Archiv für März, 2008

Zweitsichtung. Ich hatte hier bereits über den Text geschrieben, nicht ganz unmittelbar nach der ersten Sichtung im Januar, die mich doch etwas ratlos hinterlassen hatte. Nicht, weil ich an der Qualität des (damals noch nicht) Oscar-prämierten Coen-Films gezweifelt hätte, im Gegenteil. Direkt nach dem Film wusste ich, soeben etwas wirklich Großem beigewohnt zu haben, einem Film, wie man ihn nur alle paar Jahrzehnte zu Gesicht bekommt. Leider tat ich mich jedoch immens schwer damit, dies an bestimmten Aspekten des Gesehenen festzumachen. Jetzt, nach der zweiten, etwas distanzierteren Sichtung, habe ich ungefähr eine Ahnung, was den Coens mit NO COUNTRY FOR OLD MEN für ein großer Wurf gelungen ist. Im heutigen Tagesfred habe ich im Überschwang behauptet, dies sei der größte amerikanische Spielfilm der letzten vierzig Jahre. Eine Behauptung, zu der ich absolut stehe, auch wenn mir bewusst ist, dass man eine solche Behauptung ja gar nicht belegen kann. Was ist es, was den Film in meinen Augen zu etwas ganz Besonderem macht?

nocountry.jpgNO COUNTRY FOR OLD MEN kreuzt die wohl einflussreichsten amerikanischen Filmgenres, mithin die amerikanischsten Genres überhaupt: den (Spät-)Western und den Film Noir, zwei Genres, die sich durch eine streng reglementierte Bilderwelt und einen eng umrissenen Zeichensatz auszeichnen. Es gibt einen alternden Sheriff (Tommy Lee Jones), der wie seine Spätwestern-Kollegen nicht mehr zurechtkommt in einer Welt, die immer verrückter zu werden scheint; es gibt einen Killer (Javier Bardem), der als eine Mischung aus Psychopath, eiskaltem Engel und überirdischem Racheengel erscheint, eine Blutspur durch den Film zieht und den Wanhsinn personalisiert, dem der Sheriff sich sprach- und hilflos gegenübersieht; und es gibt einen Vietnamveteranen (Josh Brolin), der das große Glück in Form eines Koffers voller Drogengeld findet und damit den Killer auf sich zieht. Von der Wüste verlagert sich das Geschehen erst in die Noir-Dunkelheit nächtlicher Motelzimmer und menschenleerer Straßen, dann schließlich in die trügerische Sicherheit von Suburbia. Der Tod ist schneller als die Protagonisten, das Schicksal schlägt brutal und erbarmungslos zu, denn es hat im Killer Anton Chigurh einen äußerst gewissenhaften Stellvertreter. Entscheidungen ziehen meist unmittelbare Konsequenzen nach sich – für alle Beteiligten. Es scheint keinen Ausweg zu geben: Die Frage ist lediglich, wie lange man den Tod auf Distanz halten kann. Eine bittere, trostlose Weltsicht.

Dennoch ist NO COUNTRY FOR OLD MEN ein Film voller Hoffnung. Das Sterben ist kein Zeichen des Niedergangs, sondern eine Begleiterscheinung des Lebens. Das Schicksal kommt wie es kommt: Sich darüber zu beklagen, ist Eitelkeit, wie es eine Figur nennt. Auch die bequeme These des „Zeitenwandels“ gilt nicht: Es ist das Wesen des menschlichen Daseins selbst, das die merkwürdigsten Auswüchse und mithin auch das Grauen erzeugt. Am Schluss, wenn alle tot sind, außer dem alten Sheriff, durch dessen Augen uns die Coens die Welt gezeigt haben, gibt es einen kurzen Monolog voller Trost: Es wird immer jemand da sein, der uns den Weg weist.

Das Große, Einmalige an NO COUNTRY FOR OLD MEN ist seine Universalität, seine Spiritualität: Die Coens haben sich von ihrer Popkultur-Fixierung gelöst und einen Film gemacht, der die Kraft eines Schöpfungsmythos in sich trägt. Dieser Film wird Bestand haben, wenn Anderes längst vergessen ist.

the bellboy (jerry lewis, usa 1960)

Veröffentlicht: März 24, 2008 in Film
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Ein Blick in das luxuriöse Fontainebleu Hotel in Miami Beach und den Arbeitsalltag des trotteligen Pagen Stanley (Jerry Lewis), der sich mit strengen Vorgesetzten, hinterlistigen Kollegen, anspruchsvollen Gästen, eingebildeten Prominenten und jeder Menge Gepäck herumschlagen muss …

page.jpgDass THE BELLBOY, Lewis‘ Regiedebüt, kein ganz gewöhnlicher Spielfilm ist, wird gleich zu Beginn explizit gemacht: Der Chef von Paramount (Jack Kruschen) warnt den Zuschauer, dass dieser eher eine Sammlung von „silly sequences“ zu erwarten habe. Und so ist es dann auch. THE BELLBOY ist eine Sketchshow, in der es zwar durchaus wiederkehrende Motive, aber keine Handlung im eigentlichen Sinne gibt. Im Zentrum dieser Sketche (aber nicht aller) steht der Page Stanley, der von einem Auftrag zum nächsten gescheucht und dabei bis zum Schluss niemals zu Wort kommen wird. Dabei begegnet er nicht nur dem massiv gestressten Superstar Jerry Lewis, der von einer ganzen Entourage übereifrig serviler Bediensteter begleitet wird, sondern auch einem Stan-Laurel-Double sowie diversen anderen, meist nicht gecrediteten Gaststars. Wie man sich vorstellen kann, schwankt das Niveau der einzelnen Sketche deutlich: Ganz groß ist THE BELLBOY immer dann, wenn Lewis sein eigenes Mienenspiel und sein physisches Geschick in den Mittelpunkt rückt, während andere „verbalere“ Gags heute nicht mehr ganz zünden wollen. Dennoch wird in jeder Sekunde deutlich, dass Lewis längst nicht nur ein Kasper ist, sondern seinen Erfolg vor allem einer bestimmten Weltanschauung verdankt. Diese tritt in THE BELLBOY logischerweise stärker hervor als in den zuletzt von mir gesehenen Tashlins. Lewis‘ Regiedebüt bezieht seinen Witz aus dem Zusammenprall des mondänen Settings, der banalen Aufgabe Stanleys, seinen Versuchen, diese würdevoll zu meistern, und der Ignoranz seiner Umwelt. Wenn er zur Schadenfreude seiner Kollegen mit größtem Eifer und pedantischer Akribie einen riesigen Zuschauerraum bestuhlen muss oder eine stille Minute nutzt, um auf einer leeren Bühne den Dirigenten zu spielen, reiht sich Lewis nahtlos in die lange Ahnengalerie großer Komiker ein, bei denen lustige wie auch tragische Elemente einträchtig nebeneinander existierten. Mit THE BELLBOY gelang Lewis zwar kein Meisterwerk, aber dennoch ein Film, der andeutet, warum er später von der französischen Filmkritik als auteur gefeiert werden sollte.

rock-a-bye baby (frank tashlin, usa 1958)

Veröffentlicht: März 24, 2008 in Film
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Die Filmschauspielerin Carla Naples (Marilyn Maxwell) hat ein Problem: Eine Schwangerschaft kommt ihren Karriereplänen in die Quere. Ihr Agent rät ihr, sich zurückzuziehen, ihr Kind unter Geheimhaltung zur Welt zu bringen und dann an jemanden abzugeben, um von lästigen Mutterpflichten befreit ihren nächsten Film drehen zu können. Aber wer nimmt schon freiwillig ein Baby an? Carla fällt ihr alter Schulfreund Clayton Poole (Jerry Lewis) ein, der damals schwer verknallt in sie war und immer noch in der Kleinstadt Midvale lebt. Tatsächlich würde Clayton alles für seine große Liebe tun und so hat er plötzlich Drillinge am Hals, was für etliche Verwirrungen und Schwierigkeiten sorgt: Nicht zuletzt bei Carlas Schwester Sandra (Connie Stevens), die ebenfalls ein Auge auf Clayton geworfen hat …

babysitter.jpgDer direkte Vorgänger von THE GEISHA BOY präsentiert seinen Hauptdarsteller erneut als Vater wider Willen, diemal jedoch mit deutlich stärkerem Gewicht auf den melodramatischen Aspekt der Handlung. Clayton wird als liebenswerter, aber etwas naiver Junggeselle eingeführt, der seine Jugendliebe längst noch nicht überwunden hat und sich in tiefer Melancholie suhlt. Tashlin siedelt die entsprechenden Szenen in einem hübsch künstlichen Studiosetting an, das die Überlebensgröße von Claytons Empfindungen trefflich verbildlicht, und kontrastiert diese mit den gewohnt absurden Slapstickeinlagen und Lewisschen Grimassierereien. Gleich der erste Auftritt Claytons mündet in eine cartoonhafte Sequenz, die auf dem Dach eines Hauses beginnt und in einem wunderbar choreografierten Kampf mit einem Feuerwehrschlauch kulminiert. Ganz auf das komische Talent Lewis‘ zugeschnitten sind auch die Szenen, die sich um die mehr oder minder erfolgreichen, aber immer rührenden Versuche Claytons, seine Schützlinge zu versorgen, drehen. Gegenüber THE GEISHA BOY, der zwar inhaltlich auch nicht wie aus einem Guss wirkt, aber sich in zwei relativ stringente Hälften teilen lässt, ist ROCK-A-BYE BABY, der von Preston Sturges mitgeschrieben wurde, strukturell etwas zerfahren. Es dauert ca. 40 Minuten, bis Clayton zum Vater wird, in die verbleibende Stunde wird eine Unmenge an Handlung gezwängt, sodass die Auflösung am Ende etwas sehr forciert erscheint. Eigentlich ist das aber nicht weiter schlimm: ROCK-A-BYE BABY ist anachronistische und immer auch etwas spießige Unterhaltung, der man aber einfach nicht böse sein kann. Tashlin inszeniert wieder einmal in knalligstem Technicolor, der Film ist eine Augenweide, Jerry Lewis legt eine unglaubliche physische Präsenz an den Tag und die Gags sitzen wie ein maßgeschneiderter Anzug. THE GEISHA BOY ist der wildere und buntere Film, das tut dem Vergnügen mit ROCK-A-BYE BABY aber keinen Abbruch. Verglichen mit aktuelleren Vater-wider-Willen-Szenarios ist Tashlins Film gar nichts weniger als eine Meisterleistung.

the geisha boy (frank tashlin, usa 1958)

Veröffentlicht: März 23, 2008 in Film
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Der gutmütige, aber erfolglose Zauberkünstler Gilbert Wooley (Jerry Lewis) begibt sich im Rahmen eines Unterhaltungsprogramms für GIs nach Japan, um wenigstens ein bisschen Geld zu verdienen, im Gepäck seinen treuen Freund und „Arbeitskollegen“ Harry, einen Hasen. In Japan angekommen, lernt Wooley die Japanerin Kimi Sikita (Nobu McCarthy) kennen: Im Schlepptau hat sie den kleinen Waisenjungen Mitsuo Watanabe (Robert Hirano), der Wooley in sein Herz geschlossen hat, seitdem dieser ihm das erste Lachen seit dem Tod seiner Eltern abringen konnte. Nun betrachtet Mitsuo den Entertainer als seinen Vater und weicht ihm nicht mehr von der Seite …

513csl3s5sl_ss500_.jpgMein erster bewusst wahrgenommener Tashlin (dessen Name mir bis vor ein paar Wochen noch völlig unbekannt war) ist ein Fest für die Augen, ein sanftes, aber bestimmtes Kitzeln des Zwerchfells und ein warmes, weiches Tuch, das sich um das Herz legt. Gehört die rasante erste halbe Stunde noch ganz den Clownereien Lewis‘ und dem Hasen Harry, mit dem hier Sachen angestellt werden, die man sich heute beim Film sicherlich nicht mehr erlauben dürfte (er wird ins Wasser geschmissen, in den umöglichsten Stellungen drapiert, verkleidet und angemalt), verschiebt sich der Ton gegen Ende zugunsten des sentimentalen Melodrams. Weil THE GEISHA BOY von Beginn an aber sehr episodenhaft angelegt ist, macht das gar nix, vielmehr erzählt dieser Wandel des Tons auch von dem Reifeprozess, den Wooley durchmachen muss, um am Ende seine ihm „aufgebürdete“ Vaterpflicht mit Freuden anzunehmen. Tashlin, der vor seiner Arbeit beim Spielfilm jahrelang erfolgreich beim Trickfilm – unter anderem für Warner Brothers‘ LOONEY TUNES und MERRY MELODIES – tätig war, pflegt einen sehr grafischen, absurden Humor, der seinem Hauptdarsteller Lewis (mit dem Tashlin insgesamt 8 Filme machte) wie auf den Leib geschneidert ist. Szenen wie jene, in der Wooley an Bord des Flugzeugs einen Karottensalat nach dem anderen bestellt, um seinen geschmuggelten Hasen zu versorgen, und sich vor der attraktiven Stewardess als Vegetarier ausgeben muss, obwohl er doch nach ihrem saftigen Steak lechzt, jene, in der der riesenhafte japanische Baseballspieler Ichiyama in ein Schwimmbecken fällt und daraufhin eine gigantische Flutwelle auslöst, oder die, in der Wooley als Entertainer ins krisengeschüttelte Korea abkommandiert wird, um dort inmitten einschlagender Granaten die Moral der Truppen hochzuhalten, sind einfach pures Gold wert. Hinzu kommen selbstreferenzielle Spielereien wie ein BRIDGE ON THE RIVER KWAI-Zitat oder die Schlussblende, in der Lewis im Stile Bugs Bunnys eine Karotte mampft und die Zuschauer mit dem bekannten „That’s all Folks!“ verabschiedet. THE GEISHA BOY verwandelte mich und meine liebe zora von der ersten Sekunde an in staunende Kinder, verzaubert von der Farbenpracht, den Grimassen und Verrenkungen Lewis‘ und den mit Gags vollgestopften Bildern. Da gibt es keine Hintergedanken, nur das Berauschtsein am Bild, am Augenblick. Jerry Lewis war ein Held meiner Kindheit, den ich in den letzten 25 Jahren vollkommen aus den Augen verloren habe – wie er ja mittlerweile auch auf breiter Front vergessen bzw. totgeschwiegen wird. Nun habe ich ihn wiederentdeckt und mit ihm Frank Tashlin. Es ist so schön, ein Filmfreund zu sein. Schluchz!

Ein Killer, der sich „Scorpio“ nennt (Andrew Robinson), schießt in San Francisco wahllos Leute über den Haufen und erpresst die Stadt: Wenn sie auf seine Geldforderungen nicht eingehen, sollen weitere Menschen sterben. Inspector Harry Callahan wird auf den Fall angesetzt, ein unbequemer Cop, dessen Vorstellungen von Recht und Ordnung sich nicht mit denen seiner Vorgesetzten decken. Als alle Versuche, es dem Mörder recht zu machen, scheitern, schlägt Callahan eine härtere Gangart ein …

Selten schien es mir so sinnlos etwas über einen Film zu schreiben wie jetzt im Fall von Siegels wahrscheinlich bekanntestem Werk, dem wohl prägendsten Copfilm der letzten 50 Jahre. Ihm etwas Neues abzuringen dürfte ähnlich schwierig sein wie auch nur zusammenzufassen, was in den vergangenen rund 40 Jahren bereits über ihn gesagt wurde, Stichwort: Zodiac, Pauline Kael, Vigilantentum, Rechtskonservativismus, Eastwood/Siegel, New Hollywood?, Copfilm. Das gilt aber für viele andere Filme auch, bei denen die Scheu nicht so groß war. Was hebt DIRTY HARRY von diesen ab?

dirty-harry.gifFür mich ist Siegels Film ein makelloser Block spiegelglatten und doch schroffen Granits, ein Werk so aus einem Guss, so völlig in sich geschlossen, dass es kaum noch „gemacht“ wirkt. Oder vielmehr: Es macht den Eindruck als habe sein Urheber ein ganzes Leben lang gebraucht, um dieses Werk aus dem Stein zu meißeln, ja, als wäre dieses Leben nur der Weg zu diesem Film gewesen. In jeder Einstellung, in jedem Schnitt, in jeder Bewegung seiner archetypischen Hauptfigur erkennt man ja die Handschrift Siegels und die Ursprünge in der langen Geschichte der Mythen und Filme, die die Vorgeschichte für DIRTY HARRY bilden, der wiederum wie eine Bestandsaufnahme wirkt, wie ein Resümee, um einen neuen Anfang zu wagen. Schon die erste Einstellung, ein durch das Weitwinkelobjektiv verzerrter Blick auf den hinter der Mündung seines Gewehrs versteckten Killer Scorpio, erinnert an das Bild von Lee Marvins Tod in THE KILLERS – hier ist es ein Anfang; die folgende Montage, die die Seelenverwandtschaft Harrys mit dem Monster Scorpio ebenso thematisiert wie seine Verankerung im Mythos – die Rauchschwaden, die gigantischen Ventilatoren –, verdichtet das Hauptmotiv des Actionfilms – den Ursprung der Potenz des Helden in seinem Anders-Sein – auf makellos-unmissverständliche Art und Weise; die zahlreichen Verweise auf christliche Mythologie, mit denen Siegel Callahan zu einem Messias der Gewalt stilisiert, sorgen in Verbindung mit der Nie-ganz-Erfüllung reaktionärer Triebe für den intellektuellen Kitzel, der DIRTY HARRY von zahlreichen anderen ähnlich gelagerten Filmen abhebt. Hier und da erkennt man noch Spuren von MADIGAN, von einem dem Kern des Polizistendaseins nachspürenden police procedural, aber das ist letztlich eine Illusion, derer uns Siegel aufs Drastischste beraubt – vielleicht hat er sich selbst am meisten vor seinem Film erschrocken. Scorpio kann noch so sehr als perverses Schwein gezeichnet werden (und Siegel geht die sprichwörtlichen whole nine yards um ihn zum Un(ter)menschen zu machen), diese eine unfassbare Szene im Football-Stadion, in der Callahan dem winselnden, jämmerlichen Killer die Schuhspitze in die klaffende Wunde bohrt und die Kamera in einer schwindelerregenden Fahrt so weit zurück fliegt, bis das Grün des Rasens in der Nacht verschwindet, vergällt dem nach Gerechtigkeit schreienden Zuschauer jeden Spaß.

Und noch nicht einmal Callahan kann sich noch an seiner schmutzigen Arbeit erfreuen. Warum er diesen Job überhaupt noch macht, der doch so vollkommen sinn- und vor allem endlos ist, er weiß es nicht. Wie Scorpio ist er ein Krüppel, der eine Mission zu erfüllen hat: Deren Ursprung bleibt unbekannt, eine Schimäre. Harry Callahan ist aus den Tiefen des Mythos emporgestiegen, weder Feuer noch Wasser können ihn aufhalten. Wehe, wenn er dir begegnet. Es bleibt dann nur noch zu fragen: „Do I feel lucky?“

Siegels Meisterwerk. Viel mehr kann Film nicht leisten.

In einer französischen Kleinstadt sieht sich die Familie Cuno – die querschnittsgelähmte verwitwete Mutter (Stephane Audran) und ihr adoleszenter Sohn Louis (Lucas Belvaux) – den Übergriffen der großbürgerlichen Elite ausgesetzt: Anwalt Lavoisier (Michel Bouquet), der Arzt Dr. Morasseau (Jean Topart) und der Schlachter Filiol (Jean-Claude Bouillaud) wollen die Cunos von ihrem Grundstück vertreiben, um dort zu bauen. Madame Cuno, selbst nervlich nicht mehr ganz beisammen, stachelt ihren Sohn Louis daher zu diversen Spionage- und Sabotagetätigkeiten an: Als dieser Filiol Zucker in den Tank schüttet, endet der Spaß für den Schlachter tödlich. Daraufhin nimmt Inspektor Lavardin (Jean Poiret) die Ermittlungen in der Stadt auf und enttarnt ein dicht gewebtes Netz aus Intrigen und versteckten Morden …

51r220sxr7l_ss500_.jpgMit der Verfilmung eines Krimis von Dominique Roulet greift Chabrol zwar seine in den Sechziger- und Siebzigerjahren etablierten Leib- und Magenthemen – das parasitäre Anspruchsdenken der Oberklasse und ihre schonungslose, intrigante Ausbeutung der Mittellosen – wieder auf, jedoch ist der bittere, zornige, aber gleichzeitig resignierte Ton zugunsten einer etwas versöhnlicheren, schwarzhumorigen Betrachtung gewichen. Neben Chabrols Inszenierung, die auf verstörende Spitzen verzichtet und sich ganz in den Dienst der Erzählung stellt, manifestiert sich dieser Wandel vor allem in der Figur Lavardins, der beinahe wie ein Deus ex Machina regulativ in das festgefahrene Geschehen eingreift und die Geschichte mit zweifelhaft-ruppigen Methoden einem guten Ende zuführt. Am Schluss erhalten die Schuldigen ihre gerechte Strafe, während den Opfern die Absolution erteilt wird. POULET AU VINAIGRE ist dennoch kein naives Sozialmärchen: Eine blütenreine Weste hat keiner der Protagonisten, was die „Guten“ von den „Bösen“ unterscheidet, ist lediglich die Motivation, die hinter den Flecken steht. Chabrols Krimi bietet relativ leichte Unterhaltung, der es in ihrer Ausgewogenheit zwar etwas an cineastischem Profil mangelt, der aber dennoch immer noch genug verstörendes Potenzial innewohnt. Dies geht vor allem auf das Konto von Jean Poiret, der seinen Lavardin als furchteinflößenden und hinterlistigen Kotzbrocken anlegt. Von der altväterlichen Weisheit eines LA FLEUR DU MAL ist POULET AU VINAIGRE damit noch weit entfernt. Runde Sache.

the duel at silver creek (don siegel, usa 1952)

Veröffentlicht: März 18, 2008 in Film
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Eine Bande so genannter claim jumpers macht die Gegend um das Städtchen Silver City unsicher: Mit vorgehaltener Waffe zwingen die Banditen hilflose Goldsucher dazu, ihnen ihr kleines Stück Land zu überschreiben, nur um sie dann kaltblütig zu erschießen. Luke Cromwell, genannt Silver Kid (Audie Murphy), kann den Verbrechern gerade so entkommen. In Silver City weckt der Revolverheld prompt den Verdacht des dortigen Sheriffs „Lightning“ Tyrone (Stephen McNally), der gerade den Tod seines Deputies zu beklagen hat. Doch Silver Kid kann Lightning davon überzeugen, dass er ihm im Kampf gegen die claim jumpers tatkräftige zur Seite stehen wird. Allerdings ist Lightning selbst nicht ganz im Vollbesitz seiner Kräfte: Ein Schulterschuss hat seinen Abzugsfinger gelähmt und außerdem verdreht ihm die schöne Opal (Faith Domergue) den Kopf. Diese steckt wiederum mit den Gangstern unter einer Decke …

mpw-14605.jpgZeigte sich THE BIG STEAL in seiner auf eine spannungsgeladene Grundkonstellation komprimierten Handlung als Siegel-Film in Reinkultur, kann man dies von dem drei Jahre später entstandenen farbenprächtigen B-Western nicht gerade behaupten. Die Story, eigentlich auch nicht gerade die Neuerfindung des Rades, wird unglaublich kompliziert erzählt und die kleinen Subplots – u. a. gibt es einen Konflikt zwischen Silver Kid und Lightning, ein kompliziertes Beziehungskarussell, auf dem neben den beiden Alpha-Männchen auch die beiden Frauen Opal und Dusty (Susan Cabot) und der Gangsterboss Rod Lacey (Grald Mohr) Platz nehmen, einen wütenden Aufstand der Stadtbewohner und das Drama um Lightnings Finger – kommen Siegels reduktionistischem Drang ebenfalls nicht gerade entgegen. Es muss eine Menge Aufbauarbeit geleistet werden, die der Minishowdown des knapp 75-minütigen Films einfach nicht rechtfertigt. THE DUEL AT SILVER CREEK ist daher wohl eher als Vehikel für den Kriegsheld-turned-Westernheld Audie Murphy interessant, denn als Film seines Regisseurs. Siegel, dieses Eindrucks kann man sich kaum erwehren, war hier wohl eher als Handwerker, weniger als kreativer Leiter gefragt. Für Die-Hard-Westernfreunde ist THE DUEL AT SILVER CREEK dennoch durchaus einen Blick wert, immerhin sieht der Film ausgesprochen pittoresk aus und kommt mit seinen hauchdünnen und klischeehaften Charakteren (ein Sombrero-tragender Pistolero heißt etwa „Johnny Sombrero“) hübsch pulpig daher. Und Lee Marvin ist in einer Nebenrolle mit Schnauzbart zu sehen.