Einträge tagged ‘Teeniefilm

15
Nov
11

three o’clock high (phil joanou, usa 1987)

Jerry Mitchell überhört den Wecker, schreckt dann panisch hoch, um sich für den bevorstehenden Schultag fertigzumachen, an dem er die Verantwortung über den School Store hat. Nach einer hektisch besorgten Katzenwäsche, einem zwischen Tür und Angel eingenommenen Frühstück und dem Missbrauch der Mikrowelle als Wäschetrockner kann für ihn und die schon auf ihn wartende jüngere Schwester die Fahrt zur Schule beginnen, auf der er unterwegs noch seine eigentlich viel zu coole, gelassene und souveräne Freundin aufsammeln muss, deren ausgezeichnetes Timing sie ohne jede Eile und punktgenau in der richtigen Sekunde vor die Tür treten lässt. Kein Vergleich zum entnervten Jerry, der kurz darauf beinahe alle drei in einen haarsträubenden Verkehrsunfall verwickelt, den er nur kraft des unverschämten Glücks des Tüchtigen vermeiden kann. Just in dem Moment, als er den Schock abgeschüttelt hat und auf den Schulparkplatz einbiegt, drängt sich der Popsong vom Soundtrack in den Vordergrund und vermeldet: “This is something to remember me by.” Das muss tatsächlich dazugesagt werden, denn Jerry ist eher der Typ “Mann ohne Eigenschaften”, der von allen übersehen wird. Sein grauer Wollpullover spricht Bände. Aber wir wissen jetzt: He will overcome.

Phil Joanous THREE O’CLOCK HIGH erzählt von einem Schultag, an dem für Jerry tatsächlich alles daneben geht und den er – wie jenen Unfall aus der Auftaktsequenz – unbeschadet überstehen muss, obwohl doch alle Zeichen auf Schmerzen, Demütigung, Bestrafung stehen. Der Film folgt jener unaufhaltsamen Eskalationslogik, bei der jedes einzelne Detail so in Stellung gebracht wird, dass sich für Jerry daraus entweder unangenehme Konsequenzen ergeben oder schon bestehende Gefahren noch verschärft werden. Für Jerry geht es tatsächlich um alles: Er fürchtet um seine Gesundheit, sein Leben, seine Schul- und Berufslaufbahn und seine Zukunft, aber es ist ja nicht zuletzt diese Furcht, die ihn in immer tiefere Schwierigkeiten treibt, weil sie ihn dazu verführt, weitere Dummheiten zu begehen. Das Schöne an THREE O’CLOCK HIGH ist, dass er sich der naiven Schuljungen-Perspektive Jerry Mitchells total verschreibt, obwohl er gleichzeitig ganz klar aufzeigt, dass die durchzustehenden Konflikte alles andere als existenzielle Bedeutung haben: Der neue Schüler Buddy Revell (Richard Tyson), von dem er um 15 Uhr eine vermeintlich tödliche Tracht Prügel erwartet, weil er es gewagt hat, ihn anzufassen, und über dessen bisherige Verbrechen und Straftaten die Schüler auf den Gängen der Schule fast ehrfurchtsvoll sprechen, ist zwar ein unangenehmer Bully und Angeber, aber eben kein Mörder, die Polizisten und Sicherheitsbeauftragten der Schule, die Jerry außerdem das Leben zu Hölle machen, als sei er ein Schwerverbrecher, letztlich nur ihre Macht auskostende Sesselfurzer. Wenn Jerry seine Nemesis Buddy mit einem Lucky Punch niederstreckt, ist dessen Bann gebrochen und es sind plötzlich Jerrys “Taten”, die im Stille-Post-Verfahren zu Legenden aufgeblasen werden. So bereitet die High School auf das Leben “da draußen” vor: indem sie es in kleinerem Rahmen simuliert. Und sie ist als Erziehungsanstalt dann erfolgreich, wenn ihre Schüler ihre Simulation für bare Münze nehmen. Jerry ist in diesem Sinne ein absoluter Musterschüler: So arglos und lieb, dass ihm dieser eine Pechtag als einer erscheint, der über den Rest seines Lebens entscheiden könnte.

THREE O’CLOCK HIGH ist ein wunderbar bescheidener Film: Er kommt ganz ohne Subplots aus, konzentriert sich allein darauf, diese eine Geschichte gut und richtig zu erzählen und das gelingt ihm mit Bravour. Timing und Rhythmus, mit denen solche Filme stehen und fallen, sind perfekt, die Gags sitzen, die Figuren sind genau so weit charakterisiert, dass sie als Typen einerseits klar erkennbar bleiben, andererseits aber trotzdem lebendig sind. Die Besetzung ist ausgezeichnet – vor allem natürlich Casey Siemaszko, der fast jede Szene bestreiten muss – und nach 85 Minuten kommt der Film genau zum richtigen Zeitpunkt zum Ende. Kurzweil auf hohem Niveau von Phil Joanou, der später den Gangsterfilm-Klassiker STATE OF GRACE inszenieren sollte und mit THREE O’CLOCK HIGH sowas wie das Negativ zu FERRIS BUELLER’S DAY OFF gedreht hat: einen Film über die Odyssee eines Jungen, dem einfach alles misslingt. John Hughes’ Films ist der Traum, das hier die Realität.

14
Nov
11

band of the hand (paul michael glaser, usa 1986)

Mal wieder BAND OF THE HAND geguckt. Mal wieder großartig gefunden. Mal wieder meinen alten Text dazu gelesen. Festgestellt, dass ich dem heute nichts hinzuzufügen habe. Außer natürlich: Anschauen!

14
Nov
11

never too young to die (gil bettman, usa 1986)

Lance Stargrove (Richard Stamos) hat den coolsten Namen der Welt. Zwar ist er ein ziemlicher Milchbubi und außerdem auch noch ein As im Geräteturnen, doch dieser Name allein klingt schon wie ein Versprechen. Jemand der “Lance Stargrove” heißt, wird nicht Versicherungsvertreter, Bankkaufmann oder KFZ-Mechaniker, denn er ist zu Höherem berufen. Nun gut, dass dieser Lance im Verlauf der 90 Minuten von NEVER TOO YOUNG TO DIE vom Schulbankdrücker zum Weltretter wird und am Ende des Films das Angebot diverser Regierungsbeamter erhält, als Agent im Dienste der USA zu arbeiten, kann man auch darauf zurückführen, dass bereits sein Vater ein bondesker Supermann im Staatsdienst war (gespielt vom Einmalbond George Lazenby), aber dieses Argument zieht nur bedingt, denn auch der hieß schließlich auf den mächtigen Namen Stargrove. “Stargrove – flying like you’ve never flown/Stargrove – running through a danger zone” weiß auch der Titelsong des Films zu berichten, der schon zu Beginn ganz klar macht, das so ein Stargrove ein Leben auf der Überholspur führt. Und genau diese Überholspur ist NEVER TOO YOUNG TO DIE.

Ich habe von Gil Bettmans Film zum ersten Mal zu seinem damaligen Kinostart (!!!) in der Bravo gelesen und war von den Bildern schon damals hin und weg: ein Teenie namens Lance, eine Perle namens Vanity, ein hermaphroditischer Schurke gespielt vom Sänger von KISS! Wer hatte da meine nächtlichen Jugendträume angezapft, um einen Film daraus zu machen? Jahre später auf RTLplus erwies sich LANCE – STIRB NIEMALS JUNG, wie er auf deutsch hieß, zwar als geschnitten, aber dennoch als die ultimative Filmwerdung kollektiver Jungsfantasien. Es scheint, als hätten seine Macher tief in die Herzen aller zehn- bis zwölfjährigen Jungs geblickt, wo deren geheimste Wünsche fest verschlossen vor sich hin schlummern und die Sehnsucht befeuern, und dann beschlossen, sie in einem Film zu verewigen, der alle Grenzen des Rationalen sprengt, ohne dabei sein kindliches, spielerisches Gemüt zu opfern.

In NEVER TOO YOUNG TO DIE wird ein Jugendlicher zum Topagenten und Weltretter, und zwar mithilfe seines asiatischen und mithin genialen Kumpels Cliff (Peter Kwong) und der endgeilen Superschnecke Danja (die endgeile Superschnecke Vanity), der ehemaligen Kollegin seines Vaters, der seinerseits Topagent und Weltretter war. Letzterer war dem Plan des hermaphroditischen Superschurken, Sexsymbol und Rockstar Velvet von Ragnar (Gene Simmons) auf die Schliche gekommen, die Trinkwasserreserven der USA für immer zu verseuchen, und beim Versuch, dies zu verhindern, ums Leben gekommen. Und eben spätestens mit der Figur der/des Velvet von Ragnar lässt NEVER TOO YOUNG TO DIE irdischen Boden hinter sich und strebt mit Schallgeschwindigkeit den unendlichen Weiten des Absurden und Bescheuerten entgegen, where no man has gone before. Ragnar, von Simmons beständig zwischen den Polen “hyperventilierender Mad Scientist” und “diabolischer Verführer” interpretiert, schart eine Bande Anabolika-abhängiger MAD MAX-Statisten um sich, die im Chor “The finger!” skandieren und damit sagen wollen, dass Ragnar einen armen Teufel mit seinem abnhembaren tödlichen Fingernagel hinrichten soll. Wenn er keine Endzeitrocker in Weltvernichtungspläne involviert, tritt er im hautengen Nylon-Ganzkörperanzug und pinkfarbener Turmperücke im Club “Incinerator” auf, wo Rocker zu ätzender Wave-Musik tanzen, Motorräder mit bronzenen Pferdeköpfen fahren, Bier und Motoröl (!!!) saufen, aber Milchbrötchen Lance und das potenzielle Vergewaltigungsopfer Danja trotzdem unbehelligt an der Theke stehen können. Wobei “unbehelligt” relativ ist, denn Lance wird von der fabulösen Thekenschlampe ein “lube job” angeboten. Es sagt ziemlich viel über den Film aus, dass Danja den Laden ohne eine solche Offerte verlassen muss. Zurück zu Ragnar: Der besingt seine sexuelle Expertise in amelodiös rausgegrölten Onelinern, fummelt sich mit meterlangen Fingernägeln an den Nippeln rum und windet seinen aufgedunsenen Körper in sexueller Ekstase, dass es nur so eine Pracht ist – und die Rocker, die sonst bekannt dafür sind, ein eher konservatives Wertesystem zu vertreten, jubeln dem Genderbender auch noch zu wie dem Liebhaftigen selbst. Man kann Gene Simmons für diese Rolle gar nicht genug huldigen: Auch wenn NEVER TOO YOUNG TO DIE kunterbuntester Trash ist, versteckt sich Simmons nie hinter einem billigen Augenzwinkern. Seine Darbeitung als Ragnar ist the real deal. Und, ja, irgendwo in diesem bonbonfarbenen Getöse versteckt sich eine Sexualpolitik, die man vielleicht sogar als “progressiv” oder aber “subversiv” bezeichnen könnte, wenn es denn dann nicht diese Sexszene mit Vanity gäbe, über die ich mich natürlich keienswegs beschweren möchte, im Gegenteil: Danke!

Ich will gar nicht länger über NEVER TOO YOUNG TO DIE schwadronieren: Besser, als über Lieblingsfilme zu reden, ist es, sie sich anzuschauen. Wer also ein Faible für das Absonderliche hat, das auf unerklärliche Weise mitten im glattgebügelten Mainstream gedeihen konnte, der muss diesen Film sehen. Nur selten wurden so viele schlechte Ideen zu einem so großartigen Film zusammengerührt, wurden das Blöde und Triviale durch bloße Akkumulation des Blöden und Trivialen transzendiert und reine Schönheit daraus geboren. Es hilft beim Genuss ganz bestimmt, wenn man sich ein wenig seiner Kindlichkeit bewahrt hat. Aber auch, wenn man nie den Wunsch hatte Superagent und Weltretter zu werden, einen absurd kostümierten Supervillain zu besiegen und seine Männlichkeit im Liebesspiel mit einem Pop- und Drogenstar unter Beweis zu stellen, muss man sich nicht grämen. NEVER TOO YOUNG TO DIE beweist, dass es für Regress nie zu spät ist. Siehe Filmtitel. In diesem Sinne: STARGROVE!

17
Okt
11

joysticks (greydon clark, usa 1983)

Die Jugendlichen von River City versammeln sich in ihrer Freizeit in der Automaten-Spelhalle des Jungunternehmers Jefferson (Scott McGinnis). Dort gehen ihm der Nerd Eugene (Leif Green) und der gammlige Dorfus (Jim Greenleaf) zur Hand und versuchen einigermaßen Ordnung ins Chaos zu bringen. Als der videospielsüchtige King Vidiot (Jon Gries) nach einem verlorenen Wettkampf gegen Dorfus ausrastet und Hausverbot erhält, nimmt sich der schurkische Joseph Rutter (Joe Don Baker) seiner an, dem die Spielhalle ein Dorn im Auge ist. King Vidiot soll ihm dabei helfen, die Schließung des sündigen Etablissements zu erwirken …

Volltreffer! Die Wertschätzung, die JOYSTICKS im Buch “Destroy all Movies! The Complete Encyclopedia to Punks on Film” erfahren hat, hat diesen Film, der mir bis vor Kurzem vollkommen unbekannt war, an die Spitze meiner Wunschliste katapultiert. Ihn zu Gesicht zu bekommen war dann aber gar nicht so einfach, weil er nur auf einer mittlerweile vergriffenen RC-1-DVD erhältlich ist, die ihn zudem im falschen Bildformat präsentiert. Dank der wunderbaren Welt des Internets habe ich ihn jedoch ausfindig machen und dieses Wochenende sehen können: Und ich bin dadurch ein anderer Mensch geworden.

Zugegeben: JOYSTICKS ist ein reichlich alberner Teeniefilm, dessen Humor sich auf Zoten und wilden Klamauk beschränkt und der in erster Linie darauf bedacht ist, der Meute zu geben, was sie braucht: Ein, ähem, “fetziger” Eighties-Soundtrack peitscht den stulligen Plot nach vorn, in regelmäßigen Abständen entblößte Brüste fungieren als Köder, um die männlichen Zuschauer bei Stange zu halten (pun intended), Jugendkultur und alles, was dazugehört, wird enthusiastisch gefeiert und der Bösewicht ist ein spießiger Erwachsener mit Spielverderberambitionen. Das alles wird, man ahnt es schon, zwar auf überaus mäßigem technischen und erzählerischen Niveau dargeboten, doch verbreitet JOYSTICKS dabei ein Laune, die immens ansteckend ist. Greydon Clark liefert Achtzigerjahre-Kino in Reinkultur: Schon die zahlreich abgelichteten Videospielklassiker (und die dazugehörigen Sounds) lassen den Nostalgiker frohlocken, die erwähnte Musikuntermalung – der Titelsong besingt im Refrain “super awesome video games” – und die Ausstattung des Films tun ihr Übriges. JOYSTICK ist herrlich hysterisch und durchgeknallt, zu keiner Sekunde irgendwie “ambitioniert”, außer in dem Unterfangen, möglichst viel reuelosen Spaß zu verbreiten, ein Sammelsurium bescheuerter Ideen, hirnrissiger Späße und überzeichneter Figuren. Ganz weit vorn ist der großartige King Vidiot, ein hyperbolisch krakeelender New-Wave-Punk mit gebleichtem Gesicht, lilafarbenen Haaren, einer nieten-, sicherheitsnadel- und kettenbewehrten Lederjacke und einem vierköpfigen Tross roboterartig gehorsamer Punkdamen, der den Weltschmerz von Frankensteins Monsters durchs das Dasein als Punk kanalisiert. Er träumt von “wheels” (und bekommt deshalb später einen Satz Minimotorräder für sich und seine Sklaven geschenkt, die keinen weiteren Zweck haben, als Anlass für eine kurze Fahrsequenz zu bieten), bricht schonmal kreischend zusammen, wenn es nicht so läuft, wie er will, macht einem hässlichen Mann in Frauenkleidern den Hof und frisst vor Freude einen Gummibaum (!), als ihm der Bösewicht für seine Dienste ein eigens Videospiel verspricht. An diesen Irrsinn reichen Charaktere wie Eugene, der ständig furzende Dorfus, das strunzblöde Valley Girl Patsy Rutter (Corinne Bohrer) oder dessen nymphomanische Mutter zwar nicht heran, bewegen sich allesamt noch im Rahmen dessen, was man von solchen Filmen erwarten darf, trotzdem muss man sich keine Sorgen darüber machen, dass JOYSTICKS nur Klischees reproduzierte. Greydon Clark füllt diese stattdessen mit neuem, drogeninduzierten Leben, lässt die Bremse Bremse sein und seinen Film mit Karacho die Schallmauer durchbrechen. JOYSTICKS ist ein neuer Lieblingsfilm und darf es sich in der Nähe des kaum weniger bekloppten THE PARTY ANIMAL bequem machen. Super awesome!

09
Okt
11

wet hot american summer (david wain, usa 2001)

Im Camp Firewood bricht der letzte Tag an, bevor alle – die Kinder wie die Betreuer – wieder bis zum nächsten Sommer in den Alltag zurückkehren. Wer es bis jetzt noch nicht geschafft hat, sich einen neuen Freund oder eine neue Freundin zu angeln oder wenigstens reuelosen Sex zu haben, für den wird es höchste Zeit …

WET HOT AMERICAN SUMMER habe ich vor zehn Jahren mal ohne größere Erwartungen für einen Bierabend in einer Videothek ausgeliehen – und war begeistert. Außer Janeane Garofalo (und vielleicht noch David Hyde Pierce) kannte ich damals keinen der Beteiligten, sodass mich der Film komplett unvorbereitet erwischen konnte. Das erste Wiedersehen seit damals war eine kaum weniger große Überraschung, weil sich der Film heute als eine Art Bewerbungsschreiben heute mehr oder weniger berühmter Comedy-Größen darstellt. David Wain drehte vor ein paar Jahren den unterschätzten ROLE MODELS, Bradley Cooper und Paul Rudd sind in Hollywood mittlerweile erste Wahl, wenn es darum geht, männliche Herzensbrecher zu besetzen, Amy Poehler hat den Sprung von der SNL-Bühne ins Filmgeschäft ebenso geschafft wie Molly Shannon, Elizabeth Banks kann sich über mangelnde Engagements ebenfalls nicht beklagen und Christopher Melonis Gesicht kennt jeder, der sich abends schonmal gelangweilt durchs Fernsehprogramm gezappt hat.

WET HOT AMERICAN SUMMER ist eine Parodie auf das in den Achtzigerjahren so beliebte Teeniefilm-Subgenre des Summercamp-Films, zieht sein Programm aber weitestgehend straight durch, anstatt in die dekonstruktivistischen Gefilde der Zucker/Abrahams/Zucker-Filme vorzudringen. Der Gag besteht in erster Linie darin, dass alle als Betreuer besetzten Darstellers viel zu alt für ihre Rollen sind, doch was sich auf dem Papier wie eine kaum tragfähige Idee liest, entpuppt sich als komödiantisches Gold. Janeane Garofalo spielt ihre Campdirektorin Beth als sozial unbeholfenen Sonderling, Paul Rudd ist der attraktive Rebell Andy, der völlig unfähig ist, sich Regeln zu unterwerfen und jedes Commitment als unerträglichen Eingriff in seine Freiheit empfindet, Bradley Cooper gibt den schwulen Ben, der zusammen mit der überehrgeizigen Susie (Amy Poehler) für die Talentshow am letzten Abend zuständig ist, Molly Shannon soll als Gail die Bastelgruppe leiten, rutscht aber vor Schmerz über ihre kaputte Ehe von einem Nervenzusammenbruch in den nächsten, Christopher Meloni spielt den Koch Gene, der einen Schaden aus dem Vietnamkrieg mitgebracht hat, und David Hyde Pierce einen Astrophysiker, der sein Häuschen auf dem Campgrundstück hat, sich in Beth verliebt und am Schluss schließlich den Tag rettet, als er mit einer Gruppe von Nerds den Einschlag eines Teils einer Raumstation vorhersieht und großen Schaden verhindert. Aus dieser Personenkonstellation holt Wain das Optimum raus und wo das nicht reicht, das besorgen die absurden Einfälle den Rest.

Da steigern sich die Betreuer beim Trip in die nächste Stadt von der Zigarette bis zum Schuss in einem ranzigen Hotelzimmer, wird eine hochdramatische Verfolgungsjagd zwischen einem Motorrad und einem Fußgänger (!) kurz vor der Entscheidung von einem auf der Straße liegenden Heuballen unterbrochen, überzeugt eine Konservendose den Koch Gene zu seinen  Perversionen zu stehen, die der dann prompt in einer pathetischen und frenetisch bejubelten Rede vor vollbesetztem Speisesaal gesteht, überwindet der liebenswerte Versager Coop (Michael Showalter) seinen Liebeskummer in einer obligatorischen Montage-Trainingssequenz, die sowohl FLASHDANCE als auch ROCKY III persifliert, und begeistert der Obernerd Steve (Kevin Sussman) das Auditorium bei der großen Talentshow damit, dass er durch Gedankenkraft einen Wirbelsturm entfacht.

Ich kann mir schon vorstellen, dass WET HOT AMERICAN SUMMER mit seinem merkwürdigen Humor nicht jedermanns Geschmack ist; ich finde ihn große Klasse.

12
Sep
11

eat my dust! (charles b. griffith, usa 1976)

Hoover Niebold (Ron Howard), Sohn des Kleinstadtsheriffs (Warren Kemmerling), Autonarr und stolzer Rekordhalter in Sachen Geschwindigkeitsübertretungen, will der blonden Darlene Kurtz (Christopher Norris) imponieren, klaut kurzerhand den Rennwagen von Big Bubba Jones (Dave Madden) und begibt sich mit der Angebeteten auf eine wilde Spritztour quer durchs Hinterland, bei der Polizeiautos und Wohnhäuser gleich dutzendweise zerstört werden. Ein Ende ist nicht in Sicht, denn Hoover hat bald so viele Straftaten angehäuft, dass er den Rest seines Lebens im Bau verbringen müsste …

Herrlich! Ich wage zu behaupten, dass der Konflikt zwischen Alt und Jung und das Vorrecht der Jugend auf Wildheit und Rebellion nie (oder zumindest: selten) pointierter in Bilder gegossen wurde, als in diesem Exploiter aus Roger Cormans New-World-Schmiede, die den Auftakt für die Filmkarriere Ron Howards bedeutete. (Dass der mit dieser Karriere nicht mehr anzufangen wusste, als identitätsloses und gefühlsduseliges Eventkino für empathielose Bürokraten zu produzieren, sollte man Corman nicht anlasten.) Was an EAT MY DUST! einfach begeistert, dass ist die Reduktion auf einen kurzen, emotional deshalb umso schneller ins Ziel vorstoßenden Plot, das lustvolle Zelebrieren der Zerstörung,  die humorvolle Inszenierung, die sich mit hemdsärmeligen Tricks an die Seite der Jugend mit ihrer Anything-goes-Mentalität stellt (wenn ein Stunt schiefgeht, die Verfolgung mithin ein jähes, unbeabsichtigtes Ende fände, wird so einfach mal der Film angehalten und zurückgespult), und schließlich das konsequente Ausreizen dieser Elemente. Man muss zum Verständnis von EAT MY DUST! keine Bücher gewälzt haben, man muss sich nicht in Kunstgeschichte auskennen, um seine Bilder zu begreifen: Es wird alles unverkennbar an der Oberfläche, in grellen Farben und mit entprechender Lautstärke verhandelt, aber das geht niemals auf Kosten der Sensibilität: Das Finale, wenn die Jagd vorbei ist, Hoover und Darlene sich gegenüberstehen, und klar wird, dass hier nicht der Samen der Liebe gesät wurde, sondern zumindest einseitig lediglich der jugendlichen Vergnügungssucht gefolgt wurde, kommt ebenso unerwartet wie es gottverdammt war ist. Manchmal klickt es, manchmal nicht. Kein Grund, jemandem böse zu sein. Die Lehre, die man aus EAT MY DUST! – neben 85 Minuten guter Laune – mitnehmen kann (wenn man denn will), lautet also nicht wie so oft, “Sei du selbst, dann findest du die große Liebe”, sondern “Sei du selbst. Dann hast du dir nichts vorzuwerfen, wenn dir die große Liebe einen Korb gibt.”

Begeisterung.

27
Jul
11

adventureland (greg mottola, usa 2009)

Eigentlich will James Brennan (Jesse Eisenberg) mit seinem Kumpel nach Europa reisen, bevor er in New York mit dem Studium beginnt, doch dann macht ihm ein finanzieller Engpass einen Strich durch die Rechnung. Anstatt also die lose Moral europäischer Mädchen auszunutzen, muss James im maroden Vergnügungspark “Adventureland” anheuern, um etwas Geld für seinen Umzug in die Ostküstenmetropole zu verdienen. Der triste Arbeitsalltag dort schweißt die deprimierten Ferienjobber umso enger zusammen und so lernt James die süße Em (Kristen Stewart) kennen, in die er sich Hals über Kopf verliebt. Was er nicht weiß: Em hat eine Affäre mit Mike Connell (Ryan Reynolds), dem verheirateten Hausmeister des Parks. Und ausgerechnet diesen sucht sich James als Berater in Liebesdingen aus …

Die Masche von Judd Apatow – narzisstischen, unreifen Nerds beim Ausleben ihres Weltschmerzes und dem Reißen von infantilen Pimmelwitzen zuzuschauen – hatte sich für mich spätestens mit dem unterirdischen FUNNY PEOPLE abgenutzt. Greg Mottolas ADVENTURELAND, dem Nachfolger des erfolgreichen SUPERBAD, bei dem Apatow mal wieder noch als Produzent fungiert hatte, stand ich demzufolge zunächst etwas skeptisch gegenüber: Zwar waren die von Apatow produzierten Filme bislang allesamt besser als sein Regie-Output, doch Mottola konnte sich mit SUPERBAD noch nicht ganz von seines Mentors Hang zur Zote lossagen, was dem Film dann auch seine schwächsten Momente bescherte. Würde sich Apatows Abwesenheit hier entsprechend positiv auswirken? Antwort: Eindeutig ja.  In der Welt von ADVENTURELAND findet man sich als Apatow-erprobter Zuschauer zwar sofort zurecht – auch hier werden die Nerds und Outcasts von den “Normalen”, die sich auf die Aufrechterhaltung des schönen Scheins spezialisiert haben, gegängelt und drangsaliert -, aber dem Film geht zum Glück sowohl die selbstmitleidige Art seiner Protagonisten als auch das nervtötende Abfeiern des eigenen Stillstands als nonkormistischem Way of Life ab. Während FUNNY PEOPLE dem Zuschauer, der mit dem störrischen Slackertum seiner Hauptfiguren nichts anfangen konnte, mit geradezu herablassender Trotzigkeit begegnete, ist ADVENTURELAND offener, nachgiebiger, verständnisvoller und selbstkritischer. Das liegt natürlich auch darin begründet, dass seine Charaktere noch voll damit beschäftigt sind, sich zu finden: ADVENTURELAND ist ganz allgemein ein Film über die Jugend und das Erwachsenwerden und letzten Endes sitzen alle seine Figuren im selben Boot, so unterschiedlich sie auch sein mögen. Der titelgebende Vergnügungspark ist nur ein Spiegel der großen, weiten Welt da draußen: Man schlägt die Zeit mit schwachsinnigen Tätigkeiten tot, wird mies bezahlt und muss ständig damit rechnen, einem Arschloch zu begegnen, das seinen Frust an anderen auslässt. Die Kunst besteht darin, die Menschen zu finden, mit denen man etwas teilt und alle anderen so gut es geht zu ignorieren, ohne dabei jedoch zum Misanthropen zu werden.

Was mir am an ADVENTURELAND am besten gefallen hat, das ist zum einen, wie er sein zusammengewürfeltes, hochgradig heterogenes Personeninventar über den gemeinsamen Job zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammenführt: Jede dieser Figuren spielt eine Rolle, jeder kommt eine Funktion für die Entwicklung des Hauptcharakters James Brennan zu, keiner von ihnen ist austauschbar. Mottola erzeugt einen Sinn von Gemeinschaft und Familie, der meilenweit vom Zynismus Apatows entfernt ist. Bmerkenswert sind auch der Look des Films und die Art, wie Mottola sich einerseits in Nostalgie ergeht, dabei jedoch andererseits stets der Versuchung widersteht, seinen Film mit abgeschmackten Verweisen und Zitaten anzureichern und so dem Trugschluss aufzusitzen, dies trüge zur Authentifizierung bei. ADVENTURELAND spielt zwar in den späten Achtzigerjahren, aber seine Welt sieht bis auf einige  Hinweise fast zeitlos unkonkret aus. Anstatt mit den ach so lustigen Achtzigerklamotten und einem Best of der abgenudeltsten Achtzigerjahre-Hits einen auf Eighties-Revival zu machen, evoziert ADVENTURELAND eher den Eindruck einer bereits leicht verblassten und unkonkreten Erinnerung, in der so mancher grelle Tupfer schon von matteren Tönen ersetzt wurde. Und wenn ikonischer Eighties-Pop wie etwa Falcos “Rock me Amadeus” erklingt, dann schließt sich daran meist leise Zeitgeistkritik an (die im Einklang mit der Outcast-Thematik steht), lieber jedoch huldigt Mottola Postpunk- oder Alternative-Größen wie den Residents, Hüsker Dü und den Buzzcocks, die in den Achtzigern selbst eher unter dem Radar des Mainstreams durchflogen, oder aber Musikern wie Lou Reed und Velvet Underground, deren Heldentaten noch auf das vorige Jahrzehnt datierten. Das hat zur Folge, dass ADVENTURELAND weniger den Versuch einer Art Kollektiverinnerung der Achtzigerjahre darstellt, als vielmehr einen sehr individuell geprägten Blick auf dieses Jahrzehnt wirft, bei dem Popkultur-Trivia nur eine von vielen Zutaten, aber längst nicht die wichtigste ist. Nostalgie ist eben vor allem ein Gefühl: das Gefühl, das sich mit der plötzlich über einem hereinbrechenden Gewissheit einstellt, dass man von all den unzähligen Möglichkeiten, die einem damals offenstanden, zielstrebig genau jene auswählte, die einen ins Hier und Jetzt führten, sich die Vielzahl von Zufällen rückblickend plötzlich zu einer sinnstiftenden Geschichte zusammenfügt. Die Leichtigkeit, mit der Mottola in ADVENTURELAND unverwechselbare Identität aus der totalen Kontingenz, Schönheit aus dem Banalen und Heldenhaftigkeit aus dem nackten Sein entwirft, hat mich gestern tief berührt. Ein wunderschöner Film, eine Klasse für sich.

21
Jul
11

valley girl (martha coolidge, usa 1983)

Julie Richman (Deborah Foreman) lebt mit ihren New-Age-Eltern im bürgerlich-sauberen Valley gleich hinter den Hollywood-Hills. Die Interessen, die sie mit ihren gleichgesinnten Freundinnen teilt, sind Einkaufen gehen und Jungs vom Schlage des chauvinistischen Tommy (Michael Bowen). Doch als sie sich in den Punk Randy (Nicolas Cage) verliebt und sich von ihm in die fremde, aufregende und gar nicht mehr so saubere Welt jenseits der Berge entführen lässt, öffnet sich ein Graben zwischen ihr und ihrer Clique und sie muss eine Entscheidung treffen …

Auf diesen Film, der in den USA nicht nur ein veritabler Hit war, in Deutschland jedoch kaum bekannt ist, bin ich durch das hier schon einmal angepriesene Buch “Destroy All Movies!!! The Complete Guide To Punks On Film” aufmerksam geworden. Dieses widmet ihm einen leuchtenden Eintrag, dem man auch entnehmen kann, welchen Einfluss der Film wohl auf amerikanische Jugendliche zu Beginn der Achtzigerjahre gehabt haben muss. Punk ging nahtlos in New Wave über und biss sich im Mainsream fest und VALLEY GIRL hält diese aufregende Zeit in farbenfrohen Bildern fest. Dabei ist seine Geschichte eigentlich jedem, der mehr als eine Teenrieromanze gesehen hat, hinreichend bekannt: Er erzählt vom Zusammenfinden zweier grundverschiedener, aber doch seelenverwandter Menschen, von ihrer durch den Neid und die Missgunst vermeintlicher Freunde herbeigeführter Trennung und schließlich von der Überwindung dieser Kluft. Er beinhaltet die obligatorische Rede über die Flüchtigkeit der äußeren Erscheinung und die Bedeutung innerer Werte sowie die damit einhergehende Geißelung eines blinden Materialismus. Doch darin erschöpft sich der Film zum Glück nicht. Unter der Regie von Martha Coolidge – die auch den tollen REAL GENIUS zu verantworten hat – tritt das pathetisch-verlogene “Sei du selbst!”-Geschwafel (das ironischerweise meist vor dem Hintergrund des Konformismus betrieben wird) in den Hintergrund und gerät stattdessen die ganz normale postpubertäre Konfusion in den Blick: Das oberflächliche Geschwätz der Clique, ihr Favorisieren von oberflächlichen Merkmalen, ihr ahnungsloses Gegacker über Sex wirkt hier nicht nervtötend und hohl, sondern geradezu rührend vor lauter Naivität.

Dem Klassenkonflikt, der auch hier evident ist – Julie und ihre Freundinnen entstammen einem bürgerlichen Milieu, Randys Wurzeln scheinen hingegen in der Arbeiterklasse zu liegen -, wird die soziopolitische Schärfe genommen, indem Julies “Grenzüberschreitung” zu einem notwendigen “Blick über den Tellerrand” verallgemeinert wird. Dass Randy aus Hollywood kommt und Julie aus dem Valley, ist letztlich gar nicht so entscheidend, viel wichtiger ist, dass beide Orte durch eine Hügelkette voneinander getrennt sind, der eine vom anderen somit, wie ein Song des Films es ausdrückt, “A Million Miles Away” ist und beide diese Hügelkette überwinden, sich öffnen müssen, um ein Fundament für die gegenseitigen Gefühle zu schaffen. Sind es also vor allem kleine Details des Spiels und der Charakterzeichnung, die VALLEY GIRL von generischem Teeniekäse abheben – Deborah Foremans Julie ist eigentlich ein bisschen zu brav und tantig für die Protagonistenrolle und Nicolas Cage (hier zum ersten Mal nicht unter dem Namen Coppola unterwegs) lässt sich als Randy auch nicht bequem auf ein, zwei Kerneigenschaften (Tough Guy, Romantiker, Schönling, Exot) festlegen – so bricht doch vor allem das Finale mit den Konventionen, wenn eines der wichtigsten amerikanischen Initiationsrituale – der Abschlussball – lustvoll auseinandergenommen wird. Vor allem hier wird deutlich, dass VALLEY GIRL seinen jugendlichen Protagonisten nicht erwachsene Werte als ihre eigenen verkaufen will, sondern die Welt konsequent durch deren Augen betrachtet. Fühlt man sich vom Gequassel genervt, findet man ihre Entscheidungen unreif oder widersinnig, so hilft fast immer der Schritt zurück, um zu erkennen, dass sich diese Kids tatsächlich so verhalten wie ihre real existierenden Pendants. Keine kleine Leistung, finde ich.

So ganz kann Coolidge ihren aufklärerischen Impetus aber doch nicht verbergen. Nicht umsonst heißt ihr Film nach dem (von Wikipedia nicht verifizierten) geflügelten Wort für materialistische, ungebildete, in einem eigenen entsetzlichen “Valspeak” quasselnde Durchschnittshühner, denen der Weg über den sprichwörtlichen Berg nie gelingt. Sich die Haare zu färben und in verschwitzten Pinten rumzuhängen, mag nicht der exklusive Weg zur geistigen Reife und Weisheit sein, aber es kann nicht schaden, die Erfahrung gemacht zu haben. Und sei es nur, um sie für sich verwerfen zu können.

20
Jul
11

the boys next door (penelope spheeris, usa 1986)

An ihrem letzten Schultag vor dem Beginn des Daseins als Erwachsene beschließen die beiden sozialen Outcasts Bo (Charlie Sheen) und Roy (Maxwell Caulfield) nach L. A. zu fahren, um es dort noch einmal so richtig krachen zu lassen. Doch der Ausflug beendet in mehr als einer Hinsicht ihre Jugend: Der von der Außenwelt komplett entfremdete Roy spürt in sich nämlich das unstillbare Verlangen, einen Menschen zu töten …

Gleich nach ihrem desillusionierenden Jahrhundertwerk SUBURBIA drehte die filmische Jugendbeauftragte Penelope Spheeris diese kalte Hundeschnauze von einem Film, der ihr Plädoyer aus dem erstgenannten noch einmal bekräftigt. Flüchten sich die vernachlässigten Kids aus SUBURBIA in eine Ersatzfamilie aus Gleichgesinnten und in den artikulierten Zorn des Punk, um den sozialen Halt nicht vollständig zu verlieren, und lösen sie damit nur wieder das Unverständnis, die Angst und den Hass der Erwachsenen aus, die eine Alternative zu ihrem Lebensstil nicht akzeptieren können, zeigt THE BOYS NEXT DOOR unmissverständlich, was passiert, wenn jegliches Ventil, die eigenen Frustrationen abzulassen, fehlt. Für Roy ist schon von Beginn an alles zu spät: Sein smartes Lächeln kann nicht verbergen, dass ihn Gewaltfantasien ausfüllen, sein aufgepumpter Körper ist kein Zeichen von Sportsgeist und Ehrgeiz, sondern von Travis Bickle’scher Mobilmachung gegen den unspezifischen Feind, sein Vater ist ein Säufer und sein bester Freund Bo selbst noch zu unreif und beeinflussbar, um die richtigen Fragen zu stellen. Für die Armee, die allein seine Bedürfnisse noch in eine gesellschaftlich akzeptierte Richtung lenken könnte, mangelt es ihm an der nötigen Disziplin und der Bereitschaft zur Selbstaufgabe, also muss sich seine ganze angestaute Aggression – die seinen muskulösen Körper förmlich niederzudrücken scheint – anders Bahn brechen. Wenn er sich auf seine Opfer stürzt und ohne Rücksicht auf sie einprügelt, auch wenn sie schon längst am Boden liegen, kommt ein krasses Maß an Selbsthass und Verzweiflung darin zum Ausdruck, die zu heilen kaum noch möglich ist.

Spheeris’ Kamera vollzieht dies dadurch nach, indem sie immer wieder die Furcht und damit das Kindliche im Blick Roys aufspürt – und mit ihr  seinen menschlichen Kern -, besorgt beobachtet, wie diese Furcht mehr und mehr von einer gefährlichen Leere aufgelöst wird, und in den Gewaltszenen, in denen eine vormoralische Kraft sich seines Körpers zu bemächtigen scheint, auf Distanz geht, schockiert von dem, was da mit ihm passiert. Es mag bei so viel Kälte widersprüchlich klingen, aber THE BOYS NEXT DOOR ist ein einfühlsamer Film, weil er sich mit Vorverurteilungen zurückhält, er seinen beiden hoffnungslosen Protagonisten vielmehr mit Sympathie und Mitgefühl begegnet und eine Welt zeigt, in der es allzu leicht ist, zum misanthropischen Soziopathen zu werden. Als Roy auf offener Straße einen Tankwart zusammenschlägt, reagiert kein einziger der zahlreichen Passanten und der “Augenzeuge”, der sich der Polizei anbietet, ist ein alter Mann, der die Gelegenheit prompt dazu nutzt, das Verbrechen einem Schwarzen und einem Hispanic zuzuschieben. Roy verfährt genauso, nur seine Mittel sind ungleich drastischer: Den Wohlstand, der um ihn herum als erstrebenswert ausgestellt wird und von dem er weiß, dass er ihn niemals wird erreichen können, das Glück, das ihm verstellt bleiben wird, die Liebe, die er nicht erfahren wird, weil er sich selbst hasst, all das soll auch kein anderer haben. Und wer sich diesem unausgesprochenen Diktum widersetzt, ist ein Verräter und muss bestraft werden. Doch die Kluft, die Roy zwischen sich und der Gesellschaft spürt, wird so nur noch größer: Denn nichts ändert sich durch seine Gewalttaten. Im Gegenteil zementieren sie nur seinen Status als vom Schicksal Übergangener.

THE BOYS NEXT DOOR schwächt seinen Impact ein wenig durch die einleitende Creditsequenz, in der mittels Archivbildern und Kommentaren eine Parallele zu berühmt-berüchtigten Serienmördern gezogen wird: Die einfache Message lautet, dass sich das Böse manchmal hinter einer sehr alltäglichen Maske verbirgt. Das trifft zwar auf Spheeris’ Film auch zu, verdeckt meines Erachtens aber den sozialkritischen Kern ihres Films, der doch nicht die bloße Existenz eines zwar banalen, aber dennoch voraussetzungslosen Bösen konstatiert, als vielmehr einen graduellen Übergang von jugendlicher Devianz hin zur pathologischen Mordlust erkennt und damit auch eine Möglichkeit, wenn nicht gar Verpflichtung, zur gesellschaftlichen Intervention. Vielleicht ist diese Creditsequenz aber auch eher als Warnung zu verstehen: Der Grundstein für ein Dasein als Serienmörder wird in Kindheit und Jugend gelegt. Wehret den Anfängen! Wie dem auch sei: THE BOYS NEXT DOOR ist bärenstark, profitiert von Caulfields wirklich furchteinflößender, beunruhigender Darstellung und der linkischen Naivität, die der spindeldürre Charlie Sheen mitbringt. Die ausgezeichnete Fotografie und der gleichermaßen mit Punk- und Hardrocksongs gespickte Soundtrack schaden gewiss auch nicht und der visuelle Zirkelschluss, der die Klammer für THE BOYS NEXT DOOR bildet, ist zu schön, um wahr zu sein.

 

 

01
Jul
11

o. c. and stiggs (robert altman, usa 1985)

Phoenix, Arizona: Oliver Cromwell Ogilvie, kurz O. C. (Daniel Jenkins), und sein Kumpel Mark Stiggs (Neill Barry) vertreiben sich ihren letzten Sommer vor dem Gang aufs College damit, die verhasste Upper-Middleclass-Familie um den Versicherungszampano Randall Schwab (Paul Dooley) zu quälen und bloßzustellen …

Auch wenn ich der unumstößlichen Meinung bin, dass die zahlreichen Rezensenten, die O. C. AND STIGGS als Altmans größten Fehlschlag bezeichnen, dass nur tun, weil sie entweder QUINTET nicht gesehen haben oder aber zu besessen davon sind, als gebildete, kunstbeflissene, sensible und durch und durch aufgeklärte Liberale durchzugehen, als dass es ihnen möglich wäre, dem bemüht wichtigen STREAMERS diese hochverdiente Ehre zukommen zu lassen, fällt es nicht schwer, seinen Versuch, eine auf Charakteren aus dem Witzmagazin “National Lampoon” basierende Teeniekomödie zu inszenieren, als weitestgehend gescheitert zu betrachten. Altman selbst macht keinen Hehl daraus: Das Drehbuch Ted Mann und Donald Cantrell gefiel ihm überhaupt nicht, sodass er deren straighte Teeniekomödie in eine ihm besser zu Gesicht stehende Satire auf amerikanisches Spießertum und Konformität umformte, damit wiederum den Zorn der Autoren und die Ratlosigkeit des Studios auf sich ziehend, die den Film kurzerhand für zwei Jahre in die Archive verbannten und ihn erst dann auf ein vollkommen gleichgültiges Publikum losließen.

Angesichts der Tatsache, dass Altmans Film eigentlich ein ziemlicher Schlag ins Gesicht des Durchschnittsamerikaners ist, der seine hart erarbeiteten Dollars an der Kinokasse für eine locker-flockige Teeniekomödie bezahlte, dann aber ein anarchisches Durcheinander zu Gesicht bekam, in dem alles, was ihm lieb und teuer war, mit ätzendem Spott überzogen wurde, ist die Reaktion “Gleichgültigkeit” eigentlich fast noch als Triumph zu bewerten. Wie seine beiden Protagonisten, die ihre Verachtung für die geschmacklos-unkultiviert-dekadenten Schwabs gar nicht mehr verbergen können und deren “Streiche” mehr als einmal die Qualität von Terroranschlägen annehmen, so arbeitet sich Altman mit Gusto an der heilen Mainstreamkinowelt ab: Sein Film ist ein großes “Fuck you!” an den Eskapismus, an die Idee wohlgeformter, gut reinlaufender Unterhaltung, an affirmatives, den Status quo erhaltendes Message-Kino und ans Wohlfühl-Bedürfnis des Publikums. Mehr als einmal fühlte ich mich an BREWSTER MCCLOUD erinnert, denn wie in jenem Film erteilt Altman den Konventionen von linearer Narration und psychologischer Charakterisierung in O. C. AND STIGGS eine Absage. Gespickt mit Filmzitaten (Dennis Hopper wiederholt seine Rolle aus APOCALYPSE NOW, eine spontane Tanzeinlage referenziert den vergangenen Glamour von Fred Astaire und Ginger Rogers, ein Trip nach Mexiko erinnert an verschiedene Western und Ray Walston gibt die Rentnerversion eines ausgebrannten Noir-Cops), Selbstbezügen (der Politiker Hal Phillip Walker aus NASHVILLE zeigt hier endlich auch sein Gesicht, die Comichaftigkeit erinnert an Altmans letzten Ausflug ins Mainstreamkino mit POPEYE), dem expressiven Einsatz von Musik (das chaotische Treiben der Schwabs wird einmal von Henry Mancinis PINK PANTHER-Melodie unterlegt) und den in diesem Sujet fremdartig erscheinenden typischen Altmanismen wie den überlappenden Dialogen und der mäandernden Kamera, ist O. C. AND STIGGS Metakino vom allerfeinsten, das nie einen Hehl daraus macht, am Plot kaum mehr als ein sekundäres Interesse zu haben. Die Geschichte, wenn man sie denn so nennen will, folgt einer den Rhythmus völlig zerstückelnden Rückblendenstruktur und statt einer runden Dramaturgie gibt es mehrere völlig ins Leere laufende Episoden.

Auch die zahlreichen Gags taugen kaum dazu, sich freudig auf den Schenkel zu klopfen: Da berichtet ein Penner namens Wino Bob (Melvin Van Peebles), Lincoln habe die Sklaven nur deshalb befreit, weil er sich im Vollrausch befand, verbirgt die Alkoholikerin Elinor Schwab (Jane Curtin) ihren Schnaps in immer absurder werdenden Verstecken, obwohl ihre Familie eigentlich eh völlig gleichgültig ist, verteilen die beiden Protagonisten T-Shirts, die mit dem Firmenlogo von Schwabs Versicherung bedruckt sind, an die Pennerfreunde von Wino Bob, damit diese damit in der Stadt herumlaufen, drücken dem nerdigen Schwab-Sohn Randall jr. (Jon Cryer) auf der Hochzeit von dessen Schwester ein geladenes Maschinengewehr in die Hand und sind die Dialoge der braven Durchschnittsbürger von gesalzenen Rassismen durchzogen, die deutlich machen, dass ihnen das amerikanische Herrenmenschendenken ganz selbstverständlich geworden ist.

“Gefallen” im herkömmlichen Sinne hat mir O. C. AND STIGGS nicht. Aber wie ich weiter oben schon sagte: Er ist ausdrücklich gegen ein solchens “leichtes” Gefallen inszeniert, weswegen auch ein Mäkeln daran, dass hier im Grunde nichts so richtig zusammenpasst, den Kern der Sache verfehlt. Als heimtückischen Guerillafilm, als Wolf im Schafspelz, als gefährlichen Querschläger, als filmischen Doppelagenten und als Nackenschlag gegen die Rezipienten-Bequemlichkeit ist O. C. AND STIGGS ausgezeichnet. Altman hat sich mitnichten einen Fehlgriff geleistet: Er wusste ganz genau, was er hier tat. Und das nötigt mir großen Respekt ab. Wie viele einst mit großen Idealen gestartete Filmemacher sind dann doch irgendwann dem Duft des großen Geldes gefolgt oder haben just in dem Moment, als es darauf ankam, für diese Ideale tatsächlich einzutreten, den Schwanz eingekniffen? Eben.

Einen schönen Text – einen der wenigen positiven – zum Film hat Georg Seeßlen verfasst. Er findet sich hier.




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