Los Cronocrímenes (Spanien 2007)
Regie: Nacho Vigalondo

Héctor (Karra Elejalde) sieht vom Garten seines neuen Hauses aus durch das Fernglas eine nackte Frau im Wald hinter seinem Grundstück. Neugierig begibt er sich in den Wald und findet die attraktive Persn bewusstlos vor. Sekunden später wird er von einem mit Mullbinden vermummten Mann überfallen und verwundet. Héctor kann sich in ein merkwürdiges Labor fliehen, in dem ein Wissenschaftler ihn in einem Tank versteckt. Als Héctor wenig später aus dem Tank aussteigt, befindet er sich in der Vergangenheit und sieht sich durch das Fernglas im Garten seines Hauses sitzen, wie er das Waldstück beobachtet. Zusammen mit dem Wissenschaftler plant er nun seine Rückkehr in sein „normales“ Leben. Dazu muss er – Héctor 2 – sein „Original“ dazu bringen, in den Tank zu klettern. Doch dabei erleidet er einen Unfall. Um seine Wunde zu versorgen, wickelt er sich eine Mullbinde um den Kopf …

Zeitreisefilme sind ein beliebter Standard im Science-Fiction-Genre, weil sie zum philosophischen Spiel nach dem Wesen von Zeit und Existenz einladen. Vigalondo bietet dieses Sujet jedoch vor allem die Möglichkeit, die filmische Technik der Montage, die ja ihrerseits eine Form der Zeitreise darstellt, narrativ zu reflektieren. So ist Vigalondos exzellenter kleiner Genrefilm auch weniger ein Plottwister im utopischen Gewand als vielmehr ein Metafilm, der sich mit der Konstruktion von Handlung und der Erzeugung von Charaktermotivation befasst. Mit jedem „weiteren“ Héctor (später taucht er noch in einer weiteren Inkarnation als Héctor 3 auf), erhält der Zuschauer auch eine immer etwas erweiterte Perspektive auf das Geschehen. Was zunächst noch rätselhaft und zufällig erscheint, wird durch Vigalondo (und seinen Protagonisten) nachträglich motiviert und zur Absicht umgedeutet. Der jeweils auf eine höhere Wissensebene gebeamte Héctor schafft so erst die Bedingungen für die Handlungen seiner Vorgänger. Allerdings muss er irgendwann erkennen, dass der unendliche Regress nicht möglich ist: Dann setzt er sich einfach auf einen Stuhl und akzeptiert, dass bestimmte Dinge einfach passieren müssen. Man kann nicht alles vorherplanen, den archimedischen Punkt nicht einnehmen. Héctor kann nie nur Ursache sein, immer ist er auch das Objekt, an dem sich Wirkung vollzieht. Was LOS CRONOCRÍMENES zum Überraschungshit der diesjährigen FFF Nights macht, ist dass Vigalondo sich nicht mit der Ausbeutung des inhärenten Plottwist-Potenzials begnügt, sondern recht konsequent die Manipulation durch die Filmtechnik thematisiert. Das zeigt sich bereits in der athmosphärischen Exposition seines Filmes, wenn der Zuschauer durch mehrere Jump Cuts hindurch Héctors verzweifelten Versuchen, einzuschlafen beiwohnt, während der Soundtrack durchgehend (also ohne „Sprünge“) läuft. Diese Zeitmanipulation scheint auch an Vigalondos Protagonist nicht spurlos vorbeizugehen.


Diary of the Dead
(USA 2007)
Regie: George A. Romero

Der Filmstudent Jason Creed (Joshua Close) dreht mithilfe einiger befreundeter Kommilitonen und seinem Professor seinen Abschlussfilm, einen Mumien-Horrorstreifen, als die Nachricht durchsickert, dass die Toten aufgrund einer rätselhaften Seuche von den Toten auferstehen. Gemeinsam begibt sich das Team auf eine Fahrt durch Pennsylvania, um zu ihren Familien zu gelangen. Die Kamera ist immer dabei, denn Jason hat ein neues Projekt: Er will die drohende Apokalypse dokumentieren …

Nachdem Romero mit LAND OF THE DEAD seine Zombie-Trilogie nicht ganz zwingend zur Quatrologie erweiterte, stellt DIARY einen dringend erforderlichen Perspektivwechsel und eine Zäsur dar. Ähnlich dem kürzlich gelaufenen CLOVERFIELD nimmt Romero nun eine Innensicht des von ihm maßgeblich geprägten Genres und der im Gesamtkorpus seiner Dystopie geschilderten Apokalypse ein, beginnt – unter veränderten Vorzeichen – noch einmal von vorn und unterzieht sienen Mythos einer Aktualisierung unter medientheoretischen Vorzeichen. Wie die in DIARY immer wieder thematisierten neuen Plattformen – MySpace, Youtube etc. – den Blick auf die Welt in unendliche Fassetten zersplittern, so fragmentiert auch Romero seinen Film in eine Vielzahl nur lose verbundener Episoden, die nicht nur den gesellschafts- und medienkritischen Tenor anschlagen, den man aus den Vorgängern kennt, sondern auch Wesen, Sinn und Berechtigung von Romeros Leib- und Magengenre selbst hinterfragen. DIARY ist ein sehr introspektiver Film, der Furor eines DAWN ist längst einer resignativen und auch ratlosen Stimmung gewichen, die mit ihren Zweifeln auch vor sich selbst nicht mehr Halt macht. Die splatterigen Schlaglichter, mit denen Romero an den Slapstickhumor von DAWN anknüpft, sind weniger als als Dienst am Fan als Irritationen zu begreifen: „Warum können wir an so etwas Spaß haben, warum setzen wir uns immer wieder freiwillig solchen Bildern aus?“, scheint der Regisseur zu fragen. Die Bedingungen für die in DIARY gezeichnete Welt, in der junge Männer die Welt nur noch durch den Sucher begreifen können, weil dieser Distanz schafft, haben nicht zuletzt die Medien geschaffen: Film ist realistischer als die Realität, was nicht auf Festplatte gebannt werden kann, existiert nicht. Das Mikroskop, das einst das Medium war, mithilfe dessen das Geheimnis des Lebens entzaubert werden sollte, ist längst durch das Objektiv ersetzt worden. Doch in DIARY bietet es keinen Zugang mehr zum Leben, es versperrt ihn. Durch den Sucher findet man nur noch den Tod.

Weil DIARY eher als eine Ansammlung kurzer filmischen Essays, denn als klassischer Erzählfilm „aus einem Guss“ konzipiert ist, stürzt er auch den Zuschauer in ein Wechselbad der Gefühle und Eindrücke, wirkt heterogen (positiv) bis zerfahren (negativ). Wirklich stark ist er vor allem in seinen metafilmischen Exkursen, die durch einen sehr bizarr anmutenden Humor geprägt sind, während er in seiner mittlerweile zur Genüge explizierten Gesellschaftskritik manchesmal geradezu altbacken und überholt wird: Romero geht stark auf die 70 zu und so ist er nicht mehr ganz auf Höhe der Zeit, hat dem, was er bereits vor 30 Jahren ausformulierte, nicht mehr viel Neues hinzuzufügen. Wenn der Film mit zwei auf gefesselte Zombies ballernde Rednecks und der Frage, ob die Menschheit es überhaupt verdient habe, zu überleben, schließt, weiß man nicht so recht, ob das noch als Selbstzitat durchgeht oder schlicht Ideenlosigkeit ist. Immerhin ermöglicht DIARY diese Frage aber noch und hat auch genügend Momente, in denen offensichtlich wird, was Romero mit seiner Adaption des Zombiemythos eigentlich geleistet hat. DIARY muss man trotz seiner unverkennbaren Schwächen als einen der wohl wichtigsten Genrefilme des Jahres bezeichnen und den Mut seines Machers zu einem konzeptionellen Neuanfang loben. Er wird gewiss nicht mehr die Breitenwirkung erzielen wie seinerzeit NIGHT, DAWN oder DAY ein starker, komplexer und anregender Film ist er aber dennoch geworden.

EDIT: Mai 2015: Ich habe DIARY zum zweiten Mal gesehen und kann mich über meine obige Einschätzung nur noch wundern.


Doomsday
(Großbritannien/Südafrika/USA 2008)
Regie: Neil Marshall

Als in Edinburgh ein tödlicher Virus ausbricht, verhängt die britische Regierung das Kriegsrecht und mauert die Überlebenden kurzerhand in Schottland ein. 35 Jahre später ist das Land eine einzige Einöde, da taucht der so genannte Reaper-Virus plötzlich in London wieder auf. Weil Satllitenbilder belegen, dass das Leben hinter der Mauer einen Weg gefunden hat, den Kampf gegen das Virus zu gewinnen, wird die Elitesoldatin Eden Sinclair (Rhona Mitra) mit einer Spezialeinheit nach Schottland geschickt, um binnen von 48 Stunden ein Heilmittel nach London zu bringen. Hinter der Mauer trifft sie erst auf kannibalistisch veranlagte Endzeitpunks, dann schließlich auf mittelalterliche Ritter, die mit dem Rest der Welt nichts mehr zu tun haben wollen …

Man nehme etwas 28 WEEKS LATER, etwas ESCAPE FROM NEW YORK, eine gehörige Prise MAD MAX 2, garniere das mit Referenzen an LORD OF THE RINGS, GOLDENEYE, TOMB RAIDER und ALIENS und lasse das vom Genreregisseur Neil Marshall (DOG SOLDIERS, THE DESCENT) in blinder Selbstgefälligkeit mit Fanboyambitionen inszenieren, fertig ist der Rohrkrepierer, von dem man schon lange vor dem Abspann wünscht, ihn nie gesehen zu haben. Nach den frenetischen Reaktionen der Dumpfnerds im Kino ist mir ein Satz von NY-Press-Filmrezensent Armond White eingefallen, der hier prima passt: DOOMSDAY kann nur deshalb erfolgreich sein, weil wir schon längst vergessen haben, was es eigentlich bedeutet, uns gut zu amüsieren. Ich gebe zu: Marshalls Film ist viel zu unwichtig, um sich wirklich drüber aufzuregen und spätestens nächstes Jahr wird er bereits den Weg alles Irdischen gegangen und vom nächsten Krawallvehikel abgelöst worden sein. Dennoch weiß ich nicht, was ich trauriger finden soll: Dass es manchen gelingt, ihre Ansprüche so dermaßen weit herunterzuschrauben, dass ihnen ein solcher in allen Belangen minderwertiger Schrott noch Spaß bereitet, oder dass überhaupt die Bereitschaft (und offensichtlich das Bedürfnis) dazu besteht, das zu tun. Es gibt so viele spaßige Filme, die noch dazu gut gemacht sind, dass ich nicht begreife, warum man sich einen DOOMSDAY schönreden muss, der nicht einmal die Mindestanforderungen erfüllt. Neil Marshall hat mit den beiden Vorgängern wenn schon keine großen, so doch gelungene Filme gemacht, weil er eine gewisse Bescheidenheit und Ökonomie an den Tag legte. Mit DOOMSDAY durfte er nun einen großen Film machen und man merkt an allen Ecken und Enden, dass er dabei völlig den Überblick verloren hat. Die Story funktioniert hinten und vorne nicht und ist schlicht und ergreifend blöd; die Action ist unübersichtlich und hektisch und verpufft damit wirkungslos; die Kohärenz verabschiedet sich bereits nach zehn Minuten und überhaupt funktioniert einfach gar nichts. Wo Carpenter in ESCAPE FROM NEW YORK in wenigen Minuten eine ganze faszinierende und bedrohliche Welt entstehen lässt, führt sich Marshalls in einer ausführlichen Exposition aufgebaute Dystopie nach kürzster Zeit selbst ad absurdum. Malcolm McDowell und Bob Hoskins, zwei der charismatischsten Schauspieler unserer Zeit, werden ohne Sinn und Verstand in völlig belanglosen Rollen verheizt, und die Ausgangssituation interessiert etwa ab der Hälfte der Spieldauer nicht nur den Zuschauer, sondern auch den Regisseur nicht mehr. Es ist ganz nett, wie Marshall die schottischen Highlands für den MAD-MAX-2-Showdown mit massivem Filtereinsatz in ein Australien-Äquivalent verwandelt, aber dafür hätte auch ein Werbespot gereicht. DOOMSDAY ist in seiner vollen Länge eine einzige Zumutung, die man sehr viel effizienter simulieren kann, wenn man sich ein paar Mal mit einem Hammer vor den Schädel kloppt oder einfach ordentlich einen saufen geht.


Frontière(s)
(Frankreich/Schweiz 2007)
Regie: Xavier Gens

Vier adoleszente Pariser Ghettobewohner rauben während der Aufstände eine Bank aus, um die Abtreibung von Yasmin (Karina Testa), der Schwester von Sami (Adel Bencherif), zu finanzieren. Sami wird während der Flucht angeschossen und stirbt noch im Krankenhaus, die verbleibenden drei Jungs machen sich mit Yasmin auf nach Amsterdam, wo die Abtreibung stattfinden soll. In der Nähe der belgischen Grenze suchen sie ein einsames Motel auf, das sich jedoch als Todesfalle entpuppt: Es wird von der Familie eines greisen Altnazis bewohnt, die sich von Menschenfleisch ernähren und ihren degenerierten Nachwuchs in einer stillgelegten Mine gefangen halten. Die schwangere Yasmin kommt ihnen gerade recht, um frisches Blut in ihre Sippe zu pumpen …

Mal wieder ein Torture Porn. HITMAN-Regisseur Gens gibt sich alle Mühe, dem auf Provokation abonnierten Genre den nächsten Orden ans Revers zu heften: Es gibt einen schöne Oneliner („Arbeit macht frei!“) zum besten gebenden Nazi-Opa, der Achillessehnen mit dem Bolzenschneider durchknipst, einen kolossalen Metgerfettsack mit Hirnschaden, eine bucklige Kindfrau, eine halbtote Oma, der das Essen zum Loch im Hals wieder rausschleimt, eine Leichenhalle mit Nicht-ganz-so-Toten, saftiges Menschenfleisch, die genannten degenerierten Monsterkinder und einen unangenehmen Tod im Ofen. Kurz: Es werden alle Register gezogen, auf dass sich der Zuschauer so richtig schön angeekelt fühlt. Das ist nichts Neues, die Parallelen zu Hoopers Masterpiece unübersehbar. Verwunderlich ist es allerdings schon, welche Volten ein Drehbuch schlagen kann, auf dass möglichst viele Schweinereien Platz darin finden. Da hetzt man dann sogar einen der Protagonisten über mehrere Minuten durch das Setting und allerhand saftige Set Pieces, lässt ihn immer wieder entkommen, nur damit er dann doch irgendwann den blutigen Tod findet. Aber noch ein anderes Merkmal des Torture Porns weist FRONTIÈRE(S) auf: den an die Oberfläche geholten Subtext. Der drängt sich hier gleich in den ersten Sekunden mit Nachrichtenbildern der Pariser Aufstände auf und setzt sich in der Pro-Life-Message des Abtreibungsplots fort. Während die Gratwanderung zwischen Selbstkritik und Affirmation in den beiden HOSTEL-Filmen aber noch ausgezeichnet gelang, ja geradezu zum Motor der Filme wurde, hat man bei FRONTIÈRE(S) bald schon den Eindruck, dass hier eigentlich eine ziemlich reaktionäre Gesinnung hinter dem schmierigen Treiben steckt: Die Prekariatskinder mit Migrationshintergrund werden erst als fiese und ungebildete Proleten gezeichnet, fangen dann jedoch zu winseln und zu jammern an, sobald sie der Gnade des Nazis ausgeliefert sind. Da bedarf es nicht viel interpretatorischem Übereifer, um aus FRONTIÈRE(S) die Botschaft zu destillieren, dass der Maghrebiner doch froh sein kann, dass er in seinem Ghetto wohnen darf, schließlich könnte es für ihn sehr viel schlimmer kommen. Ich will Gens diese Haltung keineswegs unterstellen, dennoch ist die Möglichkei8t dieser Lesart bezeichnend für seinen Film, der vor lauter Sensationsgeilheit das große Ganze vollkommen aus den Augen verliert. Als dumpfer Schocker ist FRONTIÈRE(S) aber durchaus brauchbar und bietet einige feiste Szenen, die sich in ihrer Häufung aber bald schon abnutzen. Nazis und degenerierte Fettsäcke sehe ich aber immer gern und auch der sonst eher kernig-smarte Samuel Le Bihan ist als schwitzender Muskelprotz mit Gesichtsfotze durchaus ansehnlich. Insgesamt aber eher mau.


[Rec]
(Spanien 2007)
Regie: Jaume Balagueró

Das Fernsehteam einer Reality-TV-Sendung, bestehend aus Ángela (Manuela Velasco) und ihrem Kameramann, soll die Feuerwehr während einer ganz normalen Nachtschicht begleiten. Nachdem lange nichts passiert, gibt es endlich einen Notruf. In einem Mietshaus sind hysterische Schreie aus der Wohnung einer alten Frau gedrungen, die sich als völlig abwesend erweist, nach kurzer Zeit jedoch einen Polizisten anfällt und ihm eine schwere Bissverletzung zufügt. Panik bricht unter den Mietern aus und steigert sich noch, als auch der Ausgang aus dem Haus von außen versiegelt wird. Angeblich soll eine ansteckende Seuche im Haus ausgebrochen sein …

Jaume Balagueró hat sich mit den hochklassigen Horrorfilmen LOS SIN NOMBRES und DARKNESS einen Namen als technisch versierter Traditionalist gemacht. Nach dem mäßigen FRAGILES schien aber die Zeit für einen Aufbruch zu neuen Ufern gekommen zu sein. [REC] ist das Ergebnis dieser Selbsterkenntnis, verlässt sich ganz auf die derzeit wieder florierende Authentifizierung durch eine diegetisch verankerte Handkameraperspektive und die mit dieser einhergehenden Beschränkungen der Sicht. Auf virtuose Weise setzt Balagueró Bild- und Tonstörungen und -ausfälle, Nachtsichtfunktionen und Schnitte ein und macht seinen sehr straight erzählten Horrorschocker so zur echten Zerreißprobe. Anders als die genannten Genossen bezieht [REC] seinen Reiz nicht aus dem metafilmischen und selbstreflexiven Diskurs, sondern einzig aus den Möglichkeiten, die sich durch seine Technik für die Affektsteuerung des Zuschauers ergibt. Der Blick durch das Objektiv ist ein in jeder Hinsicht eingeschränkter und so wird mit der sich zunehmend konkretisierenden Bedrohung immer interessanter – und bedrohlicher –, was da abseits des Bildes lauern mag. Die Schockeffekte treiben selbst den abgebrühtesten Zuschauer an die Decke, gerade weil man sie kommen sieht und der nackten Unausweichlichkeit trotzdem vollkommen hilflos gegenüber steht. Der Sound kreischt und schreit einen an, die Kinoleinwand wird zur unangenehm verwundbaren Außenhaut des Zuschauers, der einer 90-minütigen nervlichen Dauerbelastung ausgesetzt wird. Der Film findet seinen effektiven Ausgang in einer ausgesprochen belastenden Szenen in völliger Dunkelheit, die dem vorhergehenden Stress noch die nicht mehr für möglich gehaltene Krone aufsetzt. Ich bin noch nie so vollkommen fertig aus einer Filmvorstellung gekommen: [REC] mag keine große Innovation sein, aber er führt das, was andere vor ihm etabliert haben, zur absoluten Perfektion und kreiert daraus einen filmische Achterbahnfahrt, die innerhalb des Horrorfilms der vergangenen Jahre ihresgleichen sucht. Meine Gliedmaßen waren während des Showdowns komplett verkrampft, meine Knie schlotterten noch einige Zeit nach Filmende, das Einschlafen fiel ungemein schwer. [REC] lässt auch den abgebrühtesten Zuschauer zum bibbernden Kleinkind mutieren. Ein absoluter Killer, den man unbedingt im Kino sehen sollte.


À l’Intérieur
(Frankreich 2007)
Regie: Alexandre Bustillo, Julien Maury

Sarah (Alysson Paradis) steht unmittelbar vor der Geburt ihres ersten Kindes, dessen Vater vor wenigen Monaten bei einem gemeinsam erlittenen Autounfall verstarb. In der letzten Nacht vor der Entbindung wird Sarah in ihrem Haus von einer unheimlichen Frau (Beatrice Dalle) bedroht, die einige private Details aus Sarahs Biografie kennt. Doch dies ist erst der Auftakt zu einem erbitterten Zweikampf um das ungeborene Baby, der sich mehr und mehr zu einem grotesken Blutbad entwickelt …

Immer wieder interessant, welche inhaltlichen Gemeinsamkeiten sich bei Filmen aus einem ähnlichen Produktionszeitraums herauskristallisieren. Bei diesen FFF Nights gab es drei beherrschende Themen: Self-Made-Videos, apokalyptische Seuchen und Schwangerschaft. Wie in FRONTIÈRE(S) geht es in À L’INTÉRIEUR um die Aggression und äußerste Entschlossenheit, die werdende Mütter an den Tag legen, wenn es ihrem Ungeborenen an den Kragen geht. Entegegen Gens‘ tumbem Schocker setzen Bustillo und Maury dieses Thema aber ästhetisch sehr viel ansprechender um. Das titelgebende „Innen“, ein Verweis sowohl auf das werdende Leben als auch auf den dieses umschließenden Körper, ist nicht nur die Gebärmutter, in die die Kamera im Verlauf des Films mehrfach eintaucht, sondern auch Sarahs in ein schwaches, warmes Licht getauchtes und von milchigen Nebelschleiern erfülltes Haus. Dieses Innen gilt es zu schützen, doch das Haus, sozusagen der Vorhof zu Gebärmutter, wird bald schon durch die höchst gefährliche Frau infiltiriert. Von da an ist der Leib Sarahs das Ziel ihrer Attacken; während die Körper der zufällig hinzukommenden Verwandten und Polizisten ihre Unversehrtheit schon nach kürzster Zeit auf drastische Wesie aufgeben müssen, weiß sich Sarah relativ lang zu verteidigen. Der zunächst sehr ruhig beginnende und poetisch komponierte Film verwandelt sich mit zunehmender Spieldauer in einen lupenreinen Vertreter des Bodies in Pieces-Kinos, bei dem die menschliche Anatomie einer drastischen Belastungsprobe ausgesetzt wird, der er nichts entgegenzusetzen hat. Am Schluss erreicht À L’INTÉRIEUR fast schon die Ausmaße eines BRAINDEAD, ohne jedoch auch nur einen Hauch von Humor zur Distanzierung vom Geschehen anzubieten. Je näher die Geburt von Sarahs Kind rückt, umso mehr verwandelt sich die Farbpalette von pastellenen Tönen hin zu einem saftigen Blutrot. Ich bin mir nicht ganz sicher, was ich vom Film des Regieduos halten soll: Zwar ist deren inszenatorisches Geschick nicht zu übersehen, dennoch hatte ich den Eindruck, dass ihnen die Zügel in der zweiten Hälfte etwas entglitten sind. Die sorgsam aufgebaute Spannung und Atmosphäre wird zugunsten des dann doch etwas unpassenden Gemetzels vollkommen aufgegeben, die „Auflösung“ ist keine solche, weil man sie von langer Hand hat kommen sehen. Dennoch sollte man Bustillo und Maury im Auge behalten, denn die Stärken von À L’INTÉRIEUR sind nicht wegzudiskutieren.

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Kommentare
  1. […] scheint es – vergleicht man seine populärsten Vertreter, also BWP, CLOVERFIELD, [REC], WELCOME TO THE JUNGLE oder eben PARANORMAL ACTIVITY miteinander – über ein relativ starres […]

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