La Femme de l’aviateur (Eric Rohmer, Frankreich 1981)

Veröffentlicht: Februar 25, 2008 in Film
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Der 20-jährige François (Philippe Marlaud) ist mit der fünf Jahre älteren, bindungsunwilligen Anne (Marie Rivière) liiert. Bei dieser klopft eines Morgens ihr Ex-Lover, der Pilot Christian (Matthieu Carrière) an, um ihr endgültig den Laufpass zugunsten seiner Ehefrau zu geben. François beobachtet die beiden durch Zufall beim Verlassen von Annes Wohnung und schöpft Verdacht. Als er Christian wenig später wiederbegegnet, ist dieser erneut in Begleitung einer Frau. François verfolgt die beiden und lernt bei seinem Detektivspiel die Schülerin Lucie (Anne-Laure Meury) kennen …

10008.jpgMein erster Rohmer. Das gegen den Regisseur bestehende Vorurteil, seine Filme bestünden nur aus Dialogen, ist natürlich nicht völlig zu entkräften. Wer der Meinung ist, Dialoge sollten entweder wichtige Informationen, One-Liner oder Gags transportieren oder allerhöchstens Shakespeare rezitieren, für den dürfte ein Rohmer-Film tatsächlich eine schmerzhafte Erfahrung sein. In LA FEMME DE L’AVIATEUR passiert eigentlich nichts, außer dass Menschen sich von a nach b bewegen, um sich dort mit anderen Menschen über die eigenen Befindlichkeiten zu unterhalten. Rohmers Protagonisten sind mit ihren Neurosen und Launen definitiv keine Charaktere, die sich dem Zuschauer anbiedern würden. Aber das macht sie bei aller dichterischen Gespreiztheit – so klar wie Rohmers Protagonisten kann sich wohl niemand über sich selbst äußern – auch wieder real und lebendig: Sie folgen nur ihrer eigenen Logik und nicht der eines nach Schema F verfassten Drehbuchs. LA FEMME DE L’AVIATEUR, der erste Teil der sechsteiligen Reihe COMEDIES ET PROVERBES, ist aber auch eine Liebeserklärung an Paris. Rohmer improvisierte seinen Film on the spot, ohne großes Location-Scouting oder sonstige Vorplanungen nahezu live und schuf so ein Werk, das zwar viel Konzentration und Geduld erfordert, paradoxerweise aber von einer fast magischen Leichtigkeit ist. Auf der Inhaltsebene korrespondiert dieser Aspekt mit der Müdigkeit der Hauptfigur François, der von seiner Nachtschicht kommt und während des Films gleich mehrfach einnickt. „Du erträumst dir eine Geschichte“ wirft ihm Lucie einmal als Reaktion auf seine Eifersuchtsfantasien vor und tatsächlich mutet LA FEMME DE L’AVIATEUR wie ein langer Traum an (das Motiv des Schlafs tritt auch in den kühlen Blau-, Grün- und Grautönen hervor, die den Film bestimmen). Gleichzeitig ist da aber auch eine ungeheure Unmittelbarkeit, die Rohmer durch die Arbeit auf der Straße mitten unter den Menschen und den Einsatz der Handkamera erzielt. Wo etwa ein Jeunet für seinen AMÉLIE großen Effektzauber und surreale Elemente bemühen musste, um den Zauber des Lebens in Paris auf die Leinwand zu bringen und für den Zuschauer erlebbar zu machen, gelingt dies Rohmer mit einem geradezu entblößten dokumentarischen Stil. Wie sich seine Figuren auf den verschlungensten Pfaden begegnen und aus den Augen verlieren, nur um sich dann wiederzutreffen, erscheint gerade in seiner Nüchternheit absolut märchenhaft. Ich bin mir ganz sicher, dass Richard Linklater diesen Film gesehen hat, bevor er BEFORE SUNRISE machte: Seine Julie Delpy sieht ihrem Rohmer-Pendant Lucie zum Verwechseln ähnlich.

Kommentare
  1. […] natürlich auch nicht. In warmen Herbsttönen gefilmt, folgt LE BEAU MARIAGE viel stärker als noch LA FEMME DE L’AVIATEUR einer „konventionellen“ Storyline, die eine starke soziale Komponente enthält. Das sichtbare […]

  2. […] dem kühlen LA FEMME DE L’AVIATEUR und dem herbstlichen LE BEAU MARIAGE ist Rohmer mit PAULINE À LA PLAGE im Sommer angekommen. Sein […]

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