Mit ‘Thriller’ getaggte Beiträge

Zu ihrem Hochzeitstag versammeln Paul (Rob Moran) und Aubrey Davison (Barbara Crampton) ihre vier erwachsenen Kinder und deren Partner in ihrem riesigen Landhaus. Während die beiden ältesten Söhne Crispian (AJ Bowen) und Drake (Joe Swanberg) beim Abendessen sofort wieder in ihren alten Streit verfallen, fällt der Freund von Tochter Aimee (Amy Seimetz) einem von außen durchs Fenster geschossenen Pfeil zum Opfer. Unbekannte, mit Tiermasken verkleidete Gewaltverbrecher haben das Haus umstellt und es auf das Leben der Bewohner abgesehen. Für die beginnt ein erbitterter Kampf um Leben und Tod, den vor allem Crispians Freundin Erin (Sharni Vinson) mit äußerster Entschlossenheit kämpft …

In den vergangenen zehn Jahren etablierte sich innerhalb des Horrorfilmgenres der sogenannte “Terrorfilm”: Die Filme, die diesem Begriff subsummiert werden, zeichnen sich durch eine meist “realistische” Handlung aus, also den Verzicht auf übersinnliche oder fantastische Elemente, und reduzieren diese auf ein relativ einfaches Drohszenario. Gewaltdarstellungen sind heftig und brutal, ohne im Stile des Funsplatters allzu breit ausgewalzt zu werden, der Tod ist stets etwas, das unvermittelt und mit unerbittlicher Härte ins Durchschnittsleben seiner Allerweltscharaktere eingreift. Die Motivation hinter den Gewalttaten entspringt entweder einem derangierten Innenleben – etwa dem Wahnsinn des Mörders – oder aber sie bleibt ganz verborgen: ein Einbruch des Irrationalen in eine durch Überschaubarkeit geprägte Welt. YOU’RE NEXT gehört einerseits sehr deutlich dem Terrorfilm an – inhaltlich erinnert er mit seiner Home-Invasion-Thematik an Filme wie ILS, THE STRANGERS oder auch an die erste Hälfte von HAUTE TENSION –, andererseits schlägt er von diesem wieder einen Pfad zurück zum traditioneller angelegten Erzählkino. Die “motivlos” zuschlagenden Mörder entpuppen sich im Verlauf des Filmes als keinesfalls aus dem Nichts zuschlagende Killer, vielmehr sind sie nur der extremste Ausdruck eines innerhalb des Familienidylls schon lange schwelenden Disputs.

YOU’RE NEXT überzeugt zuerst mit dem langsamen und stetigen Anziehen der Spannungsschraube: Der Prolog deutet die drohende Gefahr an, die kleinen Streitereien der Davison-Brüder machen klar, dass die Killer keineswegs auf vereinten Widerstand stoßen werden, das folgende Belagerungsszenario wird durch die mit ganz unterschiedlichen Strategien zuschlagenden Eindringlinge auf die Spitze getrieben. Wenn dem Zuschauer dann das Motiv hinter den Taten enthüllt wird, verwandelt sich YOU’RE NEXT zum potenten Suspense-Thriller: Das Final Girl, das vom Komplott im Hintergrund nichts weiß, darf sich der Sympathien des Betrachters gewiss sein. So nähert sich Wingards Film seinem unabwendbaren Finale. Dieses bringt dann leider einen kleinen, vor allem unnötigen Stilbruch, weil es die konsequent aufgebaute Anspannung mit einem nicht zum gnadenlosen Rest des Films passenden Gag auflöst, der auf das kathartische Gelächter des Splatterpublikums setzt. Auch wenn es dem Film keinen nachhaltigen Schaden zufügen kann, so steht es doch im Kontrast zum finsteren Ton des Films, der bürgerlichen Familien und vor allem der heutigen Generation der Söhne kein allzu gutes Zeugnis ausstellt. YOU’RE NEXT überzeugt formal mit stimmungsvollen, dunklen Bildern und einem dräuenden Score. Ein effektiver Schocker, dem zum ganz großen Wurf die Vision fehlt, aber auch das Selbstbewusstsein, das nötig ist, dazu zu stehen, “nur” einen heftigen Hieb in die Magengrube zu liefern.

Ray Breslin (Sylvester Stallone) verdient sein Geld damit, aus Gefängnissen auszubrechen: Er wird engagiert, um ihre Sicherheitslücken zu finden, auszunutzen und so zu ihrer Verbesserung beizutragen. Bisher ist er aus jedem Knast entkommen, doch seine neueste Aufgabe führt ihn an seine Grenzen: Nicht nur ist der Hochsicherheitsknast für politische Gefangene oder hoffnungslose Fälle, genannt “the tomb”, nach Breslins Buch konzipiert, man hat auch jede Verbindung zu seinen Leuten gekappt. Es gibt keine Chance, seinen Auftrag abzubrechen. Vort Ort macht Breslin Bekanntschaft mit Rottmayer (Arnold Schwarzenegger): Der sitzt ein, weil er den international gesuchten Finanzkriminellen Mannheim kennt, den der korrupte Gefängnisdirektor Hobbes (Jim Caviezel) in seine Gewalt bringen möchte. Breslin und Rottmayer erarbeiten gemeinsam einen Plan, zu entkommen. Doch eine Entdeckung lässt ihre Hoffnungen auf den Nullpunkt sinken …

Die erste echte Paarung der ehemaligen erbitterten Konkurrenten Stallone und Schwarzenegger (nach den beiden EXPENDABLES-Filmen) ist naturgemäß nicht das ganz große Feuerwerk, das diese Paarung vor 20, 30 Jahren ohne Frage bedeutet hätte. Die beiden Herren sind in die Jahre gekommen und lassen sich auch gern entsprechend inszenieren: Stallone überzeugt mal wieder in seiner Paraderolle als wizened veteran, als Mann, der keine großen Reden schwingt, sondern lieber mit guter Beobachtungs- und Auffassungsgabe überzeugt und den nichts mehr wirklich umhauen kann. Schwarzenegger ist als Rottmayer demgegenüber etwas gesprächiger und humorvoller, doch hinter seinem offenherzigen Wesen verbirgt sich ein Mann mit dem ein oder anderen Geheimnis. ESCAPE PLAN ist streng genommen Holywood-Bullshit: Konzeptkino, das mit einer überkonstruierten Story voller Twists und Turns aufwartet, die sich für superclever hält, aber vor Plotholes, Logiklöchern und Glaubwürdigkeits-Überstrapazierungen nur so strotzt. Ich bin allerdings gern bereit, über so etwas hinwegzusehen, wenn das Gesamtpaket stimmt, und das ist hier ohne Frage der Fall. Gefängnis- und besonders Ausbruchsfilme finde ich eigentlich immer klasse, die Idee um den Ausbrecherkönig im Superknast ist interessant, die Chemie der beiden Superstars stimmt, die Besetzung ist erlesen – neben den Genannten agieren Vincent D’Onofrio und Curtis “50 Cent” Jackson als Breslins Geschäftspartner, Vinnie Jones als sadistischer Gefängniswärter und Sam Neill als Gefängnisarzt – und dass die Production Values über jeden Zweifel erhaben sind, ist eh klar. Vor allem aber ist ESCAPE PLAN sauber erzählt, ohne blöde Anbiederungen an den Zeitgeist, ätzende Manierismen oder anderen Kram, der erwachsenen Menschen heute sonst so oft den letzten Nerv raubt. Ich würde sogar sagen, dass der Film angenehm understated ist, sich ganz auf die granitene Präsenz seiner beiden Zugpferde verlässt und so einen Hauch von Siebzigerjahre-Männerkino ins gegenwärtige Eventkino bringt. Kein Meisterwerk, aber nettes Entertainment also, deutlich besser als das, was einem sonst in diesem Segment serviert wird. Und wenn Schwarzenegger in einer Szene deutsch spricht, dann merkt man erst, wie sehr man sich daran gewöhnt hat, ihn auf Englisch radebrechen zu hören.

Nachdem seine Drogenfabrik in die Luft geflogen ist und er Brüder und Ehefrau verloren hat, rast Timmy Choi (Louis Koo) von den giftigen Dämpfen benebelt und schließlich bewusstlos mitten in ein Geschäft. Dem Drogencop Zhang (Honglei Sun) kommt er gerade recht, braucht er für seinen Schlag gegen die chinesischen Drogenkartelle doch einen Insider. Mit dem Versprechen, dass die eigentlich anstehende Todesstrafe ausgesetzt wird, erkauft er sich die Dienste Chois, der Zhang und seine Leute an den Drogenboss und seine Hintermänner heranführt …

Das asiatische Kino habe ich in den vergangenen Jahren mehr als stiefmütterlich behandelt, dabei hatte gerade die Entdeckung von Johnnie To und seiner Produktionsfirma Milkyway vor nunmehr auch schon fast wieder 15 Jahren einen echten Euphorieschub verursacht. Tos immenser Output macht es aber nicht leicht, immer am Ball zu bleiben, auch wenn man von seinen Filmen meist reich belohnt wird. Nun also DU ZHAN, oder DRUG WAR, wie er auf dem internationalen Markt heißt. Ich hatte viel Gutes über ihn gehört, richtig Lust bekommen, ihn zu sehen, und bin nicht enttäuscht worden. Im Gegenteil wirkt der Film noch nach, und ich habe das dringende Bedürfnis, ihn noch einmal zu sehen, um seine raffinierten Erzähl- und Inszenierungsstrategien wirklich ganz durchschauen und wertschätzen zu können. Typisch für Johnnie To, wirkt DRUG WAR auf den ersten Blick gar nicht besonders auffällig: Es ist kein Film, der seine Raffinesse groß ausstellt. Während man es aus Hollyood-Produktionen gewohnt ist, dass jeder noch so kleine Twist, jede narrative Überraschung auf formaler Ebene gedoppelt wird, damit man auch bloß nichts verpasst und immer mitbekommt, wie genial man diese oder jene Wendung zu finden hat, wird man bei To mit solchen Hinweisen geradezu unterversorgt. Es wird wenig erklärt, die Bedeutung vieler Einstellungen und Szenen erschließt sich oft erst im Nachhinein. Das führt dazu, dass DRUG WAR wunderbar schlank und durchtrainiert daherkommt, windschnittig wie der Prototyp eines neuen Sportwagens; es schafft außerdem die für diese Art von Filmen so wichtige Authentizität, wenn die Charaktere nicht ständig erklären, was sie da gerade tun, und verstärkt den Eindruck, es zum einen mit Profis, zum anderen mit einer nach präzisen Regeln funktionierenden Welt zu tun zu haben; und es steigert die Spannung und erfordert eine wache, konzentrierte Teilnahme. Es wird einem nichts geschenkt. Actionkino für denkende Menschen.
Dabei ist DRUG WAR streng genommen kein Actionfilm. Zwar kracht es mitunter heftig, aber es geht nicht um das Zelebrieren von Körperlichkeit und Bewegung. Die Oberfläche von Tos Film ist eher schmucklos, geprägt von dreckigen, undefinierten Settings in Nordchina und einer herbstlich-winterlichen Stimmung. Das Drogengeschäft ist nicht glamourös und over the top, wie man das seit SCARFACE gewohnt ist. Es gibt eine Szene in einem Nachtclub, sonst auffallend wenig Bilder des Reichtums und der Affluenz. Der Film räumt da recht erbarmungslos mit Fehlkonzeptionen auf. Gleich zu Beginn scannt die Kamera das abgerissene Innere des Autos zweier Drogenabhängiger, Timmy rast Schaum spuckend und mit Blasen werfenden Verbrennungsnarben durch die Straßen, während andernorts polizeilich verordnete Einläufe dafür sorgen, dass Drogenkuriere ihre Ladung ausscheißen. Man bekommt eine Ahnung, warum Zhang sein Ziel mit solch grimigem Fanatismus verfolgt. Trotzdem wird die Gegenseite, die teilweise wie ein Spiegelbild der Cops wirkt, nicht verteufelt. Für gesellschaftliche Hintergründe interessiert sich To überhaupt nicht, genauso wenig für das Privatleben seiner Charaktere. Sie haben ihre Seite gewählt und handeln entsprechend. Moral hat damit nichts zu tun. Im Zentrum des Interesses steht die Beziehung zwischen Zhang und Timmy und die Frage, ob ersterer letzterem wirklich trauen kann. To erzählt seine Geschichte ohne die gängigen Klischees, sodass man als Zuschauer genauso unsicher über die Beweggründe Timmys ist wie der Polizist. Ihre Beziehung wird anders aufgelöst, als ich das erwartet hätte. Seiner nüchternen, realistischen Haltung angemessen endet DRUG WAR mit einem lange nachhallenden Bild und überantwortet einem dem Nichts. Ich wusste danach erst einmal nicht genau, was ich denken sollte. Daran hat sich bis jetzt nicht viel geändert.

Bevor ich diesen Text geschrieben habe, bin ich auf David Bordwells Essay gestoßen. Es hat mir geholfen, offene Verständnislücken zu schließen und zu begreifen, wie Tos Film funktioniert. Wie eigentlich alle formalen Analysen Bordwells ist auch diese ungemein lesenswert, sollte aber vielleicht erst nach Sichtung von DRUG WAR genossen werden. Ich werde mich an dieser Stelle ausnahmsweise einmal kurz fassen und nicht näher auf Details der Handlung oder der Inszenierung eingehen. Je unvorbereiteter man an den Film herangeht, umso besser. Wer auf Polizei- und Crimefilme, ernstes, unprätentiöses aber intelligentes Männerkino steht, kommt an DRUG WAR definitiv nicht vorbei. Wahrscheinlich das Beste, was ich in diesem Bereich seit Jahren gesehen habe.

 

 

moederclub_von_brooklynDrei Millionäre werden von einem Unbekannten zur Zahlung von einer Million Dollar aufgefordert, Zuwiderhandlung soll drakonisch bestraft werden. Natürlich kommen die Geschäftsmänner dem Wunsch des Erpressers nicht nach und müssen wenig später die Entführung ihrer Töchter und deren anschließende Ermordung betrauern. Jerry Cotton (George Nader) und sein Partner Phil Decker (Heinz Weiss) nehmen die Ermittlungen auf und finden erstaunliche Verbindungen zwischen den drei Erpressungsopfern …

Die Farbe, die den potenziellen Besuchern schon auf dem Poster versprochen wurde, lässt erst einmal auf sich warten. Die Pre-Title-Sequenz ist in gewohntem Schwarzweiß gehalten, bevor mit Beginn des Vorspanns “umgeschaltet” wird. Von nun an glänzt Cottons Frisur noch pomadiger, leuchtet Manhattan in strahlenden Sechzigerjahre-Farben, gerät DER MÖRDERCLUB VON BROOKLYN deutlich poppiger als die vorangegangenen Filme, büßt dabei aber eben auch diesen rohen, ungebügelten Stil ein, der sich doch als solch ideale visuelle Umsetzung der rumpeligen Groschenheft-Prosa erwiesen hatte. Und die Rückprojektionstechnik, die die Reihe in den bisherigen Einträgen zu ihrem wesentlichen Stilmittel erhoben hatte, sieht durch die Umstellung nun sogar noch deutlich künstlicher aus als zuvor: Alle im Vordergrund platzierten Personen und Gegenstände weisen plötzlich eine sich vor dem Hintergrund deutlich abzeichnende “Aura” auf, wie es meine wunderbare Gattin gestern so treffend bezeichnete.

Das lässt sich ganz gut als gleichnishaftes Bild für den ganzen Film verwenden: Denn der neue Anstrich lässt die Defizite, die DER MÖRDERCLUB VON BROOKLYN andernorts aufweist, deutlich zu Tage treten. Die Geschichte ist einfach nicht so richtig zwingend, schon gar nicht, wenn man den herrlich reißerischen Titel als Maß anlegt, wirkt nach den beiden Vorgängern, die entweder ganz New York in Atem hielten oder aber mit dem größten Raubüberfall der USA aufwarteten, wieder herzlich bescheiden. Ein paar Entführungen, bei denen das FBI (in Dialogen gern auch ohne Artikel verwendet), ganz schön alt aussieht – in einer herrlich absurden Szene harkt eine ganze Armee total unauffällig als Gärtner verkleideter Agenten das Laub im Garten eines der Millionäre, während der Voice-over etwas von top-ausgebildeten Spezialisten schwadroniert –, ein paar skrupellose Morde, die niemanden der Beteiligten wirklich tangieren, sowie die üblichen Plotverwirrungen und spektakulären Enthüllungen im finalen Akt können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Produzenten einen eher mittelspannenden Fall aus dem umfangreichen Heftfundus ausgesucht haben. Dabei beginnt das Abenteuer mit dem bewaffneten Einbruch der maskierten Gangster während eines Empfangs durchaus aufregend und vielversprechend. Ich habe den Film gestern Abend gesehen und kann mich heute, nur wenige Stunden später, schon kaum noch an Details erinnern. Zum Glück erwähnt einer der IMDb-Kommentatoren den tödlichen Sturz eines Schurken in einen schmalen Schacht, der trotz Verwendung einer Puppe reichlich schmerzhaft anzusehen ist und mich gestern kurz das Gesicht verziehen ließ. Jerry-Cotton-Filmkenner freuen sich zudem über die Ausflüge in das verdächtig nach dem Weserbergland oder dem Taunus aussehende Umland von New York, das man von Manhattan aus in einer knapp fünfminütigen Autofahrt zu erreichen scheint, und natürlich gibt es auch wieder eine Ohne-Whiskey-geht-es-nicht-Szene, diesmal mit Heinz Reincke als kleinem, aber durstigem Informanten. Insgesamt schon OK, aber eben auch etwas underwhelming.

rechnung_eiskalt_serviert_dieVon Minute eins des vierten Jerry-Cotton-Films an ist klar, dass er den enttäuschenden Vorgänger UM NULL UHR SCHNAPPT DIE FALLE ZU um Längen übertreffen wird. Nach den immer wieder gern gesehenen New Yorker Straßenaufnahmen leitet ein Voice-over-Kommentator den folgenden Film bedeutungsschwanger ein: Alles begann, so erzählt die Stimme mit vollem Wissen über die Tragweite der folgenden Ereignisse, als Jerry Cotton eines Abends eine Bar aufsuchte, um “sich einen Whiskey on se rocks zu genehmigen”. Er konnte ja nicht ahnen, dass er infolgedessen in einen der größten Raubüberfälle der US-amerikanischen Geschichte verwickelt werden würde. Es ist gar nicht so entscheidend, dass dieser größte aller anzunehmenden Überfälle sich natürlich der vom klammen Geldbeutel der Produzenten diktierten Ästhetik und Logik der Filmserie anpasst – ja, da wird eine Menge Kohle aus einem Transport des New Yorker Schatzamtes geklaut, der Überfall vom gerissenen Charles Anderson (Horst Tappert) mit einigem Geschick und Know-how organisiert, dennoch muss man erstaunt sein, wie leicht ihm und seinen eher unterdurchschnittlich begabten Schergen das Ganze gemacht wird –, wichtiger ist dieser pulpig-sensationalistisch Ton, den Helmut Ashley etabliert und für den die Verwendung der Requisite “Whiskey” ganz entscheidend ist. Da fährt der kernige FBI-Agent also nachts mal mit seinem Jaguar aus, um sich in Manhattan einen “Whiskey zu genehmigen” – was man halt als Kerl so braucht, um nach einem anstrengenden Tag voller Verbrecherjagd und Heldentaten wieder runter- und klarzukommen und die Seele baumeln zu lassen – und findet glücklicherweise gleich einen Parkplatz vor der Pinte du jour. Später, nachdem er in eine Schlägerei vor der Kneipe verwickelt worden ist, und sich einem Streifenpolizisten gegenüber als FBI-Mann ausweist, wird er diesen bitten, zurück zu seinem Whiskey zu dürfen, da er sich so schlecht daran gewöhnen kann, wenn der warm wird, und der Polizist entgegnet neidisch, dass er sofort einen trockenen Hals bekommt, wenn er von Whiskey hört. Whiskey, das ist in der Welt von Jerry Cotton ein Geschenk der Götter an die Männer, ein Lebenselixier, das die Welt zu einem besseren Ort macht und die Last, die sie auf ihren Schultern tragen müssen, wenigstens für ein paar Minuten von ihnen abfallen lässt. Aber zurück zum Film: Die in der Bar anwesenden Kellnerinnen können ihre Verzückung vor dem virilen Mittvierziger mit dem Brillantine-Helm kaum verbergen, aber jemand wie Cotton muss sich nicht mit dem Fußvolk abgeben, weshalb es ihn gleich zur erotischen Sängerin Violet (Yvonne Monlaur) zieht. Deren Freund Tommy (Christian Doermer) ist zwar ebenfalls anwesend, doch glücklicherweise wird der in den Coup Andersons involvierte Chemiker bald schon ermordet, sodass Cotton seine öligen Fänge nach ihr ausstrecken kann. Es gibt nach der Ermordung Tommys eine Szene, in der die Kaltschnäuzigkeit von Cotton einen nur noch schockiert: Er ruft Violet in die Pathologie und verhört sie direkt neben der zugedeckten Leiche ihres vor einigen Tagen verschwundenen Liebhabers, ohne ihr mitzuteilen, dass er tot ist und seine Leiche gleich neben ihr liegt! Im weiteren Verlauf des Films lässt er sie die ganze Zeit in dem Glauben, Tommy lebe noch, obwohl er es besser weiß, und lässt zu, dass sie die traurige Nachricht ganz beiläufig von einer Komplizin Andersons erhält. That’s cold!

Kurz zur Handlung: Die Bande um Charles Anderson plant also, den voll beladenen Transporter des New Yorker Schatzamtes auszurauben. Dabei helfen soll ihnen der Chemiker Tommy Wheeler, der einen bestimmten Rauch entwickelt hat, der es ermöglicht, den einmal lahmgelegten Lkw unbemerkt zu leeren. Der Plan gelingt, Mr. Clark (Walter Rilla), der Chef des Schatzamtes, erwägt es, sich umzubringen, da er die Warnungen Cottons, den Transport zu vertagen, in den Wind geschlagen hatte. Cotton nimmt die ganze Verantwortung auf sich, um Clark aus der Schusslinie zu nehmen, wird daraufhin vom Dienst suspendiert und muss nun – Ehrensache für einen Vollblutkriminalisten – “auf eigene Faust” ermitteln. Er heftet sich an die Fersen der Bande, die unerwartete Konkurrenz von zwei Trittbrettfahrern bekommt: George Davis, einem Mitarbeiter des Schatzamtes (Ullrich Haupt), und dessen Partner Stanley (Rainer Brandt).

Helmut Ashley verbindet die Actionlastigkeit der ersten beiden Cotton-Filme mit dem eher spannungsorientierten Ansatz von Harald Philipps leider gescheitertem dritten Film. Die erste Hälfte widmet sich sehr ausführlich den Vorbereitungen von Anderson und seiner Männer, integriert gar einen fehlgeschlagenen ersten Versuch, bevor der gelungene Überfall einen ersten, auch inszenatorischen Höhepunkt bildet. DIE RECHNUNG – EISKALT SERVIERT bedient sich hier eindeutig der Mechanismen des Heist Movies, indem er die Planungen in den Mittelpunkt stellt, dem Zuschauer einen Wissensvorsprung gegenüber dem Protagonisten verleiht und ihn sogar etwas mit den Schurken mitfiebern lässt. Die Suspendierung bleibt für den weiteren Verlauf des Films eher folgenlos: Decker (Heinz Weiss) steckt seinem Partner unmittelbar danach seine eingezogene Dienstknarre zu, damit er nicht “nackt” durch New York laufen muss, und Cotton, dessen Wiedereinstellung natürlich nie wirklich in Zweifel steht, lässt sich von seiner vorübergehenden Arbeitslosigkeit auch nicht sonderlich beeindrucken. Dass Decker und High (Richard Münch) noch weiter in den Hintergrund treten, gibt Ashley vor allem die Möglichkeit, seine Schurken stärker zu konturieren. Horst Tappert ist super als kühler Taktierer, der seine Schergen voll im Griff hat und lediglich die Fassung verliert, wenn seine sich ständig die Nägel feilende Geliebte die Bluse zu weit geöffnet hat (“Du weißt doch, dass ich mich nicht konzentrieren kann, wenn du halbnackt herumläufst!”). Zu den weiteren Höhepunkten des Films gehört eine Keilerei Cottons mit zwei lustig aussehenden Catchern, eine unerwartet offenherzige Duschszene besagter Geliebter Andersons und das komplett irrwitzige Finale, bei dem Cotton todesmutig vom Dach eines Wolkenkratzers an die Kufen eines startenden Hubschraubers springt. Neben lustigen Klettereien vor Rückprojektionen gibt es auch einen gewagten Hubschrauber-Wasser-Stunt, der Ashley so gut gefallen hat, dass er ihn gleich zweimal einsetzt. Mit Recht! Am Ende ist alles gut und der schurkische Davis war sogar so nett, ein Papier aufzusetzen, dass Cotton von jeder Schuld an dem Raubüberfall entbindet. Somit ist Raum für den fünften Teil, auf den ich mich nach diesem fulminant unterhaltsamen Reißer wieder sehr gefreut habe.

 

um_null_uhr_schnappt_die_falle_zuEin Transporter mit Nitroglycerin wird gestohlen und mitten in Manhattan geparkt. Die sich anschließende Aufregung nutzt eine Komplizin der beiden Lkw-Diebe, um einen Juwelier auszurauben. Als die Polizei den Transporter öffnet, muss sie jedoch feststellen, dass der Sprengstoff entwendet wurde. Er befindet sich in den Händen des Gangsterbosses Larry Link (Horst Frank), der die Stadt zur Zahlung von einer Million Dollar zwingen will. Eine sich anbahnende Hitzewelle macht schnelles Handeln erforderlich, denn wenn die Kühlung des Nitroglycerins nachlässt, ist der Stoff unkontrollierbar. Jerry Cotton (George Nader) und sein Partner Phil Decker (Heinz Weiss) machen sich auf die Suche …

Harald Philipp darf nach seinem gelungenen Einstand mit MORDNACHT IN MANHATTAN auch das dritte Abenteuer um den Helden der Groschenheftserie inszenieren. Die schon im Vorgänger unverkennbare Professionalisierung setzt sich hier nahtlos fort: Mit Horst Frank bietet UM NULL UHR SCHNAPPT DIE FALLE ZU einen charismatischen Darsteller als Antagonisten zum straighten George Nader, der dem Film darstellerisches Profil verleiht. Sein Larry Link ist wunderbar schmierig, wie er da barfuß und mit aufgeknöpftem Hemd in seinem mit Wasser gefüllten Wohnzimmer herumgammelt und vom Liegestuhl aus Befehle gibt. Auch die Geschichte um die Sprengstoffbedrohung einer ganzen Stadt markiert gegenüber den Allerweltsverbrechen der vorangegangenen Teile einen deutlichen Quantensprung. Ein Hauch von großem Katastrophenfilm weht durch die kleine deutsche Produktion, die sich wieder einmal viel Mühe gibt, das ohne Schauspieler on location in New York gedrehte Material mit den restlichen Aufnahmen in Einklang zu bringen. Es sind gerade diese heute so schön anachronistisch und nostalgisch anmutenden Szenen, in denen man überdeutlich sieht, dass die Darsteller vor unscharfen, nicht optimal justierten Rückprojektionen agieren, die für UM NULL UHR SCHNAPPT DIE FALLE ZU einnehmen. Ich habe es schon in meinem Eintrag zu MORDNACHT IN MANHATTAN geschrieben: Statt als technische Unzulänglichkeiten möchte ich diese Rückprojektionen und das körnige, nicht immer gestochen scharfe Schwwarzweiß als Stilmittel begreifen, die perfekt dazu geeignet sind, den hingeworfenen, floskelhaften Stil und das billige Papier voller abfärbender Druckerschwärze der Heftserie in das Medium Film zu transportieren. Und im brillanten Score Peter Thomas’, in dem es vor gescatteten “schubididuhs” und “bepp-di-du-bopps” nur so wimmelt, meint man gar das Rascheln der vor fiebriger Spannung ihrer jugendlichen Leser nur so dahinfliegenden Seiten vernehmen zu können, findet der Komponist das perfekte tonale Äquivalent zur sich im rigorosen Wochenrhythmus atemlos von Set Piece zu Set Piece hetzenden Wegwerfkunst.

Wie schade ist es da, dass UM NULL UHR SCHNAPPT DIE FALLE ZU auf erzählerischer Ebene nicht mit dieser formalen Schönheit, die den Pulp der Vorlagen zu fast reinem Kontrast gerinnen lässt, mithalten kann. Wo Philipp im Vorgänger noch eine Actionszene an die nächste reihte und damit beachtlichen Erfolg erzielte, scheitert er hier bei dem Versuch, Spannung und Suspense gerade durch das Herauszögern der kathartischen Ausbrüche zu erzeugen, relativ kläglich. Er scheint mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln an die Grenzen des Möglichen zu stoßen. So wie man auf 65 Heftromanseiten kein Generationen umspannendes Epos unterbringt, ist es eben schwer, den Ausnahmezustand einer Multimillionen-Metropole filmisch abzubilden, wenn man nur ein paar Filmrollen mit Archivmaterial eben jener Stadt im Schrank liegen hat. Vielleicht sollte man ein Auge zudrücken und den Mut der Macher loben, auf die Rahmenbedingungen gepfiffen und den Film trotzdem gemacht zu haben. Böse bin ich ihnen nicht dafür, dass mich UM NULL UHR SCHNAPPT DIE FALLE ZU weitestgehend gelangweilt hat. Ob es zu etwas gut war, wird der nächste Beitrag DIE RECHNUNG – EISKALT SERVIERT zeigen. Den drehte Helmut Ashley, der mir für diesen Stoff genau der richtige Mann zu sein scheint. Ich habe Hoffnung.

mordnacht_in_manhattanManhattan wird von der “100-Dollar-Bande” (u. a. Peter Kuiper, Siegurd Fitzek, Willy Semmelrogge, Paul Muller und Slobodan Dimitrijevic) unsicher gemacht. Die Schurken überfallen Geschäfts- und Restaurantinhaber und fordern sie unter Gewaltandrohung zur Zahlung eines Schutzgelds von 100 Dollar. Als sich der Besitzer eines italienischen Restaurants weigert zu bezahlen, wird er von den Übeltätern rücksichtslos erschossen. Der kleine Billy (Uwe Reichmeister) hat den Täter gesehen, doch dauert es eine Weile, bis er zu den ermittelnden FBI-Männern Jerry Cotton (George Nader) und Phil Decker (Heinz Weiss) vorgedrungen ist. Und dann schwebt er in Lebensgefahr …

Die vom reißerischen Titel angekündigte “Mordnacht” finden wohl nur besonders Zartbesaitete in diesem Film. Ein weitaus ehrlicherer Titel hätte von einem “Nachtmord” gesprochen, sich damit aber auch nur halb so knorke, genau genommen sogar ziemlich bescheuert angehört. Auch beim zweiten Kinoeinsatz von G-Man Jerry Cotton fragt sich der heutige Zuschauer, ob es für einen FBI-Mann vom Schlage eines Jerry Cotton nicht unter seiner Würde ist, sich mit einer Bande herumzuschlagen, die ihre Drittklassigkeit schon in ihrem Namen herumtragen. Um die Provinzialität des Falles zu kaschieren, mit dem man da den angeblich besten Mann betraut, wird aber ordentlich Rabatz gemacht. Der Film hetzt angetrieben von Philipps schwungvoller Regie von Schießerei zu Keilerei, von Explosion zu Verfolgungsjagd und dann gleich wieder zurück. Das macht Laune und sieht dank der diesmal zumindest zum Teil vor Ort eingefangenen New-York-Impressionen von Times Square und 42nd Street auch deutlich besser und spektakulärer aus als noch im visuell vollkommen unprätentiösen Vorgänger SCHÜSSE AUS DEM GEIGENKASTEN. Das bedeutet zwar nicht, dass nicht auch hier mit Einsatz von Rückprojektionen und deutschen Drehorten kräftig geschummelt wurde, trotzdem kommt einfach mehr amerikanisches Großstadtflair auf, was für den Erfolg von MORDNACHT IN MANHATTAN nicht ganz unerheblich ist. Damit man als deutscher Zuschauer kein allzu großes Heimweh oder gar einen Kulturschock erleidet, begibt sich der Film zum Finale dann aber wieder stilecht in eine Kiesgrube, in der Jerry Cotton die Reifen seines Jaguars effektvoll durchdrehen lassen kann.

Inhaltlich hat sich der Film die Naivität aus dem Vorgänger dankenswerterweise bewahrt. Am tollsten ist die Episode um die tapfere Tankstellenbesitzerin Sophie Latimore (Elke Neidhart), die ebenfalls von den Bösewichtern bedroht wird. Kurzerhand gibt sich Cottons Kollege Decker als neuer Tankwart aus, der dem ersten eintrudelnden Geldeintreiber sogleich ein paar kräftige Maulschellen verpasst und ihn dahin schickt, wo der Pfeffer wächst. Eine wirklich schlechte Idee, denn wenig später fliegt die Existenzgrundlage der armen Sophie flammenreich in die Luft und Cotton und Decker schauen dumm aus der Wäsche. Ihre Inkompetenz und Fahrlässigkeit zieht zum Glück für sie aber keine disziplinarischen oder gar rechtlichen Konsequenzen nach sich. Man weiß eben, was man an den beiden hat. Nicht nur in dieser Hinsicht haben sich die Zeiten für Filmhelden massiv geändert.

schuesse_aus_dem_geigenkastenIn Pasadena wird eine Sängerin von einer Ganovenbande überfallen und gemeinsam mit ihrem Produzenten erschossen. Einige Tage später ereilt ein Farmerehepaar in der Nähe von Chicago dasselbe Schicksal. Das FBI findet heraus, dass beide Verbrechen zusammenhängen. Mr. High (Richard Münch) betraut Jerry Cotton (George Nader) und Phil Decker (Heinz Weiss), seine beiden besten Männer, mit der Aufklärung des Falles. Eine Zeugin verrät kurz vor ihrem Tod, dass hinter den Taten ein gewisser Christallo (Hans E. Schons) steckt, der zur Tarnung seiner illegalen Aktivitäten eine Bowlingbahn in New York betreibt. Und er plant schon seinen nächsten Coup, den Einbruch in eine mit Juwelen vollgestopfte Privatwohnung. Zur Ablenkung wollen die Verbrecher einer Bombe in einer nahe gelegenen Schule zünden. Um dies zu verhindern, dient sich Cotton Christallo als Handlanger an …

Die Heftromanserie um den “G-Man Jerry Cotton” wurde 1954 ins Leben gerufen und begründete den bis heute anhaltenden Erfolg des Bastei-Lübbe Verlags. Auf über 850 Millionen Exemplare beläuft sich angeblich die Gesamtauflage der Reihe bis heute. Vor ein paar Jahren erlebte sie unter dem Titel “Jerry Cotton Reloaded” gar ein zeitgemäßes Reboot als Hörbuchreihe: Der Anschlag von 9/11 fungiert dort als ideelle und berufliche Geburtsstunde des FBI-Manns. Von solch konkretem Gegenwartsbezug merkt man in dem 1965 entstandenen ersten Jerry-Cotton-Film (sieben weitere sollten bis 1969 im Rekordtempo folgen) nichts. Regisseur Fritz Umgelter hatte in den späten Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren einige Kinofilme gedreht, war aber fast ausschließlich fürs Fernsehen tätig, als er SCHÜSSE AUS DEM GEIGENKASTEN inszenieren durfte (zehn Jahre zuvor hatte er die Live-Aufführungen der Augsburger Puppenkiste betreut). Das erste Leinwandabenteuer des schlagkräftigen FBI-Agenten verwaltet er mit sachlichem Professionalismus, den böse Zungen auch als Mangel an Inspiration bezeichnen könnten. Ganz Unrecht hätten sie nicht: Während die zur selben Zeit im Zuge der James-Bond-Reihe reüssierenden Eurospy-Filme mit poppigen Farben, schönen Frauen und technischen Gimmicks aufwarteten, ist SCHÜSSE AUS DEM GEIGENKASTEN bemerkenswert schmucklos und hemdsärmelig. Selbst der endlos schmissige Score von Peter Thomas klingt mit seinem zu Marschrhythmen fröhlich gepfiffenen Titelthema sehr deutsch, eher nach gemütlichem Feierabend bei Bier, Wurstsemmel und Blauem Bock als nach Todesgefahr, Exotismus und Abenteuer.

Passend dazu ist der Fall, den Cotton und Decker zu lösen haben, eine recht schnöde Serie von Raubmorden, mit der sich schon ein Tatort-Ermittler heute kaum noch rumschlagen würde, dazu von “Profis” verübt, die ihre finsteren Pläne zu keiner Sekunde verhehlen können und mit dem Feingefühl einer Planierraupe vorgehen. Und wenn der Voice-over-Erzähler zu Beginn Spannung und Atmosphäre aufbauen will, die Überlegenheit des FBI und seiner mit modernster Technik ausgestatteten Agenten im autoritären Wochenschau-Ton lobt, fühlt man sich auch eher an Lehrfilme im Sachkundeunterricht der 3b oder “Die Sendung mit der Maus” erinnert. Ein Effekt, der durch die in den letzten 50 Jahren vollzogenen technischen Fortschritte, die einen die hoffnungslos rückständigen Methoden der Superkriminalisten doch eher mitleidig begutachten lassen, noch verstärkt wird. Aber genau das macht auch den Charme SCHÜSSE AUS DEM GEIGENKASTEN aus: Während in anderen Filmen auf dicke Hose gemacht und mit viel Enthusiasmus und Laisser-faire über budgetäre Beschränkungen hinweg gegangen wurde, regiert hier eine gewisse Bescheidenheit. Das Schönste  ist aber mit einigem Abstand die Willensleistung, mit der Deutschland respektive Hamburg mithilfe von Stock Footage und Rückprojektionen in New York verwandelt wird. Zu Beginn sorgt das noch für handfeste Erheiterung, wenn dem Zuschauer ein Bauernhof im herbstlich verschlammten Peenemünde als “Farm nahe Chicago”, ein Plattenbau mit Klettergerüsten im Hinterhof als FBI-Ausbildungszentrale in Quantico verkauft werden. Aber im weiteren Verlauf entwickeln die Beteiligten ein beachtliches Geschick, das Archivmaterial mit Selbstgedrehtem verschmelzen zu lassen. Besonders gut hat mir die Kraxelei der Verbrecher auf einem Dachsims gefallen, an das mit viel Spucke das Bild einer New Yorker Häuserschlucht geklebt wurde. Auch wenn der Effekt heute durchsichtig ist, nötigt er dem Betrachter doch Respekt ab.

Ich habe irgendwo gelesen, die frühen Jerry-Cotton-Filme seien irgendwie trist und öde. Ganz von der Hand weisen lässt sich das nicht. Kaum denkbar, dass ein populäres Franchise, wie es Jerry Cotton im Deutschland der Sechzigerjahre ohne Zweifel war, heute eine solch bescheidene Umsetzung erführe und damit auch noch Erfolge feierte. Die naheliegendste Begründung sucht die Ursachen für den Erfolg von SCHÜSSE AUS DEM GEIGENKASTEN wahrscheinlich in der damaligen Kinolandschaft, der noch nicht flächendeckenden Verbreitung des Fernsehens und der damit einhergehenden “Offenheit” der Zuschauer. Aber der Idealist in mir sagt mir, dass die Menschen einfach die Geradlinigkeit und Ehrlichkeit von Umgelters Film zu schätzen wussten und honorierten, der ihnen 90 Minuten unverstelltes Entertainment bot, eben das filmische Äquivalent zu den nach Druckerschwärze riechenden Heftchen mit den knalligen Titeln. Der erste Jerry-Cotton-Film ist eine schöne, altmodische Räuberpistole, zupackend wie Opas Rechte und so gut eingesessen wie sein Lehnstuhl.

Der Lkw-Fahrer Martin Siebeck (Michael Janisch) hat schon ein paar Biere getrunken, als er sieht, wie zwei Gestalten einen leblosen Körper auf nächtlicher Straße genau vor seinem heranrauschenden Wagen ablegen. Er kann nicht mehr bremsen und überrollt das Opfer, das sofort tot ist, bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Die Polizei glaubt Siebecks Geschichte natürlich nicht, dafür aber die Strafverteidigerin Dr. Maria Rohn (Ruth Leuwerik), die sich des Falls annimmt und dafür den Spott ihres Ehemanns Günther (Peter van Eyck), eines erfolgreichen Bauunternehmers, über sich ergehen lassen muss. Nachdem sie eine Phantomzeichnung des Opfers veröffentlicht, kommt sie hinter dessen Identität: Bei dem Toten handelte es sich um einen gewissen Kessler, seinerseits Bauingenieur. Und dessen Name steht auch auf einem Zettel, den sie im Mülleimer ihres angesichts ihres Eifers zunehmend ungehalteneren Gatten findet …

Angeblich nach einer wahren Begebenheit verfasste der spätere DERRICK-Erfinder Herbert Reinecker das Drehbuch zu EIN ALIBI ZERBRICHT, das von Alfred Vohrer gewohnt packend umgesetzt wurde. Die Geschichte einer Frau, deren nächsten Anvertrauten und Freunde sich plötzlich als Feinde erweisen, die ihr nach dem Leben trachten, ist der Stoff, aus dem auch Alfred Hitchcock seine Meisterthriller zu weben pflegte. Die wirkungsvolle Dramaturgie profitiert noch erheblich von den milden emanzipatorischen Untertönen der Geschichte: Zu Beginn kann Günther sein Unbehagen noch gut als alltäglichen Chauvinismus tarnen: Eine Frau, die sich in einem “Männerberuf” behauptet, wird eben nicht richtig ernst genommen oder aber besonders kritisch beäugt. Es sind kleine herablassende Bemerkungen, leiser Spott, die zeigen, dass Günther das Engagement seiner Frau für Spielerei hält. Erst nach und nach wird klar, dass diese Form der Herablassung Methode hat und dann beginnt der echte Psychokrieg für die Ehefrau, die sich nun die Loyalitätsfrage stellen lassen muss. Von welch anderem Kaliber ist da die brave Hanne Wasneck (Hannelore Elsner), die Gattin von Günthers Komplizen Leopold (Sieghardt Rupp). Ein Blick in ihr Gesicht indes verrät, dass es nicht die Kraft der bedingungslosen Liebe ist, die sie schweigen lässt, sondern die nackte Angst vor dem unberechenbaren Ehemann.

Alfred Vohrer inszeniert Reineckers Stoff als düsteres Kammerspiel, das zunehmend enger, unangenehmer und dunkler wird. Geht Maria Rohn am Anfang enthusiastisch und voller Tatendrang ihrer Arbeit nach, fürchtet sie das Ergebnis ihrer Ermittlungen umso mehr, je näher sie ihrem Ziel kommt. Aber sie kann natürlich nicht hinter die einmal erlangte Erkenntnis zurückfallen: Das erlangte Wissen ist nicht auszulöschen, sie muss ihren Weg bis zum bitteren Ende gehen. Die Frau, die die Treue zu ihrem Mann solchermaßen verletzt, muss mit einer harten Strafe rechnen: Am Ende sitzt sie wie die Angeklagte vor den drei Tätern (Charles Regnier ist der dritte im Bunde), während die in ihrem Beisein mitleidlos ihr Ableben vorbereiten. Auf einer dunklen Baustelle im Nebel kommt es schließlich zum Showdown.

So unterhaltsam und spannend EIN ALIBI ZERBRICHT auch ist, der Film wird letztlich von einigen unübersehbaren Drehbuchschwächen vom durchschlagenden Erfolg abgehalten. Damit ist gar nicht mal jene gewisse “Fernsehhaftigkeit” und “Heavy-Handedness” gemeint, die der fast ausschließlich in abgeschlossenen Räumen spielende und in Dialogen fortschreitende Film nicht ablegen kann: Vielmehr hat Reinecker es versäumt, einige faustgroße Plotholes zu stopfen, die sich bis zum Finale hin erheblich summieren und einem so entschieden von der Glaubwürdigkeit abhängigen Film wie diesen, der sich auch noch mit seinem Ursprung in der Realität brüstet, erhebliche Probleme einbringen. Es bleiben einfach ein paar zu viele Fragen unbeantwortet, um es verzeihen zu können: Wie kann die Verteidigerin sicher sein, dass es sich bei dem Toten tatsächlich um Kessler handelt, wenn er doch nur mithilfe eines unvollständigen Phantombildes identifiziert wird, dass zudem anhand einer völlig entstellten Leiche angefertigt wurde? Der Film springt ihr zwar recht schnell mit untermauernden Hinweisen zur Seite, aber sie tut von Anfang an so, als sei die Aussage des Hotelportiers, der das Phantombild erkennt, ein Sechser im Lotto. Nächste Frage: Wie kann der Portier dieses mit nur wenigen Details glänzende Phantombild überhaupt identifizieren, wenn sich eines dieser wenigen Details im weiteren Verlauf der Handlung auch noch als eindeutig falsch herausstellt? Der Gipfel der Überkonstruktion folgt kurz vor Schluss, wenn die Rohn die Täterschaft ihres Mannes anhand seiner Reaktion auf Bachs “Toccata und Fuge in d-moll” erkennt, das zum Zeitpunkt des Unfalls im Radio des Lkw lief – angeblich so laut, dass es auch die Täter gehört haben müssen. Der größte Fehler, den sich der Film erlaubt, ist aber zweifellos die Begriffsstutzigkeit der Protagonistin auf dem Höhepunkt des Films, als sie schier ewig braucht, um zu begreifen, dass die Männer ihre Ermordung vorbereiten. Hier bestätigt der Film die Vorurteile ihres Gatten, der für ihre juristischen Ambitionen kaum mehr als ein wohlwollendes Lächeln übrig hat.

Gegen diese unübersehbaren Schwächen hat es auch Vohrer schwer, der den Film aber mit großem Sinn für die dramatische Zuspitzung inszeniert und ihn gewissermaßen “rettet”. Das atmosphärische Finale, in dem sich der zuvor aufgebaute Druck endlich auflöst, mag dafür das herausstechendste Beispiel sein. Für Ruth Leuwerik, die in den frühen Fünfzigerjahren zu einem der gefragtesten deutschen Leinwandstars avanciert war, bedeutete EIN ALIBI ZERBRICHT das vorläufige Ende einer großen, aber kurzen Filmkarriere. Bis 1970, als sie erneut unter Vohrers Regie in der Simmel-Verfilung UND JIMMY GING ZUM REGENBOGEN agierte, wirkte sie nur noch in zwei Fernsehfilmen mit.

Mithilfe der Millionen seiner Ehefrau Luisa (Marisa Bartoli) konnte aus dem talentierten, aber nur wenig ambitionierten Zeichner Stefano Argenti (Tomas Milian) der Chef einer erfolgreichen Mailänder Werbeagentur werden. Seine Bequemlichkeit hat er nicht abgelegt, weshalb die gemeinsame Ehe längst nur noch auf dem Papier existiert, er die Beziehung zu dem Fotomodell Fabienne (Katia Christine) gar nicht mehr vor seiner Frau verheimlicht. Er will Schluss machen und ein neues Leben anfangen, doch die Agentur gehört seiner Luisa und die weigert sich beharrlich, zu verkaufen und so Geld in seine Taschen zu spülen. Bei einem Wochenendtrip nach Venedig lernt Stefano den charismatischen, mysteriösen Graf Matteo Tiepolo (Pierre Clémenti) kennen. Der junge Mann merkt bald, was Stefano bedrückt und macht ihm den Vorschlag für das perfekte Verbrechen: Wenn Stefano Matteos verhassten Bruder umbringt, tötet er im Gegenzug dafür Luisa. Stefano hält das Ganze für einen schlechten Scherz, doch wenig später ist Luisa tot. Für den ermittelnden Kommissar Finzi (Luigi Casellato) ist Stefano eindeutig der Mörder. Das entlastende Beweismaterial hält Matteo in den Händen und er gibt es erst wieder her, wenn Stefano seinen Teil der “Abmachung” einhält …

Wie anhand dieser Zusammenfassung unschwer zu erkennen ist, stellt Lucidis Film eine Adaption oder eher Variation von Patricia Highsmith’ erstem Roman “Strangers on a Train” bzw. dessen gleichnamiger Verfilmung von Alfred Hitchcock dar. Doch in LA VITTIMA DESIGNATA geht es längst nich nur um den Kampf eines Unschuldigen gegen einen Psychopathen: Die beiden Protagonisten in diesem italienischen Thriller sind über weit mehr als den Hass auf eine ihnen jeweils nahestehende Person und die einseitige Komplizenschaft in einem Verbrechen verbunden. Vielmehr teilen die beiden so gegensätzlich wirkenden Stefano und Matteo eine ganz entscheidende Charaktereigenschaft, worüber jedoch erst die allerletzte Einstellung des Films Aufschluss gibt. Was beide trennt, ist lediglich die Perspektive: Stefano ist nie in der Lage, das Spiel, das Matteo mit ihm spielt, zu überblicken. Wie Stefan Novak in seinem erhellenden Booklet-Text zeigt, greift Lucidi Elemente von Shakespeares “Hamlet” auf: Stefano übernimmt die Rolle des Hamlets, eines feigen Zauderers, der darauf wartet, dass ihm die Dinge in den Schoß fallen, der unfähig ist, eine Entscheidung zu treffen, Initiative und Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen, und damit letztlich sein Schicksal besiegelt. Gegen den selbstsicher auftretenden Matteo, der ihn mit klarer Selbstauskunft um den Fnger wickelt, ihn darüber hinaus mit seiner Philosophie des Lustgewinns fasziniert, hat er von Beginn an keine Chance. Er lässt sich von ihm den Fortgang der Dinge diktieren, fügt sich in die ihm von Matteo zugedachte Rolle des Bauern, reagiert nur, statt zu agieren. Auch der letzte Strohhalm, der ihm noch geblieben ist, seine Unschuld zu beweisen, nämlich den Mordauftrag auszuführen, den Matteo für ihn vorgesehen hat, kann an seiner Situation nichts mehr ändern. Denn der Graf brauchte Stefano für weitaus mehr, als er ihm gegenüber zugegeben hatte.

LA VITTIMA DESIGNATA ist zum einen der Film seiner beiden Hauptdarsteller: Tomas Milian ist in einer interessanten Variation seiner größenwahnsinnigen Schmierlappen zu sehen, gewissermaßen als zivilisiertes Gegenstück zu seinem Psychopathen aus MILANO ODIA: LA POLIZIA NON PUÒ SPARARE. Er gibt den sich in seinem Wohlstand sonnenden, aber zutiefst verunsicherten Playboy, der gerade durch seine Handlungsunfähigkeit und -unwilligkeit zum Mörder wird. Kein “böser” Mann, aber ein gefährlicher, der sich aus Bequemlichkeit in Situationen hineinmanövriert, aus denen er dann nur durch Beugung moralischer Prinzipien wieder herauskommt. Pierre Clémenti versieht seinen Grafen mit androgyner Weichheit, effeminierter Schwärmerei und einer gewissen Todessehnsucht. Er ist der Prototyp des anämischen, schwindsüchtigen Romantikers, dem sich Stefano zangsläufig überlegen fühlt. Als Matteo ganz am Ende die Maske der Weichheit fallen lässt, ist die Rollenverteilung komplett auf den Kopf gestellt. Aber ebenso wichtig wie die Dynamik zwischen diesen Schauspielern ist die Musik von Luis Enriquez Bacalov und der Jazzrock-Band New Trolls, die sich im Finale gemeinsam mit den Ereignissen der Handlung und dem Schnitt in einen wahren Rausch hineinsteigert. Der hübsche Titelsong, eine verträumte Ballade, wird sogar von Tomas Milian selbst gesungen. Die dritte Hauptrolle fällt der Lagunenstadt Venedig zu, die nicht nur als attraktiver Postkartenhintergrund fungiert, sondern die zentralen Themen von Tod und Schicksal in ihren maroden Fassaden spiegelt, wie das auch in Nicolas Roes DON’T LOOK NOW oder in Aldo Lados CHI L’HA VISTA MORIRE der Fall ist.

Ein schöner Film, den ich jetzt endlich einmal komplett gesehen habe. Das deutsche VHS-Tape, das ich davon mal besaß, ließ mich am Ende ratlos und enttäsuscht zurück. Es hatte wohl einmal einen Bandriss erlitten, dem die letzten, aber massiv entscheidenden Sekunden zum Opfer gefallen waren. Dass Lucidis Film toll ist, habe ich damals schon erkannt, aber wie absurd es ist, ihn nicht bis zum Ende sehen zu können, ist jedem klar, der ihn gesehen hat.