selbstverständlich ist. Selbst eigentlich unspektakuläre Füllszenen – ein Dialog zwischen McCrae und seinem Kollegen Ripley (William Smith) in einer schummrigen Bar – geraten so unverhofft zum Kern eines Horrorfilms, der mit dieser Etikettierung reichlich unterbewertet ist.

Es ist dann auch die überwiegend mit Plotabwicklung beschäftigte zweite Hälfte des Films, die ihm eines Teils seiner Wirkung wieder beraubt. Wenn der Täter enttarnt ist, mit McCrae plötzlich gar der bisherige Protagonist abtreten muss und Lustig ganz zur Hatz auf das Monster übergeht, die vorher gesichtslose Bedrohung mithin konkretisiert, gliedert sich der Film ins generische Maniac-on-the-loose-Subgenre ein, das eher mit Vordergründigkeiten beschäftigt ist. Vor allem zeigt sich aber in dieser zweiten Hälfte, warum Bruce Campbell nie den Sprung nach ganz oben geschafft hat und seine Brötchen wohl bis ans Ende aller Tage mit langweiliger Selbst- bzw. Ash-Kopie oder selbstreflexiver Fanboy-Fütterung wie MY NAME IS BRUCE fristen wird: Als straighter Held, der keine Gelegenheit zu Slapstick-Verrenkungen erhält, bleibt er vor allem im Vergleich mit Atkins fürchterlich blass. Die in der zweiten Hälfte von MANIAC COP vollzogene enttäuschende Entwicklung lässt sich also ganz explizit an ihm festmachen. Dennoch: Die genannten Stärken von Lustigs Film reichen aus, ihm einen Platz in meinem Herzen einzuräumen. Und ein Film, der sein Versprechen nicht ganz einlösen kann, ist mir immer noch lieber als einer, der erst gar keins macht, das er brechen könnte. Ach ja: Teil 2 und 3 sind bestellt, ick freu mir!

30
Apr
11

april fool’s day (fred walton, usa 1986)

Muffy (Deborah Foreman) lädt ihre College-Freunde für ein Wochenende zum 1. April in ihr abgeschieden auf einer Insel liegendes Haus ein. Schon beim Anlegen mit der Fähre kommt es infolge eines dummen Streichs zu einem Unfall, bei dem einer der Fährmänner schlimm verletzt wird. Wenig später ist der erste aus der Clique tot und die Freunde vermuten, dass das die Rache des Verwundeten ist. Doch auch mit Muffy scheint etwas nicht zu stimmen …

Ähnlich wie beim zuletzt von mir gesehen Slasherfilm HAPPY BIRTHDAY TO ME kann sich auch hier der Regisseur nicht ganz dazu entschließen, sich den engen Regeln des Subgenres komplett zu unterwerfen. Fred Walton – der zuvor den motivisch prägenden, wenn auch nicht hundertprozentig zufrieden stellenden WHEN A STRANGER CALLS gedreht hatte, nach APRIL FOOL’S DAY dann aber nur noch fürs Fernsehen tätig war – ist zwar wesentlich näher dran als J. Lee Thompson mit seiner Murder Mystery, doch stellt er dafür mit seiner (buchstäblichen) Auflösung die Zugehörigkeit zum Horrorfilm überhaupt infrage. Ein netter, insgesamt eher braver, aber dafür gediegen inszenierter Slasherepigone entpuppt sich plötzlich als etwas völlig anderes: Das ist aus strukturalistischer Perspektive schon ziemlich interessant. Waltons Film erzählt nicht nur von einer Täuschung – einer Inszenierung, die die Protagonisten für bare Münze nehmen –, er ist auch selbst eine: Walton erzählt eine andere Geschichte als die, die seine Zuschauer glauben, erzählt zu bekommen. Wenn Walton am Ende den Kontext erweitert, dem Zuschauer gemeinsam mit den Protagonisten Erkenntnis gewährt, dann verändern sich auch die Vorzeichen für das zuvor Gesehene und Geglaubte. Im Grunde genommen ist APRIL FOOL’S DAY mit seinem Ende ein früher Vertreter des Mindfuck-Films, der in den vergangenen 15 Jahren zu einem eigenen kleinen Subsubgenre geworden ist.

Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Aus dramaturgischer Sicht ist dieser Finaltwist nämlich ein totaler Reinfall. Zum einen ist er einfach zu flach und billig, zumal er schon im Titel überdeutlich angekündigt wird; eine Ankündigung übrigens, die aus dem Film heraus überhaupt nicht motiviert und wohl vor allem darauf zurückzuführen ist, dass man die Tradition, Slasherfilme nach bestimmten Tagen zu benennen, aus kommerziellen Erwägungen fortsetzen wollte. So fühlt man sich als Zuschauer weniger von einem gewieften Geschichtenerzähler aufs Glatteis geführt, als schlicht und ergreifend verarscht. Ansehen kann man sich APRIL FOOL’S DAY aber trotzdem und für Slasher-Enthusiasten mit Denkonstruktivismus-Vorlieben ist er eh unerlässlich. Nicht zuletzt für die süße Deborah Foreman, die hier eine hübsch latent manische Muffy gibt und glatt als Norman Bates’ kleine Schwester durchginge.

29
Apr
11

happy birthday to me (j. lee thompson, kanada 1981)

Virginia (Melissa Sue Anderson) gehört an ihrer vornehmen Privatschule zu einer elitären Clique, die sich Abend für Abend im Pub “Silent Lady” trifft und sich dort neue Streiche ausdenkt, die die Schulleitung zur Weißglut treiben. Kurz vor Virginias 18. Geburtstag beginnt jedoch das große Sterben in der Cique. Ein Freund nach dem anderen verschwindet spurlos und Virginia, die infolge einer Hirnoperation immer noch an Amnesie leidet, befürchtet selbst für die Morde verantwortlich zu sein …

HAPPY BIRTHDAY TO ME stammt aus der Blütezeit des Slasherkinos und verfügt deshalb auch über sehr ordentliche Production Values, die ihn von vielen anderen Billigheimern des Genres abheben. Aber auch sonst stellt der Film eine Ausnahme von der Regel dar, weil Routinier Thompson am monotonen Stalk’n'Slash nur mäßig interessiert ist, HAPPY BIRTHDAY TO ME stattdessen als klassischen Whodunit inszeniert, bei dem lediglich die extravaganten Morde etwas aus dem Rahmen fallen und die Brücke zum modernen Horrorfilm schlagen. Hier fangen dann aber auch die Probleme an, denn die Story ist arg konfus und ergibt meines Erachtens überhaupt keinen Sinn, scheint vielmehr einzig daraufhin konstruiert zu sein, vom Zuschauer nicht durchschaut werden zu können. So gestaltet sich der Handlungsverlauf des 110-Minüters dann auch als munteres Verdächtigeraten: Jedes einzelne der Cliquenmitglieder bekommt seinen zwielichtigen Moment, darf kurz mal als potenzieller Mörder in Frage kommen, bevor es dann selbst entsorgt wird. In der Wahl seiner Mittel ist der Film dabei nicht zimperlich: So findet Virginia beim nerdigen Alfred etwa den abgetrennten Kopf der verschwundenen Bernadette, doch der entpuppt sich dann als realistische Skulptur, die Alfred geschmackloserweise angefertigt hat, um mit dem Tod der Freundin fertig zu werden.

Man ahnt anhand eines solch wüsten Einfalls schon, dass HAPPY BIRTHDAY TO ME sich letztlich vor allem in vordergründigen Details, wie der mondänen Kulisse, dem gemäßigten Tempo und dem ruhigeren Tonfall, von den krachigeren Schoten des Genres unterscheidet, in der Konfusion des Plots und der Charakterisierung seiner Protagonisten aber durchaus das ein oder andere bekannte Fettnäpfchen mitnimmt: Weder nimmt die “Elite”-Clique jemals als Gemeinschaft Gestalt an, noch spürt man als Zuschauer eine besondere Verbundenheit mit diesen Typen, die sich schon in der ersten Szene benehmen wie die kompletten Vollidioten, ein Rennen über eine sich öffnende Zugbrücke starten, sich dabei fast umbringen, aber trotzdem kein Verständnis dafür aufbringen, dass das irgendjemand nicht lustig findet. Wieder mal so ein Slasher also, bei dem es immer genau den Richtigen erwischt. Dieser sieht aber eine Ecke besser aus als die anderen Genrevertreter.

03
Feb
11

black christmas (bob clark, kanada 1974)

Die Studentinnen des Pi-Kappa-Sig-Wohnheims in Bedford werden von einem obszönen Anrufer belästigt. Als eines der Mädchen spurlos verschwindet, die Leiche eines Kindes gefunden wird und die Häufigkeit der Anrufe zunimmt, schaltet Jess (Olivia Hussey) die Polizei ein. Der Verdacht fällt auf Jess’ Freund Peter (Keir Dullea) …

Die Effektivität und Qualität manches Horrorfilms erkennt man erst, wenn das Licht ausgeschaltet ist und man sich dabei ertappt, wie man ängstlich ins Dunkel lauscht. So erging es mir gestern beim vielen als Protoslasher geltenden BLACK CHRISTMAS, der während der Laufzeit seine Wirkung bei mir nicht so recht entfalten wollte. In Erzähltempo und Atmosphäre in der Tradition alter Murder Mysteries stehend, lebt Clarks kleiner Klassiker vor allem von seinem langsamen, ja geradezu kriechenden Aufbau der Spannung, die sich erst ganz zum Schluss entladen darf. Und auch wenn einige Zutaten die Verbindung zum dem Slasherfilm durchaus nahelegen – ein gnadenloser Killer, attraktive weibliche Opfer, wechselnde Mordwaffen und ein Final Girl, das zum Duell gegen den Mörder antreten muss – so sucht man die gesalzenen Schocks und heftigen Goreschübe dieses Subgenres, das erst vier Jahre später mit HALLOWEEN zu voller Blüte reifen sollte, vergebens. Weil BLACK CHRISTMAS für mich, als einen im Horrorgenre doch recht erfahrenen Zuschauer, nicht mehr allzu viele inhaltliche Überraschungen bereithielt – was wohl auch darauf zurückzuführen ist, dass ich Fred Waltons WHEN A STRANGER CALLS, der Clarks spektakuläre Schlussenthüllung ziemlich dreist geklaut hat, vor diesem Film gesehen habe (und außerdem das vor ein paar Jahren entstandene Remake, das ich im Gegensatz zu vielen anderen sehr blöd fand) – sind mir die 95 Minuten doch ein bisschen lang geworden. Das möchte ich aber nicht unbedingt dem Film anlasten: Der ist toll fotografiert, hat einen fies dissonanten Pianoscore, der einem die Nackenhaare ordentlich gegen den Kamm bürstet, vermeidet die Blödheiten, die später zum guten Ton des Slasherfilms gehören würden, und zieht – wie schon erwähnt – zum Ende gnadenlos an. Vielleicht ist es sogar ein ausgesprochen cleverer Schachzug, dass Clark seinen Film in seinem eher einlullenden Tempo erzählt, weil man, wenn es dann ganz plötzlich ganz schön gemein wird, auf dem total falschen Fuß erwischt wird. Das Finale – eigentlich sind es sogar nur zwei Einstellungen: eine sehr unheimliche Kamerafahrt und ein langsames Aufziehen des Bildes – hat sich mir jedenfalls fest eingebrannt und entließ mich mit sehr ungutem Gefühl in meine dunkle Wohnung. Dass meine Frau, sonst eher zurückhaltend mit allzu überschwänglichem Lob, ihrer Begeisterung ausnahmsweise mal ungebremsten Lauf ließ, macht mir für eine zweite Sichtung Mut. Falls es also nicht ganz deutlich wurde, sei es nochmal in aller Deutlichkeit gesagt: Ein feiner Film!

19
Nov
10

keep my grave open (s. f. brownrigg, usa 1976)

Auf dem Grundstück des einsam gelegenen Farmhauses von Lesley Fontaine (Camilla Carr) werden diverse Menschen von einem Unbekannten mit einem Säbel ermordet. Handelt es sich beim Killer um Kevin, Lesleys Bruder, der mit ihr zusammenlebt, sein Zimmer jedoch nie verlässt?

Wer KEEP MY GRAVE OPEN – der letzte Film, den Brownrigg in den Siebzigern inszenierte - kennt, wird wissen, dass meine Inhaltsangabe mehr oder minder irreführend ist: Auch wenn das Rätsel um die Identität des Killers erst im letzten Drittel des Films explizit aufgelöst wird, ist doch eigentlich schon von Beginn an klar, wer da mit dem Säbel ums Haus schleicht und sich hinter der stets verschlossenen Tür von Kevins Zimmer versteckt. Was sich den Anschein eines Slasherfilms mit Whodunit-Elementen gibt, ist in Wahrheit ein tragisch angehauchter Psychothriller um einen derangierten Geist, der - wie schon der direkte Vorgänger DON’T OPEN THE DOOR – die geistige Nähe zu Hitchcocks PSYCHO kaum verleugnen kann. (Wer glaubt, dass sei ein Spoiler, schaue sich den Film an und entschuldige sich danach bei mir.) Hatte ich bei DON’T OPEN THE DOOR noch gemutmaßt, dass seine Eigenheiten auf erzählerische Fehlentscheidungen zurückgingen, so legt die Tatsache, dass auch KEEP MY GRAVE OPEN einen ganz anderen Weg einschlägt, als er es zunächst vorgibt zu tun, den Schluss nahe, dass dies mitnichten auf Unvermögen zurückzführen, sondern vielmehr Brownriggs Methode ist. Wer bereits über Erfahrungen auf dem Gebiet des Siebzigerjahre-Horrorschlocks verfügt, der wird sofort bemerken, dass Brownrigg sein Handwerk versteht. Natürlich sieht man seinen Filmen an, dass sie unter nahezu amateurhaften Bedingungen entstanden sind – billige Settings, mittelprächtige Darsteller, technische Mängel, vor allem beim Ton -, dennoch gelingt es Brownrigg, die bekannten (und auch liebgewonnenen) Stolperfallen des Low-Budget-Horrors jener Tage zu meiden. Unfreiwilligen Humor etwa sucht man in seinen Filmen (fast) vergeblich. Gleiches gilt für allzu selbstzweckhafte Nacktheit oder Gewalt, die doch die schlagkräftigsten Waffen des Exploitationkinos sind: Brownrigg geht es nie darum, ausschließlich die niedersten Instinkte seines Publikums zu bedienen. Man sieht seinen Filmen jederzeit an, dass ihr Schöpfer voll und ganz hinter ihnen steht, dass ihm etwas an den Geschichten liegt, die er erzählt, und dass er sich dabei nicht an einem wie auch immer gearteten Massengeschmack orientiert, sondern seinen eigenen Stil entwickelt. Ich bin fast geneigt, hier mit dem Auteur-Begriff um mich zu schmeißen, weil DON’T LOOK IN THE BASEMENT, DON’T OPEN THE DOOR und KEEP MY GRAVE OPEN (seinen SCUM OF THE EARTH kenne ich leider noch nicht, die über zehn Jahre nach KEEP entstandene Komödie THINKIN’ BIG lasse ich außen vor) ein sehr homogenes Oeuvre bilden und darüber hinaus absolut eigenständig sind. Schon DON’T OPEN THE DOOR war sehr figurenzentriert, KEEP MY GRAVE OPEN streift sogar die Gefilde des Psychogramms und erschüttert weniger aufgrund vordergründiger Schocks, sondern weil er die seelischen Abgründe seiner Hauptfigur ganz nüchtern auslotet und gerade so Mitgefühl erzeugt. Die vom Minibudget sicherlich begünstigte trist-düstere Optik des Films vervollkommnet dieses Bild ebenso wie die weiter oben von mir beschriebene Verweigerung billigen Nervenkitzels. Gerade weil von Beginn an alles auf der Hand liegt, erhält KEEP eine fast schon fatalistische Ausrichtung: Der Zuschauer wohnt dem unvermeidlichen Gang der Dinge bei, dem unausweichlichen Vollzug eines vorgezeichneten Schicksals. Noch nicht einmal die Schlusspointe des Films – vielleicht das einzige Zugeständnis Brownriggs ans Publikum - kann dies noch negieren, fügt der Tragik stattdessen noch eine weitere Ebene hinzu. 

Das Vergnügen wurde etwas durch die mir vorliegende DVD getrübt. Die amerikanische Firma Alpha Entertainment hat sich darauf spezialisiert, Public-Domain-Filme zu Dumpingpreisen und ohne große editorische Sorgfalt auf DVD zu veröffentlichen. So kommt man zwar in den preiswerten Genuss obskurer Trash- und Exploitationfilme, muss aber oftmals eine eigentlich indiskutable Qualität hinnehmen. KEEP MY GRAVE OPEN (der bei Alpha als Double Feature mit Eddie Romeros BEAST OF THE YELLOW NIGHT erschienen ist) wird so nicht nur von Verschmutzungen und Filmrissen sabotiert, sondern ist auch mit einer reichlich verrauschten Tonspur geschlagen, die Dialogdetails gandenlos schluckt. Was Lesley ihrem freundlichen Stallburschen Robert verweigert, habe ich einfach nicht verstanden. Aber immerhin habe ich erkannt, dass es sich bei diesem um den gerade mal 25-jährigen Stephen Tobolowsky handelt, dessen Name zwar den wenigsten geläufig sein dürfte, dessen Gesicht aber garantiert jeder, der in den letzten 20 Jahren Filme gesehen hat, kennt. Er ist einer der meistbeschäftigten und beliebtesten Nebendarsteller Hollywoods und feierte hier an unerwarteter Stelle sein Debüt.

05
Okt
10

halloween ll (rob zombie, usa 2009)

Zwei Jahre nach den Ereignissen aus HALLOWEEN lebt die traumatisierte Laurie Strode (Scout Taylor-Compton) bei Sheriff Brackett (Brad Dourif) und seiner Tochter Annie (Danielle Harris), die den Amoklauf von Michael Myers ebenfalls knapp überlebte. Eine Therapie zeigt keine nennenswerten Erfolge, während Dr. Loomis (Malcolm McDowell) sich mit seinen reißerischen Büchern zum Thema eine goldene Nase verdient. Was beide nicht ahnen: Michael Myers (Tyler Mane) lebt immer noch und begibt sich – getrieben von Visionen seiner Mutter (Sherri Moon Zombie) – auf den Weg nach Haddonfield, um seine Familie wieder zu vereinen. Laurie ist nämlich niemand Geringeres als seine Schwester …

Meine persönliche Geschichte mit Zombies Filmen ist von akuten Stimmungsschwankungen geprägt: THE DEVIL’S REJECTS fand ich bei Erstsichtung zum Kotzen; eine Einschätzung, die sich bei Zweitsichtung um 180 Grad drehte. Der weit gehend mit Verrissen bedachte HALLOWEEN gefiel mir ausgezeichnet, eine weitere Sichtung relativierte die Begeisterung wieder etwas. Lediglich sein Debüt HOUSE OF 1000 CORPSES gefällt mir heute noch genauso gut wie beim ersten Mal. Und HALLOWEEN II? Ganz sicher hat Zombie die Schwierigkeiten, sich in einen fremden Stoff, zudem noch einen absoluten Klassiker, einzufinden, die im Vorgänger noch unübersehbar waren, überwunden und der Geschichte um Michael Myers endgültig seinen eigenen Stempel aufgedrückt. Das Original-Sequel wird nur kurz angerissen und auf eine zehnminütige Horrorsequenz eingedampft, bevor der Film über den Großteil der Spielzeit Neuland betritt, sich zwar der in der Serie etablierten Verwandtschaft von Michael und Laurie bedient, aber dies in eine Richtung entwickelt, die mit Zombies HALLOWEEN und dem dort begonnen Projekt der konsequenten Psychologisierung der Geschichte in Einklang steht. Michael wird von Visionen getrieben und auch Laurie kann ihre wahre Herkunft nicht länger verbergen. HALLOWEEN II entwickelt sich so auf die finale Enthüllung von Dwight Littles viertem Teil hin, lädt diese aber mit Bedeutung auf, anstatt sie als schnöden Schlussgag zu verheizen. Gegenüber der Originalreihe mit ihren Reißbrettfiguren und mechanisch den Slasherfilm-Gesetzen folgenden Szenenabläufen gewinnt Zombie der Geschichte um das mordende Phantom eine menschliche Seite ab: Gewalt ist nicht bloß Thrill, Schrecken kein Spaß, der Tod real. Und Myers ist kein entpersonalisierter Dämon, sondern ein jeder Humanität beraubtes Tier, das den Unterschied zwischen Gut und Böse nie verstanden hat, letztlich blind seinen Emotionen und Impulsen folgt. Dass Zombie Mitleid für ihn aufbringt, wäre wohl zu viel gesagt, nicht jedoch, dass der gewissenlos auf seinen Gewinn schielende Loomis der eigentliche Schurke des Films ist und – dank der famosen Leistung von McDowell – für die dringend nötige Auflockerung in Zombies misanthropischer Gewaltorgie sorgt.

Hier komme ich nun nämlich zu den Problemen, die ich mit HALLOWEEN II hatte. Schon die ersten Sekunden, wenn per Schrifteinblendung erklärt wird, was es laut psychoanalytischer Traumdeutung mit dem Motiv des weißen Pferdes auf sich hat, nur um in der unmittelbar folgenden Einstellung zu zeigen, wie der junge in der Anstalt einsitzende Michael Myers ein weißes Spielzeugpferd von seiner Mutter geschenkt bekommt, machen deutlich, woran es Zombie vermissen lässt. Er ist einfach nicht in der Lage, Zurückhaltung zu üben, will in jeder Sekunde alles und kennt daher nur Vollgas und Lautstärke 10. Diese Strategie war bei einem Film wie HOUSE OF 1000 CORPSES, der in seinem Schlussakt vollkommen ins Surreale abdriftet und auch sonst Züge einer überdrehten Komödie trägt, sehr angemessen, führt bei HALLOWEEN II, im Kern einem Film über Menschen und ihre seelischen Abgründe, aber dazu, dass einem nach kurzer Zeit nur noch zwei Möglichkeiten bleiben, ihm zu begegnen: das Geschehen nicht mehr ernst zu nehmen oder sich abzuwenden. Ich bin kein Kind von Traurigkeit, zähle etwa CANNIBAL HOLOCAUST zu meinen Lieblingsfilmen und habe nichts gegen Gewaltdarstellungen auf der Leinwand. Aber ich bin der Ansicht, dass ein Filmemacher lediglich so viel zeigen sollte, wie es für seinen Film nötig ist. Wenn Zombie zeigt, wie Myers x-Mal mit voller Wucht auf eine bereits Tote einsticht, den Kopf einer Prostituierten mehrfach gut sichtbar gegen einen Spiegel rammt, dann ist dieses Maß für mich eindeutig überschritten. Der Zuschauer weiß längst, wie unmenschlich Michael handelt, wie tödlich eine Begegnung mit ihm ist, wie grausam der Tod, den man in seinen Händen findet. Ja, Gewalt soll wehtun und ich verstehe, dass Zombie genau dieses Unwohlsein evozieren wollte, das ich in einigen Szenen empfunden habe, ihm eben keinen Thrill bescheren wollte. Aber hätte er das nicht auch mit etwas weniger erreichen können? Gleiches gilt für die Dialoge, die bei Zombie schon immer extrem offensiv – um nicht zu sagen: plump – waren. Nach dem gefühlten hundertsten geschrieenen “Fuck!” etc. hat mich dieser Vulgarismus aber einfach nur noch genervt. Zombie peilt ein Kino der Körperlichkeit an, eines in dem Bedeutung nicht mehr unter der Oberfläche versteckt ist, auf dass sie mittels präziser Analyse zutage gefördert wird, sondern alles offen und auf fleischlicher Ebene verhandelt wird. Menschen sterben schreiend und aus allen Löchern blutet, wenn sie von der Urgewalt Michael Myers nicht gleich völlig pulverisiert werden. Und die Kamera hält voll drauf, hoffend, dass jede Aufnahme durch die Mittel der Postproduction in ihrem Effekt noch potenziert wird. HALLOWEEN II ist ein irrsinnig intensiver Film, das kann ihm niemand absprechen, und insofern ist er bemerkenswert und im Rahmen des Horrorfilms auch einzigartig. Nur finde ich, dass das keine allzu große Leistung ist, weil Zombie zur Affizierung seiner Zuschauer den leichtesten Weg gewählt hat. Wenn er häufiger mal einen Gang zurückzuschalten würde, er sich trauen würde, ein Bild oder eine Stimmung auch mal zu halten, anstatt sie gleich wieder zu zerstören, gefielen mir seine Filme deutlich besser. Um einen martialischen Vergleich zu verwenden: Wäre Zombie ein Soldat, dann wäre er der Typ, der schreiend ein ganzes Magazin aus seiner vollautomatischen Waffe in die Feindesschar ballert. Das erfüllt seinen Zweck, aber ich bewundere dann doch eher die Ökonomie des Scharfschützen. 

Aber wer weiß, vielleicht habe ich beim nächsten Mal auch wieder eine ganz andere Meinung.




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