madigan (don siegel, usa 1968)

Veröffentlicht: März 3, 2008 in Film
Schlagwörter:, ,

Kein guter Tag für die New Yorker Cops Dan Madigan (Richard Widmark) und Rocco Bonaro (Harry Guardino): Als sie dem gesuchten Verbrecher Barney Benesch (Steve Ihnat) einen Besuch abstatten, entwischt dieser ihnen nicht nur, er nimmt ihnen auch noch ihre Dienstwaffen weg. Von ihrem Vorgesetzten erhalten Madigan und Bonaro 72 Stunden Zeit, um Benesch dingfest zu machen …

51qcxhdb1fl_ss500_.jpgMit diesem Film lieferte Don Siegel in vielerlei Hinsicht die Blaupause für den modernen Copfilm, der er dann drei Jahre später mit DIRTY HARRY die dazugehörige Dekonstruktion folgen ließ, die ihrerseits wieder Blaupause wurde. In MADIGAN ist bereits alles vertreten, was zum Inventar des Genres gehört: der „Held“, der nie ganz makellos sein darf; der ruhigere Partner, der die Mätzchen seines Kollegen stets geduldig erträgt; die Polizistengattin, die sich von ihrem Mann allein gelassen fühlt; der Commissioner, der sich vom Alltag auf der Straße völlig entfernt hat und von seinem Schreibtisch aus über die Existenz seiner Männer entscheidet; der alternde Polizist, der von der Zeit langsam überholt wird. Dennoch verläuft MADIGAN alles andere als schematisch. Auffällig ist vor allem, wie wenig Siegel an einer exploitativen Ausreizung des Krimiparts interessiert ist. Mit seiner Perspektive nähert er sich einem dokumentarischen Blick auf den Polizeialltag an, begibt sich in die Nähe der police procedurals, die den langweiligen, zermürbenden Polizeialltag zeigen: Auch Madigan und Bonaro heizen weder halsbrecherisch mit ihrem Wagen durch die Straßenschluchten Manhattans, noch liefern sie sich an jeder Straßenecke eine wilde Schießerei. Ihr Job besteht aus der Befragung zwielichtiger Gestalten, deren Informationen mehr oder weniger verlässlich sind, und elender Warterei. Viel mehr als als Bewahrer der Sicherheit werden sie als eine Art bewaffnete Sozialarbeiter gezeichnet. Als Madigan und Bonaro dem falschen Hinweis eines alten Mannes folgen, konstatiert Madigan danach sachlich: „Er fühlte sich einfach einsam.“ Für Madigan ist Manhattan ein Dorf: In der Bar erhält er Freidrinks, weil er als guter Cop bekannt ist, und die er gern annimmt, weil er auf den Mann auf der Straße angewiesen ist. Die Regeln des Apparats, die solche Gefälligkeiten untersagen, mögen auf dem Papier gut klingen, in der Realität lassen sie sich kaum anwenden. Und selbst diese 72 Stunden, in denen Madigan und Bonaro unter ziemlichem Erfolgsdruck stehen, um ihren Fehler auszubügeln, können sie nicht aus ihrer an Lethargie grenzenden Routine reißen: Vor allem Madigan möchte eigentlich viel lieber ausruhen und dabei einen Whiskey nach dem anderen kippen. Warum er diesen Job ausübt, weiß er wohl selbst kaum noch.

Als Spiegelbild und Schatten Madigans steht ihm der besagte Commissioner gegenüber und mit diesem ein zweiter, parallel verlaufender Handlungsstrang. Russell hat es vom kleinen Polizisten bis an die Spitze der New Yorker Polizei geschafft, aber ein echter Polizist ist er nicht. Er weiß das und man sieht ihm an, dass der Gewinn dieser Erkenntnis für ihn nicht ohne Schmerzen vonstatten gegangen ist. Russell ist der Chef des Teams, doch er kämpft allein: Seine Untergebenen können noch so harte Hunde sein, wenn sie ihm gegenüber stehen, zittern sie – wie Madigan, dessen Umtriebigkeit Russell insgeheim bewundert. Er sitzt allein in seinem Büro, leistet repräsentative Aufgaben, steht wichtigen Bürgern der Stadt persönlich Rede und Antwort, und muss über die Karrieren seiner Leute befinden; im schlimmsten Fall über seine besten Freunde, wie etwa Charles Kane (James Whitmore), der sich bestechen ließ, um seinen Sohn aus einer prekären Situation zu boxen. Auch Russell ist ein Sozialarbeiter wie Madigan, auch er muss die Interessen der Bürger wahren und ihnen kleine Gefälligkeiten erweisen, aber er arbeitet auf einer anderen, höheren Ebene, auf der man sich die Hände höchstens noch im übertragenen Sinne schmutzig macht. Seine gehobene Stellung hat ihn vom einfachen Polizisten und seinen Aufgaben entfremdet: Die Entscheidungen, die Russell trifft, sind abstrakt, klar und einförmig wie die Akten, die seine Untergebenen ihm auf den Tisch legen. Das Wissen, dass hinter den in diesen Akten beschriebenen Korruptionsfällen und Anschuldigungen menschliche Einzelschicksale stehen, muss Russel von sich fernhalten. Auch die Erfahrung mit seinem Freund Kane, dem er sich niemals offenbart, kann für ihn nicht zu einer grundsätzlichen Revision seiner Vorgehensweise führen. Russell muss die graue Eminenz im Hintergrund bleiben, die aus der Distanz unbarmherzige Entscheidungen trifft und damit den Hass auf sich zieht, der sich jedoch nie artikuliert, weil alle Angst vor ihm haben. Wenn Madigan am Schluss nach einer Schießerei mit Benesch seinen Verletzungen erliegt, bleibt für Russell keine Zeit für Trauer. Aus seinen eisblauen Augen guckt er so ausdruckslos wie eh und je, seine Traurigkeit fühlt er schon lange nicht mehr, weil sich das Gefühl längst abgenutzt hat. Madigan ist abgehakt, es geht weiter im Text, die nächsten Termine warten schon …

Kommentare
  1. […] Siegel inszeniert diesen clash of the cultures als Komödie, die viele Elemente des Vorgängers MADIGAN aufgreift und den Boden für die in den Achtzigerjahren aus dem Boden schießenden Buddy-Komödien […]

  2. […] von zahlreichen anderen ähnlich gelagerten Filmen abhebt. Hier und da erkennt man noch Spuren von MADIGAN, von einem dem Kern des Polizistendasein nachspürenden police procedural, aber das ist letztlich […]

  3. […] wird das Genre vor allem mit den Klassikern der Sechziger- und Siebzigerjahre assoziiert: BULLITT, MADIGAN, THE FRENCH CONNECTION, SERPICO, DIRTY HARRY, um nur einige zu nennen, haben Klassikerstatus inne […]

  4. […] zu können, braucht es reichlich Spachtelmasse. Meisterwerke wie THE FRENCH CONNECTION, MADIGAN oder DIRTY HARRY liefern zwar einen Rohbau, eine Vorstellung davon, was man als […]

  5. csfilmcouch sagt:

    Ein toller Film, der mich von der 1. Minute gefesselt hat, dessen Cast und Handlung mich sehr überzeugt haben. Warum er dennoch relativ unbekannt ist weiß ich nicht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..