Mit ‘Thriller’ getaggte Beiträge

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Öfter mal was Neues: CLEAR AND PRESENT DANGER habe ich in zwei Etappen gesehen. Bereits nach der ersten habe ich begonnen, diesen Text zu schreiben. Doch viele der Eindrücke, die ich nach etwa einer Stunde des Films gewonnen hatte, werden in der zweiten Hälfte komplett auf den Kopf gestellt, und meine getroffenen Aussagen lassen sich nur noch zum Teil aufrechterhalten. Weil ich nicht den ganzen Text umschreiben möchte und es vielleicht ganz interessant ist, die “Entwicklung”, die ich während der zweigeteilten Sichtung durchlaufen habe, nachzuvollziehen, lasse ich die vorab verfassten Passagen so stehen. Den Teil des Textes, den ich abschließend geschrieben habe, setze ich zum besseren Verständnis kursiv. 

Auf hoher See wird ein Amerikaner – ein alter Freund von US-Präsident Bennett (Donald Moffat) zudem – samt seiner Familie von Mitgliedern des kolumbianischen Drogenkartells ermordet. Was zunächst wie ein grausamer Akt verbrecherischer Willkür aussieht, entpuppt sich nach ersten Ermittlungen des zum Director beförderten CIA-Beamten Jack Ryan (Harrison Ford) als gezielte Aktion: Der Freund des Präsidenten fungierte für die Drogenhändler offenbar als Geldwäscher und hatte insgesamt über 650 Millionen Dollar beiseite geschafft. Nicht nur gilt es nun, einen Schlag gegen das Kartell zu landen und das Geld zurückzuholen, sondern auch einen Skandal zu vermeiden. Zu diesem Zweck wird Ryan selbst nach Kolumbien geschickt. Dort stellt er fest, das er Gegner in den eigenen Reihen hat …

War der Vorgänger PATRIOT GAMES aufgrund seines Racheplots noch ausgesprochen geradlinig, im Grunde genommen ein Actionthriller im Agentenmilieu, zeigt CLEAR AND PRESENT DANGER nun alle Charakteristika des Agenten- und Politthrillers. Die Vorgänge reichen bis zum obersten Regierungschef – der Präsident der USA ist hier eine zentrale, aktiv in die Handlung eingreifende Figur  – und mindestens genauso wichtig wie die Bemühungen, das Drogenkartell von Ernesto Escobedo (Miguel Sandoval) zu zerschlagen, sind die internen Ränkespiele im Hauptquartier der CIA und die Diskussionen im Oval Office. Die rasche, unerwartete Beförderung des “Pfadfinders” Ryan – sein Mentor Greer (James Earl Jones) scheidet wegen einer Krebsdiagnose aus dem Amt – ruft Neid bei ambitionierten Rivalen hervor, die ihre Verbindungen insgeheim zum Vorantreiben ihrer eigenen Karriere nutzen. Das ist nicht unbedingt innovativ, hält aber das Interesse des Zuschauers wach, weil man nie genau weiß, in welche Richtung sich die vielen kleinen Subplots entwickeln werden. Was CLEAR AND PRESENT DANGER von vergleichbaren Filmen abhebt, ist wie schon in THE HUNT FOR RED OCTOBER und PATRIOT GAMES die Tatsache, dass Ryan zwar ein absoluter Fachmann, keineswegs aber ein abgezockter Vollprofi ist, den nichts mehr schocken kann. Seine Beförderung und die damit einhergehende Verantwortung machen ihm Angst, die Treffen mit dem US-Präsidenten lösen Nervosität und Unbehagen aus. Einmal freut er sich wie ein Schuljunge, als er erfährt, dass der Präsident einen Ratschlag von ihm befolgt hat, ein anderes Mal ist er sichtlich erleichtert, als ihm eine Aufgabe von einem Kollegen abgenommen wird. Auch die Zeichnung des Präsidenten ist durchaus interessant und ungewöhnlich: Ist er in anderen Filmen meist der gütige, weise, vertrauensvolle elder statesman, der sich ganz dem Fachwissen seiner Untergebenen unterwirft, idealtypische Verkörperung der Idee vom “obersten Diener des Volkes”, so interpretiert Moffat die Rolle hier durchaus anders. Sein Präsident ist ein Mensch aus Fleisch und Blut, verletzt durch den grausamen Verlust des Freundes, wütend über seine Hilflosigkeit, unnachgiebig in seinen Forderungen und durchaus nicht interessiert an Kompromissen. Mit ihm in einem Raum zu sein, ihm schlechte Nachrichten überbringen zu müssen oder zu diskutieren, ist kein Vergnügen, und Ford lässt in seiner Darstellung keinen Zweifel daran, dass es eine durchaus beängstigende, einschüchternde Sache ist, auf dieser Ebene in Staatsangelegenheiten verwickelt zu sein. Noyce vermeidet es mit dieser Strategie, dass CLEAR AND PRESENT DANGER zum technokratischen, lebensfremden, militaristisch-patriotischen Vehikel wird, vielmehr nähert er sich der Publikumspersepektive an. Er hat nicht, wie viele andere Filmemacher, die dieses Genre beackern, vergessen, dass all diese Jobs von Menschen ausgeübt werden, anstatt von abgezockten Automaten, denen Eis durch die Venen fließt. CLEAR AND PRESENT DANGER taugt damit ganz gewiss nicht dazu, bequeme Ressentiments über “die da oben” zu  bedienen oder gar zu schüren, aber er verfällt dabei keineswegs ins Gegenteil ehrfuchtsvoller Glorifizierung. Die Fuck-ups gehen eben meist auf menschliches Versagen oder Fehlverhalten zurück, nicht auf irgendwelche im Hintergrund ihre Fäden ziehende Masterminds oder finstere Pläne und Verschwörungen.

Nachdem ich CLEAR AND PRESENT DANGER nun zu Ende geschaut habe, muss ich einige oben getroffene Aussagen relativieren oder zurücknehmen. Es stimmt, dass Noyce keine zynische, pro-militaristische Haltung einnimmt, mit Jack Ryan gewissermaßen einen Repräsentanten des “naiven” Zuschauers zur Hauptfigur macht. Ryan versieht seinen Job immer noch mit einem gewissen Idealismus, steht zu seinem Wort, ist ehrlich und begreift sich als Diener des Volkes, dem er voll und ganz verpflichtet ist. Der Bürokrat reist gar höchstselbst in den kolumbianischen Urwald, um gemeinsam mit John Clark (Willem Dafoe) zurückgelassene amerikanische Soldaten zurückzuholen. Und er riskiert sein Leben, als er den Drogenbaron Escobedo persönlich in dessen Haus konfrontiert. Das Risiko nimmt er auf sich, weil es ihm um die Sache geht und er sich seiner Verantwortung bewusst ist. Noyce lässt aber keinen Zweifel daran, dass Ryan mit dieser Haltung eine krasse Ausnahme ist. Ryan ist eine utopische Figur, eben ein Geheimdienstmann, der seinem Job mit einer Pfadfindermentalität nachgeht. Der, wie es sein karrieregeiler Rivale Ritter (Henry Czerny) ausdrückt, in einfachen Kategorien von Gut und Böse denkt, während die Welt doch überwiegend aus Grauschattierungen besteht, in denen man es sich sehr bequem machen könnte. Und natürlich hat er mit dieser Einschätzung Recht, denn Ryan kämpft auf völlig verlorenem Posten. Er ist ein einsamer edler Ritter in einer Welt voller Schurken und Egoisten. Noch nicht einmal der Präsident ist davon ausgenommen: CLEAR AND PRESENT DANGER endet überaus markig: Erst konfrontiert der über die Vorgänge auf höchster Regierungsebene empörte Ryan das US-amerikanische Staatsoberhaupt mit deutlichen Worten, droht dessen verfassungswidriges Handeln publik zu machen. Er nutzt sein Wissen eben nicht als Trumpf, den er im strategisch günstigen Moment zur Beförderung eigener Interessen erpresserisch ausspielen könnte, ihm geht es nicht um Karriere, sondern nur um die Gerechtigkeit. Noyces Film schließt mit Ryans Auftritt als Zeuge vor einem Untersuchungsausschuss. Er ist damit, anders als von mir weiter oben behauptet, absolut ein Film, der von den großen Verschwörungen ausgeht, von der grundsätzlichen Korrumpierbarkeit “derer da oben”, davon, dass das Volk nach Strich und Faden verarscht wird. Aber er hat den Glauben daran, dass es den edlen Ritter geben könnte, noch nicht ganz aufgegeben.  

 

 

 

Patriot_Games-852489170-largeEx-CIA-Analyst Jack Ryan (Harrison Ford) vereitelt in London ein Attentat einiger nordirischer Terroristen. Dabei bringt er auch den jüngeren Bruder eines der Attentäter, Sean Miller (Sean Bean), um. Der sinnt im Folgenden auf Rache. Nachdem ihm mithilfe seines Kollegen Kevin O’Donnell (Patrick Bergin) die Flucht aus einem Gefängnistransport gelingt, setzt er alles daran, Ryan ausfindig zu machen und umzubringen. Als Ryans Gattin Cathy (Anne Archer) und Tochter Sally (Thora Birch) bei einem Anschlag nur knapp dem Tod entgehen, nimmt Ryan den Dienst wieder auf und versucht die Verbrecher aufzuspüren. Doch die bereiten sich mittlerweile in einem nordafrikanischen Trainingslager auf neue Aufgaben vor …

Damals, anno 1992 fand ich PATRIOT GAMES, den viel umworbenen zweiten Jack-Ryan-Film nach THE HUNT FOR RED OCTOBER mit dem noch auf der Höhe seines Ruhms stehenden Harrison Ford in der Hauptrolle, ziemlich mittelprächtig. Hängen geblieben ist nichts von dem Film, nur, dass im Showdown irgendwas mit Nachtsichtgeräten passierte, habe ich noch behalten. Heute hingegen, wo jeder Actionfilm mit Computerffekten zugekleistert wird und auf Comic/Videospiel/Spielzeugreihe basiert, lernt man das Understatement und den knackigen Professionalismus eines Films wie PATRIOT GAMES wieder zu schätzen – sofern man mit dem Clancy’schen Militarismus klar kommt, jedenfalls. Die Story wird sehr geradlinig erzählt, ohne dass sie dabei dem gewollten Reduktionismus anheimfiele, der realpolitische Hintergrund wirkt nicht wie für Nerds mit ADS aufbereitet, Hightech kommt zwar zum Einsatz, steht aber nicht im Mittelpunkt des Interesses. Die Schurken sind böse, ohne zu Karikaturen zu verkommen, der Held ist gerade deshalb heldenhaft, weil er berechtigte Ängste aus- und trotzdem seinen Mann steht. Tatsächlich ist es letzterer Aspekt, der PATRIOT GAMES wie schon seinen Vorgänger auszeichnet und ihm einen kleinen, leider vergessenen Sonderstatus verleiht. Jack Ryan, so sehr er als Ex-Marine, vielfach dekorierter Geheimdienstmann und Fachdozent in renommierten Militärakademien und Politkreisen auch vom Status des Normalbürgers entfernt ist, so fremd ist ihm dennoch die Rolle des Kämpfers. Es ist eine Kurzschlussreaktion, mehr als alles andere, die ihn zu Beginn eingreifen lässt (die Erklärung, es sei sein Zorn gewesen, stellt ihn interessanterweise auf eine Stufe mit dem durchschnittlichen Vigilanten), und er wird sie bald schon bereuen. Es ist durchaus keine alltägliche Situation für ihn, auf der Todesliste eines gesuchten Terroristen zu stehen, und auf offener Straße gedungenen Mördern ausweichen zu müssen. In einer Szene arbeitet Noyce das sehr schön heraus: Ryan geht auf die Toilette seines Büros und plötzlich wird ihm bewusst, in welcher Gefahr er schwebt. Er erinnert sich daran, wie er nur ganz knapp einem Killer entgangen ist, versteht, dass in jeder Sekunde ein weiterer zuschlagen könnte. Sein Blick fällt am Waschbecken in den Spiegel und er sieht, dass eine Tür nur leicht angelehnt ist. Eine Frau tritt aus einer der Kabinen – er hat sich gedankenverloren in die Damentoilette verirrt – und er taxiert sie lange: Sie könnte eine Killerin sein, hat dieselben roten Haare wie Millers Partnerin. Im Unterschied zu seinen Genrekollegen ist Ryan vor allem ein Kopfmensch. Er hat sich nicht im Kampf Mann gegen Mann ausgezeichnet, sondern mit seinen analytischen Fähigkeiten. Es ist nicht sein Metier, sich mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Aber er begreift, das genau das nun von ihm verlangt wird, weil der Gegner es auf ihn und seine Familie abgesehen hat.

Diese Charakterzeichnung begünstigt auch einen Realismus, der dem Film und Noyces Inszenierung sehr zu Gute kommt. Es gibt bis zum Kintopp-Showdown, der natürlich aus der Rolle fallen muss, keine überkandidelten Actionszenen. Attacken enden aufgrund unbeeinflussbarer Rahmenbedingungen entweder im Chaos oder aber werden extrem präzise durchgeführt. Den Angriff einer Spezialeinheit auf das von Ryan ausgewählte Camp beobachtet er mit seinen Kollegen als Satellitenaufnahme. Konturlose Pixelmännchen bringen andere Männchen um, und man sieht das Unbehagen auf Ryans Gesicht, die Einzug haltende Erkenntnis: Ich schaue hier gerade einem auf meinen Befehl veranlassten Massaker zu. Es gibt keinen Zweifel daran, dass Miller und Konsorten den Tod verdient haben, aber ein Grund zum geegnseitigen Auf-die-Schulter-Klopfen ist das trotzdem nicht.  

 

The_Hunt_for_Red_October_movie_posterDer amerikanische Nachrichtendienst erhält die Kunde von einem sowjetischen U-Boot, das sich auf dem Weg Richtung Westen befindet. Es ist mit einem neuartigen Antrieb ausgestattet, der eine vollkommen lautlose Fortbewegung und somit das unbemerkte Durchschlüpfen des US-Sicherheitsnetzes ermöglicht. Außerdem ist es mit hunderten atomarer Sprengköpfe ausgerüstet. Das Kommando über die “Roter Oktober” hat der Veteran Marko Ramius (Sean Connery), dessen Gattin vor einem Jahr ums Leben kam. Laut Aussagen der Sowjets ist er in selbstmörderischer Absicht unterwegs, um einen Schlag gegen die USA zu verüben. Doch CIA-Analyst Jack Ryan (Alec Baldwin), der Ramius kennt, hält eine andere Möglichkeit für wahrscheinlicher: Er glaubt, Ramius wolle überlaufen und das U-Boot als “Gastgeschenk” mitbringen, worüber die Russen selbstverständlich nur wenig amüsiert sind. Ryan muss nicht nur seine Vorgesetzten von dieser Option überzeugen, sondern auch Kontakt zu Ramius aufnehmen, dem die russische U-Boot-Flotte dicht auf den Fersen ist. Und dabei hoffen, dass er mit seiner Vermutung richtig liegt …

U-Boot-Filme sind eher nicht so meins, wobei das klaustrophobische Setting durchaus etwas für sich hat. THE HUNT FOR RED OCTOBER setzt jedoch weniger auf den psychischen Druck, dem eine U-Boot-Besatzung konstant ausgesetzt ist, sondern eher auf die großen politischen Zusammenhänge. Der auf einer Vorlage von Tom Clancy – und vorgeblich auf realen Ereignissen – beruhende Film, der erste in einer ganzen Reihe von Jack-Ryan-Filmen, ist einer der letzten, die noch einmal die Kalter-Krieg-Paranoia bedienen, den 3. Weltkrieg und das Zünden alles vernichtender Atombomben als ständig drohendes Szenario nutzen. Mehr, als die Angst vor dem Russen zu schüren, geht es aber darum, zu zeigen, wie zu jener Zeit Entscheidungen von massiver Tragweite anhand von höchst unvollständigem Kontextwissen getroffen wurden. Das Spiel, das die beiden Blöcke miteinander spielen, erinnert an eine Schachpartie, in der beide Seiten ständig vorausdenken müssen, nicht nur die Züge des Gegenübers antizipieren, sondern auch berücksichtigen, welche Reaktion der andere mit seinen Zügen möglicherweise auslösen möchte.  Angesichts dessen, worum es geht, ein enorm riskantes Spiel, bei dem es keine zweite Chance gibt. Ein Glück, dass mit Jack Ryan jemand da ist, der immer die richtige Eingebung hat. Auch wenn John McTiernan immer wieder die riskanten Tauch- und Ausweichmanöver Ramius’ einfängt, also auf “Action” setzt, bezieht der Film seine Spannung doch in erster Linie aus dem Mangel an Informationen der beteiligten Parteien über die Beweggründe des anderen. Ramius muss darauf hoffen, dass die Amerikaner seinem Vorstoß nicht vorschnell mit Waffengewalt begegnen, die Amerikaner darauf, dass der Russe wirklich nur friedliche Absichten hegt. Die Sowjets indessen haben ihrerseits ein Interesse daran, genau diese Hoffnung zu zerschlagen, wollen sie das U-Boot doch auf keinen Fall an den Gegner verlieren. So belauern sich die drei Konfliktparteien, und dass sie niemals in direkten Kontakt miteinander treten, verstärkt noch das Gefühl der totalen Isolation. Verstrickt man sich nicht doch nur in haltlosen Mutmaßungen und riskiert die Sicherheit des eigenen Landes?

Es ist klar, dass sich diese Spannung nicht ad infinitum aufrecht erhalten lässt, THE HUNT FOR RED OCTOBER irgendwann “handfest” werden muss. Die Probleme, mit denen das verbunden ist, liegen auf der Hand: Ein U-Boot ist kein Rennauto oder Düsenjet, und Geschwindigkeit – unabdingbare Ingredienz für Action – ist somit von vornherein ausgeklammert. Auch optisch bietet eine durchs Dunkel gleitende Stahlzigarre nicht gerade einen Augenschmaus und deshalb schrammt McTiernans Film mit seinen sich zum Finale häufenden Wendungen um abgefeuerte und ihr Ziel in letzter Sekunde verfehlende Torpedos haarscharf am Kintopp vorbei. Die große Hektik, die THE HUNT FOR RED OCTOBER plötzlich überfällt, kulminiert darin, dass sich ausgerechnet der Schiffkoch als obligatorischer Verräter entpuppt (leider wird er nicht von Steven Seagal gespielt). Knapp vorbei ist in diesem Fall aber Gott sei dank immer noch daneben, und so muss man am Ende doch den Hut ziehen vor McTiernans Kunst. Dass dieser potenziell furztrockene, langweilige Stoff zum echten Nägelkauer avanciert, ist längst nicht nur der erlesenen Besetzung zu verdanken (Tim Curry, Joss Ackland, Richard Jordan, Courtney B. Vance, Stellan Skarsgaard und Jeffrey Jones verleihen auch Nebenfiguren noch enormes Profil), sondern eben vor allem ihm. THE HUNT FOR RED OCTOBER reicht zwar erwartungsgemäß nicht an DIE HARD heran, belegt aber trotzdem eindrucksvoll, dass es Ende der Achtziger keinen besseren für handfestes, geradliniges Männerkino gab. Noch nicht einmal Sean Connery kann am Erfolg des Film etwas ändern, auch wenn er sich als der Welt erster Russe mit schottischem Akzent alle Mühe gibt.

nick of time (john badham, usa 1995)

Veröffentlicht: Oktober 22, 2014 in Film
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Am Bahnhof wird der mit seiner kleinen Tochter reisende Buchhalter Gene Watson (Johnny Depp) von zwei angeblichen Kriminalbeamten aufgehalten. Wenig später offenbart sich der Mann (Christopher Walken) jedoch: Er gibt Watson den Auftrag innerhalb der nächsten 75 Minuten ein Attentat auf Governor Eleanor Grant (Marsha Mason) zu verüben, ansonsten werde seine Tochter sterben. Die Versuche Watsons, sich aus seiner Lage herauszuwinden oder Hilfe hinzuzuziehen, scheitern erst an der Allgegenwart  seines Auftraggebers, dann schließlich daran, dass der Anschlag Teil eines großen Komplotts ist, das sich bis in den engsten Kreis der Politikerin erstreckt. Die Zeit verrinnt …

Mit NICK OF TIME inszenierte John Badham seine Hitchcock-Hommage. Nicht nur, dass der brillentragende Johnny Depp in Fluchtpose auf dem Plakat aussieht wie Cary Grant (und seine Haltung an diverse NORTH BY NORTHWEST-Plakate erinnert): An der Geschichte um den eher eigenschaftslosen Durchschnittsbürger, der plötzlich ohne Hoffnung auf Hilfe von außen in eine für ihn unüberschaubare Situation gerät, hätte sicherlich auch der Suspense-Meister höchstpersönlich Gefallen gefunden. Das Echtzeit-Gimmick verhilft dem Film zum Erfolg, ohne dass es überstrapaziert würde, das Hauptdarstellerpaar Depp/Walken entwickelt genau die Dynamik, die der Stoff braucht, und Badham inszeniert das Ganze mit dem ihm eigenen Professionalismus und Drive. Leider war das anno 1995 schon nicht mehr ausreichend: NICK OF TIME wirkt deutlich kleiner als die Blockbuster, die Badham in den Achtzigerjahren drehte, und in Deutschland kam er demzufolge gar nicht erst ins Kino, sondern wurde direkt auf Video verwurstet (und gleichzeitig, künftige Praktiken vorwegnehmend, beim Fantasy Filmfest). Wenig später war Badham dann schon fast ausschließlich fürs Fernsehen tätig, ein verlässlicher Hitlieferant sang- und klanglos aus den Kinos verschwunden.

Nicht, dass NICK OF TIME frei von Schwächen wäre. Die Prämisse ist grotesk überkonstruiert und erfordert vom Zuschauer ein großes Maß an Nachsicht. Ist man nicht bereit, diese aufzubringen, fällt der Film hoffnungslos in sich zusammen. Warum die Verschwörer einen unbescholtenen Bürger als Killer akquirieren, anstatt sich eines Profis zu bedienen (von denen sie genug in den eigenen Reihen haben), wird nie wirklich beantwortet, und es erscheint nicht erst auf den zweiten Blick vollkommen widersinnig, unnötig kompliziert und viel zu riskant, einen Mordanschlag einem Fremden, noch dazu einem, der über keinerlei Erfahrung im Umgang mit einer Waffe verfügt, aufzubürden. Vor allem, wenn man bedenkt, dass einer der Mitkonspirateure der Ehemann der Gouverneurin ist. der dieser jederzeit ohne großen Aufwand etwas in den Drink mischen oder ihr einfach nachts das Kopfkissen aufs Gesicht drücken könnte. Nimmt man diese Hürde, ist NICK OF TIME aber eben spannend-kurzweiliges Entertainment, das vor dem Hintergrund von Badhams anhaltender Auseinandersetzung mit dem Thema “Überwachung” und gerade im Kurzschluss mit POINT OF NO RETURN durchaus interessante Erkenntnisse ermöglicht.

Christopher Walkens “Mr. Smith” scheint ein direkter Kollege von Gabriel Byrnes nicht minder anonym benanntem “Bob” in eben jenem Film: Wie der die kleinkriminelle Maggie observierte und sie als Kandidatin für die Auftragskiller-Arbeit auswählte, so erkennt Mr. Smith in dem fürsorglichen Papa das geeignete Opfer. Dass er diesem im Folgenden kaum von der Seite weicht, ihn immer genau dann mit einem mahnenden Blick auflauert, wenn der sich gerade einem Außenstehenden anvertrauen will, mag unter Gesichtspunkten der Logik ein Fehler sein, aber Badham gelingt es genau so, dass widernatürliche, invasive einer Überwachungssituation bloßzulegen. Überwachung ist in NICK OF TIME eben nicht die Präventionsmaßnahme, die uns die Politik gern verkaufen möchte, sie ist selbst Mittel für illegale Aktivitäten und wird ganz gezielt als Waffe eingesetzt.  “Keep your eyes peeled”: Diese Forderung richtet Mr. Smith in der Eröffnungsszene gleich zweimal an seine Kollegin, sie zu höchster Aufmerksamkeit auffordernd. Die totale Überwachung, die Badham fürchtet, ist der Blick aus einem Auge, das niemals auch nur blinzelt.

 

Zunächst: Ich habe Luc Bessons NIKITA, der die Vorlage zu John Badhams Remake lieferte, zuletzt vor einer halben Ewigkeit gesehen und nur noch höchst marginale Erinnerungen an den Film. Soweit ich das rekapitulieren kann, hält sich die Adaption zumindest was den Handlungsverlauf angeht sehr eng an das Original, ersetzt in erster Linie europäische durch US-amerikanische Schauplätze. Ich vermute mal, dass Anne Parillauds Auftragsmörderin wider Willen von Besson etwas weniger als eigentlich liebenswertes Love interest gezeichnet wurde, als das bei Bridget Fondas Nina der Fall ist, NIKITA insgesamt etwas düsterer und böser – eben europäischer – rüberkommt, aber beschwören will ich das nicht. Und weil es mir hier definitiv nicht darum geht, zu erörtern, ob POINT OF NO RETURN ein gutes oder schlechtes Remake ist, spare ich mir solche Vergleiche im Folgenden und behandle Badhams Film ganz so, als hätte es NIKITA nie gegeben. Und siehe da: Der Film ist ausgezeichnet. Vor allem, wenn man ihn vor dem Hintergrund von Badhams laufender Auseinandersetzung mit Technik und nicht nur staatlicher Überwachung betrachtet.

Vordergründig geht es natürlich darum, wie der Staat über im Verborgenen agierende Geheimdienste mit unerbittlicher Willkür in das Leben von Privatmenschen eingreift, dabei Gesetze und Rechtsprechung großzügig umgeht. Dass Maggie (Bridget Fonda) wegen Polizistenmordes eine rechtskräftig zum Tode verurteilte Schwerverbrecherin ist, interessiert die verantwortlichen Beamten nur wenig: Man setzt sich über das Urteil und die Giftspritze hinweg, sperrt die Frau ein und lässt ihr die Wahl, künftig für den Staat zu arbeiten oder aber zu sterben. Auffällig ist dabei, dass es keiner revolutionären technischen Erfindung wie eines Blue-Thunder-Helikopters, eines Militärroboters oder auch nur zweier eigens dafür abgestellter Polizisten mehr bedarf, um über das Leben der drogenabhängigen Herumtreiberin vollständig informiert zu sein. Gabriel Byrne taucht als Agent “Bob” wie ein Engel einfach immer am richtigen Ort auf, hat – wie auch immer – Einblick in alle Details des verkorksten Lebens Maggies. Und genau an diesem Punkt eröffnet sich eine übergeordnete, allgemeinere Thematisierung von “Überwachung”, eine, die eine kaum zu übersehende sexuelle Dimension hat. Wenn man Filmemachen als eine männliche Kulturtechnik beschreiben mag, den Blick, den die Kamera dem Zuschauer im Hollywood-Kino meist auferlegt, als männlich, dann reproduziert Badham diese Ermächtigung in POINT OF NO RETURN auch auf inhaltlicher Ebene. Sein Objekt, die Drogenabhängige/Möderin/Auftragskillerin Maggie, wird von Bob und dem hinter ihm stehenden Apparat genauso taxiert wie von Badhams Kamera. Sie wird eingesperrt, mit kleinen Zugeständnissen bei Laune gehalten, vor allem aber nach dem Wunsch der Behörde dressiert und programmiert. Sie ist die Hauptdarstellerin, aber echte Handlungsmacht hat sie nie. Der zur “Belohnung” für die gemachten Fortschritte spendierte Besuch in einem Nobelrestaurant ist nur eine Finte, der zu ihrem ersten Mordeinsatz führt, und ihre Eignung beweist sie damit, dass sie dem ihr zugedachten Tod entgeht. Der Zuschauer wird zum Voyeur und Bridget Fonda immer wieder in erotischen Posen eingefangen, die ihre Machtlosigkeit demonstrieren (in besagter Restaurant-Sequenz muss sie ihren Häschern in kleinen Schwarzen und Nylonstrümpfen entkommen).

Eine Femme Fatale ist sie nur zum Schein: Mit nahezu bemitleidenswerter Ahnungslosigkeit deponiert sie eine Bombe im Hotelzimmer einer Zielperson, freut sich erst darüber, dass sie niemanden erschießen musste und erlebt dann einen inneren Zusammenbruch, als sie feststellt, dass sie eine Explosion initiiert hat. Auch die Handhabung des romantischen Subplots ist doppeldeutig: An der Oberfläche geht es darum, dass Maggie kein “normales” Leben führen kann, ihr Job immer zwischen ihr und ihrem Freund J.P. (Dermot Mulroney) stehen wird, sie ihre wahre Identität niemals ganz preisgeben können wird. Auf der anderen Seite schleicht die Kamera aber nur zu gerne in das Haus des Pärchens und beobachtet sie bei ihren ersten Annäherungsversuchen, Liebesspielen und Sex. Die Integration dieses Subplots mag Maggies Ich-Werdung beschleunigen, aber vor allem ist sie ein dankbarer Anlass, in ihrem Privatleben herumzuschnüffeln. Der Film scheint sich des inhärenten Zynismus durchaus bewusst zu sein – und entgeht allzu expliziten Darstellungen ganz einfach dadurch, das die Killerin stets im richtigen bzw. falschen Moment einen Anruf erhält, der sie an wichtigere Aufgaben erinnert. Es gibt eine ziemlich gruselige Szene, in der Bob seinem Schützling einen Besuch abstattet. J. P. gegenüber gibt er sich als Onkel aus und er hilft Maggie dabei, dem Freund zumindest einen kleinen Einblick in ihre vermeintliche Vergangenheit zu geben. Er erzählt, wie er der Nichte einst beim Reiten zugesehen habe, wie sie sich gegen jede Wahrscheinlichkeit auf dem Rücken eines wilden Pferdes behauptete, wie schön sie gewesen sei. Es wird – für den Zuschauer, für Maggie, wundersamerweise aber nicht für J. P. – sehr klar, dass der Beamte bis über beide Ohren in die Killerin verliebt ist, und diese Liebe trägt mehr als nur etwas abseitige, inzestuöse Züge. Es ist die totale Vereinnahmung, die Maggie erfährt: Sie hat nicht nur ihre Identität vollkommen aufgeben und ihren Körper an den Staat überschreiben müssen, als ewig junge Kindfrau beflügelt sie nun auch noch die erotischen Fantasien ihres Schöpfers. Auch die andere Frauenfigur des Films ist interessant: Als Erzieherin der Kandidaten lebt Amanda (Anne Bancroft) in einem mondän eingerichteten Appartement innerhalb des Komplexes, in dem Maggie ausgebildet wird. Die ihr zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten wirken wie eine Parallelwelt innerhalb der auf Funktionalität ausgerichteten Anlage. Aber auch sie repräsentiert vor allem eine Männerfantasie, vielleicht keine erotische, aber doch eine Art platonisches Idealbild einer intelligenten Frau, die weiß, wie man sich zu benehmen und zu bewegen hat. Doch diese Selbstständigkeit ist ja auch nur Illusion, weil Amanda letztlich wie ein kostbarer tropischer Vogel in einem Käfig sitzt; oder wie eine Puppe in einem Puppenhaus wohnt. (Ist sie vielleicht selbst einmal ein “Kandidat” gewesen wie Maggie?)

Von solchen exegetischen Herausforderungen, die POINT OF NO RETURN stellt, einmal ganz abgesehen, ist John Badham ein effektiver Thriller gelungen, der zwar deutlich Kind seiner Zeit ist – Bridget Fonda gibt kurz nach dem Seattle-Film SINGLES die Grunge-Rebellin mit Doc Martens und schwarz gefärbten Haaren, die L7 hört und den Fernseher mit Farbe besprüht –, aber doch über die Untiefen verfügt, die andere, auf Hochglanz oberflächenpolierte Filme jener Zeit weitestgehend vermissen lassen. Die Actionszenen sind exzellent und der Film zudem erstaunlich ruppig. Inspiriert ist auch die Besetzung: Michael Rapaport hat einen kurzen Auftritt als einer von Maggies Junkiefreunden, Miguel Ferrer darf eine Art Reprise auf seinen FBI-Agenten Rosenfeld aus TWIN PEAKS geben, Harvey Keitels “Cleaner” inspirierte wiederum Quentin Tarantino dazu, ihm einen entsprechenden Part in PULP FICTION auf den Leib zu schneidern. Eine schöne Überraschung für mich, vielleicht eine Sichtungsanregung für euch.

 

 

 

 

 

STAKEOUT genießt leider nicht ganz den Ruf, der ihm eigentlich zustünde. In meinen Augen handelt es sich bei diesem Film nämlich um eine der absolut besten Krimikomödien der Achtzigerjahre, und er funktioniert auch heute noch blendend. Vielleicht bin ich ein bisschen voreingenommen, weil ich diesen Film als Zwölfjähriger bei seinem Deutschlandstart im Kino sehen durfte und zwar – nicht unwichtig – in Begleitung von gleich zwei Mädchen aus meiner Schulklasse. Reine Glückssache: Eine Woche, nachdem wir ihn gesehen hatten, wurde er von seiner anfänglichen FSK-12- auf eine FSK-16-Freigabe hochgestuft, die auch heute noch Bestand hat. Aber STAKEOUT ist auch ohne diese autobiografische Bindung großartig. Meine seit damals währende Liebe zu ihm ist sogar noch einmal “gereift”, weil ich viele seiner kleinen Ideen und cleveren Kniffe erst heute wirklich zu schätzen weiß, die ich damals noch nicht wirklich benennen konnte. Hochinteressant wird er zudem als Companion Piece für BLUE THUNDER, da er viele von dessen Ansichten zum Thema “Überwachung” noch einmal aufgreift und ausarbeitet.

Die beiden Cops Chris Lecce (Richard Dreyfuss) und Bill Reimers (Emilio Estevez) erhalten den Auftrag, Maria McGuire (Madeleine Stowe), die Freundin des soeben aus dem Gefängnis geflohenen Schwerverbrechers Richard Montgomery (Aidan Quinn) zu beschatten, da das FBI erwartet, dass der Schurke in Bälde dort auftaucht. Im Wechsel mit ihren Kollegen Phil (Dan Lauria) und Jack (Forest Whitaker) beziehen Chris und Bill das Häuschen gegenüber von Maria, filmen sie mit ihren Kameras und hören ihr Telefon ab. Die Probleme beginnen, als Chris mit seinem Beobachtungsobjekt in direkten Kontakt tritt, sich in die attraktive junge Frau verliebt und in ihr ähnliche Gefühle weckt …

Badham knüpft, wie erwähnt, inhaltlich an BLUE THUNDER an: Die Beobachter sind keineswegs sachlich-neutrale Sammler von Datenmaterial, vielmehr Wesen aus Fleisch und Blut, die mit ihrem Objekt in eine, wenn auch zunächst nur einseitige, Beziehung treten. Ihr Blick durch das Objektiv ist der des sexuell motivierten Voyeurs, und die Frau auf der anderen Seite weckt ihr privates Interesse und ihre Begierden nicht zuletzt deshalb, weil ihr Job zu 99 % aus Langeweile besteht. Was könnte mehr Vergnügen bereiten, als einer schönen Frau ungestraft und unbeobachtet beim Entkleiden zuzusehen? Doch als Chris sich Zutritt zu Marias Haus verschafft – um eine Wanze in ihrem Telefon zu installieren – durchbricht er die noch bestehende natürliche Grenze: Seine Lust kann durch die bloße Betrachtung nicht mehr gestillt werden, er muss näher ran an die Frau, die durch die Kamera doch nur scheinbar Lebensgröße erhält. Damit gehen die erwartbaren moralischen Probleme einher, aber es passiert noch mehr. Damit, dass Chris nun eine echte Beziehung zu Maria aufbaut, wechselt er auch die Seiten, wird vom Beobachter selbst zum Beobachteten. Und mit dem Perspektivwechsel und der Trennung der beiden Rollen hat er dann sichtliche Schwierigkeiten, die ihm und seinen Partner im schlimmsten Fall den Job kosten können.

Die Beziehung zwischen Chris und Bill (und das Zusammenspiel von Dreyfuss und Estevez) ist neben der wendungsreichen, rasanten Entwicklung des Plots ein weiterer Schlüssel zum Erfolg des Films, weil sie als humorvolle Spiegelung typischer Copfilm-Klischees funktioniert: Die beiden sind, wie im Buddyfilm üblich, äußerst unterschiedliche Charaktere – Chris der erfahrene, aber leichtsinnige, wagemutige, möglicherweise in der Midlife-Crisis steckende Veteran, Bill der geradlinige junge Musterpolizist, der eine erfolgreiche Karriere anstrebt –, was zu Konflikten führt. Doch dabei bleibt es nicht: Wenn die beiden zu Beginn ihrer Mission in ein gemeinsames Häuschen ziehen, ihre berufliche Partnerschaft ihre echten Beziehungen auf unbestimmte Zeit ersetzt, ist das nur die äußerste bildliche Konkretion eines Vorwurfs, den sich Filmpolizisten mit schöner Regelmäßigkeit von ihren Gattinnen anhören müssen. Bill wird bald am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, die “Gattin” eines in seinem Job aufgehenden Cops zu sein. Je näher Chris der neuen Angebeteten kommt, umso mehr Zeit muss er, eingehüllt in eine wärmende Blümchendecke, allein in dem spartanische eingerichteten Zuhause verbringen. Chris’ scherzhaft gemeinte Begrüßungen – “Hi darling, I’m home!” ruft er, wenn er die Treppe hinaufkommt – bestätigen, dass er durchaus weiß, dass ihre Beziehung von außen wie eine Ehe aussieht, bei der er sie mit einer Jüngeren betrügt, aber er kann daraus für sich keine Schlüsse ziehen. Für ihn ist das alles ein großer Spaß, obwohl er erst kurz zuvor für genau dasselbe Verhalten den Laufpass von seiner Lebensgefährtin erhalten hat.

Neben den komischen Elementen funktioniert aber auch der Thriller-Anteil des Films ausgezeichnet. Es ist auch dieser stets stilsichere Wechsel zwischen leichter, humorvoller, aber geistreicher Unterhaltung und den zupackenden Thriller-Elementen, der gewährleistet, dass STAKEOUT über die volle Laufzeit von zwei Stunden interessant bleibt. Das Finale in einem Sägewerk ist dann zwar recht generisch, aber es erfüllt seinen Zweck. SATURDAY NIGHT FEVER mag “wichtiger” sein, BLUE THUNDER und WARGAMES technisch innovativer, SHORT CIRCUIT bekannter: Aber mein Liebelingsfilm von Badham ist und bleibt STAKEOUT.

 

 

Kaum zu ermessen, welche Bedeutung BLUE THUNDER für mich erlangt hätte, hätte ich ihn in meiner Kindheit gesehen. Ein Hubschrauber voller technischer Gimmicks und damals sicherlich visionär und futuristisch anmutenden Schnickschnacks: Das ist der Stoff, aus dem Jungsträume sind. Oder auch Männerträume: Um eine Ahnung davon zu erhalten, welche Faszination von dem titelgebenden Hubschrauber ausgehen kann, muss man den Titel des Films nur einmal in die Google-Bildersuche eingeben. Neben den üblichen Plakatmotiven und Szenenfotos findet man dort Hunderte von Bildern von originalgetreu nachgebauten Modellen, Zeichnungen und sogar echten Hubschraubern, die dem filmischen Vorbild exakt nachgebildet wurden. Das ist einigermaßen erstaunlich für einen Film, der doch höchstens einen kleinen Kultstatus und keienswegs denselben Stellenwert genießt, wie andere Filme, die diese Form von Fanverehrung erfahren. Da ich BLUE THUNDER nun aber zum ersten Mal geschaut habe, ist der Zugang notgedrungen etwas nüchterner: Vieles von dem, was in Badhams Film vor 30 Jahren visionäre war, ist heute von der Realität längst eingeholt worden. Zur totalen Überwachung ist kein ein Hightech-Hubschrauber nötig, es geht viel einfacher. Städte werden heute von Tausenden von Kameras beobachtet und Satelliten machen deutlich schärfere Bilder als die krisseligen Aufnahmen im Film. Trotzdem kann BLUE THUNDER heute noch sehr gut bestehen: Zum einen bietet er jede Menge fürs Auge, nicht nur in seinem gut halbstündigen, furiosen Showdown, der mit in seinem aufregendsten Moment ungute Assoziationen an 9/11 weckt, zum anderen ist das Drehbuch von O’Bannon und Don Jakoby so klug, das Überwachungsthema auf mehreren Ebenen zu verhandeln.

Der Vietnamveteran und Polizeibeamte Frank Murphy (Roy Scheider) fliegt Tag für Tag mit einem Hubschrauber über Los Angeles, um aus der Luft die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten und kriminelle Machenschaften vorzeitig zu erkennen. Dass er mit seinem neuen Partner, dem jungen Lymangood (Daniel Stern), aus sicherer Distanz schönen Frauen beim Yoga zuschauen kann, ist ein angenehmer Nebeneffekt. Aufgrund eines solch voyeuristischen Exkurses kommen die beiden zu spät, als eine Lokalpolitikerin, die sich für die Befriedung von Jugendgangs einsetzt, vor ihrem Haus ermordet wird. Dem Mord folgt große öffentliche Empörung und das Versprechen, verstärkt an seiner Aufklärung zu arbeiten. Wenig später sollen Murphy und Lymangood demzufolge den Prototypen eines neuen Helikopters, genannt “Blue Thunder”, testen. In das Projekt involviert ist auch Colonel Cochrane (Malcolm McDowell), mit dem Murphy seit dem Vietnamkrieg im Clinch liegt. Bereits bei ihrem ersten Ausflug kommen die beiden Cops einem groß angelegten Komplott auf die Schliche: Um den Helikopter zur Produktion zu bringen, ist seinen Erfindern nämlich jedes Mittel recht …

BLUE THUNDER zeigt zunächst einmal, dass das Problem an der Überwachung mit den Überwachern beginnt: Murphy und Lymangood sind Durchschnittstypen mit durchschnittlich menschlichen (und männlichen) Interessen und Bedürfnissen und durchschnittlichen Charaktermängeln (Murphy schleppt zudem noch ein nicht ausgeheiltes Vietnamtrauma mit sich herum). “J.A.F.O.” steht auf Lymangoods Kappe: “Just another fuckin’ observer” – dass dieser entindividualisierte Beobachter aber sehr wohl ein Individuum ist, wird vollständig ausgeblendet. Fast zwangsläufig missbrauchen die beiden ihr Privileg und ihre damit einhergehende Macht, vertreiben sich die oft langweiligen Nachtschichten damit, nackte Schönheiten zu bespannen. Sie sind höchst selektiv in der Auswahl ihrer Ziele: Die Stadt präsentiert sich aus ihrer Perspektive als endloser Lichterteppich, durchbrochen von unergründlichen schwarzen Flächen: Zu viele Informationen und Geschichten, um sie alle entschlüsseln zu können. Der Glaube an die Überwachung und die lückenlose Prävention ist in Badhams Film von Beginn an eine unerfüllbare Utopie. Nicht zuletzt ein politisches Konstrukt, mit dem sich handfeste wirtschaftliche Interessen untermauern lassen. Eine Lösung ist nämlich – zumindest vorgeblich – die Entwicklung neuer Technik: Der “Blue Thunder”, den Murphy und Lymangood testen sollen, liefert noch schärfere Bilder, noch bessere Tonaufnahmen, reagiert noch sensibler auf äußere Reize, lässt sich noch intuitiver steuern. Nur das Grundproblem, dass da immer noch ein menschlicher Pilot am Steuerknüppel sitzt, der die Signale interpretieren und Entscheidungen treffen muss, beseitigt er nicht. Dafür eröffnet er aber ein neues, kaum weniger schwerwiegendes. Der “Blue Thunder” kostet seine Macher Geld, dass sie natürlich zurückverdienen wollen – und mehr als das. Der Hubschrauber soll Gewinn erwirtschaften, indem er in die serielle Produktion geht. Das lässt sich aber nur verwirklichen, wenn er sich im Testeinsatz als Erfolg erweist. Die verantwortlichen Regierungstypen sind nicht bereit, die Frage von Erfolg und Misserfolg dem Zufall zu überlassen. Also erzeugen sie selbst die Krisen, die der “Blue Thunder” dann auflösen soll. Badham verquickt die mit dem Thema “Überwachung” typischerweise einhergehende erkenntnistheoretischen und ethischen Diskurse mit einem machtpolitisch-öknomischen: Beide Aspekte sind in unserer Welt nicht mehr voneinander zu trennen. Politische und finanzielle Macht fallen zusammen und konstruieren die Wirklichkeit nach Belieben. Ironischerweise deckt Murphy das Komplott gerade mithilfe des Helikopters auf, aber er weiß, dass dessen bloße Existenz schon eine Bedrohung der Freiheit darstellt. Am Ende landet er ihn auf den Schienen eines Güterbahnhofs und lässt ihn von einem heranrasenden Zug zermalmen. (Lowtech triumphiert über Hightech.)

 

Über dieser Lesart soll aber nicht verschwiegen werden, dass BLUE THUNDER sich auf rein sensorischer Ebene schon über dieses reizvolle, ungemein suggestive Bild – und natürlich als physischer Actionfilm – erschließt: Wie da dieser schwarze Fleck lautlos über ein Netz aus Lichtern gleitet, ist für sich genommen ästhetisch schon so aufregend, dass ich mir nur zu gut vorstellen kann, wie der Film ursprünglich entstand: mit eben diesem Bild als initialer Inspiration. Motivisch ist die Bedeutung von BLUE THUNDER nicht zu unterschätzen. Nicht nur, weil ihm in den Achtzigerjahren etliche weitere Hightech-Vehikel in Film und Fernsehen folgten (man denke an K.I.T.T. oder den “Streethawk”), sondern auch weil die Idee des von Zeit und Raum quasi enthobenen Gleitens über den Dingen eines unsichtbaren, aber allmächtigen Bewachers, um die der urbane Actionfilm nicht zuletzt kreist, auf Spielfilmlänge streckt. Nicht ohne Eigennutz verweise ich an dieser Stelle noch einmal auf meinen Text zum “Nachtflug”, der sich genau damit auseinandersetzt. Die Sichtung von BLUE THUNDER fehlte mir damals noch, weshalb mir der Text heute nicht mehr ganz vollständig erscheint.