Der eine Versuch eines massentauglichen Kannibalenfilms. Hier sieht man, wo die Wurzeln eines der berüchtigten Genres überhaupt lagen: im Abenteuerfilm. LA MONTAGNA DEL DIO CANNIBALE hat dann auch alle Zutaten, die zünftiger Eskapismus braucht, von den kernigen Typen Stacy Keach und Claudio Cassinelli über den fiesen, feigen Schmierlappen Antonio Marsina hin zur schönen damsel in distress Ursula Andress. Da geht es in khakifarbener Camel-Trophy-Kleidung, die dumpf glotzenden eingeborenen Wasserträger im Schlepptau, macheteschwingend hinein in die grüne Hölle, wo jeder Schritt der letzte sein kann. Von jedem Baum hängt eine tödliche Falle, wenn man mal hinfällt, stürzen sich größenwahnsinnige Taranteln auf einen, am Wegesrand spielt sich die spektakuläre Show des Fressens und Gefressen-Werdens ab, Darwin zum Anfassen. Abends am Lagerfeuer bei Hottentottens gibt es Rotzschnaps, während bebastrockte Mädels den weißen Massa zum Beischlaf ins Tipi locken, oder wie das bei denen heißt. Alles könnte so schön sein, wären da nicht das Geraune von einem finsteren Fluch und die wachsende Gewissheit, dass der verschollene Forscher, den man sucht, längst tot ist.

Sergio Martino konnte im Gegensatz zu seinen Kollegen aus dem Vollen schöpfen und ein illustres Casting um sich scharen. Gedreht wurde im schönen Sri Lanka und der Score von Guido und Fabrizio de Angelis beschwört wirkungsvoll Exotismus und fremde, wundersame Welten herauf. Das gedrehte Material gefiel Umberto Lenzi augenscheinlich so gut, dass er sich einem Kannibalen gleich daran bediente und etwa die Szene mit der Schlangensuppe seinem MANGIATI VIVI! einverleibte. Sind dessen etwas später entstandene Kannibalenschocker oberschundig und billig, gaukelt LA MONTAGNA DEL DIO CANNIBALE großes Kino vor und ist dabei halbwegs erfolgreich. Allerdings geht dem Film irgendwann die Puste aus. Es ist eben nur so lang aufregend, Menschen im Wald zuzusehen und die animalischen Gefahren können noch so effektheischerisch eingefangen werden, letztlich ist das alles eine großes Lachnummer, die mit ernstem Gesicht vorgetragen wird. Wenn es endlich an den Fleischtrog geht, ist LA MONTAGNA DEL DIO CANNIBALE schon fast vorbei und ich kann nicht gerade behaupten, dass ich dem Ausgang entgegengefiebert habe. Eine Szene mit einer schleimigen Leiche, die den Kannibalen als Fettstift dient, ist hübsch eklig, aber sonst bleibt nicht viel hängen. Richtig sympathisch ist eigentlich nur Stacy Keachs Abenteurer Edward Foster, und das Drehbuch erlaubt sich den unverständlichen Luxus, den Mann ohne Not einen Berg hinunterplumpsen zu lassen. Der eigentlich verlässliche Claudio Cassinelli bemüht sich danach verzweifelt, ähnlich cool zu sein, aber er kann nicht verhindern, dass das Finale verpufft.

Ich sympathisiere mit dem Film, gerade weil er auf großes Entertainment macht, aber auch nur Unfug im Kopf hat, und vielleicht resultieren meine Ermüdungserscheinungen auch nur daher, dass drei Kannibalenfilme hintereinander einfach zu viel des Guten sind. Ich hatte LA MONTAGNA DEL DIO CANNIBALE einfach als besser in Erinnerung. Aber ich war damals ja auch noch jung.

Advertisements

Sechs lange Jahre mussten wir auf die Fortsetzung zu UNDISPUTED 3: REDEMPTION warten. Eine elend lange Zeit, in der sich das damals noch florierende DTV-Actionkino stark verändert hat. Das Ende von Blockbuster Video und der Aufstieg von Streamingdiensten wie Netflix oder Amazon Prime Video haben dem klassischen DTV-Film den Gar aus gemacht. Konnten sich Freunde des Actionfilm eine Zeit lang über regelmäßige, tolle Veröffentlichungen freuen, darunter solche Masterpieces wie UNIVERSAL SOLDIER: REGENERATION oder UNIVERSAL SOLDIER: DAY OF RECKONING, war auf einmal Schicht im Schacht. Einer der Haupt-Leidtragenden neben dem Fan selbst: Isaac Florentine, der in den 2000er-Jahren zu einem der wichtigsten Action-Auteurs avancierte und anscheinend nichts falsch machen konnte, im Jahrestakt tolle Filme herausbrachte. Zuletzt war damit Feierabend und für BOYKA: UNDISPUTED IV, die heißersehnte Fortsetzung der Reihe um den russischen MMA-Fighter Juri Boyka, wurde dann sogar überraschenderweise ein anderer Regisseur verpflichtet. Würde auch diese Reihe den Weg in die Belanglosigkeit antreten?

Ich freue mich, diese Befürchtung zerstreuen zu können, auch wenn der neueste Teil nicht ganz an die beiden Vorgänger heranreicht. An Todor Chapkanov hat es nicht gelegen: Wie ich aus vertrauenswürdiger, gut informierter Quelle weiß, ist BOYKA: UNDISPUTED IV Florentines Film durch und durch – und das sieht man. (Der vermeintliche „Wechsel“ auf dem Regiestuhl hatte eher buchhalterische Gründe). Wem der immer noch nicht ganz überwundene Brauch, Actionszenen via Schnitt und Wackelkamera zu „authentifizieren“ und zu dynamisieren – was für ein Blödsinn – auf die Nerven geht, der darf frohlocken: Die Fights in BOYKA: UNDISPUTED IV sind wunderbar übersichtlich, in langen Totalen aufgelöst, in der die Artistik und Power der verschiedenen Kämpfer perfekt zum Ausdruck kommen. Dann und wann wird die Geschwindigkeit für besonders spektakuläre Sprünge und Combos heruntergefahren, nur um sofort wieder hochgepitcht zu werden – ein Florentine-typischer Kniff, der nichts von seiner Wirkung eingebüßt hat. Und blutig ist das alles: Hier gibt es kein CGI-Blut, es wird, dem dreckigen Sujet entsprechend, rotes Kunstblut in der Gegend rumgerotzt, dass es nur so spritzt.

Die Story ist einfach, greift den quasireligiösen Erlösungsaspekt, dem auch die beiden vorigen Teile schon verpflichtet waren, erneut auf und begleitet den Protagonisten auf seiner Reise, die ihn zwar immer wieder in die Scheiße führt, ihn aber zumindest spirituell zum Märtyrer reifen lässt. Auf dem Weg zum ersehnten Profikampf muss er nur noch einen Gegner besiegen. Das gelingt ihm zu gut: Das große Ziel vor Augen, schlägt er deinen Konkurrenten tot. Vor dem Turnier, auf das er seit Jahren hinarbeitet, reist er zurück nach Russland, um Alma (Teodora Duhovnikova), die Witwe des Toten, um Vergebung zu bitten. Doch natürlich kommt es anders: Alma, die ein Jugendheim leitet, wird vom fiesen Gangsterboss Zourab (Alon Aboutboul) in dessen schmierigem Etablissement eingesetzt, um ihren Schulden abzuarbeiten – natürlich hofft das Ekelpaket insgeheim darauf, sie auf seine Bettstatt zerren zu können. Boyka verpflichtet sich, in Zourabs Arena anzutreten und Alma so freizukaufen. Wird ihm das gelingen? Und zwar rechtzeitig, um seine große Chance wahrnehmen zu können?

Man ahnt schon früh, dass es damit nichts wird: Dieser Boyka ist nicht für schnöden sportlichen Erfolg gemacht, sondern dazu verdammt, immer wieder durch die Hölle zu gehen, um am Ende einen lediglich moralischen Triumph feiern zu können. Dürfen wir uns als nächstes auf einen weiteren Knastfight-Film freuen? Das Ende legt das sehr nahe, auch wenn es vielleicht an der Zeit scheint, diesen Boyka in den Ruhestand zu schicken. Adkins, der sonst zwar immer sehr sympathisch, aber auch etwas blass agiert, blüht als russischer Kampfkoloss merklich auf, aber seine Figur bietet nicht gerade endlose Möglichkeiten, sie weiterzuentwickeln. Inhaltlich ist das neueste Sequel ein bisschen trister als der bunte, comichafte Vorgänger: Die immergleichen, reichlich eindimensionalen Ostblock-Kotzbrocken geben sich die Klinke in die Hand und machen BOYKA: UNDISPUTED IV zu einer Übung in runterziehendem Misanthropismus. Es fehlt ein bisschen der Lichtstrahl im Dunkel, Farbe, vielleicht auch etwas Witz. Der mit Bane-artigem Maulkorb ausgestattete, hünenhafte Endgegner hätte sich in diese Richtung entwickeln lassen, aber auch der wird lediglich als humorloser Kraftprotz inszeniert. Es regieren Schmerzen, Leid, Schuld, Sühne, russische Akzente und Knasttattoos.

Ich will nicht meckern: BOYKA: UNDISPUTED IV ist eine würdige Fortsetzung, die niemandem, der die bisherigen Teile mochte, ernsthaft missfallen dürfte. Florentine beweist erneut, was er kann und warum der Actionfilm ihn dringend braucht. Aber nach dieser langen Pause hätten ruhig ein wenig mehr Kreativität und Herzblut ins Drehbuch fließen dürfen. Andererseits: Wie viel wäre davon überhaupt im fertigen Film gelandet? Das Budget zu BOYKA: UNDISPUTED IV war dem Vernehmen nach geradezu lachhaft gering und erlaubte – auch im preiswerten Bulgarien – keine großen Sprünge. Vielleicht sollten wir alle einfach dankbar dafür sein, dass es diesen Film überhaupt gibt, anstatt nach dem Haar in der Suppe zu suchen.

 

Was ich eben anlässlich von MANGIATI VIVI! geschrieben habe, nämlich dass ich viele Filme, die mich vor 20 Jahren noch tierisch geschockt haben, heute nicht mehr viehisch brutal, sondern eher  belustigend finde, zeigt sich auch in CANNIBAL FEROX. Der war zwar schon damals keine ernsthafte Konkurrenz für Deodatos unerreichten CANNIBAL HOLOCAUST, aber dass er die goods deliverte hätte ich ihm nicht in Abrede stellen wollen. Für mich lag der damals splattertechnisch auf einer Höhe mit den Zombiefilmen Fulcis, mit dem Unterschied, dass er sujetbedingt noch eine Ecke geschmackloser und damit auch irgendwie ekliger und schmuziger war. Bei der gestrigen Sichtung habe ich ihn in erster Linie als putzige Lachnummer wahrgenommen, die zwar deutlich schockierender ist als der Vorläufer MANGIATI VIVI!, aber mit dem Abstand der Jahre doch erheblich an damaligem shock value verloren hat – dass er sich inhaltlich auch noch deutlich an Deodatos Meisterwerk orientiert, macht seine Misslingen nur noch deutlicher.

Los geht es mal wieder in New York, wo kein Geringerer als Dominic Raacke als eben aus der Klinik entlassener Junkie durch die Straßenschluchten taumelt und dann von dem blonden Carlo-Tränhardt-Lookalike Perry Pirkanen, der ja auch schon bei Deodatos CANNIBAL HOLOCAUST mitgewirkt hatte, erschossen wird. Irgendwie geht es um Drogen und einen verschwundenen Gauner, der dann wenig später am Amazonas auftaucht: Es handelt sich um Mike (John Morghen), bis unter die Haarspitzen zugekokst und mit dem verletzten Kumpel Joe (Walter Lucchini) unterm Arm. Die drei Protagonisten Rudy (Danilo Mattei), Gloria (Lorraine De Selle) und Pat (Zora Kerova), die an den Amazonas gereist sind, um zu beweisen, dass es keine Kannibalen gibt, freuen sich zwar, statt madenfressender Urwaldmenschen mal wieder einen Weißen zu Gesicht zu bekommen, aber da ahnen sie auch noch nicht, dass Mike im Drogenrausch den Zorn eben eines Stammes von Menschenfressern auf sich gezogen hat. Wie bei Deodato hat sich Mike den „Primitiven“ gegenüber benommen wie die Axt im Wald, aber nicht, um spektakuläres Filmmaterial mit nach Hause zu bringen, sondern lediglich für schnöden Reichtum. Irgendwann schlagen die Gebeutelten zurück, schnippeln ihm den Piepmatz ab und zeigen der geilen, aber dummen Pat, wie sich der Begriff „Hängetitten“ etymologisch erklären lässt.

CANNIBAL FEROX genießt beinahe legendären Status, ist mit Beschlagnahmungen in angeblich 31 Ländern der „gewalttätigste Film aller Zeiten“, und fungierte unter anderem auch als Einfluss für einen gewissen Herrn Zombie, der das Debütalbum seiner Kapelle White Zombie nach dem internationalen Verleihtitel MAKE THEM DIE SLOWLY taufte, und wird immer genannt, wenn es um die Geschmacksentgleisungen des Schmuddelkinos europäischer Provenienz geht. Diesen Ruf hat er nicht ganz zu Unrecht, denn was hier für ein beträchtlicher Aufwand betrieben wurde, nur um Zora Kerova Haken durch die Brüste zu ziehen und sie daran aufzuhängen, ist schon erstaunlich. On location in New York und am Amazonas gedreht, ist CANNIBAL FEROX ein einziger Mummenschanz und Lenzi geht out of his way, um seinem Publikum das Essen aus dem Gesicht fallen zu lassen. Da werden, wie gesagt, fette Maden gefressen, Tiere abgeschlachtet, Eingeweide und Augäpfel rausgerissen, mit Lust und blutverschmierter Schnute auf Gekröse rumgekaut. Die Message hinter dem ganzen Quatsch ist wieder einmal die, dass der Zivilisationsmensch ein viel größeres Schwein ist als der eigentlich brave Kannibale, der doch nur in Ruhe im Schlamm sitzen möchte. John Morghen ist als freidrehender Vollarsch idealbesetzt und wie immer eine Schau, ob er sich nun mit irrem Blick eine Prise kolumbianisches Nasenpuder reinzieht, seine Eroberung Pat zur Vergewaltigung eines Eingeborenenmädchens überredet oder einem armen Tropf ein Auge auspiekst.

DIE RACHE DER KANNIBALEN wurde Anfang der Achtziger in Deutschland aus dem Verkehr gezogen, ein Schicksal, das auch allen späteren Videoveröffentlichungen und selbst ausländischen Releases zuteil wurde. Ein reichlich lächerlicher Zustand, denn Lenzis Film ist so durchsichtig und stulle, dass man eigentlich niemanden davor schützen muss. Schon gar nicht heute, fast 40 Jahre nachdem Lenzis Schlachtplatte die deutschen Bahnhofskinos und die dort Unterschlupf suchenden Pennbrüder beglückte. Ich finde ihn heute wie gesagt eher putzig als schockierend und als Schlussstrich unter das Kannibalengenre, das er auf jene feisten Geschmacklosigkeiten reduziert, aus denen es immer schon bestanden hat, ziemlich perfekt. Wie immer man das auch letztlich bewerten mag.

 

 

Von den „klassischen“ Kannibalenfilmen fand ich MANGIATI VIVI! immer am enttäuschendsten. Nicht zuletzt der endlos geile deutsche Titel LEBENDIG GEFRESSEN, eigentlich ja nur eine sehr korrekte Übersetzung des Originaltitels, aber eben um einiges härter, animalischer, atavistischer und sensationalistischer klingend, hat in mir immer Erwartungen geweckt, die er dann nie so recht zu erfüllen vermochte. Das hat sich leider auch nach über 20 Jahren nicht geändert, auch wenn ich nach Lenzis Tod vor knapp vier Wochen gern zu einer anderen Ereknntnis gekommen wäre. Sein Reißer, mit dem er nach einigen fulminanten Poliziotteschi in den Siebzigern sein nicht mehr ganz so ruhmreiches Spätwerk einleitete, ist ein heute vergleichsweise zahm anmutender Kannibalen-/Abenteuerfilm, der aus seiner reizvollen Story nicht wirklich viel zu machen weiß.

Nach einigen rätselhaften Morden in New York – die Opfer werden von einem dunkelhäutigen Mann mithilfe von Giftpfeilen getötet – begibt sich die junge Amerikanerin Sheila (Janet Agren) ins Amazonas-Gebiet, um dort ihre Schwester Diana (Paola Senatore) wiederzufinden. Sie soll sich der Purifikationssekte von Jonas Melvin (Ivan Rassimov) angeschlossen haben, der auch die Mordopfer angehört haben. Mit dem Abenteurer Mark (Robert Kerman) reist sie in den Urwald, wo sie von Kannibalen attackiert, aber von Jonas‘ Leuten gerettet werden. Der führt ein hartes Regiment gegen seine Jünger: Wer gegen die Regeln verstößt, wird verbannt, was bedeutet, als Mittagessen der Kannibalen zu enden …

Die Geschichte um die Sekte ist unschwer erkennbar an den damals noch recht aktuellen Fall des Guyana-Massakers angelehnt, bei dem der Sektenführer Jim Jones die Angehörigen des Peoples Temple in den Massenselbstmord trieb, und dann mit Motiven des damals massiv erfolgreichen Kannibalenfilm-Genres angereichert, das Lenzi selbst acht Jahre zuvor mit seinem IL PAESE DEL SESSO SELVAGGIO aus der Taufe gehoben hatte. Es hatte danach ein paar Jahre gedauert, bis sich Deodato an ein Sequel begab: Sein ULTIMO MONDO CANNIBALE war der eigentliche Startschuss für einen wenige Jahre anhaltenden Boom, an dem Lenzi dann auch wieder partizipieren wollte. Sein Film beinhaltet alles, was das Genre auszeichnet: Die Kulisse des idealtypisch für die Zivilisation und den „Grußstadtdschungel“ stehenden Manhattans als Ausgangspunkt für eine von Tiersnuff, Splattereffekten, „primitiven“ Ritualen, softem Sex und sexualisierter Gewalt gesäumten Weg in die sprichwörtliche grüne Hölle, an deren Ende die Erkenntnis steht, dass der westliche Mensch nicht viel besser ist als der Wilde aus dem Wald, aber dafür wenigstens mit Messer und Gabel isst.

Es ist nicht so, dass kein Potenzial in dem Film steckte: Es ist eigentlich toll, dass sich Lenzi nicht auf seine Kannibalengeschichte verlässt, sondern die Gekrösemampfereien eher in der Peripherie stattfinden lässt, nur leider wird die Purifikationssekte nie wirklich so lebendig, dass sie das Interesse, das er ihr widmet, rechtfertigen würde. Das Problem: Neben Jonas und ein paar Schergen bleiben die Sektenhuber reine Staffage, keiner von ihnen hat auch nur einen erkennbaren Charakterzug, von einer Persönlichkeit ganz zu schweigen. Warum sie Jonas anbeten und sich dazu an diesen gottverlassenen Ort begeben haben, warum sie ihm bereitwillig in den Tod folgen, bleibt völlig unklar, und demnach verpufft auch der Massenselbstmord am Ende ziemlich wirkungslos. OK, MANGIATI VIVI! ist nicht unbedingt der Film, an dem ich mit der Erwartung feinsinniger Charakterzeichnung herantrete, aber Gematsche wird eben auch nicht viel geboten. Viele der alten Reißer, deren Effekte mich damals noch massiv beeindruckt und geschockt haben, kommen heute eher zahm und albern daher, aber MANGIATI VIVI! hat besonders viele Federn gelassen. Der Schluss, wenn die arme Diana und eine andere Frau den Menschenfressern zu Opfer fallen und ihre gut sichtbar unter Sandhaufen verborgenen Unterarme und -schenkel abgetrennte Gliedmaßen simulieren, während die Kannibalen an Gummiextremitäten nagen, schlägt auf der Schäbigkeitsskala ziemlich hoch aus. Dass MANGIATI VIVI! im Jahre des Herrn 2002 beschlagnahmt wurde, ist geradezu rührend. Jede moderne Geisterbahn ist furchteinflößender als Lenzis Film.

Deshalb spare ich es mir auch, hier über Rassismus zu sprechen, was natürlich mehr als angebracht wäre. Oder über Sexismus: Tatsächlich muss ich zugeben, dass ich die Szene, in der die schöne blonde Sheila über eine Fressorgie stolpert und von Chauviebolzen Mark per furztrockenem Kinnhaken vor dem Anblick erlöst wird, der ihr zartes Frauenseelchen todsicher nachhaltig zerrüttet hätte, sehr lustig fand. Er geizt eh nicht mit erzieherisch eingesetzten Maulschellen für das Weibchen, wohl wissend, dass es genau das ist, was die Frauen wollen. Irgendwann kann sie dann auch nicht mehr anders, als ob des drohenden Todes vor ihm auf die Bettstatt zu sinken. Wenigstens einmal noch bumsen, bevor man von Kannibalen gefressen, einem Sektenfuzzi ermordert oder amoklaufenden Krokodilen gefressen wird, das wär’s doch! Meine Lieblingsszene im ganzen Film ist aber jene, in der sich ein Kroko todesmutig per Kopfsprung auf einen nichts Böses ahnenden Eingeborenen stürzt und ihn ins Wasser zerrt. Was für ein Aggressionspotenzial! Wäre MANGIATI VIVI! durchgehend mit solchem Kokolores angefüllt, würde er mir deutlich besser munden.

Ein Taxifahrer vergewaltigt seine weiblichen Fahrgäste und filmt sie dabei. Um seiner Lust nachzugehen, wird er immer einfallsreicher: So baut er eine Düse in sein Fahrzeug ein, aus der ein Betäubungsgas ausströmt, das seine Opfer lahmlegt, während er sich durch Tragen einer Gasmaske schützt. Eines seiner Opfer ist eine Ehefrau, die nach dem Erlebnis einen Rape-Fetisch entwickelt, der die Beziehung zu ihrem Mann gefährdet, und ihre Schwester auf dumme Gedanken bringt …

Satôs Frühwerk – laut IMDb-Filmografie sein dritter Spielfilm, wobei ich vorsichtig wäre, das für die ultimative Wahrheit zu halten – ist stakr sexlastig und handlungsarm. Wie in einem „typischen“ Porno werden hier mehrere Sex- und Vergealtigungsszenen aneinandergereiht und nur von kurzen Dialog- und Handlungspassagen unterbrochen. Dennoch erkennt man den Regisseur schnell wieder: HITOZUMA KOREKUTÂ – internationaler Verleihtitel ist WIFE COLLECTOR – ist dunkel, kalt, ungemütlich, hoffnungslos, apokalyptisch. Warum es um die Menschen so mies bestellt ist, wird dabei nie so ganz klar. Warum sind sie nicht in der Lage, liebevolle, erfüllende Beziehungen zueinander zu unterhalten. Männer sind entweder Waschlappen, reißende Bestien, heimtückische Manipulatoren oder auf dem Weg dahin, eines von beiden zu werden, Frauen frustriert, unbefriedigt und neurotisch.

Auch wenn Satô sich nicht wirklich für die Hintergründe dieser Dispositionen interessiert, dass das Leben in der Megacity Tokio von Gleichgültigkeit und Egoismus geprägt ist, kommt in seinen Bildern immer wieder zum Ausdruck: Da fallen Männer gleich in Scharen über hilflose Frauen her, wird die mit versteckter Kamera gefilmte Vergewaltigung am Rand einer stark befahrenen Schnellstraße maximal mit einem faulen Hupen quittiert. Am Schluss, wenn der vergewaltigende Taxifahrer sein totes Opfer durch die Fußgängerzone schleppt, muss man angesichts der ratlos um ihn herumtorkelnden Menschen fast an den Zombiefilm denken. Der Serienvergewaltiger kommt da im Vergleich gar nicht mehr so schlecht weg, er hat wenigstens irgendeine Leidenschaft. Am Ende fährt er in die Tiefe der nächtlichen Stadt, verschwindet in den Lichtern. Er wird weitermachen und niemand wird ihn aufhalten.

Eine junge Frau, eine Kunstschmiedin, wandert über ein marode und rostig aussehendes Hafengelände und steigt schließlich in ein kleines Boot. Ein Mann in einem schwarzen Motorradanzug, dessen Gesicht durch den schwarzen Helm verdeckt bleibt, steigt zu ihr, überwältigt sie und beginnt sie mit dem Griff seines Messers zu vergewaltigen. Erinnerungen an einen Safe steigen in ihr hoch und das Bild einer schwarz behandschuhten Hand, die in ihn hineingreift. Ist das nur ein Albtraum oder ist das alles tatsächlich passiert? Wer ist die schwarz vermummte Gestalt?

Begeisternd an diesem frühen Film von Satô (er war damals gerade 31 Jahre alt) war für mich vor allem die oben geschilderte Albtraumsequenz, die (wahrscheinlich durch Aussparung von Einzelbildern) einen überwältigenden, verstörenden und irgendwie unmittelbaren Charakter erhält. Untermalt wird sie von metallisch-perkussiven, gleichzeitig aber auch sanften Klängen, die ihre irreale Anmutung noch verstärken. Diese traumgleiche Stimmung zieht sich durch den ganzen Film, der sich danach den Versuchen seiner weiblichen Hauptfigur widmet, mit den immer wiederkehrenden Bildern und Erinnerungsfetzen klarzukommen. Sie sucht eine Klinik auf, in der man sich zur Meditation in mit Flüssigkeit gefüllte Tanks legt. Auch hier wird sie vergewaltigt. Ihre Ängste agiert sie schließlich aus, indem sie in der U-Bahn schwarze Lederjacken zerschneidet.

BOKO CLIMAX! ist wie alle Filme von Satô, die ich bislang gesehen habe, gleichermaßen konkret-materialistisch wie amorph und geisterhaft. Man versteht irgendwie instinktiv, was da vorgeht, ohne es in Worte überführen zu können – ich kann es jedenfalls nicht. Am Ende bleibt alles rätselhaft, wie das Leben. Satôs Charaktere sind im Fluss, sie verschwimmen miteinander, sind weniger psychologische Einheiten als vielmehr wandelnde Repräsentanten unterdrückter Gefühlszustände. Sie leiden unter vergangenen Erlebnissen meist sexueller Natur, die auch ihre Körper unterwerfen. Traumata nehmen physische Gestalt an: Hier liegt wohl auch die immer wieder strapazierte Gemeinsamkeit zum Body Horror Cronenbergs. Wie die Filme des Kanadiers sind auch Satos Werke kalt, unfreundlich, von einer tief in sich eingekapselten Traurigkeit durchzogen, in der sich die Orientierungslosigkeit in bizarren Perversionen Ausdruck verschafft. BOKO CLIMAX! ist aber auch immer wieder sehr schön und weich, nicht zuletzt weil Wasser eine wichtige Rolle spielt. Visuell hat er mir von den bislang gesehenen Werken am besten gefallen: Der Kontrast zwischen der geschilderten Härte und Kälte und der traumartigen Sanftheit ist einfach sehr reizvoll. Letztlich handeln seine Filme von der Möglichkeit der Liebe in der kapitalistischen Apokalypse. Und dann sind da immer wieder diese Szenen, die Satô mit der „versteckten Kamera“ inmitten der geschäftigen Massen auf den Straßen Tokios dreht: Hier ersticht seine Protagonistin im Vorbeigehen einen Mann in schwarzem Lederanzug. Er sinkt tot zu Boden, bleibt reglos auf einem Zebrastreifen liegen. Und keiner hält an, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen.

Ein 160 Minuten langes, unabhängig produziertes dialoglastiges Schwarzweiß-Kammerspiel aus dem Jahr 1975? Ganz klar, da hat ein Künstler sein Lebenswerk in Szene gesetzt, einen lang gehegten Traum in Bilder gegossen. Wahrscheinlich eine werkgetreue Literaturverfilmung, ein autobiografisch angehauchter Film über die Erfahrungen der Eltern während des Dritten Reichs vielleicht? Irgendetwas Tiefsinniges auf jeden Fall, etwas Kompliziertes, das den Regisseur an den Rand des Nervenzusammenbruchs und in die Verschuldung trieb, ein Werk der Selbstaufopferung für die Schönheit der Kunst. Nun ja, nicht ganz. Oder doch? THUNDERCRACK! ist ein Hardcore-Porno und wollte man so etwas wie ein zentrales Thema herausarbeiten, dann wären das wahrscheinlich Einsamkeit und die daraus resultierende sexuelle Perversion, die dann in der Liebe eines Mannes zu einem Gorilla namens „Medusa“ kulminiert.

Während eines gewaltigen, nächtlichen Sturms versammeln sich sechs Personen im Haus der Witwe Mrs. Gert Hammond (Marion Eaton) mitten in der Einöde von Nebraska. Den Tod des Mannes hat sie nie verwunden, ist darüber dem Alkohol verfallen. Ihre sexuelle Frustration agiert sie mit ihrer Lust für Salatgurken aus, Selbstmordgedanken schütteln sie. Die Personen, die bei ihr um Unterschlupf betteln, sind Willene Cassidy (Maggie Pyle), Ehefrau eines berühmten Countrysängers, die dominante Roo (Moira Benson) und ihr Sklave Sash (Melinda McDowell), die auch den Anhalter Toydy (Rick Johnson) im Schlepptau haben, Chandler Wilson (Phillip Heffernan), Witwer der schwerreichen Sarah Lou Phillips, deren Feuertod eine sexuelle Dysfunktion bei ihm auslöste, Bond (Ken Scudder), der eine Liebesbeziehung mit Sash beginnt, und schließlich der Zirkusangestellte Bing (George Kuchar), der eine unglückliche Liebesbeziehung zu besagtem Gorilla unterhält.

Nachdem diese Getriebenen bei der Hammond eingetroffen sind, betreten sie nacheinander ein unbenutztes Schlafzimmer voller Sexspielzeuge und pornografischer Gemälde, um sich „frisch“ zu machen: Während sie sich mit den verschiedenen Spielzeugen amüsieren, werden sie von Mrs. Hammond beobachtet, die wiederum mit einer Gurke masturbiert (die später wieder in der Gemüseschale landet). Zurück im Wohnzimmer und später am Esstisch entspinnt sich eine Art Gesprächs-Gruppentherapie, bei der alle ihre Geschichten erzählen und sich dann in unterschiedlichen Paarungen erneut zurückziehen, um Sex zu haben. Am ärmsten dran ist Bing, der von der lüsternen Medusa vergewaltigt wurde und seitdem von der Ehe mit dem Affen träumt. Die anderen überzeugen ihn schließlich davon, das Tier zu heiraten. Glücklich sinkt er, ein Hochzeitskleid tragend, am Schluss mit Medusa in die Kissen, und äußert den Wunsch einen Supermenschen, halb Mensch halb Tier, mit ihr zu zeugen …

Es muss nach diesem Versuch einer Inhaltsangabe nicht zusätzlich erwähnt werden, dass THUNDERCRACK! eine äußerst bizarre und absolut einzigartige Wundertüte geworden ist. Es fällt mir einfach nichts Vergleichbares ein, auch die Filme des manchmal herangezogenen John Waters sind doch irgendwie ganz anders. Hinter der seltsamen Mischung aus Porno, Drama, Psychogramm, Mystery, Kunst- und Präriefilm steckt der Undergroundfilmer George Kuchar, der das Drehbuch schrieb und in der Rolle des Sodomisten Bing (sowie im Affenkostüm) zu sehen ist. Neben der wahnwitzigen Story ist es auch die formale Gestaltung, die zum Mysterium von THUNDERCRACK! beiträgt. In seinem ausblutenden Schwarzweiß und mit seinen melodramatischen Dialogen sowie dem Verzicht auf klassische Establishing Shots – die eine Außenansicht des Hammond-Hauses ist eine Zeichnung – lässt er sich nur schwerlich einer Periode zuordnen. Am ehesten sind es die Frisuren der männlichen Darsteller – allesamt langhaarig und mit prächtigen Schnauzbärten ausgestattet -, die die Einordnung ermöglichen, ansonsten könnte THUNDERCRACK! auch aus den Dreißiger-, Vierziger- oder Fünfzigerjahren stammen.

Ebenfalls erstaunlich: Trotz der im Director’s Cut beachtlichen Länge (die normale Fassung ist aber auch „nur“ 20 bis 30 Minuten kürzer) ist THUNDERCRACK! extrem kurzweilig. Ob es die irgendwie putzigen Sexszenen sind, die gleichermaßen elaborierten wie hirnerweichenden Dialoge, das ständige Hin und Her der Protagonisten oder aber die schlicht spektakulär komischen Einfälle (die Gurke!), es wird einfach immer was geboten. Die Zeit vergeht wie im Flug und wenn man bis zum Ende durchhält – was eher traditionalistisch eingestellten Menschen trotz des großen Unterhaltungswertes wahrscheinlich schwerfallen dürfte -, wird man mit einem der originellsten, rätselhaftesten, witzigsten und einzigartigsten Filme überhaupt belohnt. Ich kann aufgeschlossenen Filmfreunden nur empfehlen wenigstens einmal den Versuch zu unternehmen. THUNDERCRACK! ist einfach toll!