Dass für den Freund bunten Firlefanzes dieses Jahr kein Weg an MARVEL’S THE AVENGERS vorbeiführt, zeigt sich schon daran, dass selbst ich den Weg ins Kino gefunden habe, um ihn mir mit 3D-Brille bewaffnet anzusehen und mich selbst davon zu überzeugen, dass es sich hierbei um den CITIZEN KANE des Superheldenfilms handelt. Zwar bin ich ganz froh, dass ich mein anlässlich des grauenvollen X-MEN ORIGINS: WOLVERINE geäußertes Versprechen, Marvel-Filme zukünftig zu meiden, gebrochen habe, dennoch hapert es auch bei diesem jüngsten Werk ganz erheblich an allem, was über Krawall und Action hinausgeht. Was das heißt, könnt ihr in meiner Rezension nachlesen, die ich für Hard Sensations verfasst habe. Klick!
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Der soziale Outcast Andrew Detmer (Dane DeHaan), Sohn einer todkranken Mutter und eines arbeitslosen, alkoholabhängigen und prügelnden Vaters, steigt gemeinsam mit seinem Cousin Matt (Alex Russell) und dem Schulliebling Steve (Michael B. Jordan) und bewaffnet mit einer Kamera in ein geheimnisvolles Loch im Wald. Nachdem die drei daraus ohne Erinnerung daran, was passiert ist, wieder daraus hervorklettern, bemerken sie bald, dass sie telekinetische Kräfte gewonnen haben – und sogar fliegen können. Ihre stetig wachsenden Fähigkeiten verlangen nach einem regulatorischen Rahmen, damit kein Unglück passiert. Doch Andrew, dem die plötzlich gewonnene Macht zu Kopf steigt und der seiner privaten Situation nicht mehr gewachsen ist, hält sich bald nicht mehr an diese Regeln …
CHRONICLE, das neueste Found-Footage-Wunderwerk nach den Riesenerfolgen CLOVERFIELD und PARANORMAL ACTIVITY, entledigt das sonst für gewöhnlich hochglanzpolierte Superheldenmotiv seines Glanzes und holt es in die Niederungen der Realität. Was würden drei Teneager tun, wenn sie plötzlich Superkräfte besäßen? Das erste Drittel des Films, in dem die unterschiedlichen Jungs ihre Fähigkeiten entdecken und austesten und über ihre ungewöhnlichen Gemeinsamkeiten zu Freunden und Verbündeten werden, ist mitreißend: Die Authentifizierung des fantastischen Stoffs gelingt durch die teilweise spektakuläre Kameraführung (Andrew kontrolliert sie mit seinen Kräften) und die hilft auch dabei, den Rush, den die Jungs durch ihre Fähigkeiten erfahren, auf den Zuschauer übertragen. Die Flugsequenz, als die Protagonisten sich zum ersten Mal über die Wolken begeben, um dort gemeinsam Football zu spielen ist wahrscheinlich das Herzstück des Films und man fragt sich, warum sich die ganzen populären Superhelden überhaupt mit der doch recht lästigen Bekämpfung von Superschurken herumschlagen, anstatt sich ihrer Fähigkeiten zu erfreuen. Natürlich muss irgendwann der Umschwung kommen, müssen der Machtmissbrauch thematisiert und die These, dass mit großen Fähigkeiten auch große Verantwortung einhergeht, bestätigt werden und genau hier gerät der Film dann etwas ins Stolpern. Die Motivation Andrews – kaputtes Elternhaus – kommt geradewegs aus dem Buch der großen Drehbuchklischees und während CHRONICLE sich viel Mühe gibt, ihn nicht als Schuft, sondern als Opfer der Umstände zu zeichnen, muss sein Vater, der immerhin auch eine ganze Reihe schwerer Schicksalsschläge zu verarbeiten hat, als Sündenbock herhalten, dem nur wenig Empathie entgegengebracht wird. Dieser Mangel kann zum einen mit der kurzen Laufzeit von gerade einmal 85 Minuten erklärt werden: Vieles wirkt überhastet, unterentwickelt und provisorisch. Der Umschwung vom Friede, Freude, Eierkuchen hin zum Drama vollzieht sich zu schnell, die Entwicklung der Figuren zu Charakteren wird abrupt abgebrochen und dem Kintopp geopfert. Das tragische Ende hinterlässt so leider keine echte emotionale Wirkung. Auch die narrative Einbettung der Kameraperspektive wirkt etwas leichtfertig. Nicht nur, dass nur wenig Gedanken darauf verwendet wurden, die Motivation hinter Andrews Kameradokumentation zu begründen: Um narrativ nicht ausschließlich an ihn gebunden zu sein, baut das Drehbuch eine weitere Figur mit Kamera ein, bei deren Auftreten man regelmäßig das Krachen im Getriebe vernehmen kann. Dass eine Person immer dann, wenn etwas Interessantes passiert, eine Kamera laufen lässt, ist die conditio sine qua non des Found-Footage-Films, die Prämisse, die man akzeptieren, die Supension of Disbelief, die man leisten muss. Wenn es derer gleich zwei gibt, wird die Glaubwürdigkeit arg überstrapaziert – zumal die besagte Figur den Film inhaltlich kein Stück weiter bringt.
CHRONICLE wird sicherlich den Karriereweg Weg Josh Tranks und der drei Hauptdarsteller ebnen – verdientermaßen: Der Film hat eine tolle Idee, die visuell eindrucksvoll umgesetzt wurde, spektakuläre Effekte und drei ausgezeichnete Hauptdarsteller, die das Optimum aus ihren Reißbrettfiguren herausholen. Aber der Film ist eher ein Versprechen, als dass er selbst schon eine Großtat wäre. Der Reiz der (mittlerweile auch nicht mehr so) neuen Perspektive auf ein bereits etabliertes Motiv verpufft leider, bevor der Film zu Ende ist, nämlich just in dem Moment, als er sich dazu entscheidet, der Schablone zu folgen, anstatt konsequent den eigenen Weg zu gehen.
Der Superheld Captain Invincible (Alan Arkin) bekämpfte in den Dreißigerjahren das organisierte Verbrechen und im Zweiten Weltkrieg die Nazis, bevor er der Kommunistenhetze der Fünfzigerjahre zum Opfer und in der Folge dem Alkohol anheim fiel. Heruntergekommen und volltrunken fristet er sein Dasein in Sidney, ohne dass sich jemand an ihn erinnern oder ihn erkennen würde. Als sein alter Erzfeind Mr. Midnight (Christopher Lee) den “Hypno Ray” entwendet, eine Waffe, mit der man jeden Menschen zum willenlosen Befehlsempfänger degradieren kann, erinnert sich der Präsident der Vereinigten Staaten an sein einstiges Kindheitsidol und holt ihn mit Unterstützung der australischen Polizistin Patty (Kate Fitzpatrick) zurück aus der Versenkung …
Auf Philippe Mora (u. a. HOWLING II: YOUR SISTER IS A WEREWOLF, HOWLING III: THE MARSUPIALS, COMMUNION, MAD DOG MORGAN, THE BEAST WITHIN) ist Verlass: Dass ein Genrestoff von ihm einfach mal so runtergekurbelt würde, kommt eher nicht vor. Und so ist THE RETURN OF CAPTAIN INVINCIBLE, aus dem ein Mainstreamregisseur wahrscheinlich ein straightes Actionabenteuer mit leisen melancholischen Untertönen gemacht hätte, ein absurdes Comicmusical geworden, das seinen übergeordneten Handlungsbogen etwa zur Hälfte völlig zugunsten einzelner mehr oder weniger überdrehter Episoden vernachlässigt. Das gereicht ihm nicht immer zum Vorteil und manchesmal drohen die entfachten Fliehkräfte den Film fast zu zerreißen, aber dann gibt es wieder einen schlicht wunderbaren Einfall, der alles bis zum nächsten Ausbruch in geordnete Bahnen zurückführt.
THE RETURN OF CAPTAIN INVINCIBLE beginnt schon wunderbar mit liebevoll nachgestellten Wochenschau-Ausschnitten, die die oben erwähnten Höhe- und Tiefpunkte im Leben des Superhelden dokumentieren und kommentieren. Diese Ausschnitte liefern nicht nur die Exposition des Films, sie etablieren auch seine von Nostalgie und Wehmut geprägte Stimmung, die von ganz zentraler Bedeutung ist, denn Mora kehrt – wie das bei einem Musical halt so üblich ist – innere Zustände konsequent nach außen, lässt seine Charaktere immer wieder unvermittelt in (zum Teil von Richard O’Brien geschriebene) Gesangsnummern einstimmen und findet so die dem emotionalen Ursprung des Superhelden- und Superschurkenkonzepts angemessene Form. Wenn Captain Invincible sich in die Lüfte erhebt, vor Bluescreen-Sonnenaufgängen, Landschafts- oder Stadtpanoramen herumfliegt, ist das weniger Ausdruck seiner superheldischen Fähigkeiten, als eines unstillbaren menschlichen Verlangens nach Größe. Das technokratische Gefasel, das so viele der groß produzierten Superheldenfilme zu einer so tristen und im Grunde herzlosen Angelegenheit macht, interessiert Mora nicht die Bohne, wie er sich sowieso nicht lang mit der Origin-Story seines Helden befasst: In THE RETURN OF CAPTAIN INVINCIBLE geht es um den Wandel der Zeit, den Schmerz des vergessenenen Helden und darum, wie wichtig es ist, seinen Platz in der Welt zu kennen und einzunehmen. Kein Wunder, dass die Anwesenheit Mr. Midnights eher der Konvention und der dramaturgischen Notwendigkeit geschuldet ist. Er ist mit Lee, vielleicht DEM ikonischen Schurken der Filmgeschichte, demzufolge ideal offensichtlich besetzt.
Alan Arkin, optisch alles andere als ein geborener Held, trägt den Film mit seiner lakonischen Art und seinem überkommen wirkenden Fünfzigerjahre-Idealismus, interpretiert den Superhelden als Ritter von der eher traurigen Gestalt: Auch wenn er von der Natur mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet wurde, so ist es eher sein ungebrochener Glaube ans Gute, der ihn zum Heldentum befähigt. Er ist der ideale Schauspieler für Moras bescheuerte Einfälle, etwa jenen, wenn der Held auf einen Spruch Einsteins verweist und diese in unverständlichem Fantasiedeutsch zum Besten gibt: Es muss Dutzende von Takes gedauert haben, bis er und seine Partnerin diese Szene ohne Lachanfall hinter sich gebracht hatten. Aber der Film ist voll von solchen Momenten, in denen die leise Melancholie in brüllenden Schwachsinn umkippt: Bei einer Krisensitzung des US-Präsidenten (Michael Pate) und diverser Militärs intoniert ersterer angesichts der schwachsinnigen Vorschläge seiner Ratgeber – ein alter General mit Eisenhand vermutet reflexhaft die Russen hinter dem Raub der Waffe und fordert immer wieder dazu auf, kurzerhand die Bombe zu werfen – spontan einen Song, der ausschließlich aus dem Wort “Bullshit” besteht, das über einen repetitiven Beat gebrüllt wird; während der Trocken-Flugübungen, die Captain Invincible absolvieren muss, als er seine Superheldentätigkeit wieder aufnimmt, muss er sich ständig übergeben und als er seine Magnetkräfte ausprobiert, resultiert das darin, dass hinterher zahlreiche Gebrauchsgegenstände an ihm kleben; in einem Staubsaugergeschäft werden Captain Invincible und Patty schließlich von lebendig gewordenen Staubsaugern attackiert; einer von Mr. Midnights Schergen hat die Aufgabe, die Stadt mit einer Hundehaufenmaschine zu verschmutzen; in einem jüdischen Deli in Manhattan ist der Eingang zum Reich Midnights versteckt, der vom Ladenbesitzer mit einem Maschinengewehr bewacht wird, das aussieht wie ein riesiger Fisch; ganz am Schluss stellt Mr. Midnight seinen Kontrahenten, einen trockenen Alkoholiker, auf die Probe, indem er ihm eine Riesenauswahl an alkoholischen Getränken mit dem Song “Choose your Poison” anbietet, und wenn mein Gedächtnis mich jetzt nicht im Stich ließe, ich könnte sicherlich noch einige weitere Beispiele aufzählen.
THE RETURN OF CAPTAIN INVINCIBLE mag aussehen wie ein Trashfilm, aber es darf vermutet werden, dass hier alles so ist, wie es sein sollte. Dennoch teilt mit den besten unter ihnen eine freigeistige Haltung zur Form, einen spielerischen Umgang mit den eigenen Defiziten (die wohl vor allem auf das Budget zurückzuführen sein dürften) und eine Bevorzugung des brillanten Details gegenüber dem Gesamten. Er ist nicht Moras bester Film, aber wer dessen Dekonstruktion längst abgegriffener Stoffe zu schätzen weiß, wird auch diesen in sein Herz schließen. Und besser als die letzten hirntoten Marvel-Großereignisse ist er sowieso.
Bei einem Einsatz in den Everglades gerät der Polizist Dave Speed (Terence Hill) in ein Experiment der NASA, bei dem eine mit Plutonium bestückte Rakete explodiert. Wie durch ein Wunder überlebt Speed, doch beobachtet er danach einige merkwürdige Fähigkeiten an sich: Er kann in die Zukunft sehen, ist nahezu unverwundbar und außerdem telekinetisch begabt. Sieht er jedoch die Farbe Rot, geht es ihm wie Superman beim Kontakt mit Kryptonit und er verliert seine Kräfte vorübergehend. Im Kampf gegen das Verbrechen hat er zwar einen entscheidenden Vorteil, doch dies schützt ihn nicht davor, wegen Mordes an seinem Partner unschuldig zum Tode verurteilt zu werden …
Was ich im Beitrag zu OCCHIO ALLA PENNA zur Dynamik zwischen Hill & Spencer schrieb, lässt sich mithilfe des ersten Solofilms von Hill innerhalb meiner kleinen Werkschau belegen. Ohne den lakonischen Spencer, an dem jede Demütigung längst aus Gewohnheit abprallt, wirkt Hill in POLIZIOTTO SUPERPIÚ wie ein Geck, ein unreifer Naivling, der dummerweise in einem Erwachsenenkörper steckt. Der relativ ambitionierte Erzählverlauf, der mit dem in der Todeszelle Bohnen mampfenden und auf seine nach zwei erfolglosen Versuchen dritte Hinrichtung wartenden Speed beginnt und dessen Geschichte dann in einer Rückblende entfaltet, konfligiert schon mit Hills Persona: Er ist den Dingen viel zu sehr enthoben, als dass ihn der Verlust des Lebens besonders kratzen würde. Die Dramatik, die Corbucci etablieren möchte, prallt an diesem Hauptdarsteller einfach ab. POLIZIOTTO SUPERPIÚ ist dann auch ein eher müdes Filmchen voller schlecht gealterter Gags und schon damals nicht mehr auf dem Stand der Technik befindlicher Spezialeffekte, das durch seine episodische Struktur und die bis zum Schluss kaum über einen Subplot hinauskommende Krimihandlung zusätzlich gehemmt wird. Klar, über so viel Naivität kann man staunen und sich in der richtigen Stimmung vielleicht sogar freuen, zumal Borgnine mit seinem herzerweichenden Lächeln, das einen im Handumdrehen wieder an das Gute im Menschen glauben macht (oder aber den Realisten an seinem Geisteszustand zweifeln), die ideale Besetzung für den lieben Dunlop ist – und wahrscheinlich auch der größte Fan von Corbuccis Film. Wenn ich mir vorstelle, wie Borgnine POLIZIOTTO SUPERPIÚ im Kino sieht oder in einem Interview auf ihn angesprochen wird, hat er jedenfalls exakt dieses enthemmte Grinsen drauf …
Das exzentrische Genie Tony Stark (Robert Downey jr.) ist wegen seiner Superheldennebentätigkeit als Iron Man zur internationalen Popikone geworden, gleichzeitig aber auch zum Sicherheitsproblem geworden. Wenn er einen High-Tech-Maschinenanzug bauen kann, dann sollten auch andere Menschen mit weniger guten Absichten dazu in der Lage sein. Tony Stark wiegelt ab, doch dann tritt der Russe Ivan Vanko (Mickey Rourke) mit seinen mörderischen Elektronenpeitschen auf. Im mäßig erfolgreichen Waffenproduzenten Justin Hammer (Sam Rockwell) findet er einen willigen Finanzier …
Das Übermaß positiver Reaktionen auf den sehr guten, aber doch auch etwas zu runden IRON MAN sollte wohl durch das kaum weniger unverhältnismäßige bashing des zweiten Teils wieder ausgeglichen werden. Tatsächlich versagt Favreaus Sequel immer dann, wenn er auf den Pfaden des ersten Teils wandelt und lediglich klassisches Superhelden-Erzählkino sein will. Die nötigen klischierten Plotpunkte werden nämlich lediglich lustlos abgehakt, die eigentlich zentrale Rivalität zwischen Stark und Vanko bleibt sträflich unterentwickelt, kaum mehr als eine Fußnote in einem Film voller wesentlich interessanterer Subplots, was auch der finale Zweikampf belegt, der lediglich pflichtschuldig abgespult wird und – wie schon im Vorgänger – enttäuscht. Dass IRON MAN 2 mehr sein könnte, wenn er nicht so sklavisch der Vorgabe verpflichtet wäre, massentaugliches Entertainment mit den typischen Beigaben zu liefern, wird offenkundig, wenn Favreau sich vom abgegriffenen Gut-gegen-Böse-Schema ab- und den Verwicklungen von Politik, Wirtschaft und Militär zuwendet. Schon die Auftaktsequenz, in der sich Stark/Iron Man während einer Eröffnungsfeier in einer überaus befremdlichen Popchoreografie buchstäblich als Messias feiern lässt, muss demjenigen Zuschauer, der hier seinem Comichelden zujubeln wollte, eigentlich die Kehle zuschnüren. Klar, der unverhohlene Narzissmus gehört zur Stark-Figur nunmal dazu, aber mit ihrer Verortung in einer mit unserer Welt stark verwandten Quasirealität verliert er eindeutig seine Unschuld. Zu den stärksten Momenten des Films, der mit seiner High-Gloss-Optik im Kontext sehr treffend auf Verführung und Täuschung seiner Konsumenten abzielt, zählt eine gerichtliche Anhörung Starks, bei der dieser von sich behauptet, den Weltfrieden privatisiert zu haben. Solche kurzen Momente liefern weitaus mehr Gedankenfutter, als der restliche Film mit seiner reichlich uninteressanten Materialschlacht, denn von einem solch “privatisierten Weltfrieden” und den Problemen, die ein solcher aufwirft, scheinen wir in einer Welt, in der Privatunternehmer mit ihren Erfindungen plötzlich ganz erheblich in die Politik eingreifen – man denke da aktuell nur an den Wirbel um Wikileaks –, tatsächlich nicht mehr allzu weit entfernt zu sein.
So bleibt ein zwiespältiger Film, der sich nicht so recht zwischen klassischem, affirmativen Erzählkino und einem postmodernen, fragmetarischen Erzählen entscheiden will, stattdessen versucht, beides auf einmal zu bieten und in der Folge keines von beiden schafft. Schade um die guten Ansätze und die verbratenen Millionen. Besser als belangloser Müll wie X-MEN ORIGINS: WOLVERINE oder ähnliche Langweiler ist er aber natürlich trotzdem.
Eines von April O’Neils (Paige Turco) Mitbringseln für die Turtles entpuppt sich als magisches Zepter, das einen oder mehrere Personen in feudale Japan bugsiert und dafür mehrere Japaner in die Gegenwart holt. Das erste Opfer des Zepters ist April selbst und die Turtles reisen ihr kurzerhand hinterher, um sie zurückzuholen. Im alten Japan angekommen geraten die Kampfschildkröten in einen tobenden Konflikt – und verlieren das Zepter, das ihnen wieder die Rückreise ermöglichen soll …
Alles, was ich vorurteilsbeladen schon über die ersten beiden TURTLES-Filme gedacht hatte, bevor sie mich dann eines etwas Besseren belehrten, verkörpert dieser dritte Teil, der den letzten Nagel im Sarg eines schon maroden Franchises bedeutete. Plastik regiert und anstatt die recht gelungenen Bemühungen der beiden Vorgänger fortzusetzen, die ein geschlossenes Turtles-Universum kreierten, in dem die Figuren dann ihre Abenteuer erlebten, hat man sich stattdessen dafür entschieden, eine zwar spektakuläre und mit vielen Schauwerten garnierte Geschichte um die Comichelden herumzustrecken, die aber leider vollkommen austauschbar und darüber hinaus so involvierend wie nasse Pappe ist. Man hat etwas den Eindruck, dass eine 20-minütige Cartoonepisode auf Gedeih und Verderb auf Spielfilmlänge gestreckt wurde, doch was im Kleinformat vielleicht angenehme Kurzweil (für Kinder) geboten hätte, ufert so zur langweiligen Materialschlacht aus, deren letzten 30 Minuten ich mir nur noch aus missverstandenem Pflichtbewusstsein heraus angeschaut habe. Der Aufwand, der für Kostüme und Bauten betrieben wurde, ärgert umso mehr, als TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES 3 trotz solcher Schmankerl visuell nie über das Niveau eines DTV-Filmchens oder, schlimmer noch, eines Fernsehfilms hinauskommt. Alles ist immer schön hell ausgeleuchtet, damit man alles gut erkennen kann, und jeder Anflug von Stimmung wird im Keim erstickt. Das Drehbuch passt sich dem an und hakt ein abgedroschenes Klischee nach dem anderen ab, um bloß niemanden aus dem Schlaf zu reißen, oder erfindet sinnlose Mysterien, ohne sich dann um deren Auflösung zu scheren. Beispielhaft dafür ist etwa die Entscheidung, Elias Koteas nicht nur eine Rückkehr als Casey Jones zu ermöglichen – wohl um eine Anbindung an den populären ersten Teil zu schaffen und so für die Kontinuität zu sorgen, die man sonst im dritten Teil schmerzlich vermisst -, sondern ihm auch noch eine zweite Rolle angedeihen zu lassen, die nicht nachvollziehbar ist, weil die äußerliche Verwandtschaft der beiden Figuren inhaltlich gar nicht motiviert wird. Aber selbst, wenn man mit weitestmöglich nach unten korrigierten Erwatungen an den Film herangeht und einfach nur bunten Comicfiguren zuschauen will, wird man enttäuscht: Mit Splinter wird die schönste und interessanteste Figur des Turtle-Franchises zu einem sprechenden (und äußerst zerzaust aussehenden) Kopf degradiert, der Erinnerungen an die deutsche Sesamstrassen-Tiffy weckt, die ja auch stets unterleibslos hinter einem Tresen stand. Wo die mutierte Ninja-Ratte in den ersten beiden Filmen eine archaische Würde und Anmut ausstrahlte und den Vergleich mit den berühmtesten Schöpfungen Jim Hensons nicht zu scheuen brauchte, ist sie hier zum sinn- und charakterlosen Stichwortgeber verkommen, der nur noch da ist, damit man eine zugehörige Actionfigur verhökern konnte. Und die Turtles-Kostüme sind zwar detailreicher und insgesamt beweglicher als zuvor, doch sehen sie so schmerzhaft nach Plastik aus, dass der durch diese Verbesserungen angepeilte “Realismus” sich gleich wieder ad absurdum führt. Es spricht Bände, dass der Auftritt eines Vanilla Ice, der im zweiten Teil noch seinen “Turtles Rap” (Refrain: “Go, Ninja! Go, Ninja, go!”) samt dazugehöriger Choreografie vortragen durfte, in diesem Film tatsächlich einen Höhepunkt bedeutet hätte. So läuft unter den Anfangscredits ein Song von ZZ Top, deren Retro-Bluesrock anno 1993 ähnlich maschinell und seelenlos klang, wie dieser Film aussieht. Nuff said.
Als ein Chemiekonzern entdeckt, dass die von ihm einst achtlos entsorgten Abfälle zu Mutationen in der Pflanzenwelt geführt haben, ahnt der weise Splinter, was die Ursache für seinen und den Wachstum seiner amphibischen Ziehsöhne Donatello, Leonardo, Raphael und Michelangelo ist. Als der für tot gehaltene Shredder (Francois Chau) zurückkehrt und ebenfalls ein großes Interesse an dem gefährlichen “Ooze” entwickelt, kommt es erneut zur Auseinandersetzung zwischen den Parteien, bei der den Turtles der Pizzaboy Keno (Ernie Reyes jr.), die Fernsehreporterin April (Paige Turco) und der Wissenschaftler Professor Jordan Perry (David Warner) zur Seite stehen …
Nachdem der erste TURTLES-Film in den USA zum Superhit avanciert war - er löste seinerzeit Mike Nichols THE GRADUATE als erfolgreichste Indieproduktion ab -, signalisierte der Flop des Sequels schon den Niedergang des wohl doch etwas zu exzentrischen (oder zu blöden, je nach Perspektive) Franchises, das dennoch auch noch für einen dritten Teil gemolken wurde. Wie man Michael Pressmans Sequel bewertet, hängt wohl nicht zuletzt davon ab, wie einem der Vorgänger gefallen hat: Mochte man dieses wegen seiner an die Comics angelehnten visuellen Gestaltung, wird man von der stromlinienförmigeren Fortsetzung wohl eher enttäuscht sein, vermisste man beim ersten Teil jedoch eine stringente Narration und eine stärkere emotionale Anbindung, könnte THE SECRET OF THE OOZE durchaus gefallen. Schrieb ich über Steve Barrons Film noch, dass man die titelgebenden Hauptfiguren als Zuschauer nur schwer auseinanderhalten könne und es deshalb schwer fiele, sich mit ihnen zu identifizieren, so gelingt es Pressman im Sequel wesentlich besser, verschiedene Charakterzüge herauszuarbeiten und den Turtles eine Identität zu verleihen, die über den bloßen Namen und die farbige Augenbinde hinausgeht. Gleichzeitig habe ich aber die kunterbunte Wildheit des Originals vermisst, der sich nicht wirklich darum zu scheren schien, die Erwartungshaltung des Publikums zu bedienen, sondern streckenweise ebenso chaotisch wirkte wie das Innenleben seiner pubertären Hauptfiguren. Im Sequel verläuft das Geschehen auf relativ ausgetretenen Pfaden und folgt der üblichen Überbietungslogik des Sequels: Es gibt mehr Turtle-Action, mehr Sprüche und Gags und mehr Schauspieler in Kostümen: Shredder kreiert mithilfe des Ooze nämlich noch zwei weitere Mutanten – einen Riesenwolf und eine Riesenschnappschildkröte -, deren Design das Herz des Kindes im Mann aufgehen lassen und den Höhepunkt des Films markieren. Das alles sorgt wie gesagt dafür, dass der Film besser reinläuft, aber auch, dass man ihn schneller vergisst. TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES war doch eine reichlich seltsame Angelegenheit, mit seinen Referenzen an ein erwachseneres Kino, der brüchigen Narration, dem Antiklimax zum Finale und den “leeren” Protagonisten. THE SECRET OF THE OOZE ist bunter, runder, lauter, aufregender und greller … aber paradoxerwesie auch vorhersehbarer und daher langweiliger. Aber für meinen gestrigen Abend, an dem mir ein dank kurz ausgefallener Nachtruhe immens langer Tag Hirn und Körper beschwerte, war TEENAGE MUTANT NINJA TURTLES 2: THE SECRET OF THE OOZE genau das Richtige.
Sergeant Harry Griswold (Rick Gianasi) gerät beim Besuch eines New Yorker Kabukitheaters in eine wilde Schießerei, bei der auch der Leiter der Kabukitruppe sein Leben lässt. In den letzten Sekunden kann dieser den zur Hilfe eilenden Griswold aber noch mit dem Geist des Kabukiman beatmen, der fortan mit Macht nach außen drängt und Griswold von einer peinlichen Situation in die nächste und schließlich um den Job bringt. Erst als Lotus (Susan Byun), die Tochter des Ermordeten, sich seiner annimmt, lernt er, die Kräfte des Kabukiman zu kontrollieren und zu nutzen und nimmt den Kampf gegen die Mörder auf …
“Inspiriert von Puccinis ,Madama Butterfly’” heißt es in den Anfangscredits vollmundig, aber als Troma-geschulter Zuschauer ahnt man schon, dass diese Behauptung selbst wieder nur ein Witz ist. Statt einer bitteren Tragödie um eine kulturelle und soziale Grenzen überschreitenden Liebe gibt es einen Amerikaner im japanischen Superheldenkostüm und es ist wohl dem bei aller anarchischer Energie im Grunde immer eher reaktionär-spießigen Troma-Humor geschuldet, dass traditionelle japanische Männertracht hier kurzerhand als ”weibisch” apostrophiert wird. Aber das hier soll gar kein Verriss werden. SGT. KABUKIMAN N.Y.P.D. vereint alle (streitbaren) Stärken, aber auch alle Schwächen einer Troma-Produktion: Einer herrlich beknackten Grundidee, die mit viel infantilem Verve und absurden Einfällen im Überfluss garniert ist, stehen ein unstrukturiertes Drehbuch und eine wieder einmal jeden Anflug von Nachhaltigkeit negierende Selbstironie gegenüber, die das Vergnügen trüben. Dabei beginnt KABUKIMAN sehr ordentlich, hat gegenüber anderen Troma-Filmen zudem den entscheidenden Vorteil, mit Rick Gianasi einen brauchbaren Hauptdarsteller zur Verfügung zu haben, sodass endlich einmal auch die Identifikation mit der Hautfigur gelingt. Die erste Hälfte gehört tatsächlich zum besten, was Troma zustande gebracht hat: Der Film legt ein hohes Tempo vor, die Gags zünden und sind nicht bloß hysterische Zoten, die zahlreichen Slapstickeinlagen sind gut getimt, es gibt – man höre und staune – tatsächlich Beispiele für gelungenen Wort- und Dialogwitz und das Superheldensujet bietet einen geeigneten Background für die überdrehte Troma-Kunterbuntheit. Ein paarmal habe ich tatsächlich herzhaft gelacht: Szenen wie jene, in der Griswold sich vor seinem cholerischen Vorgesetzten in einem Clownskostüm verantworten muss und alle Versuche, diesen zu beruhigen, nach hinten losgehen, weil ihm dafür nur typische Clowns-Scherzartikel zur Verfügung stehen, sind zwar alles andere als originell oder gar niveauvoll, aber sie sind einfach gut umgesetzt. (Und sie kommen meinem schlichten Gemüt sehr entgegen: Wenn Leute nassgespritzt werden und dann konsterniert dreingucken, gibt es für mich kein Halten mehr.) Letztlich ist SGT. KABUKIMAN N.Y.P.D. aber auch ein Film der leichtfertig vergebenen Chancen. Was hätte man aus der Grundidee, einen Mittelklasse-Amerikaner zum Wirt eines japanischen Geistes zu machen, alles rausholen können? Hier hätten sich einige Möglichkeiten für eine clevere Satire zum kulturellen Clash zwischen den USA und Japan geboten, eben der Anschluss an die zitierte Puccini-Oper, doch Troma ist leider mehr an harmlosen Stäbchen- und Sushiwitzchen interessert. Aber es ist ja nicht so, dass man das nicht schon gewusst hätte, als man die DVD in den Player schob. So bleibt unterm Strich ein Film, der anders als andere Troma-Werke am ehesten mit “normalen” Filmen konkurrieren kann (mit Ausnahme von CLASS OF NUKE ‘EM HIGH, für mich ohne Frage die Sternstunde von Troma), insgesamt aber über Mittelmaß auch nicht herauskommt. Gerade gegen Ende zieht sich SGT. KABUKIMAN N.Y.P.D. wie ein Kaugummi und statt der opulenten 100 Minuten hätten 80 bis 90 dem Film besser zu Gesicht gestanden. Die Ermüdungserscheinungen, die sich bei mir irgendwann einstellten, haben den zunächst positiven Eindruck jedenfalls wieder etwas nivelliert. Trotzdem: Ein okayer Abschluss unter meine Troma-Retro, die die wichtige Erkenntnis brachte, dass es manchmal besser ist, Dinge in guter Erinnerung zu behalten, anstatt sich vom Gegenteil überzeugen zu lassen.
the toxic avenger part lll: the last temptation of toxie (lloyd kaufman/michael herz, usa 1989)
Um sich ihres Erzfeindes, des Toxic Avengers (Ron Fazio/John Altamura), zu entledigen, versichert sich die Apocalypse Inc., die Tromaville in die Knie zwingen will, einfach seiner Dienste. Von seinem ersten dicken Gehaltsscheck zahlt er die Augenoperation für seine blinde Verlobte Claire (Phoebe Legere), die jedoch alles andere als begeistert ist, als sie feststellt, dass ihr Geliebter mit dem Bösen im Bunde ist und sich in einen gewissenlosen Karrieremenschen verwandelt hat. Toxie beginnt umzudenken und stellt sich dem Vorsitzenden von Apocalypse Inc. (Rick Collins). Doch der entpuppt sich als Leibhaftiger persönlich …
Wer hätte das gedacht? Nach dem katastrophalen zweiten Teil, der außer hysterischen Albernheiten und japanischen Sehenswürdigkeiten nicht viel zu bieten hatte, gelingt Kaufman und Herz mit dem zweiten Sequel wieder ein Film, den man sich ansehen kann, der teilweise wirklich witzig ist und – man höre und staune – sogar annähernd so etwas wie emotionale Involvierung des Zuschauers erreicht. Das ist umso erstaunlicher, als THE TOXIC AVENGER PART III: THE LAST TEMPTATION OF TOXIE zu einem nicht unerheblichen Teil aus Material besteht, das eigentlich für den zweiten Teil gedreht worden war. Der Schlüssel zum Erfolg ist, dass Herz und Kaufman wieder eine richtige Geschichte erzählen, anstatt einfach nur körbeweise schlechter Ideen über dem Zuschauer ausschütten: Die Idee mit dem vom rechten Weg abkommenden Superhelden ist ein erprobter Standard der Superheldennarration, der deshalb ebenso unmittelbar Wirkung erzielt wie die Heilung des Love Interests (das dieses darüber hinaus meist nur in provokanter Reizwäsche bekleidet herumläuft und sich mit Vorliebe spreizbeinig im Bett herumrollt, hilft ungemein). Es sind wieder Bewegung und Zug drin, die dem Vorgänger völlig abhanden gekommen waren. Nun schaut man sich einen Tromafilm aber natürllich nicht wegen der tollen Handlung oder präziser Charakterzeichnungen an, sondern weil sie im Idealfall eine Vielzahl beknackter Gags, ebensolcher Einfälle und eine ordentliche Prise Gore bereithalten. Und auch hier erfüllt THE TOXIC AVENGER PART III seine Aufgabe mit Bravour: Er beginnt gleich mit einer ausgewalzten Splatterszene in einer Videothek, die ausschließlich Tromafilme zu bewerben scheint, präsentiert im weiteren Verlauf einen Toxie, der mit Lacoste-Hemd zum Yuppie avanciert, malt die Terrorherrschaft der Apocalypse Inc. über Tromaville in grellen Farben aus und kulminiert in einem ausgedehnten Duell zwischen Toxie und dem Teufel. Statt das alles einfach nur billig abzufilmen, leisten sich Herz und Kaufman endlich einmal den Luxus gelungener visueller Ideen: Eine Szene auf einer psychedelisch ausgeleuchtete Wendeltreppe lässt tatsächlich etwas Gialloflair aufkommen, die Make-up-Effekte sind nicht mehr absichtlich scheiße, es gibt sogar ein paar ansehnliche visuelle FX und richtige Gags, statt nur überdrehten Klamauks. Die Höhen subtilen Humors werden natürlich nicht erklommen, aber wenn sich ein depressiver Toxie zwecks Selbstmord vor einen Tunnel stellt und sich die Scheinwerfer des herannahenden Autos als die Scheinwerfer zweier Motorräder entpuppen, die ungerührt am den Tod erwartenden Toxie vorbeifahren, so zeugt das von einem Engagement und Einfallsreichtum, der dem vorherigen Film weitestgehend fehlte. Ansatz zur Kritik gibt es auch hier reichlich: Auch THE TOXIC AVENGER PART III ist mit 100 Minuten eindeutig zu lang, die Quote guter und mieser Einfälle ist ungefähr ausgeglichen und die endlosen Selbstreferenzen beginnen auch irgendwann zu nerven. Insgesamt fielen diese kritikpunkte für mich aber nicht wirklich zu Gewicht und weil sich selbst meine Gattin das ein oder andere amüsierte Lachen nicht verkneifen konnte, liege ich mit meiner Meinung wohl nicht ganz daneben. Einer der besseren Tromas also und meiner Ansicht nach ziemlich unterbewertet.
