1Episode 18: Dr. Meinhardts trauriges Ende (Michael Verhoeven, Deutschland 1970)

Dr. Meinhardt wird morgens tot auf der Terrasse vor seinem Haus aufgefunden: Man hat ihn offensichtlich aus dem Fenster des ersten Stockes gestoßen. Die Haushälterin Frau Wienand (Luise Ullrich) berichtet von einem Treffen des Toten mit seinen Freunden am Vorabend, Dr. Bibeina (Richard Münch) und Dr. Crantz (Karl John). Doch im Wohnzimmer Meinhardts findet Kommissar Keller Spuren einer weiteren Person, einer Frau …

Vielleicht mussten die Produzenten ihr Publikum nach drei surrealen Brynych-Folgen mit etwas deutscher Krimiklassik versöhnen. Michael Verhoeven, damals gerade knapp über 30, inszeniert eher unauffällig, Herbert Reinecker reaktiviert sogar den schon für ad acta gelegten Brauch der finalen Verdächtigenversammlung und der Keller’schen Poirot-Annäherung. Dass das Ende von Meinhardt besonders „traurig“ ist, wie es der Titel besagt, macht vor allem der schwermütige Score klar, ansonsten erfährt man aufgrund der Strategie Reineckers, mit dem Leichenfund zu beginnen, nur aus zweiter Hand über ihn. So bleibt alles auf Distanz, die Episode fliegt so vorbei. Die schönste Szene zeigt Keller an seinem Hochzeitstag mit seiner Gattin in einem feinen Restaurant, wo er beim Essen einfach nicht aufhören kann, an seinen Fall zu denken. Natürlich kommt ihm genau dort die entscheidende Idee und seine Ehefrau trägt es mit Fassung und Humor. Es steckt auch wieder einmal etwas Generationenkonflikt im Drehbuch, aber echte Wirkung hat das bei mir nicht erzielt. Vielleicht war ich auch zu müde.

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4Episode 19: In letzter Minute (Wolfgang Becker, Deutschland 1970)

Nach sechs Jahren Haft wegen Totschlags wird Kossitz (Heinz Reincke) auf freien Fuß gesetzt. Kommissar Keller und seine Männer sind sofort in Hab-Acht-Stellung, denn bei seiner Verurteilung hatte Kossitz seinen besten Freund Limpert (Peter Eschberg) und seine Gattin Erna (Maria Sebaldt), die ihn verraten hatten, bedroht. Zwar ist Limpert längst mit Hilde (Gisela Uhlen), der Ex-Frau des damaligen Opfers zusammen, doch der Zorn scheint noch nicht verflogen. Keller vermutet, dass der Grund für den Rachedurst ein ganz anderer ist: Vielleicht war Kossitz gar nicht der Täter …

An das etwas behäbige Tempo vorangegangener Episoden erinnert hier eigentlich nur noch der Titel: „In letzter Minute“ würde heute, in unserer beschleunigten Welt garantiert „In letzter Sekunde“ heißen. Sonst tritt Becker aber ziemlich auf die Tube und nähert sich dem ungefähr zur selben Zeit aufkeimenden deutschen Sleaze von Olsen und Kollegen an, an den ja auch Heinz Reincke erinnert, der hier mal nicht die gutmütige Frohnatur spielt, aber mit dazu beiträgt, dass diese Episode als alkoholreichste in die Geschichte einging. Vertraut man dem Eintrag bei Wikipedia werden insgesamt 27 Drinks gekippt, so viel wie später nie wieder. Passend dazu zoomt und schaukelt die Kamera in den Szenen im Club der Ganoven, in dem ein Lester Wilson nebst schwofenden Tänzerinnen auftritt, wie auf hoher See. Zum Ausgleich für diesen Exzess stirbt dann immerhin mal keiner. Auch das Script ist sehr geschickt, verbindet die Frage nach dem wahren Täter mit dem nervösen Warten aller darauf, dass Kossitz zuschlägt. Das summiert sich am Ende zu einem weiteren Meilenstein der deutschen Fernsehgeschichte.

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Episode 20: Messer im Rücken (Wolfgang Staudte, Deutschland 1970)

Ein Taxifahrer sammelt einen an der Straße stehenden Mann auf. Nur wenige Sekunden später stirbt er auf der Rückbank an den Folgen eines Messerstichs. Der Tote erweist sich als Geschäftsmann Traufer, dessen Ehefrau Maria (Christiane Krüger) ein Verhältnis mit dem Halbstarken Ingo (Jörg Pleva) hatte, Sohn des Säufers Hugo Blasek (Helmut Käutner), der über der Kneipe wohnt, vor der Traufer den tödlichen Messerstich erlitten haben muss. Traufers Schwager Gernot (Herbert Bötticher) und seine Gattin Margareta (Ursula Lingen) waren nur wenig begeistert von der Beziehung Marias …

Dass Wolfgang Staudte die Episode inszenierte, weckt Hoffnungen, die die Folge nicht ganz einzulösen vermag. Unmittelbar nach „In letzter Minute“ wirkt sie doppelt so behäbig wie sie eigentlich ist, die jugendlichen Halbstarken, die ein paarmal ins Bild gerückt werden, will Staudte ganz offenkundig nicht als Sündenböcke verbraten, wie es das Drehbuch von Reinecker wohl im Sinn hatte. So entspinnt sich ein leidlich interessanter Fall, wie er nach 19 Episoden bereits zum Standard gehört. Herausragend ist lediglich die Figur des Hugo Blasek, von Staudtes Regiekollegen Käutner mit wunderbarer Lakonie, Zurückhaltung und schlurfiger Gemütlichkeit verkörpert, die die Figur vom Klischee zum lebendigen Original macht.

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6Episode 21: … wie die Wölfe (Wolfgang Staudte, Deutschland 1970)

Eine alte Frau, Bewohnerin eines heruntergekommenen Mehrparteienhauses, wird tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Es stellt sich heraus, dass sie kurz zuvor 3.000 DM beim Lotto gewonnen hatte, und ihre Mitbewohner allesamt in mehr oder weniger akuter Geldnot stecken. Erster Verdächtiger ist der Alkoholiker Gassner, bei dem ein 500-Mark-Schein aus dem Besitz der alten Dame gefunden wird. Doch er kann sich an nichts mehr erinnern. Um ihm auf die Sprünge zu helfen, rekonstruieren Keller und seiner Männer den schicksalhaften Abend für ihn nach …

Staudtes zweite KOMMISSAR-Episode ist die schon bei „Messer im Rücken“ erhoffte Meisterleistung: Das Szenario ist dem aus Haugks meisterlicher Folge „Das Ungeheuer“ nicht unähnlich. Hier wie dort haben es Keller und sein Ermittler mit einem gesellschaftlichen Mikrokosmos zu tun, der sich ihnen in all seiner spießigen Hässlichkeit darbietet. Alle trachteten sie der alten Frau nach dem Geld, versuchten es ihr bei jeder Gelegenheit abzuluchsen. Besonders schlimm ist Frau Beilke (Grete Mosheim), die idealtypisch die neugierige, verleumderische Nachbarin verkörpert und nie weit von Keller entfernt ist, um ihm ihre Beobachtungen und Vermutungen brühwarm mitzuteilen – und natürlich bloß keinen Ermittlungsfortschritt zu verpassen. Tappert ist fantastisch in einer Rolle, die seinem wenige Jahre später erschaffenen eiskalten Derrick diametral entgegengesetzt ist: Gassner ist ein unsicherer, jämmerlicher, aber auch hoffnungslos harmloser Verlierer, der in seiner ganzen Jämmerlichkeit zum großen Helfer der Wahrheit wird. Das hat schon fast psychoanalytische Qualitäten wie sich Keller seiner annimmt und ihm dabei hilft, den Schleier des Suffs abzuwerfen und endlich klar zu sehen.

Staudte inszeniert sehr effektiv: Es hilft immens, dass die Episode die Räumlichkeiten des Mietshauses fast gar nicht verlässt und annähernd in Echtzeit erzählt ist. Toll!

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Episode 22: Tod eines Klavierspielers (Michael Kehlmann, Deutschland 1970)

Eine Standardfolge, die ich nicht besonders interessant fand. Nur Günther Ungeheuer als Berufskrimineller ist wie fast immer toll.

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7Episode 23: Tödlicher Irrtum (Wolfgang Becker, Deutschland 1970)

Ein Mörder beichtet einem Pfarrer einen Mord. Doch Frau Dönhoff (Agnes Fink), sein angebliches Opfer, ist noch am Leben. Als ihrer Haushelferin tot in einem Zimmer aufgefunden wird, ist klar, dass der Mörder einer Verwechslung erlegen ist – und möglicherweise erneut zuschlagen wird. Er muss zudem aus dem Haus der Dönhoff kommen, die gleich mehrere Männer zur Untermiete wohnen hat …

Die Idee ist ganz hübsch und die Szenen um den Pfarrer beschwören den Charme der im vorangegangenen Jahrzehnt so erfolgreich gelaufenen Wallace-Filme. Ansonsten gefällt vor allem die Besetzung: Anton Diffring gibt den eitlen Roland Sauter, der die Dönhoff zugunsten einer jüngeren Frau hat sitzen lassen, Georg Konrad den mürrischen Heider, Ullrich Haupt Döhoffs Ex-Gatten Benno, der nicht damit einverstanden ist, wie sie ihren leiblichen Sohn (Thomas Astan) behandelt. Es ist eines dieser klassischen Whodunit-Szenarien, das hier aber etwas interessanter ist als sonst, weil die Ermittlungsarbeit in nicht unbeträchtlicher Weise daraus besteht, auf eine zweiten Versuch des Mörders zu warten.

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8Episode 24: Eine Kugel für den Kommissar (Erik Ode, Deutschland 1970)

Auf Kommissar Keller wird geschossen, direkt vor seinem Haus. Es ist nur ein Streifschuss, aber ein kurz darauf eingehender Anruf des Täters macht klar, dass es dabei nicht bleiben wird. Während sich Grabert, Heines und Klein in der Münchener Kneipenszene umhören, begibt sich auch Kellers Ehefrau auf Tätersuche. Der Spitzel Diebach (Harald Juhnke) nimmt sich ihrer an …

Die von Ode höchstselbst inszenierte Episode ist eine schöne Mischung aus allem, was die Serie bis zu diesem Zeitpunkt in ihren besten Momenten auszeichnete. Da ist die mild-chauvinistische Kumpelei zwischen Keller und seinen „Söhnen“, die sich nach dem Attentat bei ihm sogleich bei ihm einquartieren, mit ihm Schnäpschen trinken und so gar keinen beamtischen Eindruck machen, die großzügig-milddtätige Herablassung Kellers gegenüber seinem Eheweib, die psychotronischen Elemente, wie etwa eine Billardkeilerei zwischen Grabert und dem verdächtigen Rosser (Klaus Löwitsch) oder die „Milieustudie“ mit dem verängstigten Diebach und ein durchaus angenehmer Humor, der natürlich Platz lässt für herrlich angegraute Dialoge über „brandneue Aufnahmen“ und „heiße Nummern“. Die Handlungsstruktur der Folge ist hingegen eher ungewöhnlich mit seinen zwei nebeneinander herlaufenden Strängen und hätte so richtig wegweisend sein können, hätte man die sich anbietende Gefahrenssituation für Kellers Gattin auf die Spitze getrieben. Stattdessen geht alles überaus glücklich und ohne echte Bedrohung für sie aus. Das Finale ist dann aber dennoch erstaunlich zupackend und beinahe noiresk. Insgesamt eine starke Folge, die ich Ode so gewiss nicht zugetraut hätte.

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der-zynische-koerper_coverEs ist wahrscheinlich logisch, dass gerade jene Filme die potenziell größten Überraschungen bereithalten, die man am wenigsten sehen wollte. Heinz Emigholz‘ DER ZYNISCHE KÖRPER wurde erst in letzter Sekunde aus dem bodenlosen Hut des Hofbauer-Kommandos gezogen, weil der eigentlich programmierte IMMER WENN ES NACHT WIRD einer Speditionspanne zum Opfer gefallen war und leider ersetzt werden musste. Drei Alternativen wurden vorgeschlagen und die Wahl fiel – angesichts des gewohnt experimentierfreudigen Publikums gar nicht so überraschend – auf die geheime „Suprise“ (Französisch ausgesprochen), hinter der sich dieser höchst seltsame Film des Experimental- und Architekturfilmers Emigholz verbarg. So enttäuscht ich zunächst darüber war, nicht den ebenfalls angebotenen Hofbauer zu Gesicht zu bekommen, so gut hat mir DER ZYNISCHE KÖRPER letzten Endes gefallen: Eben auch, weil ich nichts erwartet habe und mir den Film unter anderen Umständen wohl niemals im Leben angesehen hätte. Akademisch-avantgardistisches Kunstkino ist sonst ja so gar nicht meins und hat es, wenn es dann auch noch aus deutschen verkopften Landen stammt, gleich doppelt schwer. Es dauerte nach der Einblendung des Schlimmstes verheißenden Titels aber gar nicht lang, bis sich alle Vorurteile zerstreuten.

Es macht absolut keinen Sinn, hier eine Handlung wiedergeben zu wollen oder sich gar in Interpretation zu versuchen. Gut möglich, dass Emigholz irgendeine Message verkünden wollte, die mir entgangen ist, aber ich glaube aber viel eher daran, er hatte lediglich ein paar wilde Ideen und Bock darauf, sich über die oben umrissene Art von Film mitsamt deren kulturbeflissenem Publikum lustig zu machen. DER ZYNISCHE KÖRPER geht als Parodie durch und ist tatsächlich urkomisch, wenn man sich erst einmal an seine Haltung gewöhnt hat. Es gibt keine einzige gerade Kameraeinstellung, alles ist windschief und, wie es eine Fotografin im Film einmal ausdrückt, ohne Zentrum. Hauptfigur scheint ein Schriftsteller zu sein, der einen Zweiter-Weltkriegs-Roman schreiben will, dessen Protagonist plötzlich als Lederjackenträger mit Schnurrbart lebendig wird und ihn terrorisiert wie in den Stephen-King-Roman „The Dark Half“ (sowie der gleichnamigen Verfilmung). Aber von „Figuren“ oder gar „Charakteren“ und „Handlung“ zu sprechen, macht eigentlich überhaupt keinen Sinn. Irgendwo habe ich mal den Begriff „Sprachflächen“ aufgeschnappt und der passt hier viel eher: Alle auftretenden Menschen sind in erster Linie Sprechautomaten, denen Emigholz mal bedeutungsschwangere, dann wieder völlig hirnrissige Sätze in den Mund legt oder sie auch mal Witze reißen lässt, über die intradiegetisch aber nie jemand lachen mag. Farbe und Schwarzweiß wechseln sich ab, der Rhythmus ist enorm schnell, ebenso die Frequenz an Irritationsmomenten oder Lachern, trotzdem kann man nicht wirklich davon sprechen, dass sich DER ZYNISCHE KÖRPER irgendwohin bewegt. Seine „Figuren“ sind am Anfang immer noch dieselben wie am Ende und mit ihnen hat sich auch ihre kalt-mechanistische Welt kein Stück weiterentwickelt.

Es passt, dass ich erst einige Zeit nach dem Film geschnallt habe, dass ich nicht nur mal kurz für ein paar Sekunden eingenickt bin, sondern wohl doch mehr verschlafen hatte. Ich würde das Versäumte gern mal nachholen (der Film liegt auf DVD vor), obwohl ich glaube, gar nicht wirklich etwas verpasst zu haben. DER ZYNISCHE KÖRPER lädt zur Etappen- oder Best-of-Sichtung ein, zum wahllosen Reinspulen oder Von-hinten-nach-vorn-Gucken. Ein Film ohne Zentrum eben. Insgesamt ein würdiger Abschluss meines Kongresses (andere schauten danach noch die restlichen Teile der FWU-Serie DER LIEBE AUF DER SPUR), bei dem ich diesmal leider nicht so fit gewesen bin, wie ich mir das gewünscht hatte. So viel verschlafen wie diesmal habe ich bislang jedenfalls noch nie. Naja, man wird halt nicht jünger.

26768_16Kurz vor dem Abschluss des viel zu frühen Endes des 16. Hofbauer-Kongresses beschwor Joe D’Amato noch einmal Urlaubsstimmung herauf und hielt mit seiner unnachahmlichen Regiekunst die Zeit an. In Hongkong, an der Seite der schönen Laura Gemser, ließ es sich wunderbar hindämmern und träumen. Auch das zwar nicht grafische, aber doch unangenehme Ende mit der „Ass Cobra“, brachte keine erhebliche Beschleunigung des müde und wohlig pochenden Ruhepulses. Ich bin mir sicher, sähe man Bilder des Publikums während der Vorführung, so fühlte man sich auch ein wenig an die Lieblingstiere von Eva (Laura Gemser) und Judas (Jack Palance) erinnert, die da fast bewegungslos in ihren Terrarien liegen, nur hin und wieder mit ihren gespaltenen Zungen schnalzend.

Der Plot des Filmes ist dabei sogar recht dramatisch: Die Schlangentänzerin Eva gerät in Hongkong zwischen die Brüder Jules (Gabriele Tinti) und Judas. Letzterer ist steinreich, aber auch ein Eigenbrötler und Sonderling, der sich viel lieber mit seinen Schlangen beschäftigt als mit Menschen. Das ändert sich, als er Eva kennen lernt und sie bei sich aufnimmt, sehr zum Missfallen seines Bruders. Wirklich hingezogen fühlt sich Eva aber zu Gerri (Michele Starck), einer kühlen Blonden, mit der sie manches sinnliche Schäferstündchen verbringt – bis der eifersüchtige Jules dazwischengrätscht …

D’Amato zerdehnt diese amour fou mithilfe von ausgedehnten Tanzeinlagen, Sightseeingtouren und Erotikszenen, die mitunter fast vergessen lassen, worum es eigentlich geht. Und wenn dann doch etwas passiert, wartet bereits die nächste Pause. Am Ende haben zwei Menschen ihr Leben gelassen, zwei sind zu Mördern geworden, eine Liebe ist zerbrochen. Trotzdem hat man das Gefühl, das sich eigentlich gar nichts verändert hat: Eva wird in die nächste Stadt reisen, um dort mit ihren Schlangen zu tanzen, und neue Verehrer und Verehrerinnen anlocken und Judas wird sie vergessen, weil er ja immer noch seine Tierchen hat und er sich mit seiner Einsamkeit bereits ganz gut arrangiert hat. Die Tragik besteht dann auch viel eher darin, dass es in dieser Filmwelt keinerlei Chance für die eine, anhaltende Liebe gibt, wie Sven Safarow in seiner Einleitung richtig zusammenfasste, nicht so sehr darin, dass dies anhand eines letztlich beliebigen Beispiels durchexerziert wird. Piero Umilianos einprägsames Titelthema scheint diesen Zustand schon zu betrauern, noch bevor man weiß, wohin die Reise für Eva und die anderen gehen wird. Was bleibt sind oberflächliche Reize und verblassende Erinnerungen an Ereignisse und geisterhafte Gesichter von gestern. Es gibt nur wenige Regisseure, die dieses Gefühl so wirkungsvoll in Film kleiden wie D’Amato: Schon beim Sehen entgleiten sie einem, während man verzweifelt versucht, irgendetwas von ihnen festzuhalten. Ja, manche Bilder bleiben bei einem, aber ohne ihren Kontext stehen sie wie verloren da. Auch der als Produzent fungierende britische Exploitation-Papst Harry Alan Towers, dem es sogar gelungen war, Jess Franco für einige Filme zu bändigen, kann EVA NERA diese spezielle Flüchtigkeit nicht austreiben, die D’Amatos Filme so unverwechselbar macht, es aber auch immens erschwert, anderen diesen Reiz in Worten mitzuteilen.

Der Appell kann daher nur lauten: Schaut mehr D’Amato, am besten im Kino.

 

Mit einer kurzen Lesung über „Die Sittengeschichte der Badewanne“, gehalten von Uwe in unnachahmlicher Ohrensessel-Onkeligkeit, wurden die Kongressteilnehmer auf DAS BAD AUF DER TENNE vorbereitet: Der Film war im Nazideutschland von 1943 ein großer Publikumserfolg, der demzufolge 1956 auch noch einmal neu aufbereitet wurde, mit Sonja Ziemann, Paul Klinger und Rudolf Platte. Joseph Goebbels war bei Erscheinen des Originals angeblich not amused über das Maß an undeutscher Anzüglichkeit, das Regisser Collande da auf die Leinwand gebracht hatte. Sogar Brüste gab es zu sehen, zwar nur als Schattenriss, aber immerhin. Da konnte einem, den Endsieg im Sinn, schon bange werden, ob der Volkskörper auch mitziehen würde, wenn ihm die Fleischeslust so schmackhaft als Alternative zum Gemetzel auf den Schlachtfeldern angeboten wurde. Und tatsächlich zieht sich milde Subversion durch den Film, wird der Ausbruch aus der Norm zumindest kurzzeitig als beglückender Lebensentwurf gezeichnet.

Der Wiener Kaufmann Sartorius (Richard Häussler) reist auf Handlungsreise durch Flandern und kehrt in Terbrügg im Haus des Bürgermeisters Hendrick (Will Dohm) und seiner hübschen Gattin Antje (Heli Finkenzeller) ein. Die lässt sich von seinem öligen Charme und den Geschichten von Kultur und Wohlstand sogleich um den Finger wickeln, sehr zum Ärger ihres bärbeißigen Ehemanns. Als Sartorius eine Badewanne im Haus des Ehepaars vergisst und Antje auf den Geschmack wohltuender und duftender Bäder kommt, ist das der Anfang eines Konflikts, der das ganze Dorf erfasst. Nicht nur gilt es dem einfachen Bauernvolk als höchst unschicklich, sich auf diese Art der Körperpflege zu widmen, die Vorstellung, einen Blick auf die nackte Bürgermeisterfrau zu erhaschen, lockt Nacht für Nacht die Mannsbilder zur Tenne, was deren Gattinnen natürlich gar nicht passt.

DAS BAD AUF DER TENNE ist mit viel Schwung erzählt und sein Witz funktioniert mit kleineren Abstrichen auch heute noch. Man muss lediglich mit dieser Extraportion Schmelz und Schmalz klarkommen und natürlich mit dem katastrophal überkommenen Rollenverständnis. Die ganze Geschichte funktioniert eigentlich nur, weil Männer so und Frauen angeblich so sind, und die Bereitschaft, mit der sich die Frauen damit abfinden, das brave Heimchen für ihre in der Pinte rumhängenden Kerle zu sein, ist schon erstaunlich. Sex ist etwas, mit dem man sich bestenfalls zur Fortpflanzung auseinandersetzt, auch wenn die Lust, mit der die Männer zur Tenne eilen, deutlich macht, dass es im Hinterkopf ziemlich präsent ist. Trotzdem: Die Lüsternheit muss in geordnete Bahnen gelenkt werden, sonst herrscht Anarchie und jeder will mit jedem. Antje darf ihr Bad am Ende behalten, nachdem sich beinahe ein Mob geformt hat, um dem Verfall der Sitten Einhalt zu gebieten, und die Lösung aller Probleme ist schließlich die Verlegung der Wanne in die eigenen vier Wände und das Versprechen Hendricks, fortan auch mal zusammen mit der auf den Geschmack gekommenen Antje zu baden. Na also.

Neben der zahmen Thematisierung von Begierde, Lust und Sexualität als Mittel zum Lustgewinn geht es in DAS BAD AUF DER TENNE auch auf den von Norbert Elias wenige Jahre zuvor im gleichnamigen Buch behandelten „Prozess der Zivilisation“, zu dem eben auch die Körperpflege und ein damit einhergehendes avanciertes Körperbewusstsein zählt. Das ist alles sehr dicht erzählt und durchaus clever geschrieben, erstrahlt zudem in wunderschönen Farben. Überwiegend im Studio gedreht, begeistern die artifiziellen Bühnensettings, und die Szene, in der Antje nach einem „Attentat“ der missgünstigen Dorfbewohner mitsamt ihrer Badewanne aus dem Schutz der Tenne einen Abhang auf den Dorpflatz hinunterrollt, eine Schar Gänse vor sich hertreibend, geht fast schon als Action durch (ich musste dabei schmunzelnd an die Lorenachterbahn aus Spielbergs TEMPLE OF DOOM denken). Schmerzhaft ist hingegen das wölfisch-lustmolchige Schmiererlächeln des eklen Sartorius, der auch noch einen kleinen „Mohren“ als Diener mit sich führt, der von den faszinierten Dörflern als „Affe in Menschenkleidern“ bezeichnet wird. Man erkennt hier, aus welcher Zeit der Film stammt – allerdings auch ohne dahinter zwingend eine Ideologie verorten zu müssen. Es kommt darin letztlich ein ganz „normaler“ Rassismus zum Ausdruck, auf den der Nationalsozialismus leider kein Exklusivrecht hatte. DAS BAD AUF DER TENNE zeigt letztlich, dass auch unter dem Regime des Dritten Reichs munteres Entertainment entstand, das keineswegs versteckt oder gar unter Verschluss gehalten werden muss.

 

VERFLIXT NOCHMAL – WER HAT? DER HAT! lautet der hübsche deutsche Titel, unter dem diese brasilianische Sekomödie hierzulande firmierte. Der Film sorgte für große Heiterkeit – sicher handelte es sich um die Stimmungskanone dieses Kongresses, was passt, weil sich auch seine Geschichte um eine solche „Stimmungskanone“ dreht.

Lírio (Nuno Leal Maia) ist ein klassischer Dorfdepp: Groß und kräftig zwar, mithin durchaus attraktiv, aber etwas einfältig und von dem Pfarrer, der als sein Vormund fungierte, leider in dem Bewusstsein erzogen, dass Sex pfui ist. Die Mädchen im Dorf mühen sich vergeblich, ihn zu entjungfern, aber alles ändert sich, als zwei wohlhabende Gesellschaftsdamen, Doña Nair (Consuelo Leandro) und Doña Zila (Maria Luíza Castelli) ihn auf der Suche nach einem Antiquitätengeschäft an der Straße aufgabeln. Sie stellen nämlich fest, dass er mit einem riesigen Gemächt ausgestattet ist: ein Fakt, der auch den anderen weiblichen Hausangestellten sowie dem Freundinnenkreis nicht verborgen bleibt und manche Begehrlichkeit weckt. Der zunächst so scheue Lirio kommt bald auf den Geschmack, während im zuvor so geordneten Leben seiner Gönnerinnen das totale Gefühlschaos ausbricht.

VERFLIXT NOCHMAL ist eine Meisterleistung der Effizienz: Die streng genommen zwei Gags, die Regisseur Miziara aufzubieten hat, werden immer und immer wieder verbraten, aber dem Erfolg der Unternehmung tut das keinen Abbruch. Eher im Gegenteil verstärkt sich der Effekt durch die Wiederholung noch. Der eine Witz besteht in einer Soundeffekt-Orgie, die die unkontrollierten Spontanerektionen des Protagonisten untermalt: ein Flötenton, ein Hupen und ein Gong gehören dazu, also der unverzichtbare Grundstock des Slapstick-Tonarchivs, und sie künden zusammen sehr anschaulich von den entgeisterten Blicken der weiblichen Belegschaft von den gigantischen Dimensionen des Geschlechtsteils, das da unsanft aus dem Dornröschenschlaf gerissen wurde. Der andere Witz schließt sich meist direkt an: Der Orgasmus, den Lírio seinen Verehrerinnen verschafft, sorgt nämlich für erdbebenartige Erschütterung, purzelnde Menschen und panisch im Zeitraffer fliehende Hunde. Man ahnt es schon: VERFLIXT NOCHMAL ist von comichafter Überzeichnung, dabei aber – anders als etwa die Commedia sexy all’Italiana, an die er teilweise erinnert – weniger konfus, überdreht und vollgestopft, sondern sehr konzentriert und reduziert auf seine zentrale Idee.

Der Film bedient natürlich auch die Ressentiments des vermutlich eher ländlichen Publikums gegenüber den überkandidelten Bonzen aus der Großstadt, die über den „einfachen Bürger“ verfügen wie über einen Gegenstand. Zu Beginn gibt es ein Missverständnis zwischen Nair und Zila, als letztere über das „Stück“ redet, das sie beim Antiquitätenhändler erstanden hat, und erstere dies auf das Glied Lírios bezieht. Sex ist in der Stadt immer mit extremen Konfusionen, Heimlichkeit und Komplikationen verbunden, die Frauen sind unbefriedigt und geil, die Männer impotent, schlecht bestückt und eifersüchtig. Und dass Nair, Zila und ihre Freundinnen dann auch noch in einem Frauenverein engagiert sind, der sich für die Gleichberechtigung einsetzt, ist dem Film auch eher suspekt. Das Gegenstück zur urbanen Korrumpiertheit findet Lírio zurück in seiner Heimat bei der süßen Volga (Ana Maria Nascimento e Silva), mit der er sich einfach in der Natur nieder- und es krachen lässt. Vor Erlangung dieses romantischen Liebesidylls muss er aber noch einiges durchstehen: Er geht in der Großstadt verloren, wird von zwei Zivilpolizisten aufgegriffen (hier wird VERFLIXT NOCHMAL für Nicht-Brasilianer, die schon einmal von Todesschwadronen gehört haben, ganz kurz einmal ziemlich unheimlich), landet bei einer reichen Ehebrecherin, zieht den Zorn des japanischen Hausdieners Kimura auf sich, dessen Freundin Pedra sich an ihm vergeht, und wird schließlich von einer ganzen Horde geiler Weiber verfolgt.

Für großes Vergnügen sorgten nicht nur die schon erwähnten Soundeffekte, sondern gewiss auch das Backpfeifengesicht des Hauptdarstellers, eine schlaksige Mischung aus Belmondo und Celentano, Dialogpreziosen von geplatzten Hosen, die Idee, dass sämtliche von Lírio beglückten Damen zunächst ärztlicher Handlung oder zumindest eines Krückstocks bedürfen, und dessen Bemühungen, seine Erektionen im Zaum zu halten: Erst zieht er fünf Hosen übereinander an, dann hüllt er sich in eine Ritterrüstung, mit dem Ergebnis dass auch die Kollision von Schwanz und Metall ihren eigenen Soundeffekt bekommt. Pimmelwitze sind ein schwieriges Feld, José Miziara erweist sich mit VERFLIXT NOCHMAL – WER HAT? DER HAT! als Großmeister der Gattung.

 


Eines der tollsten, leider aber auch völlig vergessenen Genres der Welt ist das Sittenmelodram oder auch, weniger zurückhaltend ausgedrückt, der „Sittenreißer“ der Sechzigerjahre: Filme, in denen körperliche Lust, Ausschweifung und Lebensfreude zwar so weit das damals möglich war zur Schau gestellt werden, aber auch todsicher in den Untergang führen, wo mit viel Verve und Einsatz gelitten wird, bevor die Moralkeule jede menschliche Empathie mit beherzten Schlägen pulverisiert. Es handelt sich um ein internationales Genre, quasi den Vorläufer des Sex-, Report- und Mondofilms der Siebzigerjahre, und bildet eines der Kernthemen der Hofbauer-Kongresse. Fast alle dieser Filme zählten auf den jeweiligen Kongressen zu meinen Lieblingen und am tollsten sind sie natürlich, wenn sie aus Ländern kommen, dessen Einwohnern man ein heißblütiges Temperament nachsagt, weil dann noch heftiger geliebt und noch inbrünstiger gelitten wird und das fragwürdige Konzept von Schuld aus einem tief verwurzelten Katholizismus rührt. Der diesjährige Vertreter kam aus Griechenland, wo der Wein bekanntlich wie das Blut der Erde ist, und er markierte für mich zusammen mit Enzens VERBOTENE SPIELE AUF DER SCHULBANK den Höhepunkt der Veranstaltung. In dunklem Schwarzweiß wird hier die bittere Geschichte vom Untergang einer jungen Frau erzählt, die das Pech hat, dass die Männer um sie herum allesamt egoistische Arschgeigen sind: Aber eigentlich, da ist sich zumindest der Voice-over relativ sicher, ist sie eigentlich selbst schuld; zumindest war sie schon zu Lebzeiten tot, wie es nach dem tragischen Ende wortwörtlich heißt, ihr Tod war letztlich nur „planmäßig“, nicht etwa dadurch begünstigt, weil sie in einem moralisch rigiden, zutiefst frauenfeindlichen Milieu aufgewachsen ist.

Maro (Eleni Prokopiou) ist ein hübsches Mädchen aus einfachen Verhältnissen, ein bisschen der Typ Brigitte Bardot, aber ohne deren unbekümmerte Souveränität, und weil sie so attraktiv ist, fühlen sich alle Männer aus ihrem Dorf dazu bemüßigt, sie als Freiwild anzusehen – unter anderem auch ihr Schwager, der miese Kostas (Tony-Curtis-Lookalike Yorgos Moutsios), der sie erst vor einem dahergelaufenen Vergewaltiger rettet, nur um sich das Mädchen dann als Belohnung selbst zu nehmen. Zuhause kann sie erst nichts sagen, aus falschem Mitgefühl mit der von ihrem Gatten hintergangenen Schwester und aus Schuldbewusstsein, das ihr die vorherrschende Moral eingeimpft hat, als deren Vertreter vor allem der strenge Vater auftritt. Auf der Suche nach Hilfe landet sie bei einem Anwalt, einem älteren Herren, der sie auf einer seiner Parties mit Alkohol abfüllt, bis sie sich vor den reichen Damen und Herren der Gesellschaft in einem ekstatischen Tanz zum Gespött macht und schließlich in seinem Schlafzimmer landet, in dem sie zwar nicht vergewaltigt, aber immerhin von ihm durch ein Guckloch bespannt wird. So geht das weiter: Kostas‘ schmierige Kumpels entführen Maro, verschleppen sie in eine Strandhütte und fallen über sie her, der Arzt Alexis (Byron Pallis), der sih ihrer später annimmt, scheint sehr nett, nutzt sie aber ebenfalls nur aus. Alles führt auf die unvermeidbare Katastrophe zu …

Das Wunderbare auch an diesem Vertreter des Sittenreißers ist diese Übersteuertheit der Emotionen: Es gibt keine Moderation, keine Kontrolle oder Zurückhaltung, alle Figuren sind ihren Gefühlen und Trieben geradezu hoffnungslos ausgeliefert, sie schlagen über ihnen zusammen wie riesige Wellenberge und reißen sie dann fort. Das gilt für Maro, die sich nach einem Glas Schnaps von der Musik und den anderen Gästen angefeuert in fiebrigen Wahn tanzt, aber auch für Kostas, der sich mit dem unbekannten Vergewaltiger eine Böschung hinunter in einen Fluss stürzt, im Wasser mit ihm weiter- und sich dann schließlich wieder ans Land zurückkämpft, nur um anschließend mit seiner Schwägerin auf den Boden zu sinken. Da tut sich dann auch diese Kluft auf zwischen der Hilflosigkeit aller, dem Kalkül des Drehbuchs und der Härte, mit der die Hauptfiguren dann trotzdem verurteilt werden. Psychologie wird natürlich immer wieder vorgegaukelt, aber alle benehmen sich ausschließlich so, wie es die perfide Dramaturgie stützt. Der Eifer, mit dem da die feine Moral gegen alle Widerstände verteidigt wird, ist mit der Ohnmacht der handelnden Lustmenschen durchaus gleichzusetzen. Dunkel und verlogen, gewiss, aber auch irgendwie sehr … schön.

 

12919_230Es war schon vorher nicht unwahrscheinlich, dass VERBOTENE SPIELE AUF DER SCHULBANK zu den denkwürdigeren Filmen des 16. Hofbauer-Kongresses zählen würde. Enz, der deutsche Sexfilm-Avatgardist, dessen Wiederentdeckung nur eine der vielen Errungenschaften der Nürnberger Kinoveranstaltung ist, hatte bisher eigentlich mit jedem Film, der im Rahmen der Kongresse vorgeführt worden war, für herunterklappende Kinnladen, zumindest aber für große Freude gesorgt, mit HERBSTROMANZE, seinem autistischen Heimatfilm, gar für einen absoluten Meilenstein. VERBOTENE SPIELE AUF DER SCHULBANK, von Christoph als eines der „zärtlichsten“ Werke von Enz angekündigt, wurde in der Hardcore-Version namens HIGHSCHOOL GIRLS vorgeführt und hinterließ beim Publikum Spuren wie die Luftwaffe der Alliierten 1945 in Dresden. Von der versprochenen Zärtlichkeit war dank bestialisch unerotischer Fickszenen nicht mehr allzu viel zu spüren, aber dafür kam neben den typischen Enzianismen, die man nicht unbedingt gut, aber doch mindestens interessant finden muss, ein inszenatorischer Gestaltungswille zum Ausdruck, den ich in dieser Form bei ihm noch nicht gesehen habe.

VERBOTENE SPIELE AUF DER SCHULBANK beginnt in einem Lehrerzimmer: In einem dunkelbraunen Regal stehen ein paar unsortierte, zerfledderte Bücher, ein alter Globus und ein Mikroskop, die Stühle um den ebenfalls braunen Holztisch wurden von mehreren Trödlern zusammengesucht, der Aschenbecher ist gut gefüllt, muss aber noch lange nicht geleert werden, die Lehrerschaft – sechs an der Zahl, fünf Männer, eine Frau – diskutieren die Probleme des Berufs, wachsende Klassengrößen, steigende Zahl an Feiertagen. Auffällig und dem Enzperten sofort vertraut ist der Duktus, in dem diese Gespräche geführt werden: Unpersönlich, steif, langsam, als würden die Sätze von Wesen geäußert, die die Sprache zwar akzent- und fehlerfrei beherrschen, aber die Bedeutung der Worte nicht verstehen. Im Klassenzimmer bereiten die Schüler derweil einen Streich vor, den Klassiker mit dem Wassereimer auf der Tür. Statt dem geilen Lehrer mit dem offenen Hemd und dem Brusthaartoupet bekommt aber die neue Schülerin Nora (Soraya Athigi) die Dusche ab und steht daraufhin mit nassem Kleid und sich darunter abzeichnenden Nippeln vor dem Lehrer, der sofort Stielaugen bekommt und sie zum „Abtrocknen“ mit ins Lehrerzimmer nimmt. „Du hast ein herrliches kleines Loch“, bemerkt der Lehrer beim folgenden unumgänglichen Fick. Liebe in den Zeiten der Cholera.

Die Affäre zwischen Lehrer und Schülerin geht weiter, aber wer erwartet, dass diese Beziehung in irgendeiner Form problematisiert würde, sieht sich getäuscht. Wenn der Direktor später an die Vernunft des Lehrers appelliert, zeigt dessen Blick völliges Unverständnis, mehr noch: Teilnahmslosigkeit – und das liegt gewiss nicht nur daran, dass die Standpauke jegliche Schärfe vermissen lässt. Inspiriert von der Beziehung von Nora und dem Lehrer kommt es erst bei einer Party zu einer wilden Orgie der Schüler, zu Lehrer-Lehrer-Sex im Lehrerzimmer (Kommentar des nachsichtigen Direktors, der die beiden erwischt: „Schwamm drüber.“), dann schließlich beim Schulausflug zum großen Rudelbums, bei dem sich nun auch die anderen Lehrer an den Schülerinnen versuchen. Die arme Nora wird am Ende vom Direktor auf ihre alte Schule zurückgeschickt, nicht aber ohne dass der ihren Kopf im Auto in seinen Schoß drückt.

Diese Geschichte ist im Pornofilm nicht neu, aber der Blick den Enz auf diese Figurenkonstellation wirft, der ist es wohl: Das Schicksal Noras ist erschütternd und deprimierend und so inszeniert Enz das eigentlich auch, aber es stellt sich trotzdem die Frage, ob er das selbst auch so gesehen hat. Man kommt einfach nicht dahinter, warum seine Filme so sind wie sie sind. Der Sex ist bei ihm immer schmucklos, wild und triebhaft zwar, aber dabei frei von jeder Spiritualität oder sonstiger Glücksvorstellung. Die Menschen, die ihn haben, sind bestenfalls durchschnittlich, die Zimmer, in denen sie sich auf Bett, Sofa oder Teppich zerren, (klein-)bürgerliche Albträume in Kackbraun. Noch so ein Rätsel: Sehen seine Settings immer absichtlich so unvorteilhaft und scheiße aus oder war das doch nur Faulheit beim Dreh? Man kann sich letzteres kaum vorstellen, so konsequent wie da immer wieder irgendwelche Abscheulichkeit ins Bild ragen. Verstörend auch die Dialoge. Die „sweet nothings“, die sich die Menschen beim Sex in die Ohren säuseln, taugen nämlich zum Beweis, dass Sprache durchaus Gewalt antun kann: Als ein Mann seine Partnerin dazu auffordert, ihn rauszuziehen und sie ihn fragt, warum, bekommt sie als Antwort nur ein gebelltes „Weil ich es so will!“ zu hören. Die oralen Künste eines anderen Mädchens werden mit dem Satz „Nimm ihn auf Lunge!“ kommentiert und das Liebesspiel zweier Mädels wird von einem eben erst anderweitig fertig gewordenen Jungen mit den Worten unterbrochen: „Lasst das Gelesbel, hier kommt ein angefickter Schwanz!“ Alles ist vulgär und eklig, und wo eigentlich spielerische Freude oder Leidenschaft zum Ausdruck kommen sollte, wird stattdessen gekeucht, gestöhnt und geächzt wie beim Straßenbau. Da helfen auch die gemischten Paprikaschoten in der Holzschale auf dem Wohnzimmertisch neben der Flasche gutem Eierlikör nichts. Der Farbfleck bringt hier kein Leben rein.

VERBOTENE SPIELE AUF DER SCHULBANK kulminiert dann in der langen, bereits erwähnten Schulausflug-Sequenz, bei der es die Schüler und ihre Lehrer an einen ruhig daliegenden kleinen Weiher verschlägt. Unglaublich, wie Enz das inszeniert, wie die typische Langsamkeit hier plötzlich zum spannungserzeugenden Mittel wird. Die sexuelle Anspannung ist greifbar: Die Mädchen machen sich einen Spaß daraus, ihre männlichen Lehrer zu reizen, die wiederum etwas verstockt im Gras sitzen und stumm auf die Mädchen starren, die sich auf einem Steg gegenüber platziert haben und ihre Blusen und Pullover lüpfen. Enz filmt dieses Lauerszenario mit Leonesker Ruhe und Ausdauer, in der das ganze Drohpotenzial der Situation zum Vorschein kommt: Ein anderer Regisseur hätte den Film hier vielleicht in einen Gewaltschocker umkippen lassen, in dem sich die Lüsternen gegenseitig umbringen. Die Szene, in der Nora sich im Bildvordergrund auf dem Rücken auf einer Waldlichtung liegend ihren Lehrern anbietet, die aus dem Bildhintergrund langsam auf den leblos anmutenden Körper zuschreiten, mutet wie ein Artefakt eines solchen nie entstandenen Enz-Gewaltpornos an, für den der Regisseur mit dem untrüglichen Blick, aber anscheinend ohne das Bewusstsein für das Hässliche, wahrscheinlich zu freundlich war. Eines der vielen, vielen Rätsel, die einem Enz aufgibt: Wie konnte man solche Filme drehen und die Menschen gleichzeitig lieben? Es ist ein Mysterium, das auch der nächste Film nicht lüften wird. Zum Glück.