gr_webThematisch ist sich Saulnier nach BLUE RUIN treu geblieben. Stellte der viel beachtete Rachethriller die Konventionen des Subgenres auf den Kopf, in dem er einen hoffnungslos überforderten Zivilisten zum Racheengel machte, dessen Feldzug dementsprechen chaotisch und schmutzig verlief, lässt er in GREEN ROOM eine Gruppe naiv-idealistischer Nachwuchspunks gegen eine Bande organisierter, schwerkrimineller Skinheads antreten. Im Schlüsseldialog des Films berichtet Pat (Anton Yelchin) dann auch von einem Paintball-Match, in dem er und seine Freunde von Marines mit Kriegserfahrung auseinandergenommen worden sein – bis sich einer seiner Kumpel ein Herz gefasst und in Kamikaze-Manier über die Soldaten hergefallen sei und sie so auf dem falschen Fuß erwischt habe. Wenn Taktiererei nicht funktioniert, hilft manchmal der Frontalangriff.

Auch stilistisch greift Saulnier auf die bewährte Gegenüberstellung von atemloser Suspense, brutaler körperlicher Gewalt und atmosphärischen Bildern, mit denen er den Zuschauer immer wieder in eine Art Schwebezustand versetzt. Dass das diesmal nicht ganz so gut aufgeht wie im großartigen Vorgänger liegt an der arg gimmickartigen Prämisse und der Fokussierung auf blutigen, aber auch eindimensionalen Suvrvival-Horror, bei dem man die leisen Zwischentöne weitestgehend vermisst. GREEN ROOM ist ein Gewaltreißer und funktioniert als solcher ausgezeichnet,  hat darüber hinaus aber nur wenig Substanz zu bieten. Als Debüt wäre er ein durchaus beachtliches Werk, das Hoffnung auf mehr macht, nach BLUE RUIN ist er allerdings schon ein wenig enttäuschend. Zumal da so ein latenter autoritärer Zug mitschwingt: Saulniers Punk-Protagonisten sind im Grunde genommen weniger politisch motiviert wie sie von sich behaupten, sondern in erster Linie ein paar frustrierter Teenies, die mit ihrem prekär-improvisierten Lifestyle gern kokettieren, aber eigentlich noch nie echte Härten haben erfahren müssen. Überdies stellt sich im weiteren Verlauf des Films auch noch heraus, dass sie noch nicht einmal hinter ihrer Musik zu 100 % stehen: Über eine Interviewfrage nachdenkend, welche Band sie mit auf eine einsame Insel nehmen würden, verwerfen sie ihre zunächst getroffene Aussagen im Verlaufe des Films zugunsten mainstreamiger oder gar poppigern Musiker. Man hat so ein bisschen den Eindruck, Saulnier nehme die Rolle des Altvorderen ein, der naseweisen Posern eine Lektion erteilen wolle.

Dazu konfrontiert er sie mit Antagonisten, die nicht nur schwerkriminell, sondern auch noch Nazis sind. Die Chance, in einem Nazischuppen aufzutreten, nehmen die Kids nicht gerade begeistert wahr, aber es bleibt ihnen nichts anderes übrig, der Sprit fürs den Bandbus will bezahlt werden. Ihre Entscheidung, ihr Set mit einer Coverversion des Dead-Kennedys-Klassiers „Nazi punks fuck off“ zu beginnen, ist eher eine Geste juvenilen Omnipotenzwahns denn echter Zivilcourage oder gar politischer Überzeugung und der Gesichtsausdruck von Gitarrist Pat verrät, dass zumindest er eine opportunistischere Songwahl unbedingt bevorzugt hätte. Wenig später ist die Kacke am Dampfen: Als Pat eine frische Leiche im Backstageraum entdeckt und die Jungpunks daraufhin erst in eine Geiselsituation geraten, sich dann schließlich vor den draußen lauernden Verbrechern unter der Führung des grauen Wolfs Darcy (Patrick Stewart) verbarrikadieren müssen.

GREEN ROOM ist durchweg spannend, gerade im schweißtreibenden Aufbau der verfahrenen Situation ziemlich stressinduzierend und ausgesprochen schmerzhaft, wenn es ans Eingemachte geht. Funsplatter ist das definitiv nicht, trotzdem wirkt die Art, wie Saulnier das ganze Szenario zur größtmöglichen Eskalation treibt, schon ein wenig infantil, kein Vergleich zum klugen BLUE RUIN. Das Talent des Regisseurs blitzt immer wieder auf, etwa in der schönen Episode, mit der der Film beginnt, oder im Finale, das eher unspektakulär ist, anstatt noch einmal eine Schippe draufzulegen. GREEN ROOM macht das, was er macht, sehr ordentlich, aber er bleibt dann doch seinen engen Konventionen verpflichtet.

 

 

beyond_darkness_poster_02Es ist noch kein Jahr her, dass ich BUIO OMEGA zum letzten Mal gesehen habe, auf dem Fernsehschirm, in einer nicht so berauschenden Version. Deshalb will ich hier auch nur zwei Dinge ergänzen, die mir gestern bei der Sichtung im Kino aufgefallen sind.

1. Fand ich die damals berüchtigten und bei Jugendschützern sehr „beliebten“ Splattereffekte in besagter letzter Sichtung eher underwhelming, haben sie im Kino doch erhebliche Wirkung entfaltet. Es macht eben doch eine Menge aus, ob man sich die Missetaten des fiesen Frank in vertrauter und an Ablenkung reicher heimischer Umgebung ansieht oder im Kino auf großer Leinwand, wo man ihnen regelrecht ausgeliefert ist. Die Präparierung seiner Geliebten ist supergarstig und eklig, genauso wie die spätere Entsorgung eines dickleibigen Mädchens in einer Wanne voll blubbernder Salzsäure.

2. Vor allem die Musik von Goblin macht aus der von D’Amatos gewohnt behäbig inszenierten Schauermär (das ist nicht negativ gemeint) einen echten Reißer. Gerade die erste halbe Stunde, die Frank dabei begleitet, wie er seine Geliebte wieder ausgräbt, mit nach Hause nimmt und dort präpariert, wird erst durch den treibenden Goblin-Groove zum Nägelkauer par excellence. Blendet man die Musik aber bewusst aus, zeigt BUIO OMEGA dieselben langen, eigentlich ereignislosen Einstellungen und das sedierte Spiel mäßig begabter Mimen, das D’Amatos Filmen diese ganz eigene Qualität verleiht. Es stellt sich die Frage, wie wohl die späteren D’Amatos rüberkämen, wenn sie nicht durch traurig-karge Budgets gehandicappt gewesen wären. Natürlich aber auch, ob man denn überhaupt will, dass sie durch eine solche „Verbesserung“ ihrer eigentümlichen und singulären Qualitäten beraubt würden. Die Begegnung mit BUIO OMEGA im Kino war nicht nur ein Highlight meines Filmjahres, sondern darüber hinaus mal wieder sehr lehrreich.

msardTatsächlich der erste Castle, den ich in diesem Blog bespreche – und meines Wissens überhaupt erst der zweite, den ich überhaupt gesehen habe. Vielleicht auch eine Lücke, die ich mal schließen sollte. Wobei mir MR. SARDONICUS gestern, im Kino bei Mondo Bizarr, zum Abschluss einer arbeitsreichen Woche ein bisschen zu gemütlich war. Während des Mittelteils bin ich dann auch sanft ins Land der Träume hinabgesunken, um pünktlich zum putzigen Finale wieder aufzuwachen. Mein grenzenloses Pflichtbewusstsein trieb mich daraufhin heute früh in den Wald, wo ich eine Kopie unter einem bemoosten Stein finden konnte: So steht einer belastbaren Besprechung doch nichts im Weg. Fakten, Fakten, Fakten und an die Leser denken: So bin ich.

Auch William Castle denkt zu Beginn des Films an sein Publikum: Im dicken Londoner Nebel wendet er sich an die Zuschauer und zitiert aus einem sehr dünnen „Wörterbuch“, was ein „Ghul“ sei. Mit MR. SARDONICUS hat diese Erläuterung aber denkbar wenig zu tun: typisch Castle’sches showboating eben. Sein Film bedient sich eher bei der seit PSYCHO auch im Horrorfilm salonfähig gewordenen Psychologie. Trotz seines bedeutungsschwangeren Geschwafels über Vampire entpuppt sich der titelgebende Schurke am Ende als traumatisierter, bemitleidenswerter Tropf, dem der Held des Films mit einer Schocktherapie auf die Sprünge hilft. Glaubt man der letzten Szene von MR. SARDONICUS, darf man eine güldene Zukunft für ihn trotzdem für höchst fraglich erachten. Im Gegenteil: Jetzt, wo er geheilt ist und ihm seine vorigen moralischen Fehltritte als solche bewusst sind, ist er eigentlich erst so richtig arm dran und sein Schicksal wenig erquicklich.

MR. SARDONICUS ist Gothic Horror Marke Castle, bedient sich in seiner Prämisse unverkennbar bei Stokers „Dracula“ und lässt den Mediziner Cargrave (der soeben die Spritze erfunden hat) nach Transsilvanien reisen, wo seine Ex-Geliebte Maude mittlerweile mit dem von der Landbevölkerung gefürchteten Baron Sardonicus (Guy Rolfe) auf dessen Schloss lebt. Sie wurde von ihrem in Geldnöten befindlichen Papa verheiratet und fühlt sich allein, zumal ihr Gatte reichlich eigenwillige Verhaltensformen zeigt. Er trägt aufgrund einer bösen Entstellung eine gruselige Maske, hält sich ein einäugiges Faktotum namens Krull (Oskar Homolka) und quält eine Bedienstete, indem er ihr Blutegel ins Gesicht setzt. Der fortschrittliche Cargrave ist entsetzt über solche auf Aberglauben basierenden Methoden und ordnet das einzige Mittel an, das in solchen Fällen von Blutegel-Missbrauch hilft: Fleischsaft! Als Mann der Aufklärung begnügt er sich nicht mit der Rolle des höflich-passiven Gastes, sondern beginnt des Nachts herumzuschleichen, nachzuforschen und generell Dinge zu tun, die man eigentlich nicht macht, wenn man irgendwo eingeladen ist, z. B. an der Gattin des Hausherrn herumzugraben. Aber es ist ja nur zu dessen Besten. Nee, is‘ klar.

Der schurkische Sardonicus ist Opfer eines Traumas, das er sich als junger Mann zuzog, als er das Grab seines verstorbenen Vaters öffnete, um ein Lotterieticket zu bergen, das der spricchwörtlich mit ins Grab genommen hatte. Der Gewinn machte ihn zwar zum reichen Mann, aber zu welchem Preis? Der Anblick des toten Papas ließ sein Gesicht zu einem grotesken Grinsen gefrieren, das auch Conrad Veidt in THE MAN WHO LAUGHS zeigte. Nun soll der englische Arzt ihn heilen, doch alle medizinischen Kniffe versagen, sodass die gute alte Psychotherapie herhalten muss. Das Castle’sche Gimmick, das Publikum mittels Pollkarten über das Schicksal Sardonicus‘ abstimmen zu lassen, ist eine schöne Ente, weil er natürlich voraussahe, dass niemand vorhatte, Gnade walten zu lassen, sodass er auch nicht erst ein alternatives Ende drehte. (Die Szene, in der Castle sich ans Publikum wendet, um das Ergebnis der Abstimmung auszuwerten, fehlt dann auch in der deutschen Fassung.) So hat der Bösewicht zwar sein Gesicht wieder, aber er ist unfähig, seinen Mund zu öffnen: Während Krull genüsslich einen Muffin mampft,schmiert Sardonicus sich hilflos ein Hähnchenbein durchs Gesicht und guckt zum Finale unglücklich in die Kamera. That’s all folks!

 

 

 

horror-hotel-posterIch bin müde und habe keine Lust mehr zu schreiben, deshalb nur kurz: Auf Critic.de kann man meine Rezi zu Moxeys CITY OF THE DEAD lesen, der dieser Tage als schönes Mediabook erschienen ist. Haut rein.

wraith-movie-poster-1986-1020216120Viel mehr Achtziger als THE WRAITH geht kaum noch: Charlie Sheen gibt den coolen Loner, Nick Cassavetes den fiesen Autotuner mit Matte und geairbrushter Lederjacke, Sherilyn Fenn trägt Bräunungscreme für zwei und arbeitet auf Rollschuhen im Burgerladen, dem Treffpunkt der Wüstenjugend, der Sountrack spielt u. a. Ozzy Osbourne, Mötley Crüe, Bonnie Tyler und Billy Idol. Erwachsene gibt es gar nicht – mit Ausnahme von Randy Quaids Sheriff und seinen Leuten – und das titelgebende Phantom kommt mit coolen Blitzen auf die Erde und heizt dann in einem potthässlichen Custom Car über die Landstraßen. Das hat schon was, auch wenn der Film um diese Zeitmarker herum nicht so wirklich zünden mag.

Auf den Highways rund um sein Wüstenkaff veranstalten Packard (Nick Cassavetes) und seine Gang Autorennen mit aufgegriffenen und drangsalierten Teens (die allesamt geile Sportwagen von Papa und Mama unter den Weihnachtsbaum gestellt bekommen haben): Wer verliert, ist seine Karre los, und Packard verliert nie. Bis plötzlich ein ganz in schwarze Bikerkluft gewandetes Phantom auftaucht: Da sterben Packards Leute einer nach dem anderen und enden trotz feuersbrünstiger Unfaälle ohne Verbrennungen – dafür aber mit leeren Augenhöhlen. Das Auftauchen des Phantoms koinzidiert mit dem von Jake (Charlie Sheen), der sich gleich an die süße Keri (Sherilyn Fenn) heranmacht, die von Packard umworben wird. Wie sich herausstellt, wurde Keris Freund einst von Packard und seinen Leuten ermordet …

Dass THE WRAITH – oder auch INTERCEPTOR, benannt nach dem Auto des Phantoms – ziemlich doof ist, muss nicht besonders betont werden. Als Spannungs- oder auch nur als Erzählfilm funktioniert er zudem überhaupt nicht: Dem Film fehlt ein Protagonist, mit dem man mitfiebern könnte, ein Konflikt, dessen Ausgang nicht von vornherein klar wäre. Charlie Sheen, dessen Jake sowas wie der Held ist, hat vielleicht 10, 15 Minuten Screentime aber dass er da ist, ist der totale Spannungskiller, denn das eine große „Mysterium“ des Films – wer ist der Rächer im Interceptor? – wird durch seine Anwesenheit völlig nivelliert. Man weiß, dass er es sein MUSS, weil seine Figur sonst überhaupt keine  Daseinsberechtigung hat. Die Morde an Packards Leuten sind ebenfalls total spannungsarm, weil von Anfang an kein Zweifel daran gelassen wird, dass sie chancenlos sind – und man darüber hinaus auch keinerlei Grund hat, auch nur das geringste Mitleid mit ihnen zu empfinden. Was bleibt, sind die sehr eigenartige Stimmung, die der Film allen Unzulänglichkeiten zum Trotz entfaltet, und seine geleckten Bilder, die an Airbrush-Kunstwerke auf Motorhauben aufgemotzter Muscle Cars denken lassen. Der Auftakt mit ein paar Irrlichtern, die aus verschiedenen Richtungen über die nächtlichen Wüstenhighways flitzen, ist sehr hübsch, genauso wie die Bilder des dampfenden Burgerladens vor dem violetten Nachthimmel. THE WRAITH wäre wohl gern sowas wie die Teenie-Version von HIGH PLAINS DRIFTER gewesen, aber dafür fehlt ihm einfach jede Ambiguität: Die Bösen sind böse, Jake und Keri herzensgut, und love will conquer it all in the end fo‘ shizzle. Am besten, man betrachtet das Teil als den überlangen Videoclip, der er ist, dann kommt man auf seine Kosten.

thefirstpower4Gerade eben erst habe ich festgestellt, dass THE FIRST POWER tatsächlich einen deutschen Kinostart hatte: Trotzdem ist er ein hervorragendes Beispiel für die mit den Videotheken untergegangene Tradition der Verleihhits. Das waren Titel der zweiten Reihe – die damals noch nicht ganz so weit von den Lichtspielhäusern weg war wie heute -, die vom Verleih mit großem Werbeaufwand gepusht wurden und in den Videotheken entsprechend auffällig ausgestellt waren. Filme dieser Gattung waren noch nicht als „DTV“ verschrieen und wurden auch nicht als „minderwertig“ wahrgenommen, im Gegenteil. So mancher dieser Titel avancierte zum Publikumsfavoriten und lief in der Gunst der Leiher sogar den großen Blockbustern den Rang ab. Und THE FIRST POWER – deutsches Cover nebenstehend – war so einer: Lou Diamond Philips galt damals, nach LA BAMBA, RENEGADES und YOUNG GUNS, noch als Star, mit dem Posterdesign orientierte man sich offenkundig an Alan Parkers ANGEL HEART und die exploitative Mischung aus Copfilm und Horror war geradezu prädestiniert für die heimische Couch. Man musste das Teil einfach ausleihen.

So richtig enttäuscht waren damals wahrscheinlich die wenigsten, denn THE FIRST POWER ist der Inbegriff der soliden Videothekenware. Nichts, was einen total vom Hocker reißt oder einem gar schlaflose Nächte und schweißnasse Hände beschert, aber eben ein Film, der gut reinläuft und auf diese angenehme Art überraschungsarm und vorhersehbar ist. Man muss sich nicht wirklich konzentrieren, kann zwischendurch mal aufs Klo oder zum Kühlschrank gehen oder neue Chips aus dem Schrank holen, ohne Gefahr laufen, den Anschluss zu verpassen. Man fühlt sich auf Anhieb zu Hause: Es gibt da zwar diese improvisierten Rumpelecken, für die man seit Jahren schon eine Lösung finden will, aber wirklich stören tun einen auch die nicht mehr, man hat sich damit arrangiert. So muss man in THE FIRST POWER damit leben, dass Held und Heldin irgendwann ein Techtelmechtel beginnen, das niemand braucht und an das offensichtlich noch nicht einmal die Filmemacher glaubten; dass der Plot hanebüchen ist und der Drehbuchautor (Regisseur Resnikoff selbst) sich damit begnügt hat, seine paar Ideen aneinanderzureihen: Ausgearbeitet wird hier wirklich gar nichts und das Ende wirkt regelrecht so, als hätten die Macher irgendwann die Lust verloren. Man denkt sich zu jeder Sekunde, dass man dies und jenes hätte viel, viel besser machen können, freut sich dann aber wieder über die kleinen Einfälle, die hervorstechen, oder die geilen Stunts (ein paar Mal wird da sehr spektakulär gestürzt und einen fetten Autocrash gibt’s auch). Oder auch einfach nur über diesen coolen, weiten Achtzigerjahre-Mantel, mit dem Philips ständig rumläuft.

Ich fand THE FIRST POWER gestern doch eher mau: Die Hoffnung, ein vergessenes Highlight wiederzuentdecken, verflog schnell, zu formelhaft ist Resnikoffs Film. Es bleibt einfach nicht viel hängen und Resnikoff bekam die entsprechende Quittung: Er arbeitete nie wieder in Hollywood. Aber die Erwartungshaltung, mit der ich an den Film herangetreten bin, ist ihm auch nicht angemessen. Der durchschnittliche Viedeothekenkunde, der damals einfach nur auf der Suche nach Stoff für einen unterhaltsamen Abend vor der Glotze war, war mit THE FIRST POWER sicherlich gut bedient. Und irgendwie finde ich den Film in seiner ambitionslos-routinierten Art auch sehr sympathisch. Sowas gibt es heute nicht mehr: Videothekenfilme, die im Kino liefen. Oder hätten laufen können. Oder eben Kinofilme, die besser auf Video aufgehoben waren. Und die im Diskurs als gleichwertig behandelt wurden. „ANGEL HEART? Also ich fand PENTAGRAMM geiler. Mit dem Philips, weißte? Geiles Teil, musst du mal leihen!“

jacks-back-poster-screams-80sIn L.A. geht ein Serienmörder um, der zum 100. Geburtstag die Verbrechen Jack the Rippers exakt nachstellt. Der junge Mediziner John Wesford (James Spader) entdeckt das letzte Opfer und den möglichen Täter; einen Kollegen, der ihn im folgenden Zweikampf umbringt und den Verdacht so auf ihn lenkt. Johns Bruder Richard (James Spader) glaubt nicht an die Schuld seines Bruders und begibt sich mit dessen Kollegin Chris (Cynthia Gibb) selbst auf die Suche – oder ist er der Täter?

Rowdy ROAD HOUSE Herrington hat einen interessanten kleinen Thriller gedreht, der nicht durch vordergründige Gimmicks besticht, sondern sich durch seine brüterische Atmosphäre auszeichnet. JACK’S BACK ist trotz seiner latent marktschreierischen Prämisse ein erstaunlich bodenständiger und zurückhaltender Film geworden: Lediglich die Exposition, führt den Zuschauer mit einigen Twists auf die falsche Fährte, danach bewegt sich der Thriller dann sehr geradlinig. Wer das ganz große Hexenwerk erwartet, ist hier sicherlich eher an der falschen Adresse, aber mir haben die unaufgeregte Art und der Ernst, mit dem das alles umgesetzt ist, sehr zugesagt. James Spader, den ich in den letzten Wochen häufiger gesehen habe und der mir dabei fast immer gut gefallen hat, überzeugt hier als stiller, schwer einordenbarer Einzelgänger, dessen inneren Abgründe und Gefühlsregungen man eher erahnen kann, als dass sie akribisch ausformuliert würden. Die Ungewissheit über die Identität des Killers erwächst dann auch gar nicht so sehr aus irgendwelchen geschickt konstruierten Drehbucheinfälen, sondern vor allem aus dem Spiel des Hauptdarstellers, aus dem man lange nicht so recht schlau wird. Richtig super fand ich die Szene, in der er sich in die Wohnung seines toten Bruders schleicht, zu dem er keine besonders enge Beziehung hatte, sichtbar versucht, einen Eindruck von dieser ihm fremd gewordenen Person zu erlangen und dann deutlich versteinert, als er vor ihrem Bett steht, in dessen Kopfkissen man noch den Abdruck von der vergangenen Nacht sieht.

JACK’S BACK hat eine Qualität, die ich nur schwer benennen kann, eine, die auf keine konkreten äußeren Aspekte zurückzuführen ist. Aus der Verbindung einzelner Bestandteile – der Doppelrolle Spaders als sozusagen „halbtotes“ Bruderpaar, die dazu führt, dass auch der „Tote“ immer noch anwesend ist, der Ruhe der Inszenierung, der Verlagerung der eigentlichen Mordserie in einen dem Film zeitlich vorgelagerten Raum, dem weitestgehenden Verzicht auf Action- oder überhaupt laute Szenen und der Konzentration auf die Nachtstunden – erwächst etwas Metaphysisches, Geisterhaftes. Mehr als von einem Serienmörder, einer Mordserie oder der Suche nach einem Killer handelt JACK’S BACK von der Leere die bleibt, wenn jemand für immer geht, eine Leere, die paradoxerweise gerade dadurch spürbar wird, dass da immer noch ein Rest übrig ist, Erinnerungen, Gedanken oder gar die körperliche Ähnlichkeit. Der Zuschauer wird durch Herringtons Besetzungscoup in die Rolle Richards gedrängt: Er vermisst den toten Bruder, der in der Gestalt Spaders doch in jeder Szene anwesend ist.