I PIRATI DELLA MALESIA ist Lenzis zweiter und letzter Sandokan-Film sowie der dritte Beitrag der ais SANDOKAN, LA TIGRE DI MOMPRACEM, SANDOK, IL MACISTE DELLA GIUNGLA und I TRE SERGENTI DEL BENGALA bestehenden Indien-Tetralogie. Das Drehbuch stammt von Ugo Liberatore und man entdeckt viele Gesichter aus den anderen Filmen wieder, unter anderem Andrea Bosic, Nazzareno Zamperla, Mimmo Palmara und Leo Anchóriz, sowie natürlich manch doppelt verwertete Szene. I PIRATI DELLA MALESIA ist sozusagen das gespuckte Ebenbild der anderen drei Titel und das bedeutet zum einen, dass hier wieder sauber gefertigtes, kompetent gemachtes, farbenfrohes Abenteuerkino vermeldet werden kann, das diesmal an Originalschauplätzen in Singapur entstand. Zum anderen sind aber auch leichte Ermüdungserscheinungen nicht von der Hand zu weisen. Gut möglich, dass mir I PIRATI DELLA MALESIA zu einem anderen Zeitpunkt besser gefallen hätte, so hat mich das inhaltlich mittlerweile sattsam bekannte Spiel aber doch etwas ermüdet.

Der tapfere Sandokan (Steve Reeves) muss diesmal wieder einen gutmütigen Sultan befreien, der vom bösen Briten Lord Brook (Leo Anchóriz) gefangen gehalten wird. Dazu schleicht sich Sandokan als Schiffbrüchiger bei Brook ein, wird aber bald enttarnt. Es folgt das übliche Spiel aus Gefangenschaften und Fluchten, Scharmützeln und Befreiungsktionen, bevor die Rebellen um Sandokan am Ende ihren Triumph gegen die bösen Besatzer feiern dürfen.

Die Briten um Lord Brook sind hier besonders verabscheuungswürdig, begraben arme Teufel bei lebendigem Leibe, um „Kugeln zu sparen“, oder werfen sie Krokodilen zum Fraß vor, ansonsten unterscheidet sich IL PIRATI DELLA MALESIA nur marginal von seinem Vorgänger. Das macht ihn, wie oben erwähnt, nicht unbedingt schlechter, aber die Freude über solch buntes Entertainment ist dann doch etwas abgekühlt. Ein paar Überraschungen oder wenigstens ein etwas anderer Handlungsverlauf hätten dem Film nicht geschadet. So bin ich, gebeutelt von schwüler Hitze, das ein oder andere Mal weggedöst und war dann am Ende froh, es geschafft zu haben und mich einer anderen Thematik zuwenden zu können. Wer nicht vorhat, die Indien-Lenzis an einem Stück zu schauen, macht hier aber nichts falsch.

Der dritte Teil von Umberto Lenzis Indien-Tetralogie hört auf den putzigen Titel SANDOK, IL MACISTE DELLA GIUNGLA oder in Deutschland IM TEMPEL DES WEISSEN ELEFANTEN, was zweifellos weniger originell, aber dennoch passender ist. Titelheld „Sandok, der Maciste des Dschungels“ ist zwar ziemlich muskulös und kräftig, aber eigentlich gar nicht die Hauptfigur. Bei dieser handelt es sich um Lieutenant Dick Ramsey (Sean Flynn), der von seinem Vorgesetzten auf frischer Tat dabei ertappt wird, wie er seinen Tresor ausräumen will. Aus dem Kittchen gelingt ihm aber die Flucht und er schlägt sich in den Urwald, wo er auf Prinzessin Dhara (Marie Versini in Blackface) und eben ihren getreuen Diener Sandok (Mimmo Palmara) trifft.  Die beiden sind auf der Suche nach dem Bruder der Prinzessin, der vom geheimnisvollen Kult um einen gewissen Brahmu entführt und in ihren unterirdischen Tempel verschleppt wurde. Was die beiden nicht wissen: Den sucht Ramsey auch, denn sowohl Kamerad Reginald Milliner (Giacomo Rossi Stuart) als auch die holde Cynthia Montague (Alessandra Panaro) sind dem Kult in die Hände gefallen …

Nach I TRE SERGENTI DEL BENGALA und SANDOKAN, LA TIGRE DI MOMPRACEM endeckt man viele Schauplätze und Szenen auch in SANDOK wieder. Elefanten, Tiger, Schlangenbeschwörer, Fort Victoria: Umberto Lenzi wusste schon zu diesem frühen Zeitpunkt seiner Regiekarriere, wie man den Produzenten Geld sparte und wie man aus dem Material von drei Filmen vier machte. Aber das klingt jetzt deutlich negativer als es SANDOK verdient hat, denn wie die beiden anderen Titeln macht der einfach großen Spaß, profitiert außerdem gegenüber Lenzis SANDOKAN-Epos davon, dass er 20 Minuten kürzer ist. Der Tempel der Kultisten sowie deren verschwörerisches Geraune um den maskierten Brahmu muss Junggebliebenen einfach das Herz aufgehen lassen: Neben dem weißen Elefanten (der schon etwas hospitalistisch herumwankt) gibt es hier finstere Gänge und Verliese, stimmungsvolle Fackelbeleuchtung und Statuen sowie natürlich die pittoresken Folter- und Mordmethoden, die im Inventar eines solchen Films nicht fehlen dürfen. Rossi-Stuarts Reginald wird der Wasserfolter unterzogen, ein armer Teufel mit flüssigem Gold übergossen und Held Ramsey muss sich gegen einen glatzköpfigen Hünen behaupten: und zwar auf einer schmalen Brücke über einer Leopardengrube (in der aber, wenn man es genau nimmt, zwei Geparden hausen).

Prinzessin Dharma kommt natürlich die Aufgabe zu, dem Protagonisten mit Stolz, Edelmut, Anmut und Schönheit den Kopf zu verdrehen, während die arme Cynthia vom bösen Brahmu unter Drogen gesetzt und so in seine Gewalt gebracht wurde. Sie faselt bis zum Tod ihres Peinigers nur wirres Zeug. Sandok beweist sich am Schluss, wenn er Ketten zerreißt und Gitterstäbe verbiegt. Natürlich gelingt die Flucht aus dem Tempel in allerletzter Sekunde, kurz bevor er zusammenstürzt – ausgelöst durch ein kleines Feuerchen, das die Schar der Protagonisten als Ablenkungsmanöver gelegt hat. Hauptdarsteller Sean Flynn, ein gutaussehender Sonnyboy, der auch die für diese Rolle nötige Hochnäsigkeit mitbringt, hatte Stoffe wie diesen im Blut: Er ist der Sohn des großen Errol Flynn und agierte in den Sechzigerjahren neben seiner Tätigkeit als Journalist in europäischen Rip-offs der Erfolge seines Papas, wie z. B. Tulio Demichelis‘ EL HIJO DEL CAPITÁN BLOOD oder Mario Caianos IL SEGNO DI ZORRO sowie einigen Italowestern und Eurospy-Vehikeln. Sein Ende ist tragisch: Während seiner Arbeit als Kriegsreporter in Vietnam und Kambodscha wurde er, gerade 30-jährig, gemeinsam mit einem Kollegen entführt und vermutlich hingerichtet. Seine Spur verliert sich am 6. April 1970, der deshalb auch als sein Todesdatum gilt, obwohl Flynn erst 1984, nachdem zahllose Versuche, ihn aufzuspüren, gescheitert waren, für tot erklärt.

Nach dieser furchtbar traurigen Geschichte habe ich fast ein schlechtes Gewissen, über SANDOK, IL MACISTE DELLA GIUNGLA sagen zu müssen, dass er einfach Spaß macht, kurzweilig, bunt und angenehm unprätentiös ist. Eine richtige Räuberpistole eben, wie sie schon seit Jahrzehnten nicht mehr gemacht werden. Ich finde, das ist ein respektables Vermächtnis.

1963/64 weilte Umberto Lenzi auf Sri Lanka, wo er neben I TRE SERGENTI DEL BENGALA auch noch diesen hier sowie die gleichfalls farbenfrohen SANDOK, IL MACISTE DELLA GIUNGLA und das SANDOKAN-Sequel I PIRATI DELLA MALESIA inszenierte. Diverses Bildmaterial verwendete er dann auch mehrfach. SANDOKAN, LA TIGRE DI MOMPRACEM nimmt sich der Robin-Hood-Geschichte um den gleichnamigen fiktionalen malaysischen Piraten an, den sich der italienische Schriftsteller Emilio Salgari im späten 19. Jahrhundert ausgedacht hatte und in seinen Romanen gegen die britischen Kolonialherren in den Freiheitskampf ziehen ließ. Die Figur war bereits in den Vierzigerjahren (mindestens) zweimal im italienischen Kino verewigt worden, Lenzis Adaption stellt, glaubt man Wikipedia, die dritte Verfilmung des Stoffes dar. Große Bekanntheit erlangte der Pirat allerdings erst gute zehn Jahre später, als er der Held einer aufwändig produzierten, von Sergio Sollima inszenierten Mini-Fernsehserie war.

Von dieser unterscheidet sich Lenzis Film inhaltlich nicht allzu sehr: Sandokan ist der tapfere, feurige Rebell, der durch die Anwesenheit der fiesen Briten in die Piraterie getrieben wurde und nun mit seinen Männern einen aussichtslosen Widerstandskampf schlägt. An seiner Seite steht der Belgier Yanez (Andrea Bosic), der der Leidenschaft der Piraten europäischen Intellekt und strategisches Talent zufügt. Auch eine Frau darf an der Seite des mit Steve Reeves markig besetzten Helden nicht fehlen: Es handelt sich pikanterweise um Mary Ann (Geneviéve Grad), die Tochter von Lord Guillonk (Leo Anchoriz), der nichts unversucht lässt, um Sandokan zur Strecke zu bringen. Nach unzähligen Abenteuern mit Verrätern, wilden Tieren, Kopfjägern und heimtückischen Hinterhalten kommt es zur ausufernden Schlacht in Fort Victoria, wo Sandokan und Yanez auf ihre Hinrichtung warten …

Großes, prächtiges Abenteuerkino der naiven Art: Wie schon zuvor bei den SERGENTI gibt es auch hier keine erzählerischen Überraschungen. Die einzelnen Episoden gehören zu den Standards des Abenteuerkinos und die Freude an der Betrachtung resultiert weniger aus dem Was als vielmehr aus dem Wie. Lenzis Film dürfte zwar deutlich preisgünstiger gewesen sein als die durchschnittliche US-Produktion, aber er kann mit diesen gut mithalten. SANDOKAN geizt nicht mit Schauwerten, allen voran natürlich HERCULES-Darsteller Steve Reeves, der seine prachtvolle Physis in die Waagschale werfen kann und nebenbei einen makellos rasierten Bart trägt. In einer Sequenz, in der Sandokan mit seinen Männern von primitiven Kopfjägern überfallen wird, muss man mit den mageren Statisten regelrecht Mitleid haben, wie sie da von dem Hünen arglos durch die Lüft geschleudert werden und nach mehreren Überschlägen zu Boden krachen wie morsches Holz (wer genau hinschaut, entdeckt den ein oder anderen Kaukasier im Ganzkörper-Blackface). Die Kämpfe sind eh eine Schau: Kein Vergleich mit den perfekt durchchoreografierten Actionballetten von heute, aber man muss den Enthusiasmus der Mitwirkenden bewundern. Wie sich da Hunderte von Statisten blind den Helden enntgegenwerfen, mit hochgeworfenen Armen ins Gras beißen, wie die kopflosen Hühner in der Gegend herumrennen und -ballern, das hat schon was. Der Body Count ist immens und die Gewaltdebatten aus den Achtzigern, in denen einem genau vorgerechnet wurde, wie viele Menschen in ROBOCOP oder RAMBO III angeblich ihr Leben aushauchten, wirken geradezu ahistorisch: In den Abenteuerfilmen vorvergangener Jahrzehnte war ein Menschenleben definitiv noch weniger wert, da wurden die Statisten in ganzen Heerscharen als dekoratives Kanonenfutter ins Bild gejagt, nur um nach ihrem Leinwandtod gleich noch einmal verheizt zu werden.

Ich finde das sehr rührend – erstaunlich, wie sich die Verhältnisse innerhalb nur weniger Jahrzehnte so verändert haben. Undenkbar, dass ein Film wie SANDOKAN heute entstünde. Der #Aufschrei wäre vorprogrammiert und das ja auch nicht ganz zu Unrecht. Trotzdem haben diese bunten Epen von einst etwas, was sie vor einer Politisierung immunisiert: Schon rein bildlich erweisen sie sich nicht einer wie auch immer gearteten historischen Realität verpflichtet, sondern entspringen der Fiktion von Groschenromanen und abgegriffenen Schmökern, einer Welt, die eigentlich nur noch aus halbverstandenen Zitaten besteht. Der Vorwurf des Rassismus gegen einen Film wie SANDOKAN zielt ins Leere, weil man eh nie den Eindruck hat, er wolle etwas über unsere Welt sagen. Hier wird der Exotismus eines Publikums bedient, das zum Großteil eben nicht die Möglichkeit hatte, in der Welt herumzureisen und dem Piraten aus Malaysia kaum weniger fern gewesen sein dürften als Marsmenschen. Mir hat SANDOKAN gut gefallen: Ideale Nachmittagsunterhaltung, die einen intellektuell überhaupt nicht fordert, aber dafür viele Attraktionen bietet. Mit 110 Minuten Laufzeit ist das gute Stück vielleicht etwas zu geduldig ausgefallen, aber das fällt nicht wirklich negativ ins Gewicht. Macht man halt zwischendurch mal ein Nickerchen und träumt von Abenteuern in Malaysia.

Die drei Angehörigen der britischen Armee in Indien, Sergeant Frankie Ross (Richard Harrison), der alkoholabhängige Arzt Burt Wallace (Ugo Sasso) und der Jungspund Sergeant John Foster (Nazzareno Zamperla), werden aufgrund anhaltender Disziplinlosigkeit zu einer Himmelfahrtsmission abkommandiert. Sie sollen der geschwächten Garnison im abgelegenen Fort Madras zu Hilfe eilen, der ein Angriff der Bandenführers Sikki Dharma (Aldo Sambrell) bevorsteht. Auf dem Weg dorthin sind viele Gefahren zu überstehen, bevor man sich eine Taktik überlegen muss, wie man der angreifenden Übermacht Herr wird …

Umberto Lenzi inszenierte diesen Abenteuerfilm in einer anderen Zeit: Helden konnten wie Frankie Ross noch totale Unsympathen sein und trotzdem die uneingeschränkte Bewunderung sowohl aller anderen Figuren wie auch des Publikums für sich verbuchen. Dasselbe galt für die Vertreter kolonialistische Mächte überhaupt, deren ethische Überlegenheit gegenüber einheimischen Halsabschneidern und primitiven Fanatikern stets unhinterfragt blieb. Eine schnittige Uniform wirkte wahre Wunder. I TRE SERGENTI DEL BENGALA kann mit dem Monumental- und Abenteuerkino amerikanischer Provenienz rein materiell natürlich nicht mithalten – das Indien des Films dürfte irgendwo in Spanien das Indien des Films lag wahrscheinlich in Sri Lanka, die obligatorische Elefantenstampede wurde mit Stock Footage realisiert -, aber dafür kommt er schnell zur Sache und lässt es in der zweiten Hälfte ordentlich krachen. Die zahlreichen Attraktionen sind von Lenzi genau so über den 90-Minüter verteilt, dass keine Langeweile aufkommt, es wird immer was geboten. Vor allem in der großen Actionszene am Ende, dem Überfall auf Fort Madras , wird geballert und gestorben, dass es eine wahre Freude ist. Die Squib Shots, die ein paar Jahre später in Mode kommen sollten, sucht man hier noch vergebens, allein der Enthusiasmus der Darsteller trägt das muntere Sterben. Ich fühle mich bei diesen Filmen ja unweigerlich an meine Kindheit und das Kriegsspiel auf dem nahe gelegenen Truppen-Übungsplatz erinnert, bei dem wir auch immer alles gaben, wenn uns eine imaginäre Kugel traf. Die knalligen rot-blauen Uniformen der Helden, die emotionale Klarheit des Ganzen, die Kameradschaft der drei markigen Männer, die schnarrige Schurkigkeit Sikki Dharmas: Das alles spricht die kindliche Fantasie an und ist nicht weit weg vom reinen Märchenfilm, trotz des realen politischen Hintergrunds.

Wie unschuldig (mit Vorbehalten natürlich) das alles ist, zeigt sich vor allem, wenn man beim Aufeinandertreffen der Helden mit einem Stamm von Kopfjägern an Lenzis filmische Zukunft erinnert wird. Es reicht der Begriff „Kopfjäger“ und ein paar Bilder wilder Maskentänze, um das Drohpotenzial hervorzurufen, wo die Kamera 15 Jahre später lüstern auf die blutverschmierten Münder Menschenfleisch fressender Kannibalen zoomen würde. Und wenn Burt gezwungen wird, den Häuptlingssohn zu operieren, wird der Zuschauer durch einen gnädigen Schnitt, der direkt zu den freudig ihre Befreiung aus der misslichen Lage feiernden Helden überleitet, vor den drastischen Bildern des Eingriffs verschont, über den sich die Protagonisten nun stattdessen lachend unterhalten. Wem die hier kurz angerissenen Handlungelemente verflucht bekannt vorkommen: I TRE SERGENTI DEL BENGALA ist reines Epigonenkino, aus standardisierten Versatzstücken zum Zwecke der maximalen Kurzweil zusammengestoppelt. Nix ist hier neu oder unbekannt, man weiß eigentlich immer gleich, was als nächstes kommt. Es macht nichts, weil sich Lenzi nirgends lang aufhält, immer gleich schon wieder auf dem Weg zum nächsten Set Piece ist. Das macht einfach Laune, sogar in der englischen Synchro. Zu gern würde ich I TRE SERGENTI DEL BENGALA mal auf Deutsch sehen …

 

Das gab’s noch nie: Die drei Stars der Karl-May-Reihe, Pierre Brice, Lex Barker und Stewart Granger, vereint in einem einzigen Film! Und noch dazu Karin Dor, unvergesslich als Winnetous Gspusi Ribanna in WINNETOU 2. TEIL! Das war das Versprechen des Films, seine Unique Selling Proposition, um es mal in Marketingsprech zu sagen, und die Produzenten waren anscheinend so angetan von dieser Idee, dass die Notwendigkeit, eine richtige Story um diesen Besetzungscoup herum zu stricken, ihnen offensichtlich zweitrangig erschien. So ist GERN HAB ICH DIE FRAU’N GEKILLT also ein Episodenfilm geworden, in dem die drei Stars doch wieder fein säuberlich voneinander getrennt in unterschiedlichen Segmenten agieren, die in Wien (Granger), Rio (Barker) und Rom (Brice) spielen, und also doch nicht „gemeinsam“ auftreten.

Die Rahmenhandlung dreht sich um einen vermeintlichen Mädchenmörder (Peter Vogel), der sich auf der Flucht vor der Polizei im Haus von Professer Alden (Richard Münch) versteckt und von diesem im Verlauf des Abends drei Geschichten zu hören bekommt, die fuck all mit seinem Schicksal zu tun haben, aber egal. Episode eins ist die beste des Films und lässt Granger als mondäner Privatdetektiv David Porter in einer Mordsache in Wien ermitteln – natürlich zu Zithermusik. Dieser Teil des Films ist mit Leichtigkeit sauber inszeniert mit einigen schönen, stimmungsvollen Bildern des nächtlichen Wiens und gut aufgelegten Darstellern. Neben Granger, der diese versnobten Gentlemänner im Schlaf beherrscht, gefällt vor allem Walter Giller als sein freundlicher Butler. Episode zwei fällt dann schon massiv ab und schickt Pierre Brice als Geheimagent Brice (haha!) nach Rom. Worum es geht, ist zweitrangig, die ganze Geschichte wirkt wie aus unattraktiven Resten zusammenstückelt, ein bemüht lustiger Voice-over-Kommentar sowie alberne Soundeffekte versuchen zu retten, was zu retten ist. Es misslingt. Episode drei schließlich lässt den Privatdetektiv Glenn Cassidy (Lex Barker) von Los Angeles nach Rio jetten, um ein Komplott aufzudecken. Karin Dor absolviert einen sinnlosen Cameo als Rezeptionistin in einem Hotel und Klaus Kinski macht seine Aufwartung als kleiner Gauner. Natürlich dürfen Impressionen vom Karneval nicht fehlen. Am Ende erweist sich der Mädchenmörder als Kriminalist, der den eigentlichen Killer – Professor Alden – überführt.

GERN HAB ICH DIE FRAU’N GEKILLT, benannt nach dem Stück „Gern hab ich die Frau’n geküsst“ aus der Operette „Paganini“ von Franz Lehár, ist einigermaßen kurzweilig – wie könnte es bei einem Episodenfilm auch anders sein -, aber so willkürlich und sinnfrei, dass es kracht. Weder passen die drei Geschichten zusammen – von der oben erwähnten Gemeinsamkeit ihrer Hauptdarsteller mal abgesehen – noch werden sie durch die ebenfalls bescheuerte Rahmenhandlung in irgendeiner sinnstiftenden Form zusammengeführt. Man kann hier wirklich nur mutmaßen, was wirklich für eine Idee hinter dem Film steckte bzw. warum es nicht gelang, einen die drei Episoden überspannenden Bogen zu finden. Als Drehbuchautor fungierte übrigens Rolf Olsen, neben etlichen anderen, z. B. Ernesto Gastaldi, und ich vermute, dass wir ihm die „witzigen“ Sprüche aus Episode zwei zu verdanken haben. Ein Mysterium, dieser Film, aber keins der guten Art.

So lustig die einstigen Erzeugnisse der deutschen Titelschmiede auch immer wieder sind, für Freunde des unterschlagenen und missachteten Films sind sie häufig ein Ärgernis, weil sie das hinter ihnen steckende Werk oft genug diskreditieren. Manchmal allerdings treffen sie voll ins Schwarze und übertrumpfen noch den Originaltitel. Gianfranco Baldanellos räudiger Eurospy-Film etwa hörte in Italien auf den Namen IL RAGGIO INFERNALE, was nicht nur so viel wie, sondern ziemlich genau „Der Höllenstrahl“ bedeutet. Was vielleicht ein origineller Titel für einen satanischen Natursektporno gewesen wäre, mutet in diesem Kontext doch mehr als nur ein wenig einfallslos und generisch an. Da musste mehr gehen! Und so verheißt die Schöpfung der deutschen Verleiher in berückend karger, aber dennoch poetischer Diktion MIKE MORRIS JAGT AGENTEN IN DIE HÖLLE und bringt den infantil-asozialen Charme des Films damit auf den Punkt. „Mike Morris jagt Agenten in die Hölle“: Es ist nur zu gut vorstellbar, dass die Titelfigur von IL RAGGIO INFERNALE diesen Satz in schöner Regelmäßigkeit von den fiesen Bullys auf dem Pausenhof der Agentenschule an den Kopf geworfen bekam, kurz bevor sie ihm das von der Mama mit Liebe geschmierte Wurstbrot entrissen und in den Sand warfen. Sie quälten ihn so lang damit, bis er sich zur Rache in sein Zimmer zurückzog, büffelte und ackerte wie ein Besessener, nächtelang auf dem Schießstand einschloss und die Geheimagentenprüfung zur großen Überraschung seiner Rivalen mit Auszeichnung absolvierte.

Leider, leider stieß dieser Superagent Mike Morris dann aber nicht auf Terence Young, um seine aufregendsten Fälle auf die Leinwand bringen zu lassen, sondern auf Gianfranco Baldanello. Der hatte gerade den Sparstrumpf seines blässlichen, schwer kurzsichtigen Sohnes ausgeraubt, um sich mit billigem Rotwein volllaufen und sich von einer arthritischen Prostituierten mit künstlicher Hüfte einen runterholen zu lassen, und war von Morris‘ Agentenstorys so begeistert, dass er das Geld spontan in die Produktion von IL RAGGIO INFERNALE investierte. Die arthritische Prostituierte, die sich über die finanzielle Zuwendung schon gefreut hatte, vertröstete er kurzerhand damit, dass er ihre schäbige Vorortwohnung als Drehort nutzte.

Das ist natürlich alles Quatsch, den ich hier vor allem deshalb niederschreibe, weil ich nach den letzten Eurospyfilmen nicht schon wieder dieselben Phrasen dreschen will, aber wenn man sich Baldanellos Film so anschaut, erscheint meine kleine Erklärung nicht mehr ganz so unplausibel. Wenn der Eurospy-Film auch in seinen preisgünstigsten Inkarnationen doch immer mit dem mondänen Pomp der oberen Zehntausend liebäugelt, seine Protagonisten ölige Weltmännischkeit aus jeder gut gebräunten Pore verströmen lässt und sie, distinguierte Edelfrauen im starken Arm, in der mit feinen Spirituosen gut bestückten ersten Klasse der Nobelairlines an die schönsten Orte der Welt schickt, dann entsendet IL RAGGIO INFERNALE seinen etwas tumben Helden in ranzige Absteigen, in denen trauriger Perserteppich-Imitate auf dem staubigen Fußboden ihrem modrigen Ende entgegenschimmeln, Frauen am Rande des Klimakteriums ihre Betonfrisuren mit Mottenkugelduft bestäuben und verzweifelte Tagelöhner im schlecht sitzenden Anzug aus dem Second-Hand-Laden weit außerhalb ihrer Komfortzone agieren, wenn sie in Unehren ergraute Todesstrahlen-Erfinder aus tristen Heizungskellern entführen. Das erste, was man vom Schauplatz Barcelona sieht, sind die Schornsteine einer rußigen Asbestfabrik, die angeblich beste Bar am Ort macht einen ziemlich wurmstichigen Eindruck.

Das make believe, das sowieso schon die wesentliche Mission des Eurospy-Films ist, weicht hier erst einem „Bittebitte“, wenn da putzige Spielzeugautos als Ersatz für the real deal vom Bordstein (= Klippe) in eine Pfütze (= Ozean) plumpsen oder in einer viel zu langen Einstellung ein Spielzeughubschrauber und ein Spielzeug-U-Boot ein trautes Stelldichein in einer Badewanne feiern, dann schließlich einem „Ach, Scheiß drauf!“. Die letzte halbe Stunde ist ein einziges wüstes Geballer und Gekloppe, jeder vorher noch latent aufrecht erhaltene Eindruck einer Welt der suaven Ritterlichkeit wird mit Verve über Bord geworfen und IL RAGGIO INFERNALE kommt ganz zu sich selbst. Das galt wohl auch für Hauptdarsteller Gordon Scott, dessen vorletzter Film das war und der hier, mit der Stimme Sean Connerys, einige tolldreiste Bonmots zum Besten geben darf.

Mal sehen, wie lange es dauert bis ich mal einen wirklich guten Eurospy-Film erwische. Dieser hier geht schon einmal in die richtige Richtung, allerdings hatte er auch die dankbare Position, nach zwei absoluten Schnarchvehikeln – OK CONNERY und MISTER DYNAMIT – in meinem Heimkino zu starten. Wer den damals gerade 34-jährigen Regisseur Umberto Lenzi kennt, der weiß, dass er eher der Typ für das handfeste Kinohandwerk ist. Sein zweiter Eurospy-Film nach dem im selben Jahr gedrehten A 008 OPERAZIONE STERMINIO ist dann, wenn auch vielleicht nicht gerade als ruppig, so doch als bodenständig zu bezeichnen. Große Reden schwingenden Superschurken mit Weltbeherrschungsfantasien und Science-Fiction-Stützpunkten sucht man hier ebenso vergebens wie fintenreiche Wunderwaffen oder Killer mit Stahlgebiss. Stattdessen begibt sich Secret-Service-Mann Martin Stevens (Roger Browne), genannt Superseven, auf die Spur einer verschwundenen Kamera, deren Zoomobjektiv aus einem brandneuen Metall gefertigt wurde, dass „hundertmal radioaktiver“ ist als Uran, aber für den Menschen völlig ungefährlich. Die Suche nach der Kamera führt ihn erst nach Kairo und dann nach Locarno, begleitet wird er dabei von der schönen Denise (Fabienne Dali), die er ziemlich dreits aufreißt und die ihm dann nicht mehr von der Seite weicht. Die nicht minder attraktive Faddja (Rosalba Neri) kreuzt seinen Weg ebenfalls mehrfach und auch der Schurke Ales (Massimo Serato) ist selten weit entfernt. Es gibt die üblichen Scharaden, Mordanschläge auf mögliche Hinweisgeber, Verwechslungen und Fallen, die Superseven immer mit einem smarten Lächeln überwindet.

SUPERSEVEN CHIAMA CAIRO wird selten wirklich spektakulär, vermeidet aber allzu große Blödheiten ebenso wie Langeweile. Es ist immer irgendwas los und manchmal bleibt dann auch was hängen. Sehr putzig fand ich etwa Supersevens Einfall, eine ihm untergejubelte Drogentote als Puppe für eine Museumsausstellung zu tarnen. Die bei ihm eintreffenden Kriminalbeamten tun ihm den Gefallen, den frappierenden Unterschied zwischen zwei Schaufensterpuppen und der deutlich echter aussehenden Toten nicht zu bemerken. Und später gibt es eine niedliche Szene auf einem Campingplatz, auf dem sich die erwachsenen Camper offensichtlich mit einer ziemlich ausufernden Version des Spiels „Schweinchen in der Mitte“ amüsieren. Auffällig ist, dass SUPERSEVEN CHIAMA CAIRO relativ bescheiden daherkommt. Der Eurospy-Film neigt ja eher zu einem gewissen Posertum und sein Charme rührt oft daher, dass Anspruch und Wahrheit ziemlich weit auseinanderklaffen. Lenzi vermeidet hingegen alle sich üblicherweise darbietenden Fettnäpfchen: Sein Film ist von daher selten wirklich bemerkenswert, aber auch wieder ganz clever, seine Limitierungen kommen nicht „billig“ daher, sondern verleihen dem Film so eine Art milden Realismus. Vom Übermenschentum eines James Bond ist Superseven weit entfernt. Er steigt auch schon mal in einem bescheidenen Hotel an der Landstraße ab, wo Urlauber auf der schmalen Terrasse einen Ramazotti unterm Sinalco-Schirm genießen, während der Feierabendverkehr nur wenige Meter entfernt die Straße entlangrollt. Das hat was.