the beguiled (don siegel, usa 1971)

Veröffentlicht: März 11, 2008 in Film
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Der Unionssoldat John McBurney (Clint Eastwood) wird während des Bürgerkriegs irgendwo in Louisiana halb verblutet von einem jungen Mädchen gefunden und in ein Mädcheninternat gebracht, das von der undurchsichtigen Martha Farnsworth (Geraldine Page) geleitet wird. Nachdem diese beschlossen hat, den Soldaten gegen jede Vernunft vor den Konföderierten versteckt zu halten und gesund zu pflegen, wird er zum Objekt der aufgrund des Krieges viel zu lange unerwidert gebliebenen sexuellen Begierden der Mädchen – und zum Gefangenen. Als sich die Lehrerin Edwina (Elizabeth Hartmann), die ernste Gefühle zu McBurney entwickelt, von diesem hintergangen fühlt, eskaliert die eh schon aufgeheizte Stimmung im Haus vollkommen …

user1367_1175075436.jpgVerfolgt man das Schaffen Siegels in chronologischer Reihenfolge, wird erkennbar, wie bestimmte Themen und Diskurse in dessen Werk an die Oberfläche drängen und über mehrere Filme hinweg ausgearbeitet und weiterentwickelt werden. So treten Gemeinsamkeiten zwischen Filmen hervor, die auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein könnten. THE BEGUILED etwa, der mit seiner ruhigen, der Tradition des american gothic verhafteten Erzählung zwischen den im weitesten Sinne als Actionfilme zu bezeichnenden Werken des Regisseurs eine sehr exponierte Stellung einnimmt, entpuppt sich überraschenderweise als zwar böses, aber dennoch konsequentes companion piece der Westernkomödie TWO MULES FOR SISTER SARA. In beiden Filmen prallen Männer und Frauen aufeinander, in beiden Filmen glaubt sich der Mann in der überlegenen Rolle, in beiden Filmen ist es jedoch das weibliche Geschlecht, das am Ende die Oberhand behält – und in beiden Filmen ist dieser Mann kein anderer als Clint Eastwood, der Prototyp des kernigen Machos, der die ganze Wucht emanzipatorischer Bestrebungen abbekommt.

Dennoch verhält sich THE BEGUILED in vielerlei Hinsicht beinahe antipodisch zu Siegels sonstigen Männerfilmen: McBurney ist über weite Strecken des Films zur Handlungs- und sogar Bewegungsunfähigkeit verdammt und wird so zur idealen Projektionsfläche für die Gelüste der ihn umgebenden Frauen. Sein männlicher Omnipotenzwahn, seine vermeintliche Überlegenheit lassen ihn die Gefahr, in die er mehr und mehr gerät, überhaupt nicht erkennen. Das Dasein als „Hahn im Korb“ gefällt ihm sichtlich: So nimmt er die ihm durch seine Verletzungen aufgezwungene passive Rolle zwar gern an, doch steht für ihn gleichzeitig völlig außer Frage, dass er derjenige ist, der die Fäden in der Hand hält. Wir hingegen wissen: „Hell hath no fury like a woman scorned“ und so wird THE BEGUILED in der zweiten Hälfte für den männlichen Zuschauer fast zur traumatischen Erfahrung, die ihn dem Geschehen mit zunehmend verkrampftem Unterleib beiwohnen lässt. Die zwangsläufige und von langer Hand absehbare Kastration ist letztlich zwar nur symbolisch, aber dennoch unverkennbar und unmissverständlich. Was THE BEGUILED neben der bestechenden Inszenierung, die das alte Südstaatenanwesen mehr und mehr zum psychotopologisch verzeichneten Ort macht und mit ihren psychedelischen Überblendungen und Schnittfolgen den Expressionismus von Siegels THE KILLERS wiederbelebt, zum wirklich bahnbrechenden Erlebnis macht, ist die Integrierung des psychologischen Kammerspiels in einen größeren universellen Rahmen: THE BEGUILED ist ein Antikriegsfilm, der die männlichen Kriegshändel als Eingriff in das biologisch-soziale Gefüge menschlicher Gesellschaft kennzeichnet. Kurz gesagt: Im Krieg rottet sich die potenzielle Vätergeneration gegenseitig aus, werden die Frauen im großen Maßstab ihrer Sexualpartner beraubt. Diese Ent-Männlichung der Gesellschaft – Männer sind rares Gut in THE BEGUILED, immer auf dem Weg in die nächste Schlacht, in der sie ihr Leben aushauchen – hat auch eine Brutalisierung der sexuellen Bedürfnisse zu Folge. Wahrscheinlich ist es das, was ausgesprochene Feministinnen wie Eastwood- und Siegel-Hasserin Pauline Kael so auf die Palme brachte: Die Frauen in THE BEGUILED zerreißen sich förmlich, in der Hoffnung McBurney auf ihr Lager zerren zu können. Am Ende obsiegt die weibliche Zweckgemeinschaft über den Mann: Wenn der Kampf um das männliche Restmaterial keinen Sieger hervorbringt, ist es der Mann, der verschwinden muss …

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