ratatouille (brad bird, usa 2007)

Veröffentlicht: Mai 22, 2008 in Film
Schlagwörter:, , ,

Remy (Patton Oswalt) ist eine besondere Ratte, denn er liebt das Essen, während seine Artgenossen einfach nur fressen, ohne Sinn für den Genuss. Als die Ratten ihre bisherige Heimat, ein kleines Häuschen auf dem Lande, verlassen müssen, verliert Remy den Anschluss und landet über Umwege in einem Restaurant in Paris. Sein Talent als Koch verhilft der tolpatschigen Küchenhilfe Linguini (Lou Romano) bald zu unerwartetem Ruhm. Das Misstrauen des intriganten und missgünstigen Küchenchefs Skinner (Ian Holm), der das einst legendäre Restaurant des verstorbenen Meisterkochs Gusteau und dessen Namen mit billigen Tiefkühlgerichten vollkommen heruntergwirtschaftet hat, ist geweckt, weiß er doch, dass Linguini in Wahrheit Gusteaus Sohn und somit der rechtmäßige Besitzer seines Restaurants ist …

Die Berechtigung des Animationsfilms wurde einst vor allem darin gesehen, Dinge auf der Leinwand zu Leben erwecken zu können, an denen ein Spielfilm scheitern musste: anthropomorphisierte Tiere und Maschinen, andere Welten und Mikrokosmen. Dieser „Zweck“ hat sich mit dem Siegeszug digitaler Effekte und der Verwischung der Grenze zwischen Animations- und Spielfilm zusehends verflüchtigt. Doch die Filme des Pixar-Studios, das laut Bordwell und Thompson „is making the most consistently excellent films in America today“, lassen keinen Zweifel daran, dass das Animationskino immer noch seine Berechtigung hat, ja dem normierten Geschehen des Mainstreamkinos vielleicht sogar einen großen Schritt voraus ist. RATATOUILLE macht da keine Ausnahme, übertrifft sogar noch den ebenfalls schon großartigen THE INCREDIBLES von 2004. Dessen satirisch-parodistischem Inhalt und seinen stilisierten Oberflächen setzt RATATOUILLE nun eine menschliche Wärme und Lebendigkeit entgegen, die alle Vorbehalte gegen synthetisch erzeugte Filme und Protagonisten wegwischen. Dabei ist RATATOUILLE der bislang vielleicht komplizierteste Film des Studios, das in Filmen wie FINDING NEMO, MONSTERS INC. und CARS noch überwiegend technische Herausforderungen angenommen hatte (die Darstellung von Wasser, Fell und polierten Oberflächen). In RATATOUILLE werden die gewonnenen Erkenntnisse nun nicht nur zu spekatkulärem Effekt zusammengefügt und die Grenzen des technisch Machbaren erneut herausgeschoben, sondern vielmehr mit der Kombination der einzelnen Faktoren nun genau das erreicht, was bisher als Achillesferse des Animationsfilm galt: die Simulation dessen, was man als „Seele“ bezeichnet. RATATOUILLE tritt an, die sinnliche Erfahrung, die ein wohlkomponiertes Gericht auslöst, auf der Leinwand abzubilden, und damit etwas, das nicht nur unsichtbar, sondern auch verbal kaum zu beschreiben ist. Die Illusion ist perfekt: Im Zusammenspiel aus Bild und Ton gelingt Pixar ein Film, der Gerüche und Geschmäcke simuliert und evoziert. Reine Poesie, denn auch seine warmherzige, rührende und, ja, in den entscheidenden Momenten auch unkonventionelle Geschichte berührt tief im Inneren, an einem verborgenen und verschütteten Ort, an den Worte und Rationalisierungen nicht mehr vordringen können. Es gibt einen paradigmatischen Moment in diesem traumhaften Film, der seine Leistung perfekt verbildlicht: Als der verbissene Nosferatu-artige Restaurantkritiker Anton Ego (Peter O’Toole) das von Remy zubereitete Ratatouille probiert, verwandelt er sich in den kleinen Jungen, der vom Mittagessen seiner Mutter verzaubert wurde und sich ganz dem unbeschreiblichen Genuss hingab. Der Mann, der das Genießen längst verlernt hatte, ist verschwunden. Und RATATOUILLE, dieser Film aus der Maschine, zeigt uns wieder, was es heißt, am Leben zu sein.

Kommentare
  1. zora sagt:

    nicht zu vergessen in der szene mit dem ratatouille: die proust’sche geruchserinnerung. er schwelgt nämlich nicht nur in dem essen seine mutter, das gericht von remy bringt nicht nur einen genuss zurück: als erstes sehen wir den kleinen jungen anton ego, der sein fahrrad (im hintergrund) kaputtgefahren hat und darüber am boden zerstört ist. seine mutter lächelt den tränenerfüllten jungen liebevoll an und serviert ihm das geliebte arme-leute-essen, ihr ratatouille – und über den genuss vergisst der junge seinen kummer.

    in der szene liegt also nicht nur der gedanke, dass essen genuss ist, sondern dass der geschmack und geruch von speisen teil unserer geschichte erzählen und dass in dem wohlgefühl einer guten, leckeren, geliebten speise auch trost gespendet werden kann. und das führt natürlich noch weiter: dass die vielen dinge des alltags, die uns belasten und unglücklich machen, nicht vergessen lassen sollen, dass essen mehr ist als nahrungsaufnahme.

  2. […] dem zwar wunderschönen, erzählerisch aber doch eher traditionellen RATATOUILLE, stellt sich Pixar mit WALL•E einer neuen Herausforderung: Der Film kommt über weite Strecken […]

  3. Thomas Hemsley sagt:

    Sehr schöner Text (ne, von wegen „einfühlsam“ und so;-). Und natürlich sprichst auch du, wie der andere Kommentator, und fast jeder andere Kritiker, von Egos Erweckungserlebnis – aber bisher hat keiner darüber geschrieben, wie ungewöhnlich die Szene inszenatorisch ist: Ich weiss bis heute nicht wie ich das deuten soll, aber irgendwas bedeutet es bestimmt, dass die „Kamerafahrt“ nicht wie üblich in einer solchen Erinnerungsszene in das Auge hineingeht, sondern aus dem Auge des jungen Ego. Ich fand das immer bemerkenswert (bin mir aber nicht mehr sicher, wie die Rückkehr in die eigentliche Erzählung aufgelöst ist). Vielleicht hat es etwas mit dem Namen, Remy´s Steuerung von Linguini (es ist auch mal vom „kleinen Linguini“ die Rede;-) und der Tatsache zu tun, dass Remy und Ego sich ähnlicher sind als man denkt (worauf aber wiederum durchaus einige Kritiker hinwiesen). Mensch, jetzt hab ich quasi Hunger nach dem Film;-)
    Grüße aus Kölle

    • Oliver sagt:

      Ich sehe den derzeit beinahe täglich zumindest in Auszügen, weil meine kleine Tochter total auf Remy abfährt (und auf Tiere generell). Und da ist mir jetzt aufgefallen, dass ich den tatsächlich mit Abstand für das Masterpiece von Pixar halte. THE INCREDIBLES kann aufgrund seines ungewöhnlichen Designs noch gut mithalten, WALL-E hat mir beim zweiten Mal schon nicht mehr so gefallen. Man mag das Disney-eske an RATATOUILLE bemängeln (seine Geschichte ist nicht besonders anspruchsvoll), aber allein seine Technik macht ihn für mich zum wärmsten, schönsten und beeindruckendsten der neuen Animationsfilme. Die Flucht der Ratten auf dem Floß ist einfach nur atemberaubend, der Einsatz von Licht und gezielten Unschärfen ist schlicht phänomenal.

      • Thomas Hemsley sagt:

        Er ist im besten Sinne Disney-esk (ich meine damit DUMBO als Referenz), finde ich: die Grundprämisse ist denkbar einfach, aber das ist dann nur das Gerüst, dass mit relativ anspruchsvollen Themen und Aussagen ausgefüllt wird. Und die Machart und Technik ist atemberaubend und sehr erwachsen.
        Zumal gerade diese Prämisseneinfachheit wiederum recht subversiv genutzt wird: Ein Tier will etwas machen können, dass dieses Tier eigentlich nicht kann = einfache Prämisse (DUMBO); eine Ratte (abgesehen von ihrem allgemeinen Image, sind sie in den ganzen Mäusefilmen eher zwielichtig konnotiert) will tolles Essen essen UND kochen – wohlgemerkt: hier geht es nicht um normales gutes (amerikanisches fernab des Fastfood) Essen, sondern um französische Gourmetküche!
        Letzten Endes mag ich beide Filme sehr, aber RATATOUILLE ist mir persönlich auch näher – allerdings wahrscheinlich eher weil mir Essen näher ist als SciFi;-) Aber dann wiederum: Wall-E und MO und der Tiproboter und die Liebesgeschichte mit EVE und und und…ach Menno, kritische Betrachtung ist manchmal ganz schön doof, wenn das bedeutet, dass man so schöne Filme gegeneinander aufwiegen muss:-((((
        Apropos RATATOUILLE (und THE INCREDIBLES – der vor allem auch ein toller Action- und Superheldenfilm ist – unter anderem, methinks): kennst du THE IRON GIANT?
        Apropos Design: Gerade was die Gestaltung betrifft ist RATATOUILLE aber, wie ich finde, wieder sehr europäisch – die Gesichter erinnern stark an französische Comic/Animations-Traditionen. Da ist WALL-E wieder amerikanischer. Auch was einige Messages betrifft ist WALL-E amerikanischer.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.