plein soleil (rené clément, frankreich/italien 1960)

Veröffentlicht: März 10, 2008 in Film
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Der attraktive Tom Ripley (Alain Delon) stammt zwar aus einfachem Haus, hat mit dem Jetsetter Philippe Greenleaf (Maurice Ronet) aber einen äußerst wohlhabenden Freund, mit dem er im besten Dandy-Stil die Metropolen Europas unsicher macht. Doch etwas stimmt nicht mit diesem Tom Ripley: Er will dazugehören zu den oberen Zehntausend und dafür ist ihm nicht nur jedes Mittel Recht, er ist auch bereit seine eigene Identität völlig aufzugeben …

plein-soleil.jpgVor fast zehn Jahren habe ich Anthony Minghellas Neuverfilmung von Patricia Highsmith’ Bestseller ohne Kenntnis dieses Films gesehen und für gut befunden – erinnern kann ich mich dennoch kaum noch an ihn. Die Auffrischung mittels Cléments Film war also durchaus sinnvoll und natürlich ein voller Erfolg. Besser als seinem modernen Nachfolger Matt Damon gelingt es Delon seinem Charakter die teuflische Ader abzuringen: Eigentlich ist PLEIN SOLEIL eine ins Böse gewendete Variation alter Schelmengeschichten, die Clément mit großem Stilwillen zum eiskalten Thriller und zur Parabel auf den materialistischen Amoklauf des Menschen im 20. Jahrhunderts formt. Tom Ripley, der neurotische Mörder mit dem Engelsgesicht, ist unschwer als Vorfahre von Ellis’ Patrick Bateman zu erkennen: Wie dieser ist Ripley ein Mann ohne Eigenschaften, der von Minderwertigkeitskomplexen getrieben zum eiskalten Mörder wird und bald völlig in seiner neuen Rolle als Philippe Greenleaf aufgeht; so sehr, dass er bald gar nicht mehr bemerkt, dass er diese Rolle nur spielt. Statt in angesagten New Yorker Yuppieclubs bewegt er sich spielerisch an den europäischen Tummelplätzen der US-amerikanischen Elite, gibt sich ganz dem Müßiggang hin, ohne sich Gedanken über ein Morgen zu machen. Eine andere Parallele drängt sich gerade aus deutscher Perspektive auf: Christian Krachts „Faserland“ erzählt von einem juvenilen Barbourjacken-Träger, den es innerhalb weniger Tage vom reichen Sylt bis in die Schweiz verschlägt, dazwischen in den Großstädten der Republik auf den Festen und Partys des Großbürgertums aufschlägt und ansonsten ein vollkommen sinnentleertes Leben führt. Zwar ist Krachts Protagonist letzten Endes viel zu bieder, um selbst zum Mörder zu werden, die Gleichgültigkeit, mit der er den Selbstmord eines Freundes erst passieren lässt und dann regungslos hinnimmt, macht ihn aber zu einem späten Nachfolger Ripleys.

Das größte Kunststück, das PLEIN SOLEIL vollbringt, ist den Zuschauer mit diesem Uncharakter mitfiebern zu lassen: Was ist das für ein grandioser Moment, als sich Ripley in einem Moment der geistigen Abwesenheit gegenüber Philippes Freundin, der von ihm begehrten Marge (Marie Laforêt), auf einen Brief von ihr bezieht, mehr noch, diesen auf sich bezieht, der doch eigentlich an Philippe gerichtet war. Da stürzt man als Zuschauer von einem emotionalen Extrem ins nächste. Überhaupt: Was Cléments Film stilistisch auszeichnet, das ist das Nebeneinander von flirrender Sonnenhitze und erschreckender Gefühlskälte, perfekt eingefangen im Bild des Schüttelfrost verursachenden, heftigen Sonnenbrands, den Ripley zu Beginn erleidet. PLEIN SOLEIL ist ein Film, dessen Methode als dialektisch zu bezeichnen ist: Die Kamera rückt bis zum absoluten Distanzverlust an das makellose Gesicht ihres Protagonisten, „nahe“ kommen wir diesem Ripley dennoch nicht. Er bleibt ein Phantom, ein Monster, dessen Wesen man nicht begreifen kann, weil es sich selbst fremd ist. Eine faszinierende Figur, vielleicht eine der spannendsten Schöpfungen des vergangenen Jahrhunderts, in einem beinahe makellosen Film. Lediglich das das Zuschauerbedürfnis nach einem „gerechten“ Ausgang befriedigende Ende (das es meines Wissens in Minghellas Film nicht gibt) ist ein kleiner Wermutstropfen, der dem Film aber keinen nachhaltigen Schaden zufügen kann.

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