La femme infidèle (Claude Chabrol, Frankreich 1969)

Veröffentlicht: März 7, 2008 in Film
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9559.jpgCharles und Hélène Désvallees (Michel Bouquet und Stéphane Audran) sitzen nach dem Besuch von Hélènes Mutter, einer rüstigen Dame mit Sportwagen, nebeneinander auf der Couch. Sie wackelt nervös mit den beiden, er hat nur Augen für den Fernseher, auf dem ein langweiliger Experimentalfilm läuft, den er als „sehr witzig“ bezeichnet. Die beiden reden nur noch zu- aber längst nicht mehr miteinander. Vor allem Charles begreift seine Frau als Einrichtungsgegenstand, dessen Besitzrecht er einst erworben und mit einem luxuriösen Eigenheim in Versailles und einem klugen blonden Sohn abgegolten hat. Wenn er sich mit seiner attraktiven Gattin ins Schlafgemach zurückzieht , wird die Musik nicht zur romantischen Untermalung des Liebesspiels angeschaltet, sondern als Einschlafhilfe. Er dreht sich um, während ihre Augen in der Dunkelheit nachglimmen. Als in ihm wenig später der Verdacht wächst, sie könne ihn möglicherweise betrügen, engagiert er einen Detektiv, der ihm bald schon das Foto von einem gewissen Victor Pegala präsentiert, den seine Frau dreimal in der Woche aufsucht. Man sieht wie die Erkenntnis mit äußerster Gewalt einbricht, wie Charles einen Teil seiner männlichen Souveränität verliert. Fast ist es als habe er eine ansteckende Krankheit: „Ich denke, wir werden uns nicht mehr wiedersehen“, sagt der Detektiv und verschwindet peinlich berührt. Schnell weg, bevor etwas vom Makel Charles abfärbt.

Das Wissen über die Affäre seiner Frau führt bei Charles jedoch nicht zu einem Überdenken des eigenen Verhältnisses zu Hélène, zum Versuch einer Rückeroberung, vielmehr wird der männlich-aggressive Rachemotor angeworfen: Wenn ich meine Frau nicht glücklich machen kann, soll das auch kein anderer. Und so besucht er den Liebhaber seiner Frau. In einer Gänsehaut erzeugenden Szene voller innerer latenter Spannung stellt er sich Pegala als Mann Hélènes vor, zu der er, so Charles, eine „offene Beziehung“ führe, in der jeder ein großes Maß an Vertrauen und Freiheiten genieße und niemand dem anderen etwas verheimliche. Man weiß, dass es ihn innerlich fast zerreißt, aber mit eingefrorenem Lächeln markiert er den aufgeschlossenen Libertinär. Dann sagt er, dass er gern das Schlafzimmer sehen wolle. „Sind Sie ein Perverser?“ fragt Pegala, führt Charles aber dennoch zu dem Bett, in dem seine Frau sich das geholt hat, was sie von ihm nicht mehr bekommen hat. Es muss dieser Moment sein, der Moment, in dem er sieht, dass Hélène ihrem Liebhaber ein Geschenk von Charles vermacht hat, in dem es bei ihm „klick“ macht. Als er das Zimmer verlässt, packt ihn der Schwindel, er fühle sich nicht gut, sagt er … Wenige Sekunden später liegt Pegala tot am Boden, erschlagen mit einer Statue. In äußerster Seelenruhe verwischt Charles alle Spuren und fährt nach Hause, wo sein Sohn Geburtstag feiert. Schnell ein Whiskey, dann kehrt langsam die innere Ruhe zurück.

Das Szenario vom Anfang wiederholt sich: Charles führt sein gewohntes Leben innerlich feixend fort, während Hélène sich wieder an das alte Gefühl des Mangels gewöhnen muss. Brutale Ungerechtigkeit: dass seine Frau unglücklich ist, ist ihm egal, solange die alten Machtverhältnisse wieder hergestellt sind. Dann kommt irgendwann die Polizei.

Claude Chabrols LA FEMME INFIDÈLE ist von eisiger Kälte: Zwischen den Figuren, Charles und Hélène, aber auch zwischen diesen und ihren Freunden scheint jemand unsichtbare Wände hochgezogen zu haben. Alle lächeln freundlich, aber die Gesichtszüge sind eingefroren. Außer Hélène scheint niemand diesen Mangel an Nähe und Wärme zu spüren. Das Bürgertum ist in seinen Ritualen erstarrt, der schöne Schein indes muss aufrecht erhalten werden. Doch die auf Hochglanz polierte Fassade verbirgt anders etwa als in Chabrols Spätwerk LA FLEUR DU MAL keine menschlichen Abgründe, hinter ihr lauert nur noch gähnende Leere. Schwere Klaviermusik untermalt die Tristesse und vor dem Fernsehschirm beginnt man zu frösteln.

Kommentare
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  2. […] ROUTE DE CORINTHE  LA FEMME INFIDÈLE LA RUPTURE UN PARTIE DE PLAISIR LES INNOCENTS AUX MAINS SALES POULET AU […]

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