Einträge tagged ‘Troma

23
Nov
10

sgt. kabukiman n.y.p.d. (michael herz/lloyd kaufman, usa 1990)

Sergeant Harry Griswold (Rick Gianasi) gerät beim Besuch eines New Yorker Kabukitheaters in eine wilde Schießerei, bei der auch der Leiter der Kabukitruppe sein Leben lässt. In den letzten Sekunden kann dieser den zur Hilfe eilenden Griswold aber noch mit dem Geist des Kabukiman beatmen, der fortan mit Macht nach außen drängt und Griswold von einer peinlichen Situation in die nächste und schließlich um den Job bringt. Erst als Lotus (Susan Byun), die Tochter des Ermordeten, sich seiner annimmt, lernt er, die Kräfte des Kabukiman zu kontrollieren und zu nutzen und nimmt den Kampf gegen die Mörder auf …

“Inspiriert von Puccinis ,Madama Butterfly’” heißt es in den Anfangscredits vollmundig, aber als Troma-geschulter Zuschauer ahnt man schon, dass diese Behauptung selbst wieder nur ein Witz ist. Statt einer bitteren Tragödie um eine  kulturelle und soziale Grenzen überschreitenden Liebe gibt es einen Amerikaner im japanischen Superheldenkostüm und es ist wohl dem bei aller anarchischer Energie im Grunde immer eher reaktionär-spießigen Troma-Humor geschuldet, dass traditionelle japanische Männertracht hier kurzerhand als ”weibisch” apostrophiert wird. Aber das hier soll gar kein Verriss werden. SGT. KABUKIMAN N.Y.P.D. vereint alle (streitbaren) Stärken, aber auch alle Schwächen einer Troma-Produktion: Einer herrlich beknackten Grundidee, die mit viel infantilem Verve und absurden Einfällen im Überfluss garniert ist, stehen ein unstrukturiertes Drehbuch und eine wieder einmal jeden Anflug von Nachhaltigkeit negierende Selbstironie gegenüber, die das Vergnügen trüben. Dabei beginnt KABUKIMAN sehr ordentlich, hat gegenüber anderen Troma-Filmen zudem den entscheidenden Vorteil, mit Rick Gianasi einen brauchbaren Hauptdarsteller zur Verfügung zu haben, sodass endlich einmal auch die Identifikation mit der Hautfigur gelingt. Die erste Hälfte gehört tatsächlich zum besten, was Troma zustande gebracht hat: Der Film legt ein hohes Tempo vor, die Gags zünden und sind nicht bloß hysterische Zoten, die zahlreichen Slapstickeinlagen sind gut getimt, es gibt – man höre und staune – tatsächlich Beispiele für gelungenen Wort- und Dialogwitz und das Superheldensujet bietet einen geeigneten Background für die überdrehte Troma-Kunterbuntheit. Ein paarmal habe ich tatsächlich herzhaft gelacht: Szenen wie jene, in der Griswold sich vor seinem cholerischen Vorgesetzten in einem Clownskostüm verantworten muss und alle Versuche, diesen zu beruhigen, nach hinten losgehen, weil ihm dafür nur typische Clowns-Scherzartikel zur Verfügung stehen, sind zwar alles andere als originell oder gar niveauvoll, aber sie sind einfach gut umgesetzt. (Und sie kommen meinem schlichten Gemüt sehr entgegen: Wenn Leute nassgespritzt werden und dann konsterniert dreingucken, gibt es für mich kein Halten mehr.) Letztlich ist SGT. KABUKIMAN N.Y.P.D. aber auch ein Film der leichtfertig vergebenen Chancen. Was hätte man aus der Grundidee, einen Mittelklasse-Amerikaner zum Wirt eines japanischen Geistes zu machen, alles rausholen können? Hier hätten sich einige Möglichkeiten für eine clevere Satire zum kulturellen Clash zwischen den USA und Japan geboten, eben der Anschluss an die zitierte Puccini-Oper, doch Troma ist leider mehr an harmlosen Stäbchen- und Sushiwitzchen interessert. Aber es ist ja nicht so, dass man das nicht schon gewusst hätte, als man die DVD in den Player schob. So bleibt unterm Strich ein Film, der anders als andere Troma-Werke am ehesten mit “normalen” Filmen konkurrieren kann (mit Ausnahme von CLASS OF NUKE ‘EM HIGH, für mich ohne Frage die Sternstunde von Troma), insgesamt aber über Mittelmaß auch nicht herauskommt. Gerade gegen Ende zieht sich SGT. KABUKIMAN N.Y.P.D. wie ein Kaugummi und statt der opulenten 100 Minuten hätten 80 bis 90 dem Film besser zu Gesicht gestanden. Die Ermüdungserscheinungen, die sich bei mir irgendwann einstellten, haben den zunächst positiven Eindruck jedenfalls wieder etwas nivelliert. Trotzdem: Ein okayer Abschluss unter meine Troma-Retro, die die wichtige Erkenntnis brachte, dass es manchmal besser ist, Dinge in guter Erinnerung zu behalten, anstatt sich vom Gegenteil überzeugen zu lassen.

22
Nov
10

surf nazis must die (peter george, usa 1987)

Eine Bande von surfenden Verbrechern, die “Surf Nazis”, machen einen kalifornischen Strand der nahen Zukunft unsicher, klauen Handtaschen alter Damen, schikanieren Touristen und bekämpfen rivalisierende Surfergangs. Als sie den Afroamerikaner Leroy ermorden, schwört dessen Mutter Eleanor (Gail Neely), eine rüstige Rentnerin, Rache: Sie kauft sich ein stattliches Waffenarsenal zusammen und macht Jagd auf die “Surf Nazis” … 

Vom Titel her verdientermaßen einer der berühmtesten Troma-Filme, ist SURF NAZIS MUST DIE letzten Endes ein doch eher enttäuschendes Unterfangen, auch wenn er mit mehr Verstand und Sorgfalt gefertigt scheint als ein Gros dessen, was unter dem Banner der Produktionsfirma aus New Jersey firmiert. Die klamaukige Hysterie, die so manchen Troma-Film zu einer nervtötenden oder wenigstens anstrengenden Angelegenheit macht, ist hier abwesend, im Gegenteil zeichnet sich SURF NAZIS MUST DIE durch eine sehr unterkühlte Atmosphäre aus, die in hartem Kontrast zu seinem absurden Titel steht. Sommersonnige Langneselaune sucht man jedenfalls vergeblich, was wohl auch darin begründet ist, dass SURF NAZIS genau genommen ein Endzeitfilm ist, auch wenn man das durchaus übersehen kann. Außer einer kurzen Schrifttafel, die das Geschehen in der nahen Zukunft verortet, gibt es lediglich einen kurzen Hinweis auf ein verheerendes Erdbeben, ansonsten sind es eher kleine optische Reize, die für eine Zuordnung zu diesem Subgenre sprechen, etwa die postpunkigen Kostüme der Surf Nazis oder die Bilder von Industrieanlagen und verkommenen Betonsünden, die jedes eventuell aufkommende Urlaubsfeeling schon im Keim ersticken. Leider ist Peter Georges Film aber auch sonst eher von Tristesse geprägt: Die Verbindung von Surfer- und Nazisujet erschöpft sich in ein paar naheliegenden Dialogzeilen (“I am the Führer of the New Beach!”), zahlreichen Hakenkreuzen und darin, dass zwei Mitglieder der Surf Nazis “Adolf” respektive “Mengele” heißen, bringt sonst aber ebenso wenig wie die eigentlich nette Idee, die Bösewichter von einer amoklaufenden Oma aus dem Weg räumen zu lassen. Was hätte daraus für einen herrlichen Baddie machen können! Stattdessen erzählt George seine Minigeschichte aufreizend unambitioniert und ohne jedes dramaturgische Gespür, liefert aber auch nicht genug Selbstzweckhaftes, das einen dies verschmerzen ließe. So muss SURF NAZIS MUST DIE ewig lang ohne Protagonisten auskommen und auch ein Plot kristallisiert sich erst nach gut der Hälfte der Spielzeit heraus. Bei mir äußerte sich das in einer zunehmenden Indifferenz, die sich auch dann nicht mehr gänzlich auflöste, als der Film dann endlich und viel, viel zu spät in Tritt kam. Klar, es gibt ein paar schöne Szenen – vor allem eine Enthauptung per Motorboot ist recht ansehnlich geraten – und so ganz ohne Reiz ist die eigenartige Mischung des Films nicht, aber irgendwie scheint selbst der Regisseur nicht so richtig gewusst zu haben, was er eigentlich will und der Verdacht liegt nahe, dass man einfach nur irgendeinen Film brauchte, dem man die schöne Titelschöpfung aufpfropfen konnte. Ein Exploitationtrasher ohne Krawall und miese Einfälle, eine Komödie ohne Gags, ein Actionfilm ohne Action, ein Drama ohne Drama: Wer kann so etwas wollen wollen? Eigenartig.

22
Nov
10

bloodsucking freaks (joel m. reed, usa 1976)

Sardu (Seamus O’Brien) betreibt  “Sardu’s Theater of the Macabre”, auf dessen Bühne er gemeinsam mit seinem zwergwüchsigen Assistenten Ralphus (Luis De Jesus) groteske Akte der Folter und Tötung vorführt. Was das Publikum nicht ahnt: Diese Akte sind mitnichten gespielt, sondern echt. Als der arrogante Kritiker Creasy Silo (Allen Delay) Sardu vor dem Publikum für seine dilettantische Show beschimpft, schwört dieser Rache. Sein Magnum Opus soll eine Ballettaufführung werden, in der sowohl Silo als auch der Ballettänzerin Natasha (Viju Krem) tragende Rollen zukommen. Beide werden zu diesem Zweck von ihm entführt, was wiederum Natashas Lebensgefährten, den Footballstar Tom Maverick (Niles McMaster), auf den Plan ruft, der sich gemeinsam mit dem Polizisten John Tucci (Dan Fauci) auf die Suche nach der Geliebten begibt …

Wenn man jemandem erklären wollte, was es mit dem Begriff “Exploitation” auf sich hat, BLOODSUCKING FREAKS wäre vielleicht das perfekte Anschauungsmaterial. Joel M. Reed verleiht seinem Film zwar einen explizit satirischen Anstrich, indem er den Unterschied zwischen Realität und Schein, Kunst und Kommerz, Künstler und Kritiker thematisiert und damit potenzielle Kritikerreaktionen vorwegnimmt und ihn nicht mit Charakteren, sondern überzeichneten Karikaturen bevölkert, dennoch dürfte dies von sanfteren Gemütern angesichts der zahlreichen saftigen Geschmacklosigkeiten drumrum übersehen werden. Nicht ganz zu Unrecht: Die ersten zwei Drittel des Films bestehen aus einer nicht abreißenden Folge von Splattereffekten (in die meist leicht- bzw gar nicht bekleidete Damen involviert sind), Foltereien und tumben Witzen, die in ein überaus luftiges narratives Konzept gepresst und filmisch höchst zweckdienlich umgesetzt wurden. BLOODSUCKING FREAKS wurde aufgrund der anderweitigen Verpflichtungen seiner Macher und Darsteller in mehreren Nachtschichten in angemessen unattraktiven Räumlichkeiten und also unter Ausschluss jeglichen Tageslichts eingekurbelt, was zum räudigen “Charme” des Films erheblich beiträgt: Man fühlt sich so richtig verkommen und ertappt beim Zuschauen. Und auch wenn es heute mit Sicherheit etliche Filme gibt, die ekliger, härter, abscheulicher sind, nur die wenigsten von ihnen sind hinsichtlich ihrer Motive so offen und ehrlich wie diese kleine Wundertüte hier. In den ersten Minuten referenziert eine Figur die Grand-Guignol-Tradition des französischen Theaters und legt damit die Marschroute fest: In BLOODSUCKING FREAKS ist alles grell, laut und so wenig subtil wie es nur irgendwie geht. Die Effekte, so sachdienlich sie in ihrer kruden Billigkeit auch sind, sind so übertrieben, dass man sie kaum ernst nehmen kann. Am schönsten und auch am berüchtigtsten ist natürlich jene Szene, in der ein rasierter Frauenschädel, eine Bohrmaschine, ein Strohhalm und etwas schmackhafte Hirnflüssigkeit die Hauptrolle spielen: You get the idea. Andere Szenen, wie jene, in der ein angemalter Frauenarsch von Sardu und Ralphus als Dartscheibe missbraucht wird, sind hingegen schon wieder niedlich. Überhaupt darf Reeds Film als einer der sympathischsten Bediener niederster Instinkte gelten, weil er seine Geschmacklosigkeiten mit einer entwaffnenden Spielfreude ablichtet, anstatt sich in grimmem Ernst und einer nihilistischen Weltanschauung zu ergehen. Das ist alles so over the top und bescheuert, dass man dabei unweigerlich an ein Kind im Süßwarenladen denken muss. Der Spirit des Films wird am besten von Luis De Jesus repräsentiert, der den Quälgeist Ralphus mit ethusiasmiertem Dauergrinsen und der Energie eines Fünfjährigen auf Speed versieht (er trägt auch noch einen knallgelben Rolli und Latzhosen!). Ich konnte mir dann auch irgendwann angesichts des wüsten Treibens nicht mehr anders helfen, als mich mit diesem Ralphus zu freuen: Es ist einfach ansteckend, jemandem bei der Arbeit zuzuschauen, der offenkundig so viel Freude an ihr hat.

Trotz dieser lobenden Worte kann ich weder von mir behaupten, BLODDSUCKING FREAKS wirklich genossen zu haben, noch, dass ihn in absehbarer Zeit unbedingt nochmal schauen zu müssen, denn dafür ist er mir doch ein wenig zu schmuddelig und eindimensional. Aber ebensowenig kann und will ich abstreiten, dass Reed durchaus ein wichtiger und einzigartiger Vertreter des Exploitationfilms gelungen ist, den man als solchermaßen Interessierter wenigstens ein Mal gesehen haben sollte, um mitreden zu können. Vielleicht im Double Feature mit Herschell Gordon Lewis’ WIZARD OF GORE, der ihm inhaltlich und formal nicht unähnlich ist. Und zur Krönung des durchstandenen Double Features belohnt man sich dann mit einem feinen Cold Cock Sandwich, direkt auf die Faust.

13
Nov
10

troma’s war (michael herz/lloyd kaufman, usa 1988)

Die Überlebenden eines Flugzeugabsturzes auf einer karibischen Insel stellen schnell fest, dass sie nicht allein sind: Von der Insel aus plant eine Guerrilla-Terroristen-Armee, die aus Mitgliedern aller möglichen Nationen zusammengsetzt ist, die Infiltration der USA. Wissend, dass sie die einzigen sind, die die Invasion verhindern können, nehmen sie den Kampf gegen die Übermacht auf …

Die Vorstellung, dass J. J. Abrams, Hollywood-Wunderkind und LOST-Erfinder, die Idee für seine Erfolgsserie bei der Sichtung von TROMA’S WAR gekommen ist, hat was, finde ich. High-Concept-Big-Budget-Entertainment, das seine Wurzeln im tiefsten Trash hat: der Gipfel der Subversion. Man kann nur hoffen, das J. J. Abrams niemandem von seiner Inspirationsquelle erzählt hat, sonst stünde das System Hollywood vor dem Kollaps. Spaß beiseite, in den ersten Minuten sind die Parallelen wirklich frappierend: Wie sich die Überlebenden zwischen den Wrackteilen am Strand langsam sammeln und dann zusammenraufen, dann schließlich erfahren, dass sie nicht allein sind, und daraufhin beschließen, den Strand zu verlassen, hat bei mir, der ich im Frühjahr die ersten fünf LOST-Staffeln geschaut habe, das ein oder andere Déjà-Vu ausgelöst.

Danach ergeht sich TROMA’S WAR aber nicht im kosmologisch-eschatologisch-selbstreferenziellen Mystery-Overkill, sondern in den längst von Troma bekannten Zoten, dem abjekten Humor und den schlechten Einfällen: Die verschiedenen Anführer der Guerilla-Armee sind ein Deutscher mit schönem Naziakzent, ein Amerikaner mit Schweinenase und ein am Kopf zusammengewachsener siamesischer Zwilling, der wohl so etwas wie die unheilige Allianz von Militär und Politik symbolisieren soll. (Vielleicht wollten die von Troma auch einfach nur einen siamesischen Zwilling im Film haben, den sie dann via Splattereffekt trennen konnten, who knows.) Außerdem gibt es da noch – wohl der geschmackloseste Einfall, den Troma je hatte – Senor Sida, einen mit Flecken übersäten Aidskranken, der die USA mit einer Gruppe Aidskranker verseuchen soll und gleich mal auf einer der Protagonistinnen losgelassen wird. Ihre Reaktion nach dem Akt: “I have Aids!” Die Devianten befinden sich aber nicht nur unter den Schurken: Die Helden dürfen sich über die Unterstützung des Vietnamveterans Parker freuen, der während des endlosen Gemetzels, das den Film ausmacht, eine stattliche Sammlung feindlicher Ohren erbeutet, die er stolz um seinen Hals trägt. Ferner gibt es unter den Guten noch eine kämpfende Oma und eine Blinde, die immer in die richtige Richtung gedreht werden muss, wenn sie auf Feinde schießt. Das hört sich zwar genauso blöd an, wie es sich auf der Mattscheibe darstellt, trotzdem macht TROMA’S WAR einen Heidenspaß. Woran das liegt? Zum einen daran, dass der Film ein beachtliches Tempo vorlegt und sich nach kurzer Exposition von einer breit ausgewalzten Actionsequenz in die nächste stürzt. Die missratenen Gags fallen nicht weiter ins Gewicht, weil sofort die nächsten hinterher geschoben werden und das Ganze ist zudem so herrlich geschmacklos und bescheuert, dass es eine wahre Freude ist. Auch die Production Values sind ganz ordentlich: Zwar kann man wohl niemandem mit gesundem Menschenverstand glauben machen, dass der Film in der Karibik gedreht wurde (wenn doch, will ich da doch nicht hin), aber dafür gibt es einige gut gelungene Stunts, reichlich Explosionen und viele, viele blutige Effekte zu bestaunen.

Im Grunde ist TROMA’S WAR genau das, was dem doofen Uwe Boll wohl mit seinem abgrundtief drögen POSTAL vorschwebte: Ein Equal-Opportunities-Film, einer, in dem einfach alle Tabus gebrochen werden und jede Minderheit was auf die Mütze bekommt. Hier gelingt das Projekt allerdings. Wohl auch, weil die Macher sich selbst am meisten über ihren Quatsch beömmelt haben, anstatt sich in aus dem Neid des Minderbgabten hervorgehenden Rache- und Allmachtsfantasien zu suhlen.

10
Nov
10

fortress of amerikkka (eric louzil, usa 1989)

Als der Halbindianer John Whitecloud (Gene LeBrock) nach abgesessener Haftstrafe in seinen Heimatort Troma City zurückkehrt, um den dortigen Sheriff (David Crane) für den heimtückischen Mord an seinem Bruder zur Rechenschaft zu ziehen, erkennt er, dass in den Wäldern eine noch viel größere Gefahr lauert: eine paramilitärische Einheit, die sich “Fortress of Amerikkka” schimpft und sich für “Freiheit und Frieden” einsetzt, in Wahrheit aber vor allem arglose Spaziergänger und Wanderer kaltmacht, die ihr zu nahe kommt. Whitecloud nimmt den Kampf auf …

Mit der richtigen Gemütsverfassung zum richtigen Zeitpunkt ist Tromas FORTRESS OF AMERIKKA nichts weniger als der beste Film der Welt. Die Brüller hageln im Sekundentakt auf den hilflos darniederliegenden Zuschauer herab, die unterbelichtete Inszenierung, die minderbemittelten Darsteller und die zweifelhaften Production Values vereinigen sich zu einem einmaligen Manifest der Dusseligkeit, das aber – hier liegt der Unterschied zu anderen Baddies – ein ordentliches Tempo mitbringt und sich nur wenig Durchhänger erlaubt. Das größte Absurdion des Films ist die titelstiftende paramilitärische Einheit selbst: Nicht nur, dass diese ausschließlich aus unsportlichen männlichen Vollidioten oder bimbohaften Silikonopfern zusammengesetzt ist (damals gab es eben noch keine Castingshows, bei denen sie hätten mitmachen können), deren Motivation reichlich rätselhaft ist, der ganze Sinn und Zweck der Organisation bleibt ein Mysterium. Ein pathetischer Voice-over faselt zu Beginn im Stile alter Propagandafilme was vom Krieg zwischen der Wirtschaft und der Politik (letztere wird dann mit einer Aufnahme vom Sheriff ins Bild gerückt – häh?), der auf dem Rücken der “little people” ausgetragen würde, die doch nur den amerikanischen “Highway of Freedom” entlangschlendern wollen, doch was das mit einer Wochenendarmee aus bierbäuchigen Proleten und zwangsexmatrikulierten Prostitutionsschülerinnen zu tun hat, wird nicht weiter erklärt. Problematischer ist da schon, dass auch die Wochenendsoldaten selbst nicht so genau zu wissen scheinen, was sie eigentlich wollen: Da teilt ein Soldat dem Sarge mit, er wolle aussteigen, weil er es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren könne, dass  Unschuldige ermordet würden, so als ob der Sarge diesem Wunsch tatsächlich nachkommen würde: “Ach so, schade, naja, dann geh mal nach Huase, aber erzähl niemandem was von uns.” Was haben die denn denn alle gedacht, was auf sie zukommt, als sie sich diesem Haufen von Psychopathen angeschlossen haben?

Aber man muss einräumen, dass der Sarge eine klare Linie arg vermissen lässt: Zwar soll die ganze Unternehmung geheim bleiben, doch dann wird den zahlreichen Opfern “Fortress of Amerikkka” ins Bein geritzt und generell ziemlich viel Lärm gemacht. Dem Zuschauer kann es egal sein, machen doch gerade die sattelschleppergroßen Plotholes den Reiz dieses herrlich bescheuerten Filmchens aus. Da werden Zelte von harmlosen Touristen mittels Dynamit in die Luft gesprengt (!), Augenzeugen beim Puffbesuch kurzentschlossen weggemäht, weil man ja keine Gefangenen nimmt, und am Lagerfeuer lustig der unskandierbare Name skandiert. Wenn es gerade mal kein Manöver und keine Hetzjagd auf dämliche Investigationsjournalisten gibt, kommen Mann und Frau sich in den olivgrünen Zelten näher oder werden interne Konflikte schlagkräftig aus der Welt geräumt. Währenddessen ärgert sich der Held mit dem korrupten Sheriff herum, dessen verschlafene Diktion auf einen amtlichen Hirnschaden schließen lässt, und wiedervereint sich mit seiner Freundin Jennifer (Kellee Bradley), die dazu mal eben ihren aktuellen Partner abserviert, der aber zum Glück gleich eine dickbrüstige Ersatzfrau an der Angel hat und deshalb nicht nachtragend ist (mit nem feisten Nackenspoiler im Rücken entpuppen sich viele Probleme als nur halb so wild). Am Schluss wird mit vereinten Kräften das Lager der Soldaten gestürmt und der Frieden in Troma City wiederhergestellt. Die Kollateralschäden aufseiten des Zuschauers sind hingegen beachtlich.

Neben dem sinnfreien Gesamtentwurf sind es vor allem die Kleinigkeiten, die FORTRESS OF AMERIKKKA zu einem echten Gewinner machen, quasi die Maiskörner in der Kackwurst: die zahlreichen Bimbos, die mit den unglaublichsten Bikinikonstruktionen durch die Pampa marschieren; die Atombrüste von Pornodarstellerin Kascha, “the most painfully hard-looking breast implants I’ve ever seen — you could bust rocks on those suckers!” ; die FoA-Söldnerin, die auch bei den drei Damen vom Grill mitmachen könnte, wenn sie sich von ihrem Nylon-BH trennen würde (würg!); das platinblonde Dummchen, das einer Rivalin aufs Maul haut und dieser dann triumphierend den Rücken zudreht, als gelte Zurückhauen bei Wochenendsoldaten nicht; die grottige Nachsynchronisation, die in Prügeleien und Sexszenen zum Einsatz kommt; jene Einstellung, die zeigt, wie Whitecloud und Kumpane im Finale etwas in die Luft sprengen, das wie ein selbst gebauter Wäscheständer aussieht; der tüdelige Dudelscore, der nur während der Anfangs- und Schlusscredits durch einen testosteronschwangeren Haarsprayrocker ersetzt wird; die haarsträubende Untätigkeit der Polizei, die auch angesichts eines sich zum Himmel türmenden Leichenbergs nicht auf die Idee kommt, sich mal ans FBI zu wenden; und natürlich der wackere Held Whitecloud, der nach seiner Haftentlassung als erstes in einen Waffenladen latscht, um sich einen Schießprügel zu kaufen, und sich dann wundert, dass der Sheriff sogleich wieder ein Auge auf ihn hat. Fuck Racism, oder was? Ach, und dann sind da ja auch noch die indianischen “Burial Grounds”, wo Whiteclouds Bruder beerdigt ist: Da steckt einfach ein gammliges Holzkreuz im Boden! Sind Indianer im 20. Jahrhundert eigentlich zum Christentum konvertiert?

Ich könnte jetzt noch eine ganze Weile so weitermachen, aber die Richtung sollte klar sein: Ohne FORTRESS OF AMERIKKKA möchte ich jedenfalls nicht mehr leben.

05
Nov
10

igor and the lunatics (w. j. parolini, usa 1985)

Back to Troma: Gleich zu Beginn drangsalieren ein paar aggressive Hippies eine Frau und schnallen sie auf ein Laufband, das auf eine riesige Kreissäge zuläuft. Kurz bevor die Frau der Länge nach zerteilt wird, gibt es jedoch einen nervenschonenden Schnitt und ein Voice-over macht uns klar, dass nun erstmal eine Rückblende folgt, die die nächsten 20 Minuten des Films ausmachen wird. Der Erzähler berichtet via Tagebuch (das wiederum von einer Frau gelesen wird, der es vom Erzähler auf den Nachtisch gelegt wurde, in einer Szene, die mit “umständlich” noch sehr wohlwollend umschrieben wäre) von einer Hippiesekte, der er einstmals angehörte, bevor deren geistiger Anführer dem Größenwahn verfiel und das vorherige Friede-Freude-Eierkuchen deutlich totalitäre Züge annahm. Der Erzähler, der in den Rückblenden aussieht wie ein nicht ganz so froschmäuliger Mick Jagger und in der Gegenwart, als hätte sich jener mithilfe eines Toupets und eines künstlichen Schnurrbarts als Chuck Norris verkleidet, kehrte dem Treiben den Rücken, musste aber seine Freudin zurücklassen, die vom Geschwafel des Führers gänzlich indoktriniert worden war. Schnitt zurück in die Gegenwart, wo die Polizei der Sekte den Garaus machen will, was aber nicht gelingt, sondern natürlich alles noch viel schlimmer macht. Der Sektenführer läuft Amok und sein von zu vielen Drogen ganz matschig gewordener Jünger Igor läuft noch amoker. 

Zu diesem Zeitpunkt bin ich dann zwar kognitiv aus dem Film ausgestiegen, habe aber außer wirrem Tohuwabohu, das sich ein Fünfjähriger als Ersatz für eine Handlung ausgedacht hat, nicht wirklich etwas verpasst. Nicht nur, dass dem nur 80-minütigen Film durch die ellenlangen Rückblenden jeglicher Drive entzogen wird, der Soundtrack von IGOR AND THE LUNATICS trägt seinen entscheidenden Teil dazu bei, dass der Film ungefähr doppelt so lang erscheint: Die jeweils eröffnenden vier Takte verschiedener, aber möglichst generischer Rock-Pop-Songs werden als Endlosschleife gnadenlos unter jede noch so belanglose Szene gelegt, wahnsinnig bedeutungsschwangeres Rumstehen mit carpentereskem Synthiegeklimper untermalt, dass man sich die Ohren abreißen möchte, und wenn Menschen minutenlang um Häuser herumschleichen, ohne das irgendetwas passiert, dröhnen von der Tonspur die Posaunen von Jericho und machen einem unmissverständlich klar, dass man gefälligst gespannt zu sein hat, was da gleich alles nicht passieren wird. Der Rest des Films knüpft an diesen Dilettantismus nahtlos an und deshalb flüchtet sich Parolini auch in die Arme des grellen Humors, um sich halbwegs anständig aus der Affäre zu ziehen: Es muss nicht erwähnt werden, dass auch das misslingt. Igor etwa sabbelt den ganzen Film über wirres Zeug, streckt seine Arme gen Himmel, um sein Leid zu klagen, oder lacht hysterisch. Und der Oberpolizist Hood (Sonnenbrille, Lederjacke) hat die merkwürdige Angwohnheit, von rechts nach links durchs Bild zu rennen, dabei aber kurz vor der Kamera Halt zu machen, um einige gehetzt wirkende Dialogfetzen abzusondern, bevor er seinen Weg nach links aus dem Bild fortsetzt - ein Inszenierungskniff, den man aus alten Slapstickfilmen kennt, die aber allesamt würde- und liebevoller als dieser Mist sind. Die Splattereffekte schließlich, die dem Film in diversen Horrorlexika seine “Härtepunkte” einbrachten und so dafür sorgten, dass IGOR AND THE LUNATICS immer noch erhältlich ist, auf dass solche verirrten Seelen wie ich ihn sich anschauen, sind technisch billigst umgesetzt und der Rede nicht wert. Nur die Allereinfältigsten werden sich daran erfreuen, wenn Igor offscreen und zu großem Geknirsch und Gematsch von der Tonspur ein Opfer ausweidet und sich dann den Großeinkauf beim Metzger vor die Nase hält.

Um es kurz zu machen: IGOR AND THE LUNATICS ist ein großes Nichts, eine Amateurproduktion ohne Charme, die den TOXIC AVENGER daneben wie einen Sommerblockbuster aussehen lässt. Dass ich diesen Mist zu Ende geschaut habe, liegt im Wesentlichen an drei Faktoren:

  • Horrorfilme mit verrückten Hippies genießen seit dem ungleich besseren (und von mir sehr geliebten) THOU SHALT NOT KILL, EXCEPT … hohes Ansehen bei mir und nutzen diese Schwäche meist rücksichtslos aus.
  • Die Kürze des Films begünstigt den vor allem in den späten Abendstunden durch Faulheit und Müdigkeit bedingten Unwillen, den Player einfach auszuschalten.  
  • Mein idiotisches Pflichtbewusstsein. 

Generationen der Zukunft, die ihr diese Zeilen lest: Lernt aus meinen Fehlern, meidet IGOR AND THE LUNATICS. Für eine bessere Welt.

01
Nov
10

class of nuke ‘em high (richard w. haines/michael herz, usa 1986)

Die Tromaville High School liegt in Spuckweite vom örtlichen Atomkraftwerk und ist deshalb von dortigen Betriebsunfällen und Sicherheitslecks meist als erstes betroffen. Als die “Cretins”, eine üble Schulgang, radioaktiv verseuchte Joints an der High School verteilt, nimmt das Übel seinen Lauf: vor allem für das Liebespärchen Chrissy (Janelle Brady) und Warren (Gil Brenton), das kräftig an der Tüte zieht …

Sieht man mal von Filmen wie MOTHER’S DAY oder COMBAT SHOCK ab, die zwar auch unter dem Troma-Label firmieren, sich vom gemeinen Tromafilm aber doch erheblich unterscheiden (letzterer ist von Troma ja auch nur vertrieben worden), dann gehört CLASS ohne Wenn und Aber zum Besten, was das streitbare Indielabel je produziert hat. Ein harmloser Quatsch zwar, aber ein durchweg unterhaltsamer, hier und da wirklich witziger und vor allem ordentlich inszenierter, der seinem Publikum wirklich etwas bietet. Im Gegensatz etwa zu THE TOXIC AVENGER PART II sichert sich CLASS nicht in alle Richtungen ab, indem er ständig seine eigene Blödheit vor sich herträgt und sich so gegen jede Kritik immun macht. Er macht sich vielmehr angreifbar, indem er tatsächliches Interesse sowohl an seiner Geschichte als auch an seinen Charakteren zeigt.

Richtig gehört, mit Chrissy und Warren gibt es zwei sympathische Identifikationsfiguren, die den Film erden und dafür sorgen, dass die Idiotie nicht Überhand nimmt. Und weil da zwei normale Menschen an der Nuke ‘Em High rumlaufen, wirkt auch der Troma-Schabernack etwa um die durchgeknallten Cretins viel stärker. Wo in THE TOXIC AVENGER einfach alles bescheuert ist, man nichts ernst nehmen kann und folglich irgendwann das Interesse verliert, da bricht das Absurde hier immer nur zeitweise durch. Mehr als nur ein spaßig-übertriebener Comic-Ort, ein durchgeknalltes, verzerrtes Spiegelbild der USA wird Tromaville für Chrissy und Warren so zur Albtraumstadt, in der ein “normales” Leben, das sie eigentlich führen wollen, unmöglich ist. In jeder Totalen der Highschool mahnt der unweit stehende Kühlturm, dass das schöne Leben hier jederzeit vorbei sein kann. Und diese Bedrohung manifestiert sich dann auch körperlich, als Chrissy nach Genuss des Joints ein Monster gebiert, das in der Folge die Cretins dezimiert.

Dass CLASS OF NUKE ‘EM HIGH qualitativ weit aus dem Troma-Kanon heraussticht, merkt man auch daran, dass der Film heute noch ganz gut funktioniert und er sich zudem viel einfacher in das Filmschaffen seiner Zeit einsortieren lässt (ich muss nicht nur wegen des Titels immer an Lesters CLASS OF 1984 oder dessen Sequel denken), als andere Troma-Filme, die ja doch irgendwie in ihrer eigenen Filmgalaxie weit, weit draußen “leben”.

22
Okt
10

the toxic avenger part lll: the last temptation of toxie (lloyd kaufman/michael herz, usa 1989)

Um sich ihres Erzfeindes, des Toxic Avengers (Ron Fazio/John Altamura), zu entledigen, versichert sich die Apocalypse Inc., die Tromaville in die Knie zwingen will, einfach seiner Dienste. Von seinem ersten dicken Gehaltsscheck zahlt er die Augenoperation für seine blinde Verlobte Claire (Phoebe Legere), die jedoch alles andere als begeistert ist, als sie feststellt, dass ihr Geliebter mit dem Bösen im Bunde ist und sich in einen gewissenlosen Karrieremenschen verwandelt hat. Toxie beginnt umzudenken und stellt sich dem Vorsitzenden von Apocalypse Inc. (Rick Collins). Doch der entpuppt sich als Leibhaftiger persönlich … 

Wer hätte das gedacht? Nach dem katastrophalen zweiten Teil, der außer hysterischen Albernheiten und japanischen Sehenswürdigkeiten nicht viel zu bieten hatte, gelingt Kaufman und Herz mit dem zweiten Sequel wieder ein Film, den man sich ansehen kann, der teilweise wirklich witzig ist und – man höre und staune – sogar annähernd so etwas wie emotionale Involvierung des Zuschauers erreicht. Das ist umso erstaunlicher, als THE TOXIC AVENGER PART III: THE LAST TEMPTATION OF TOXIE zu einem nicht unerheblichen Teil aus Material besteht, das eigentlich für den zweiten Teil gedreht worden war. Der Schlüssel zum Erfolg ist, dass Herz und Kaufman wieder eine richtige Geschichte erzählen, anstatt einfach nur körbeweise schlechter Ideen über dem Zuschauer ausschütten: Die Idee mit dem vom rechten Weg abkommenden Superhelden ist ein erprobter Standard der Superheldennarration, der deshalb ebenso unmittelbar Wirkung erzielt wie die Heilung des Love Interests (das dieses darüber hinaus meist nur in provokanter Reizwäsche bekleidet herumläuft und sich mit Vorliebe spreizbeinig im Bett herumrollt, hilft ungemein). Es sind wieder Bewegung und Zug drin, die dem Vorgänger völlig abhanden gekommen waren. Nun schaut man sich einen Tromafilm aber natürllich nicht wegen der tollen Handlung oder präziser Charakterzeichnungen an, sondern weil sie im Idealfall eine Vielzahl beknackter Gags, ebensolcher Einfälle und eine ordentliche Prise Gore bereithalten. Und auch hier erfüllt THE TOXIC AVENGER PART III seine Aufgabe mit Bravour: Er beginnt gleich mit einer ausgewalzten Splatterszene in einer Videothek, die ausschließlich Tromafilme zu bewerben scheint, präsentiert im weiteren Verlauf einen Toxie, der mit Lacoste-Hemd zum Yuppie avanciert, malt die Terrorherrschaft der Apocalypse Inc. über Tromaville in grellen Farben aus und kulminiert in einem ausgedehnten Duell zwischen Toxie und dem Teufel. Statt das alles einfach nur billig abzufilmen, leisten sich Herz und Kaufman endlich einmal den Luxus gelungener visueller Ideen: Eine Szene auf einer psychedelisch ausgeleuchtete Wendeltreppe lässt tatsächlich etwas Gialloflair aufkommen, die Make-up-Effekte sind nicht mehr absichtlich scheiße, es gibt sogar ein paar ansehnliche visuelle FX und richtige Gags, statt nur überdrehten Klamauks. Die Höhen subtilen Humors werden natürlich nicht erklommen, aber wenn sich ein depressiver Toxie zwecks Selbstmord vor einen Tunnel stellt und sich die Scheinwerfer des herannahenden Autos als die Scheinwerfer zweier Motorräder entpuppen, die ungerührt am den Tod erwartenden Toxie vorbeifahren, so zeugt das von einem Engagement und Einfallsreichtum, der dem vorherigen Film weitestgehend fehlte. Ansatz zur Kritik gibt es auch hier reichlich: Auch THE TOXIC AVENGER PART III ist mit 100 Minuten eindeutig zu lang, die Quote guter und mieser Einfälle ist ungefähr ausgeglichen und die endlosen Selbstreferenzen beginnen auch irgendwann zu nerven. Insgesamt fielen diese kritikpunkte für mich aber nicht wirklich zu Gewicht und weil sich selbst meine Gattin das ein oder andere amüsierte Lachen nicht verkneifen konnte, liege ich mit meiner Meinung wohl nicht ganz daneben. Einer der besseren Tromas also und meiner Ansicht nach ziemlich unterbewertet.

21
Okt
10

the toxic avenger part ll (michael herz/lloyd kaufman, usa 1989)

Die Firma Apocalypse Inc. plant, das beschauliche Städtchen Tromaville zu erobern, um dort ihren finsteren Plänen nachzugehen, doch bei diesem bösen Vorhaben steht ihr der Toxic Avenger (Ron Fazio/John Altamura) beharrlich im Weg. Der wird aber von argen Depressionen geplagt, weil es in Tromaville kaum noch etwas für ihn zu tun gibt. Als seine Therapeutin ihm rät, seinen verschollenen Vater in Japan aufzusuchen, ist für die Apocalypse Inc. der Weg frei …

In den ersten zwanzig Minuten legt THE TOXIC AVENGER PART II ein ordentliches Tempo vor, sprüht vor einfältigem, aber durchaus sympathischem Witz, versprüht zudem mehr Kunstblut als der Vorgänger in 90 Minuten und findet seinen absurden Höhepunkt in der Szene, in der ein Lilliputaner von Toxie in einen menschlichen Basketball verwandelt wird. Man erwartet den ultimativen Tromafilm: Offensichtlich wurden die gesamten Gewinne des ersten Teils zwecks Potenzierung dessen exploitativer Meriten in die Produktion von THE TOXIC AVENGER PART II gesteckt. Zwar ist auch das Sequel filmisch eher unterbelichtet, dennoch sieht alles größer, bunter und besser aus und sogar eine Reise nach Japan, der Heimat alles Bekloppten und Schrägen, konnten Herz und Kaufman ihrem Signature Hero zum Dank spendieren. Leider versumpft THE TOXIC AVENGER PART II jedoch just in dem Moment, in dem Toxie in Nippon anlegt. Vorbei ist es mit der schrägen Mischung aus Gore und Klamauk, regelrecht zahm wird der Film, ergeht sich in ödem Sightseeing und endlosen Albernheiten, ohne sich noch besonders darum zu scheren, ob das auch den Zuschauer interessiert. Das in der Exposition noch in Aussicht gestellte Zusammentreffen des Toxic Avengers mit den Apocalypse-Schurken von in Japan, wo diese hoffen, eine Waffe gegen ihren ärgsten Feind erstehen zu können, entfällt komplett, was nicht nur die entsprechende Szene zu Beginn vollständig überflüssig macht, sondern auch den Japan-Exkurs für den Film letzlich jeglicher Bedeutung beraubt. Erst kurz vor Schluss, wenn Toxie in seine Heimat zurückkehrt, die sich während seiner Abwesenheit vom friedlichen Tromaville ins dystopische ”Apocalypseville” verwandelt hat, findet THE TOXIC AVENGER PART II halbwegs zurück in die Spur, nur ist es dann bereits zu spät, die Geduld des Zuschauers aufgebraucht. Hier trifft der Vorwurf, den ich in meinem Text zum Vorgänger noch abgewiesen habe: THE TOXIC AVENGER PART II verpufft wirkungslos, weil er sich nicht eine Sekunde lang ernst nimmt und sich so geradewegs in die Beliebigkeit manövriert. Dieser quietschbunte Blödsinn wäre komprimiert auf 70 bis 80 Minuten vielleicht noch akzeptabel gewesen, aber breitgetreten auf 100 Minuten ist THE TOXIC AVENGER PART II vor allem eins: anstrengend. Was bleibt, sind die wirklich spaßigen ersten 20 Minuten, und das unerwartete Wiedersehen mit Michael Jai White und Diane Ladd, die als Mutter vom Toxic Avenger den unbestrittenen Tiefpunkt ihrer Karriere verbuchen darf. (My bad: Jessica Dublin sieht nur aus wie Diane Ladd.) Schade um das schöne Postermotiv.

20
Okt
10

the toxic avenger (michael herz/lloyd kaufman, usa 1984)

Tromaville, New Jersey ist die Hauptstadt des Giftmülls. Und so ist es gar keine große Überraschung, als der Oberversager Melvin Junko (Mark Torgl) nach einem Streich gemeiner Bullies in einem Giftmüllfass landet. Aus dem schlaksigen Nerd wird dank der radioaktiven Brühe der “Toxic Avenger” (Mitch Cohen): ein riesenhafter, mit übermenschlichen Kräften ausgestatteter Mutant, der sogleich den Kampf gegen das Übel auf Tromavilles Straßen beginnt. Dabei ist er jedoch ausgerechnet dem Bürgermeister Belgoody (Pat Ryan) und dessen Handlangern ein Dorn im Auge, weil dem daran gelegen ist, dass Tromaville das Dreckloch bleibt, das es ist …

Wie schon angedroht, habe ich mir also mal wieder THE TOXIC AVENGER angeschaut – auch um meine Troma-Schau, die ich hier vor ein paar Wochen angekündigt habe, endlich zu starten. Man kann trefflich darüber streiten, ob THE TOXIC AVENGER für eine solche Retrospektive nun der beste oder doch der schlechteste Startpunkt ist: Als wahrscheinlich populärster Troma-Film führt er zwar ideal in das bunte Schaffen der streitbaren Produktionsfirma ein, doch muss ich mich jetzt damit abfinden, den zweifelhaften Höhepunkt dieses Schaffens schon hinter mir gelassen zu haben. Von hier an geht es – vielleicht mit Ausnahme von CLASS OF NUKE ‘EM HIGH – nur noch bergab, wobei man abschwächend anmerken muss, dass die Fallhöhe nicht besonders hoch ist: Schon THE TOXIC AVENGER ist alles andere als ein guter Film - aber er funktioniert eben auf seine ihm eigene krude Art und Weise. Kritiker bemängeln an Tromafilmen zumeist, dass das Konzept “intendierten Trashs” von vornherein fragwürdig sei, weil Trash seinen Charme dem unfreiwilligen Humor und einer blinden Aufrichtigkeit verdanke. Dem würde ich entgegen, dass man Trash mit dieser Definition unnötig einschränkt. Trashauteure wie Ted V. Mikels oder Al Adamson waren sich der Defizite ihrer Filme sicherlich genauso bewusst wie die Herren Kaufman und Herz von Troma, der Unterschied zwischen ihnen besteht eher darin, dass letztere diese Defizite noch betonen und hervorheben, was ich durchaus legitim finde. THE TOXIC AVENGER ist auch deshalb gelungen, weil er mit seiner plakativen, unentschlossen zwischen aufmüpfig und unendlich spießig, zwischen schrill-klamaukig und schlicht debil pendelnden Überhöhung realen US-amerikanischen Irrsinns den Nerv der Zeit sehr viel direkter trifft als mancher reflektiertere und intelligentere Film. Und die Tromafilme sind auch ein idealer Spiegel der 80er, während sie deren Eigenheiten – Musik, Mode, gesellschaftliche Zustände - noch auf die Spitze treiben. Sie fungieren ein bisschen als amerikanisches Gegenstück zu den deutschen Klamaukfilmen jener Zeit: Wer damals aufgewachsen ist, wird sich in ihnen sofort zurechtfinden. 

In Tromaville, einem verschlafenen Dreckskaff im Schatten Manhattans feiern sich die Jungen und Schönen im “Tromaville Health Club”, während Lkws den toxischen Abfall in offenen Fässern durch die Stadt kutschieren. Der Bürgermeister hat eine Schar von uniformierten Ja-Sagern um sich versammelt und arbeitet offensiv daran, seine Stadt möglichst lebensunwert zu machen. Polizisten reden mit deutschem Naziakzent und Jugendliche fahren zum Spaß kleine Kinder über den Haufen oder verprügeln alte Omas. Und der hässliche Melvin muss zum noch hässlicheren Giftmüll-Rächer zu werden, um schließlich zum Helden der kleinen Kommune zu avancieren, der gebrechlichen Mütterchen über die Straße hilft, Hausfrauen die Marmeladengläser aufschraubt und fiese Rowdys kurzentschlossen beseitigt. THE TOXIC AVENGER beackert ähnliches Terrain wie etwa Michael Winner ein Jahr später im fulminanten DEATH WISH 3 und selbst die Mittel beider Filme sind ähnlich: Beide überzeichnen die in den Achtzigern sehr realen Ängste vor einem Amoklauf des Verbrechens und urbanen Kriegszuständen und den aus diesen Ängsten folgenden Wunsch nach Zero Tolerance zu einer galligen Satire, in der das Spießertum gnadenlos zurückschlägt. Doch während Winner seine Absichten zum Zwecke der ultimativen Provokation und Bloßstellung verschleiert, machen Kaufman und Herz keinen Hehl aus ihrem satirischen Anliegen. THE TOXIC AVENGER ist schlicht und einfach strunzend blöd, nimmt die amerikanische Heldenverehrung ziemlich aufs Korn, ohne sich jedoch vollständig von ihr zu distanzieren. Ein Stück weit feiert sich die geistige Einfalt hier selbst.          

Will man den Film seriös kritisieren, liefert er einem reichlich Munition: Die Schauspieler haben die Lizenz zum Overacten und sehen schon aus wie die Karikaturen, die sie darstellen sollen, die Effektleute täuschen mit comichafter Drastik über die technische Limitierung hinweg, eine Dramaturgie ist kaum vorhanden, vielmehr hangelt sich THE TOXIC AVENGER von einer schwachsinnigen Sequenz zur nächsten, Schnitt, Schauspieler- und Kameraführung sind unterirdisch. Ich hatte dann auch schonmal mehr Freude an ihm: Das war in einer Zeit, als ich mir Filme noch wegen der in irgendwelchen schwachsinnigen Lexika verteilten “Gorepunkte” angesehen und dann Best-of-Tapes kompiliert habe und eigentlich nur eine passende Untermalung für das gleichzeitige Vertilgen von Dosenbier suchte, das mir sonst zu langweilig gewesen wäre. Ob man THE TOXIC AVENGER auch jenseits solcher längst vergangener Zeiten noch etwas abgewinnen kann, hängt nicht zuletzt von der Fähigkeit ab, sich in selbige zurückzuversetzen. Ohne Nostalge geht hier gar nix.




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