Archiv für Februar, 2008

stranger on the run (don siegel, usa 1967)

Veröffentlicht: Februar 27, 2008 in Film
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Meine DVD-Rezension zu diesem raren Fernsehwestern des Meisterregisseurs findet sich auf F-LM, und zwar hier.

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interlude (Douglas sirk, USA 1957)

Veröffentlicht: Februar 27, 2008 in Film
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Die Amerikanerin Helen Banning (June Allyson) reist nach auf der Suche nach neuen Erfahrungen nach München und tritt dort eine Stelle im Amerika-Haus an. In dieser Tätigkeit trifft sie auf den berühmten deutsch-italienischen Dirigenten Tonio Fischer (Rossano Brazzi). Nach anfänglichen Schwierigkeiten bahnt sich schnell eine Romanze zwischen den beiden an. Doch dann erfährt Helen, dass Tonio mit der schwer kranken Reni (Marianne Koch) verheiratet ist …

2096671010a1.jpgMan möchte meinen, Douglas Sirk habe sich mit INTERLUDE, seinem viertletzten amerikanischen Film, schon mit seiner Rückkehr nach Europa beschäftigt. In wunderschönstem Technicolor schwelgt er in barock anmutenden Aufnahmen Münchener und Salzburger Sehenswürdigkeiten und errichtet den majestätischen Alpen geradezu ein filmisches Denkmal. Mit diesem Pomp appelliert Sirk nicht nur an den Exotismus amerikanischer Kinogänger, INTERLUDE steht damit auch in krassem Kontrast zu den zwar nicht minder erlesen fotografierten, jedoch deutlich aufgeräumter und klarer anmutenden ALL I DESIRE und THERE’S ALWAYS TOMORROW. Dies lässt sich auch auf die Inhaltsebene übertragen: Während Sirk das melodramatische Element in den beiden genannten Filmen heftig mit einer regelrecht nüchtern artikulierten und deshalb umso frappierender wirkenden Gesellschaftskritik kollidieren ließ und so eine äußerst realistische Bestandsaufnahme des Phänomens „Liebe und Partnerschaft“ im 20. Jahrhundert ablieferte, tritt diese soziale Komponente in INTERLUDE zugunsten des zwar ungehemmten aber auch unschuldigen Herzschmerzes zurück. Hatte Sirk zuvor geradezu subversive Melodramen gemacht, ist die Tragik von INTERLUDE nun eine rein affirmative. Das bedeutet aber nicht, dass Sirks Blick für gesellschaftliche Missstände gänzlich abhanden gekommen wäre: Für den weltgewandten Tonio Fischer ist es etwa völlig selbstverständlich, Helen rabiat zum Essenmachen in die Küche abzuschieben. Sein großzügiges Versprechen, sich gleichzeitig um die Befeuerung des Kamins kümmern zu wollen, entpuppt sich indes als leer: Es reicht, ein brennendes Streichholz hineinzuwerfen. Und auch die Ehe von Tonio und Reni, die für den Dirigenten beinahe einer Gefangenschaft gleicht, aber letztlich mit Rücksicht auf den Status Quo nicht aufgelöst werden kann, ist ein Hinweis darauf, dass gesellschaftliche Konventionen und Institutionen nicht immer im Dienste des Menschen stehen. Insgesamt werden diese Themen in INTERLUDE aber weitaus weniger stringent und überzeugend entwickelt. So bleibt am Ende ein zwar nur mittelmäßiger Sirk-Film, doch auch ein solcher legt sich noch wie Balsam auf geschundene Sinnesorgane. INTERLUDE ist eine absolute Augen- und Ohrenweide und ein Film, bei dem man hemmungslos dahinschmachten kann. Kuriosum am Rande: INTERLUDE heißt auf deutsch zwar inhaltlich äußerst unpassend DER LETZTE AKKORD, sollte aber keinesfalls mit Sirks SCHLUSSAKKORD von 1936 verwechselt werden.

le ami de mon amie (Eric Rohmer, Frankreich 1987)

Veröffentlicht: Februar 27, 2008 in Film
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In einer modernen Trabantenstadt vor den Toren von Paris begegnen sich die junge Beamtin Blanche (Emmanuelle Chaulet) und die Studentin Lea (Sophie Renoir). Beide freunden sich an. Die selbstsichere Lea, mit dem gutaussehenden Fabien (Eric Viellard) zusammen, kümmert sich sofort um das Liebesglück der schüchternen Blanche. Der erfolgreiche Alexandre (François-Eric Gendron) ist ihrer Meinung nach genau der Richtige. Doch dann nähern sich Blanche und Fabien in Abwesenheit Leas einander an …

ami-de-mon-amie.jpgMit LE AMI DE MON AMIE findet Rohmers sechsteilige Reihe COMÉDIES ET PROVERBES ihren mehr als versöhnlichen Abschluss. Nach all den fehlgeschlagenen Beziehungskonzepten und unglücklich verlaufenden Liebschaften ist es doch sehr erfreulich am Ende dieses Films gleich zwei Liebespaare in eine hoffentlich glückliche Zukunft entlassen zu können. Hervorstechendstes Merkmal von Rohmers Inszenierung ist die Betonung der Architektur. Der Film spielt in einer luxuriösen Wohnanlage, in der Moderne und Renaissance einander die Hand reichen und die von weitläufigen Freizeitanlagen gesäumt ist. So gibt es auch wieder die für Rohmer typischen kontemplativen Ausflüge in die Natur. Neben der Architektur sticht eine recht geschickte Anordnung farbiger Akzente ins Auge: Man achte etwa auf die Platzierung der Accessoires in Blanches Büro oder die letzte Szene, in der die vier Protagonisten entweder Grün oder Blau tragen und so noch einmal das Bäumchen-Wechsel-Dich-Spielchen des vorangegangenen Films pointieren. LE AMI DE MON AMIE ist vielleicht der zugänglichste und leichteste Film der Reihe und gut für einen Einstieg ins Werk Rohmers geeignet, der mich wirklich sehr begeistert hat. Wie ich schon im Eintrag zu LES NUITS DE LA PLEINE LUNE versucht habe zu erklären, stellt dessen Inszenierungsstil eine echte Herausforderung für den Zuschauer dar: Die breiten Dialoge lenken oft vom Bild ab und suggerieren, hier fände eben nur Theater auf der Leinwand statt. Erst nach einiger Eingewöhnungszeit fallen einem dann die vielen Feinheiten der Regie auf; eine besonders große Rolle spielen etwa die Settings und das Dekor. Der erste Eindruck ist sicher der eines besonders „nackten“ Stils – und das ist in gewisser Hinsicht auch richtig, etwa, was die Verwendung von Musik angeht; das Format von 1,33:1 spielt da auch mit hinein (nur PAULINE À LA PLAGE ist nicht in diesem „Fernsehformat“ gedreht). Dennoch passiert in Rohmers Filmen sehr viel mehr als man zunächst annimmt, was ihren nicht unerheblichen Reiz ausmacht. Für mich war das definitiv nicht die letzte Begegnung mit diesem Filmemacher, der – im Gegensatz zu vielen anderen Regisseuren, die man voreilig mit diesem Label versieht – tatsächlich einen absolut einzigartigen Stil kultiviert hat.

le rayon vert (Eric Rohmer, Frankreich 1986)

Veröffentlicht: Februar 27, 2008 in Film
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Kurz vor dem gemeinsamen Urlaub erhält Delphine (Marie Rivière) den Laufpass von ihrem Freund. Sie ist geschockt und versucht nun, ihren Sommerurlaub allein zu organisieren. Doch egal, wohin sie auch geht, überall wird sie nur an ihre Einsamkeit erinnert …

af_137.jpgLE RAYON VERT ist Marie Rivières Film: Kaum eine Szene kommt ohne die Schauspielerin aus, Rohmer folgt ihr von Paris nach Cherbourg, in die Alpen und schließlich nach Biarritz, bevor es zu einem Happy End in St. Jean de Luz kommt. Nach den doch eher realistisch-ernüchternden Geschichten der vier Filme zuvor ist LE RAYON VERT ein Film über die Hoffnung, auch wenn es lange nicht so aussieht. Delphine droht in ihrer Trauer und ihren Selbstzweifeln zu ersticken, auch wenn ihr doch der Weg zum Glück in Form der Farbe Grün gewiesen wird (das hatte ihr eine Wahrsagerin prophezeit). Am Ziel angekommen sieht Delphine dann auch den titelgebenden „grünen Strahl“ bzw. das „grüne Leuchten“, wie es im deutschen Titel heißt. Dabei handelt es sich um ein Phänomen, das sich im letzten Moment des Sonnenuntergangs ereignet und das den, der es sieht, in die Lage versetzt, das eigene Wesen und das anderer in völliger Klarheit vor sich zu sehen. LE RAYON VERT ist aber nicht nur hoffnungsvoll, er ist auch ein Film über die Einsamkeit unter Menschen: Egal, wo sich Delphine auch aufhält, sie ist immer am falschen Ort. Der Versuch, Kontakte zu knüpfen, bringt ihre Isolation umso stärker ans Licht. Es gibt eine famose Szene, in der man förmlich sehen kann, wie Delphine graduell immer mehr in sich zusammensackt, während sich die Menschen um sie herum amüsieren. Dass Delphine ausgerechnet am Bahnhof, von wo aus sie eigentlich abreisen möchte, jemanden trifft, bei dem sie sich wohl fühlt, bestätigt zum einen die Phrase, dass das Glück immer unerwartet zuschlägt, zum anderen korrespondiert dies mit einigen anderen Rohmer-Filmen: Züge und Busse sind gute Orte, um Menschen zu treffen. Aus der Reihe COMÉDIES ET PROVERBES hat mir LE RAYON VERT mit am besten gefallen, was neben der sommerlichen Melancholie des Films ausdrücklich auf biografische Details zurückzuführen ist: Wer einmal aus heiterem Himmel verlassen wurde, kann sich mit Delphine absolut identifizieren: Rohmer und Rivière treffen das Gefühl aus Einsamkeit, Scham und Selbshass, das einen dann beschleicht, wirklich perfekt. Und dass ich schon mal in Biarritz war und diesen Ort sehr in mein Herz geschlossen habe, hat sicherlich auch geholfen. Ein schöner, sehr entspannter und meditativer Film mit einem wunderbaren Ende.

Les nuits de la pleine lune (Eric Rohmer, Frankreich 1984)

Veröffentlicht: Februar 27, 2008 in Film
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Die Innenausstatterin Louise (Pascale Ogier) lebt mit ihrem Partner Remi (Tchéky Karyo) in der Pariser Vorstadt. Dem Leben in der abgeschiedenen Zweisamkeit entflieht sie gern in die Metropole, um dort mit Freunden auszugehen und zu tanzen. Remi ist von diesem Freiheitsdrang eh schon wenig angetan, doch als Louise sich eine Zweitwohnung in Paris einrichtet, kühlt sich das Verhältnis zwischen beiden merklich ab. Doch Louise glaubt immer noch, die Distanz sei gut für ihre Beziehung …

af_134.jpgNach dem sonnigen PAULINE À LA PLAGE ist LES NUITS DE LA PLEINE LUNE nun ein echter Nachtfilm, der von künstlicher Beleuchtung sowie von Schwarz und Grautönen in Verbindung mit einigen sparsamen Farbtupfern dominiert wird und eine interessante Struktur aufweist. LES NUITS spielt an vier Abenden bzw. Nächten, die jeweils einen Monat auseinander liegen und an denen der Zuschauer den Verlauf von Louises selbst gewähltem Strohwitwendasein verfolgen kann. Die Handlung springt dabei immer zwischen der gemeinsamen Wohnung vor der Stadt und dem Stadtappartement hin und her, frei nach dem dem Film vorangestellten Sprichwort: „Jemand mit zwei Frauen verliert seine Seele, jemand mit zwei Häusern seinen Verstand“. Mit ihrer Flucht, mit der Louise ihre Beziehung zum besitzergreifenden Remi eigentlich retten will, erreicht sie nur das Gegenteil: Das, was für sie richtig ist, ist für Remi leider genau das Falsche. Am Ende muss sie ihre Taschen packen, das Experiment, ihre Liebe auf die Probe zu stellen, ist leider schiefgegangen. Die interessanteste Szene des Films ereignet sich ungefähr nach der Hälfte der Laufzeit und stellt den Wendepunkt des Films dar: Als Louise zusammen mit ihrem Freund Octave (Fabrice Luchini) in einem Café sitzt, glaubt sie Remi gesehen zu haben, während Octave wiederum steif und fest behauptet, Camille, eine Freundin Louises, erkannt zu haben. Sofort spekulieren beide über ein Verhältnis der beiden. Rohmer filmt diese Szene jedoch, ohne dass Remi oder Camille zu sehen wären, ja, man sieht überhaupt niemanden außer eben Louise und Octave, die von ihrer Sichtung nur berichten. Dies mag sowohl als Beispiel für die kleinen Rätsel und Geheimnisse fungieren, die in Rohmers Filmen immer wieder auftauchen, als auch Beleg für seine eigenwillige Kameraarbeit dienen: In Rohmers Filmen – zumindest in der Reihe COMÉDIES ET PROVERBES – gibt es weder Close-Ups von Gesichtern noch so etwas wie Subjektiven. Die Kamera verlässt nie die Rolle des unbeteiligten, distanzierten Beobachters der Protagonisten. Insgesamt hat mir LES NUITS etwas weniger gefallen als seine drei Vorgänger, was aber ein auf kosmetische Details zurückzuführendes, subjektives Urteil ist: Hauptdarstellerin Ogier ist (im Gegensatz zu anderen Rohmer-Frauen) überhaupt nicht mein Typ, das Entstehungsjahr spiegelt sich unangenehm in den wirklich fiesen Klamotten wider und der Frankopop, der während der drei Tanzszenen gespielt wird, hat mir gelinde gesagt die Falten aus dem Sack gezogen. Von den sechs Filmen der Reihe ist LES NUITS äußerlich am stärksten in seiner Zeit verhaftet. Das ändert aber nix daran, dass auch dieser Film ausgesprochen sehenswert und gut dazu geeignet ist, seine Beobachtungsgabe zu schulen. Wieviel inszenatorischer und gestalterischer Wille hier am Werk ist, droht einem nämlich zunächst zu entgehen, wenn man gewohnt ist, alles auf dem Silbertablett serviert zu bekommen.

Die attraktive Marion (die attraktive Arielle Dombasle) steht kurz vor ihrer Scheidung und verbringt ihren Sommerurlaub mit ihrer 14-jährigen Cousine Pauline (Amanda Langlet) in einem Haus am Strand. Dort begegnet sie sowohl einem alten Freund, dem unsterblich in sie verliebten Romantiker Pierre (Pascale Greggory), als auch dem Ethnologen Henri (Féodor Atkine), einem rücksichtslosen Hedonisten, in den sie sich sogleich verliebt. Pauline findet indes einen gleichaltrigen Partner in dem sympathischen Sylvain (Simon de La Brosse). Während Pierre verzweifelt versucht, Marion zu erobern, steigt Henri mit einer Süßigkeitenverkäuferin ins Bett. Als Pierre diese in Henris Haus sieht, versucht er die Nummer Sylvain in die Schuhe zu schieben …

af_129.jpgNach dem kühlen LA FEMME DE L’AVIATEUR und dem herbstlichen LE BEAU MARIAGE ist Rohmer mit PAULINE À LA PLAGE im Sommer angekommen. Sein Film strahlt in hellen Farben, ist durch und durch lichtdurchflutet und von einer sehr entspannten Stimmung geprägt. Thematisch ist der Schritt von MARIAGE zu PLAGE nicht allzu groß: In beiden werden verschiedene Liebes- und Partnerschaftskonzepte diskutiert. Vier konkurrierende Ansichten treffen aufeinander: Henri will keine Partnerschaft, weil er sie als Hindernis versteht – die Liebe kommt und geht, warum sich also festlegen? Marion hingegen sucht eine Liebe, die so stark ist, dass sie fast verbrennt; sie glaubt an die in der Hitze des Gefechts getroffene Entscheidung aus Leidenschaft – und riskiert gern, dass diese sich sich später als Fehlentscheidung entpuppen kann. Für den romantisch veranlagten Pierre hingegen ist Liebe nur in der Zeit zu denken: Lieben kann er nur eine Person, mit der er sich auch ein gemeinsames Leben vorstellen kann – und droht über dieses Anspruchsdenken zum Solipsist zu werden. Paulines Ansichten sind hingegen noch nicht durch gute oder schlechte Erfahrungen vorgeprägt, sie geht unvorbelastet durchs Leben und will sich überraschen lassen, ohne dabei jedoch alle Prinzipien aufzugeben. Während die Erwachsenen um sie herum bereits irgendwie verletzt und dadurch „verdorben“ wurden, repräsentiert sie ein Konzept der Reinheit. Das macht sie nicht nur zur Hauptfigur (siehe Titel), sondern auch zum „weisesten“ Charakter des Films; gleichzeitig ist sie der deutlichste Hinweis auf den Dichtungscharakter von Rohmers Film, den man sonst leichtfertig und fälschlicherwiese als „das echte Leben“ spiegelnd bezeichnen könnte. Das ist er nicht: So authentisch die Figuren auch sind, sie sind reine Kunstfiguren, Vertreter von Konzepten. Wer die beiden Vorgänger von COMEDIES ET PROVERBES gesehen hat, erkennt einige von ihnen wieder: Henri gleicht dem Anwalt Edmond aus MARIAGE, Pauline und Pierre an erinnern an Lucie bzw. François aus AVIATEUR. Nicht viel Neues also, aber das ist gar nicht so schlimm. Auch PAULINE À LA PLAGE ist wieder ein sehr schöner Film, etwas leichter als seine beiden Vorgänger, und mit einem sehr prägnanten Ende: Selbstbetrug kann eben auch ein Weg zum Glück sein.

Le beau mariage (Eric Rohmer, Frankreich 1982)

Veröffentlicht: Februar 25, 2008 in Film
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Die aus einfachen Verhältnissen stammende Kunstgeschichte-Studentin Sabine (Béatrice Romand) steckt noch mitten in einer Affäre mit dem verheirateten Künstler Simon (Féodor Atkine) als sie einen Entschluss fasst: Schluss mit dem Lotterleben, es wird geheiratet. Fest entschlossen sesshaft zu werden, braucht sie nur noch den richtigen Mann. Diesen glaubt sie wenig später auf einer Party im Haus der Eltern ihrer Freundin Clarisse (Arielle Dombasle) gefunden zu haben: Es ist der zehn Jahre ältere Anwalt Edmond (André Dussolier) …

1982_le_beau_mariage.jpgMit dem zweiten Film aus seiner Reihe COMEDIES ET PROVERBES widmet sich Rohmer einer Geschichte, die man sich gut als romantische Komödie vorstellen könnte: das naive Mädchen, das sich eine fixe Idee in den Kopf setzt und sich in den falschen Mann verliebt. In Hollywood käme natürlich irgendwann der unvermeidliche Mr. Right ins Spiel, den die Protagonistin erst nach etlichen Turbulenzen und emotionalen Verwirrungen als solchen erkennen und statt des ursprünglich Auserwählten in ihr Herz schließen würde. Bei Rohmer sieht das ganz anders aus: Man wird mit den abstrusen, aber umso entschlossener vorgetragenen Vorstellungen Sabines konfrontiert und erkennt lange vor ihr, dass ihre Bemühungen zum Scheitern verurteilt sind; nicht nur, weil sie sich den Falschen ausgeguckt hat, sondern vor allem, weil ihre Liebes- und Lebenskonzepte schlicht nicht lebbar sind. Und den Mr. Right gibt es in Rohmers Film natürlich auch nicht. In warmen Herbsttönen gefilmt, folgt LE BEAU MARIAGE viel stärker als noch LA FEMME DE L’AVIATEUR einer „konventionellen“ Storyline, die eine starke soziale Komponente enthält. Das sichtbare Unwohlsein, das der erfolgreiche Anwalt Edmond sichtbar im kleinen Reihenhäuschen von Sabines Mutter und in Sabines Mädchenzimmer empfindet, liegt nicht zuletzt in der sozialen Diskrepanz zwischen beiden begründet. Das „kleine“ Mädchen passt einfach nicht zu dem Anwalt der gehobenen Mittelschicht. Die vermeintliche Komödie verschont den Zuschauer also nicht mit durchaus unangenehmen Einsichten, zumal Rohmers Eigenart, seine Protagonisten lang und breit über ihr Seelenleben Auskunft geben zu lassen, die Naivität Sabines brutal offen legt. Eine Parallele zu dem ungleich leichteren LA FEMME DE L’AVIATEUR gibt es aber doch: Den Mann, der Sabine am Ende im Zug ein freudig-interessiertes Lächeln zuwirft, hat sie in der Eröffnungsszene im gleichen Zug ebenso übersehen wie er sie. Das Leben hält eben immer neue Überraschungen parat. Manchmal ist man nur zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um sie zu bemerken.

Der Spielzeugfabrikant Clifford Groves (Fred MacMurray) lebt in Los Angeles mit seiner Frau und seinen drei Kindern ein Leben voller Routine. Alle Versuche, aus dem Einerlei auszubrechen und die Flamme der Leidenschaft neu zu entzünden, werden von seiner Frau unterbunden und auch die Kinder nehmen ihren Vater längst als selbstverständlich hin. Eines Tages begegnet Clifford die erfolgreiche New Yorker Modedesignerin Norma Vale (Barbara Stanwyck), mit der er vor 20 Jahren nicht nur eine erfolgreiche Geschäftsbeziehung unterhielt. Zunächst ist es nur ein freudiges Wiedersehen alter Freunde, doch bald erkennen beide, dass ihnen mehr am anderen liegt …

bild-1.pngKonnte man das Ende von ALL I DESIRE – die Frau kehrt für ihre Liebe in dasselbe Umfeld zurück, dass sie einst als Ehebrecherin stigmatisiert hatte – trotz aller bitterer Untertöne noch als Happy End verstehen, bleibt am Schluss von THERE’S ALWAYS TOMORROW nur die traurige Erkenntnis, dass das Konzept vom Glück sich leider nicht immer mit dem Leben in unserer Zeit vereinbaren lässt. Soziale Zwänge lasten auf Clifford und Norma, aus denen sie nicht ausbrechen können: Familie und Karriere. Der Titel des Films hat eine ungemein bittere Note: Er suggeriert, dass man sein Leben jederzeit ändern könne, doch tatsächlich ist das nur eine Ausrede, die man sich vorhält, weil man die Wahrheit nicht ertragen kann. Clifford und Norma ergehen sich eine Weile in dem Traum, aus ihrem Leben auszubrechen, ihrem Herzen zu folgen und endlich das zu tun, wozu sie vor 20 Jahren nicht in der Lage waren. Doch es muss bei diesem Traum bleiben: Man ist eben nicht nur seines eigenen Glückes Schmied. Diese bittere Erkenntnis fasst Sirk in wunderbare Bilder voller Tristesse und leiser Tragik. Sein beliebtestes Mittel ist es wohl, seine Protagonisten durch Fenster zu beobachten, als wolle er sie in einer Bestandsaufnahme festhalten: Das ist dein Leben, schau es dir gut an. Bei Sirk führt diese Betrachtung tragischerweise zwar zur Selbsterkenntnis, aber diese kann keine Konsequenzen mehr nach sich ziehen, weil alle Wege bereits verbaut sind. Clifford und Norma bleibt am Ende nur, sich gegenseitig ihrer Liebe zu versichern, Lebewohl zu sagen, umzukehren und nicht mehr zurückzuschauen. Beide müssen sich in ihr Schicksal fügen, wie Cliffords neuer Spielzeugroboter immer weitergehen, bis die Batterie leer ist. Viel trauriger und resignativer kann ein Liebesfilm kaum enden. Mich hatte schon ALL I DESIRE schwer begeistert, THERE’S ALWAYS TOMORROW macht mich nur noch sprachlos.

La Femme de l’aviateur (Eric Rohmer, Frankreich 1981)

Veröffentlicht: Februar 25, 2008 in Film
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Der 20-jährige François (Philippe Marlaud) ist mit der fünf Jahre älteren, bindungsunwilligen Anne (Marie Rivière) liiert. Bei dieser klopft eines Morgens ihr Ex-Lover, der Pilot Christian (Matthieu Carrière) an, um ihr endgültig den Laufpass zugunsten seiner Ehefrau zu geben. François beobachtet die beiden durch Zufall beim Verlassen von Annes Wohnung und schöpft Verdacht. Als er Christian wenig später wiederbegegnet, ist dieser erneut in Begleitung einer Frau. François verfolgt die beiden und lernt bei seinem Detektivspiel die Schülerin Lucie (Anne-Laure Meury) kennen …

10008.jpgMein erster Rohmer. Das gegen den Regisseur bestehende Vorurteil, seine Filme bestünden nur aus Dialogen, ist natürlich nicht völlig zu entkräften. Wer der Meinung ist, Dialoge sollten entweder wichtige Informationen, One-Liner oder Gags transportieren oder allerhöchstens Shakespeare rezitieren, für den dürfte ein Rohmer-Film tatsächlich eine schmerzhafte Erfahrung sein. In LA FEMME DE L’AVIATEUR passiert eigentlich nichts, außer dass Menschen sich von a nach b bewegen, um sich dort mit anderen Menschen über die eigenen Befindlichkeiten zu unterhalten. Rohmers Protagonisten sind mit ihren Neurosen und Launen definitiv keine Charaktere, die sich dem Zuschauer anbiedern würden. Aber das macht sie bei aller dichterischen Gespreiztheit – so klar wie Rohmers Protagonisten kann sich wohl niemand über sich selbst äußern – auch wieder real und lebendig: Sie folgen nur ihrer eigenen Logik und nicht der eines nach Schema F verfassten Drehbuchs. LA FEMME DE L’AVIATEUR, der erste Teil der sechsteiligen Reihe COMEDIES ET PROVERBES, ist aber auch eine Liebeserklärung an Paris. Rohmer improvisierte seinen Film on the spot, ohne großes Location-Scouting oder sonstige Vorplanungen nahezu live und schuf so ein Werk, das zwar viel Konzentration und Geduld erfordert, paradoxerweise aber von einer fast magischen Leichtigkeit ist. Auf der Inhaltsebene korrespondiert dieser Aspekt mit der Müdigkeit der Hauptfigur François, der von seiner Nachtschicht kommt und während des Films gleich mehrfach einnickt. „Du erträumst dir eine Geschichte“ wirft ihm Lucie einmal als Reaktion auf seine Eifersuchtsfantasien vor und tatsächlich mutet LA FEMME DE L’AVIATEUR wie ein langer Traum an (das Motiv des Schlafs tritt auch in den kühlen Blau-, Grün- und Grautönen hervor, die den Film bestimmen). Gleichzeitig ist da aber auch eine ungeheure Unmittelbarkeit, die Rohmer durch die Arbeit auf der Straße mitten unter den Menschen und den Einsatz der Handkamera erzielt. Wo etwa ein Jeunet für seinen AMÉLIE großen Effektzauber und surreale Elemente bemühen musste, um den Zauber des Lebens in Paris auf die Leinwand zu bringen und für den Zuschauer erlebbar zu machen, gelingt dies Rohmer mit einem geradezu entblößten dokumentarischen Stil. Wie sich seine Figuren auf den verschlungensten Pfaden begegnen und aus den Augen verlieren, nur um sich dann wiederzutreffen, erscheint gerade in seiner Nüchternheit absolut märchenhaft. Ich bin mir ganz sicher, dass Richard Linklater diesen Film gesehen hat, bevor er BEFORE SUNRISE machte: Seine Julie Delpy sieht ihrem Rohmer-Pendant Lucie zum Verwechseln ähnlich.

Fido (Andrew Currie, USA 2006)

Veröffentlicht: Februar 24, 2008 in Film
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Wieder einmal ein Link: Auf F.LM – Texte zum Film gibt es einen neuen Text von mir. Anlässlich der deutschen DVD-Veröffentlichung von FIDO, einer wunderbaren dystopischen Zombiekomödie, die letztes Jahr zu den Highlights des Fantasy Filmfests zählte, habe ich eine Rezension geschrieben, die es hier zu lesen gibt. Viel Vergnügen.