Archiv für Juni, 2008

taking lives (d. j. caruso, usa 2004)

Veröffentlicht: Juni 29, 2008 in Film
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Im Urlaub, wenn die heimische DVD-Sammlung unerreichbar ist und lediglich die zweifelhaften Verlockungen des Fernsehprogramms zur Verfügung stehen, senkt man ja schon einmal die Ansprüche und schaut sich Filme an, um die man sonst einen großen Bogen gemacht hätte. Im besten Fall erlebt man eine positive Überraschung, nicht selten bestätigt sich jedoch der Verdacht, den man schon vorher hegte. TAKING LIVES, den ich bisher eigentlich noch recht wohlwollend als „unwichtig, aber ansehbar“ vorverurteilt hatte und der nach einer Fußball-Übertragung lockte, ist mit dieser Einschätzung aber eindeutig zu gut weggekommen, wie ich schmerzvoll erfahren musste.

In den USA geht seit nunmehr fast drei Jahrzehnten ein Serienmörder um. Sein Trick: Er nimmt die Identität seines jeweiligen Opfers an und verwischt so seine Spuren. Jetzt scheint er in Montreal zugeschlagen zu haben, wo die toughe FBI-Profilerin Ileana (Angelina Jolie) ermittelt. Der Geschäftsmann Costa (Ethan Hawke) hat den Mörder wie es scheint auf frischer Tat ertappt, ist aber mit dem Leben davongekommen. Wenig später wird sein Geschäft überfallen: Hat der Killer ihn sich als sein nächstes Opfer auserkoren? Ileana setzt Costa als Lockvogel ein, doch natürlich kommt alles ganz, ganz anders …

… und gerade deshalb so vorhersehbar. Schon die Credits enttarnen TAKING LIVES als unbeholfenen SEVEN-Rip-Off, der zwar mit slicken Bildkompositionen aufwartet, aber ansonsten biedersten Kintopp bietet, der sich von ramschigen DTV-Thrillern nur durch das hohe Budget und die großen Namen unterscheidet und der Vergessenheit überantwortet wird, sobald er aus dem Kino verschwunden ist. TAKING LIVES verkörpert all das, was man allgemein meint, wenn man pejorativ von „Hollywood“ spricht: professionell gefertigte Dutzendware ohne Anspruch, Inspiration und Ambition, die 90 Minuten unterhält, dabei aber nicht zu sehr einnimmt, und möglichst wenig mit der Welt, aus der sie stammt, zu tun hat. TAKING LIVES ist ein Film, wie aus dem Dahl’schen Schreibcomputer. Schon der Blick auf die Darsteller und ihre Rollenprofile lässt einen den Handlungsverlauf haargenau vorhersagen: Jolie ist die Heldin, Hawke der männliche Hauptdarsteller, dessen Name zu groß ist, als dass er tatsächlich nur den Hautzeugen spielen würde und der deshalb unschwer als Mörder zu erkennen ist, was sich natürlich erst nach einer Liaison mit der Heldin herausstellt, die wiederum nur Anlass ist, der sparsam eingesetzten Gewalt den sparsam eingesetzten Sex zur Seite zu stellen. Kiefer Sutherland – dessen Jack-Bauer-Gesicht und sein Ruf als enfant terrible ihn als Psychopathen geradezu prädestinieren – ist seinerseits nur dazu da, eine falsche Fährte zu legen: Doch selbst dieser vermeintliche Clou ist billigstes Drehbuchklischee, tausendfach erprobt und deshalb so spontan wie ein Fahrplan.

TAKING LIVES erfordert keinerlei kognitive Leistung und noch nicht einmal ein funktionierendes Kurzzeitgedächtnis. Was passiert, wird schon in der nächsten Szene keine Rolle mehr spielen. Und wenn doch, kann man sich darauf verlassen, dass man per schicker Rückblende noch einmal daran erinnert wird. Filme wie dieser scheinen ja auch in einem Paralleluniversum zu spielen, in dem alles immer auf die denkbar blödeste Art und Weise passiert: Die Superprofilerin erstellt das ihn von jedem Verdacht reinwaschende Persönlichkeitsprofil Costas – der immerhin potenziell ein perfide planender Serienmörder sein könnte – anhand seiner schockierten Reaktion auf ein blutiges Mordwerkzeug und der Tatsache, dass er die falsche Hand benutzt; und jener hoch intelligente Costa, der am Ende nach seiner erfolgreichen Flucht minutiös den Niedergang (Entlassung, Hütte im Schnee, Teekessel auf dem Gasherd) der einst so erfolgreichen FBI-Beamtin verfolgt, fällt doch tatsächlich auf eine Schwangerschaftsbauch-Plastikpotese herein, die sich die geile Jolie unters Wams geschnallt hat und mit der sie ihm suggerieren möchte, der Vater ihrer Leibesfrucht zu sein. Es ist wirklich erstaunlich, dass ein Film, bei dem es doch einzig um das effektive Funktionieren geht, so schlampig ist. Aber wahrscheinlich ist es tatsächlich so, dass bei Produkten dieser Art nur die polierte Oberfläche zählt: Das ewig schmollende Lustmaul der Jolie, ihre kurz freigelegten und perfekt ausgeleuchteten Milchdrüsen leisten wahrlich den Großteil der Arbeit. Sie ist wahrlich jeden Pfennig ihrer Gage wert.

PS Dass Filme nicht immer dort gedreht werden, wo sie spielen, ist bekannt und nicht weiter schlimm. Wenn man allerdings mit dem Chateau Fontenac ausgerechnet das Wahrzeichen von Quebec ins Bild rückt und auf der Tonspur beharrlich von Montreal schwadroniert ist das schon etwas sehr billig. Ein New-York-Film wartet schließlich auch nicht mit Panorama-Aufnahmen der Golden Gate Bridge auf.

PPS Ist es nicht lachhaft, dass ein Film, der sich einen Scheißdreck um Glaubwürdigkeit und Plausibilität schert (Profilerin Jolie sollte mit der THE CELL-Psychologin J. Lo eine Gemeinschaftspraxis eröffnen), dann Tcheky Karyo und Jean-Hugues Anglade in nutzlosen Nebenrollen aufbietet, um Montreal das nötige frankokanadische Flair zu bescheren?

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PS – geschichten ums auto

Veröffentlicht: Juni 11, 2008 in Film
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Die erste Staffel dieser in ihrer heute undenkbaren Spießigkeit ungemein skurrilen Miniserie aus den Siebzigerjahren, die vor kurzem ihre DVD-Veröffentlichung erfuhr, habe ich für F.LM besprochen. Die Rezension gibt es hier.

Nas: The Nigger Tape

Veröffentlicht: Juni 11, 2008 in Musik

Ich hatte es ja schon angedroht: In nächster Zeit werde ich meine temporäre Quasi-Filmabstinenz dazu nutzen, hier über Hip-Hop zu schreiben. Zum einen, weil mir das Schreiben fehlt, ich aber derzeit nur wenig Lust habe, Filme zu gucken, zum anderen, weil ich das Thema immer schon spannend fand. Über Musik habe ich zudem noch nie wirklich öffentlich geschrieben und kann so gleich mein Spektrum etwas erweitern, was ja grundsätzlich nie verkehrt ist. Natürlich habe ich auch an einigen Inspirationsquellen genascht, da diese aber ausschließlich englischsprachig sind, kann man nur mit sehr bösen Hintergedanken von Ideenklau oder Rip-off sprechen. Damit meine neuen Texte nicht allzu willkürlich erscheinen, werde ich die Veröffentlichung des neuen Nas-Mixtapes zum aktuellen Anlass für den Einstieg nehmen, in der Hoffnung, damit das Interesse des Einen oder Anderen zu bedienen.

Mixtapes scheinen in der derzeitigen Hip-Hop-Landschaft eine neue Funktion anzunehmen. Waren sie früher eher Instrument unbekannter Acts, um Aufmerksamkeit zu wecken, oder ein willkommenes Mittel, Pausen zwischen regulären Veröffentlichungen zu überbrücken und gleichzeitig die Street Credibility zu steigern, werden sie in einer Zeit, in der die Verkaufszahlen auch von großen Rap-Stars immer mehr zurückgehen, das Musikfernsehen kaum noch Musik spielt und Radiosender absurde Zensurauflagen machen, zum wichtigen Marketinginstrument. „The Nigger Mixtape“, das Nas zusammen mit Mixtape-DJ Green Lantern gemacht hat, ist die direkte Reaktion auf die oben genannten Sachverhalte. Als Nas vor ein paar Wochen ankündigte, sein neues, im Juli erscheinendes neuntes Album schlicht „Nigger“ taufen zu wollen, war die Reaktion entsprechend. Wal-Mart und Target, zwei der wichtigsten Großhändler für CDs, verkündeten, dass sie sich weigern würden, ein Album namens „Nigger“ zu verkaufen, was Nas‘ Plattenfirma dazu veranlasste, ihrem Schützling nahezulegen, einen anderen Titel für das Werk zu wählen. „Nigger“ wird nun wahrscheinlich ohne Titel bzw. selbstbetitelt erscheinen und stattdessen gibt es eben „The Nigger Tape“. Nas selbst gab zu verstehen, dass jeder, der das Album kaufe, wisse, wie es tatsächlich heiße. Für ihn hieße es immer noch „Nigger“. Und wahrscheinlich hat seine Strategie schon jetzt besser funktioniert als wenn das Album unbeanstandet erschienen wäre.

Inwieweit „The Nigger Tape“ einen Vorgeschmack auf das komplette Album darstellt, ist natürlich Anlass zur Spekulation. Die schon seit einigen Wochen kursierende Vorabsingle „Be a Nigger too“ ist ebenso darauf enthalten (als Remix) wie der kürzlich geleakte Song „Hero“. Da DJ Green Lantern bei fünf der insgesamt 15 Tracks als Produzent genannt wird, halte ich es für nicht unwahrscheinlich, dass es sich bei diesen nicht um die finalen Versionen handelt, Nas seine Lyrics stattdessen über recycelte bzw. vorläufige Beats rappt, die auf dem Album ersetzt werden. Allzu viele große Namen enthält die Tracklist noch nicht: Polow da Don, stic.man, Cool & Dre, DJ Toomp, Salaam Remi sowie Keri Wilson und Joell Ortiz sind die einzige, wenig marktrelevante Prominenz. Was aber sicher ist, ist das „Nas“ (so nenne ich es jetzt mal) ein sehr wütendes Album werden wird, dass sich – wie könnte es bei dem ursprünglichen Titel auch anders sein – ganz der Rassenproblematik verschrieben hat und auf Empowerment und Elevation der afroamerikanischen Gemeinschaft abzielt. Barack Obamas Kandidatschaft hat Nas und seine Mitstreiter hörbar beflügelt: So kämpferisch und selbstbewusst hat Hip-Hop wohl seit Public Enemy und Boogie Down Productions nicht mehr geklungen und Nas‘ immer etwas frustriert und bitter klingende Stimme, seine schneidende Präzision erhalten endlich einen Rahmen, in dem sie nicht verwirren oder gar abstoßen. Zu den Tracks im Einzelnen:

1. Intro
Eine einzige Anhäufung von Samples, die allesamt um das Wort „Nigger“ kreisen. Das Intro legt die Stimmung fest und erinnert sowohl an die schon erwähnten Public Enemy als auch an NWA: Nicht zuletzt wohl deshalb, weil einige der verwendeten Samples auch auf deren Meisterwerk „Efil4Zaggin“ auftauchen. Die Ausrichtung des Albums wird hier definiert: Das Wort „Nigger“ ist kein Wort, mit dem der Weiße sein Supremat gegenüber dem Schwarzen ausdrückt, sondern der Ausdruck, mit dem sich der Schwarze vor sich selbst erniedrigt, weil er sich damit in seine ihm von Dritten zugedachte sklavische Rolle fügt. In der zweiten Hälfte des einminütigen Intros setzt zu triumphierenden Bläsern ein Nas-Sample ein: „If they call you a nigger, ain’t nothin‘ to it/Tell ‚em Nas made you do it“. Es sagt viel über Nas‘ Autorität aus, dass man es ihm niemals übel nehmen kann, wenn er seine eigenen Rhymes samplet.

2. Gangsta Rap
Ein kurzer Track, dessen stampfender, nie ganz fließender, sondern immer leicht abgebremster Rhythmus an Jay-Zs Nas-Diss-Track „The Takeover“ erinnert, aber abzüglich dessen Doors-Sample. Textlich ein eher herkömmlicher Battle-Track, der leider aber ohne allzu einprägsame Zeilen auskommt und nach etwa 90 Sekunden das Intro wiederaufgreift. Ich hoffe, dass „Gangsta Rap“ auf dem Album in verlängerter Form auftauchen wird. Klassischer Hip-Hop, der in einschlägigen Foren Postings hervorruft, die ihn als „Straight Fire“ bezeichnen.

3. Cops Keep Firing
Nas‘ „Fuck tha Police“: „Cops keep firing/In my Environment“. Nas rappt – über das zitierte Eigensample – über den Rassismus der US-Polizei, das Strafsystem und die Black Panthers, im Hintergrund läuft dazu, wie um die Justiz-Travestie auch musikalisch umzusetzen, eine Melodie, die an eine durch den Wolf gedrehte Drehorgel denken lässt. Die Drums klingen hier, wie auf den meisten Tracks, sehr organisch und räumlich, ohne allzu großen Bombast. Am Ende fragt Nas: „You still wanna be a Nigger, too?“ und wendet sich damit ganz eindeutig an seine weißen Zuhörer, die das Ghettodasein romantisieren.

4. Hero ft. Keri Wilson
Produziert von Polow da Don markiert „Hero“ den obligatorischen Angriff auf die Singlecharts. Ätherisch klimpernde Synthies, die ein bisschen an die Melodie aus „If I Ruled The World“ denken lassen untermalen den Track, mit dem sich Nas selbst zum Helden stilisiert. Statt zurückhaltender Introspektion wie in genanntem Hit vom 96er-Album „It Was Written“ regiert hier aber der Bombast. In Kontrast zu „Cops Keep Firing“ setzt es dann auch die raumgreifenden Paukenschläge, die überschwänglichen Chöre und ein Arrangement, das der Komposition bis zum Ende immer neue Schichten hinzufügt. Seinen Höhepunkt findet „Hero“ in einem ebenso einfachen wie prägnanten Gitarrensolo. Nichts für Hip-Hop-Puristen, aber genau die Art von larger than life klingendem Popsong, den Nas auf fast jedem seiner Alben unterbringt und mir damit immer wieder eine Gänsehaut verursacht (denke etwa: „Hate me now“). Ach ja, und auch hier zitiert er sich ausgiebig selbst: „Blood of a Slave, Heart of a King“. Wie gesagt: Gänsehaut.

5. Black President
Wenn „Hero“ der spekulative Hollywood-Tearjerker ist, dann ist „Black President“ das tief empfundene Melodram. Wenn man sich diesen mit einem Barack-Obama-Intro und im Refrain mit einem Tupac-Sample ausgestatteten Track anhört, bekommt man eine Vorstellung davon, was es bedeutete, würde Obama wirklich der 44. Präsident der Vereinigten Staaten werden – bzw. würde er es nicht werden. Gemessen an der Hoffnung, die in „Black President“ zum Ausdruck kommt, möchte man sich letzteres aber lieber nicht ausmalen. Dennoch ist „Black President“ kein naiver „Jetzt wird alles besser“-Song. Denn die Ungewissheit bleibt: Wird sich mit dem schwarzen „Brother“ im Weißen Haus wirklich etwas ändern? Dieser Zwiespalt materialisiert sich in „Black President“ im Kontrast pumpender Bässe und einer fragilen Klaviermelodie sowie der diese begleitenden, schwebenden Gesangslinie „Let’s Pretend, Change the World“. Der Song endet wie ein Traum: „It is my distinct honour and privilege to introduce the next President of the United States, Barack Obama.“

6. Association ft. stic.man
Nachdem Nas erklärt hat, warum stic.man von den dead prez der ideale Producer für einen gemeinsamen Track ist, setzt „Association“ ein, der von einer treibenden Basslinie, flächigen Orgeln und flötenden Synthies untermalt ist. Der ganze Song ist ein Aufruf zur Unity, die aber mit materiellem Wohlstand einhergeht: „Association breeds Similarity/That’s why I’m a stay with real rich Niggas/till six Niggas carry me“. Der G-Funk-Vibe des Tracks wird von einer melancholischen Stimmung und den grimmig-entschlossenden Drums unterwandert. Die dead prez, vielleicht die einzigen Rapper, die die kämpferische Attitüde von Public Enemy auch heute noch vor sich hertragen, sind streitbar, „Association“ ist nahezu makellos.

7. Legendary (Mike Tyson)
Das Äquivalent zum Rakim-Song auf „Streets Disciple“ feiert den einst für unbesiegbar gehaltenen Mike Tyson. Fragwürdig, nicht nur, wenn man dem Boxsport mit gemischten Gefühlen gegenübersteht. „Legendary“ ist der erste Uptempo-Track auf dem Mixtape, die schnellen Beats werden begleitet von triumphal-epischen Bläsersätzen und einer orientalisch anmutenden Synthieline. Ohne Zwiefel gut ausgeführt, insgesamt aber eher Wegwerfmaterial, wie es sich leider auf jedem Nas-Album findet.

8. Ghetto (Remix) ft. Joell Ortiz
Sehr sparsam instrumentierter Track, der von einer nackten Rhythmus-Linie aus einem wummernden Bass und einem an Mobb Deep erinnernden Beat untermalt wird. Ein selbstvergessen verhallendes Glockenspiel setzt gemeinsam mit einem Jay-Z-Sample die Akzente.

9. Seen it All (Green Mix)
Die Melodie von „Seen it all“ wird von einem kurzen, leicht gepitchten Chorsample besorgt. Wie auch der Vorgänger klassischer East-Coast-Hip-Hop, ansprechend, aber in der vorliegenden, knapp 90sekündigen Version wenig aussagekräftig. Beste Zeile: „I keep it green like the other side of Bill Bixby“.

10. Esco Let’s Go
Man könnte Schlimmes vermuten, wenn Nas sein alter ego Escobar (dem wir das schlechteste Nas-Album „Nastradamus“ zu verdanken haben) wiederbelebt. Aber „Esco Let’s Go“ ist mit seiner Flötenmelodie, den feierlichen Synthies und der erneut sehr organisch klingenden Drum- und Bass-Line ein Höhepunkt auf dem Mixtape. Was dem Track – wie einigen anderen auch – fehlt, ist ein kickender Refrain und bessere Lyrics. So ist es ein toller Track, der an typisches Gepose verschenkt wird, das nicht prollig genug ist, um hängenzubleiben.

11. N.I.G.G.E.R.
Zurück zum Thema: Vor cinematischen Streichersätzen betreibt Nas Elevation. „They say we N.I. Double-G E.R./We are/Much More/Still we choose to ignore/the obvious/Man, it’s History don’t acknowledge us/We were Scholars long before Colleges/They say we N.I. Double-G E.R./We are/Much More/Still we choose to ignore/the obvious/We are the Slave and the Master/What you lookin‘ for?/We the Question and the Answer.“ Pathos? Ja, definitiv. Aber wenn das so gut klingt und so ehrlich vorgetragen ist, lasse ich mir das sehr gern gefallen.

12. Be A Nigger Too (Remix)
Ein eher entspannt dahingroovender Track, der sich durch einen Soul-Chor, eine sehr dominaten Bassline und leicht perlende, akzentuierte Synthiesamples auszeichnet. Mit der Originalversion des Songs, den man seit Wochen überall im Netz findet, hat diese Version aber fast gar nichts zu tun.

13. Surviving the Times
Ein Hit! Die Floridianischen Hit-Produzenten Cool & Dre liefern einen wunderbar voll produzierten, melodischen und komplex arrangierten Midtempo-Song, den man sich auch als Instrumentalversion gern anhören würde. Nas liefert darüber das nostalgische Ghetto-Narrativ, für das er einst gefeiert wurde. Bei aller Meisterschaft bleibt „Surviving the Times“ dabei angenehm unaufdringlich und unklebrig. Wahrscheinlich werden sich auch hier die Puristen abwenden, ich finde es großartig!

14. Nas Timeline
Ein achteinhalb-minütiges Epos, das sich aus Nas-Samples und einer Art Audiokommentar von Nas himself zusammensetzt. Kein Song, und es bleibt fraglich, ob man sich das mehr als einmal anhören wird. Und ob „Nas Timeline“ tatsächlich auf dem Album landen wird. Verzichtbar.

15. Outro ft. Richard Pryor
Wenn man Richard Pryor samplet, kann man nicht viel falsch machen.

Fazit: Das Mixtape leidet – wie viele Mixtapes – an Sequencing-Problemen. Die Dramaturgie des Albums ist auf jeden Fall verbesserungswürdig. Außerdem hoffe ich, dass der ein oder andere Track hinzukommt, andere herausfallen oder ausgebaut werden. Insgesamt würde ich jetzt sagen, dass „Nas“ das Niveau des Vorgängers halten wird – aber, da sich Nas-Alben bisher fast immer als potenzielle Grower entpuppt haben (Ausnahmen: „I am …“ und „Nastradamus“), spekuliere ich auf mehr. Was fehlt, ist ein finsterer Track in der Tradition von „Made you look“ (aber so einer hat ja auch zuletzt gefehlt) sowie einige etwas einprägsamere Texte. Ich bin dennoch mehr als gespannt auf das vollständige Album – dann ohne DJ-Shouts und nervige Rewinds. Bis dahin wird „The Nigger Tape“ aber noch einige Durchläufe erleben.

Ach ja, einen Download-Link schenke ich mir das kostenlos und legal verfügbare Tape kann man sehr leicht selbst finden. 🙂

lil Wayne Pt. 2 & 3

Veröffentlicht: Juni 9, 2008 in Musik, Zum Lesen

Der Vollständigkeit halber:Hier findet man Teil 2 der THA CARTER III-Vollbedienung von Tom Breihan, hier Teil 3.

Das gesamte, „Status ain’t Hood“ genannte, sich mit Musik im Allgemeinen, Hip-Hop im Besonderen befassende Blog ist recht ansprechend, weil Breihan selbst nicht dem klassischen Hip-Hopper entspricht und einen distanzierteren, aber nichtsdestotrotz enthusiastischen Zugang zu seiner Materie hat. Dass das nicht immer gut ankommt, merkt man (wieder einmal) an den an der Sache vorbeigehenden, allzu oft in Beleidigungen umschlagenden Kommentaren von Puristen, die sich im aktuellen Fall etwa darüber ereifern, dass Lil‘ Wayne überhaupt ernst genommen würde, sich der Autor nicht mit abgedroschenen Phrasen begnügt und im Falle älterer Einträge nicht verkraften können, wenn der Autor zugibt, etwas persönlich nicht zu mögen, was per Konvention „Klassikerstatus“ genießt.

Ein generelles Problem (nicht nur) der dem Hip-Hop zugewandten Medienlandschaft: Die breite Fanschar ist unhistorisch, polemisch, intolerant, unbeweglich und limitiert in ihren Denkkonzepten – und dazu noch unartikuliert. Was natürlich auch in der dem Hip-Hop eigenen Battlekultur begründet liegt: Diplomatische Zurückhaltung ist einfach nicht vorgesehen, die saftige Beleidgung und der Tunnelblick sind hingegen fast eine Auszeichnung …

lil wayne: tha carter III

Veröffentlicht: Juni 5, 2008 in Musik, Zum Lesen

Butter bei die Fische: Einer der Gründe, warum ich mich filmtechnisch derzeit eher bedeckt halte, liegt auch darin begründet, dass ich eine alte, längst verschüttet geglaubte Liebe wiederentdeckt habe, die mich derzeit voll und ganz in Beschlag nimmt: Hip-Hop.

Seit etwa 1986 (Stichwort: „It’s Tricky“ von RUN-DMC) begleitet mich diese Musik, fesselt mich immer wieder für ein paar Jahre, bevor sie mich zu langweilen beginnt und verliert, nur um mich dann ein paar Jahre später wieder für sich zu gewinnen. Meine letzte große Hip-Hop-Phase fiel ungefähr mit den Jahren des absoluten kommerziellen Siegeszugs dieser Musikrichtung zusammen, als rappende Afroamerikaner die Top 10 der Billboard Charts nur mit ein paar versprengten Countrydeppen teilen mussten und die Multiplatin-Auszeichnungen in ganzen Wagenladungen nach Hause fahren konnten. Von 1998 bis 2001 habe ich nahezu jede Hip-Hop-CD gekauft, die nicht schnell genug auf den Baum gekommen ist – viele der damaligen Protagonisten sind heute pleite, müssen auf Indie-Labels veröffentlichen und sind meilenweit von den damaligen Verkaufszahlen entfernt. Die Ursachen, Abnutzungserscheinungen und Qualitätsverlust, auf die das zurückzuführen ist, haben mich letzten Endes dazu veranlasst, dem Hip-Hop mal wieder den Rücken zuzukehren und die letzten Jahre rockenderweise zu verbringen.

Das Internet und eine unerklärliche Lust sind „schuld“, dass ich rückfällig geworden bin. Im Netz warten viele Mixtape-Seiten mit einem sensationellen Angebot auf, das einen allein schon Jahre fesseln kann; umso mehr, wenn man ebensolche aufzuholen hat, um wieder „auf Augenhöhe“ zu sein. Aber ich stellte angesichts der unüberschaubaren Menge von leider nur mäßig begabten Rappern bald fest, dass das Potenzial dieser faszinierenden Musik nur selten genutzt wird, die meisten sich tatsächlich nur darin gefallen auf „dicke Hose“ zu machen oder sich an Trends anzuhängen, weil sie die schnelle Mark wittern – was wiederum natürlich auch der Herkunft der Protagonisten dieser Musik geschuldet ist und nicht weiter verurteilt werden soll. Aber als primär an Musik interessierter Hörer muss man dann eben weitersuchen.

Unweigerlich kramte ich dann weiter, bis ich bei den alten Perlen dieses noch recht jungen Genres angelangt war und somit in den mittleren Achtzigern als die Beats noch roh, „Fucks“, „Niggas“, „Hoes“ und „Gats“ die absolute Ausnahme und die puren Skills des MCs und des DJs (der ja mittlerweile fast völlig aus dem kommerziellen Hip-Hop verschwunden ist) das Wichtigste waren. Bei Platten wie „Criminal Minded“ von Boogie Down Productions, „Radio“ von LL Cool J, „Follow the Leader“ von Eric B. & Rakim, den ersten drei Alben von Public Enemy, „Long Live the Kane“ von Big Daddy Kane, „Down by Law“ von MC Shan, bei Doug E. Fresh, Stetsasonic, den Ultramagnetic MCs, A Tribe Called Quest, EPMD … Ich könnte die Liste noch ewig weiterführen, denn es gibt so viele Platten neben diesen Klassikern zu entdecken, die seit mehr als 15 Jahren (fast) völlig vergessen sind. Platten, deren urwüchsige Energie sie mit dem Punk verbindet – man höre nur den ewig tief wummernden Bass auf „Follow the Leader“, die metallischen Beats auf MC Shans „Down by Law“, den grenzenlos-kreativen Irrsinn auf „Critical Beatdown“ von den Ultramagnetic MCs oder die wütenden, politisch motivierten Texte von BDP oder natürlich PE -, deren Groove und Funk aber nicht stumpf in die Fresse, sondern eher in die Lendengegend trifft.

Was mich nach all diesen Lobhudeleien zum Alibi-Anlass meines Eintrags bringt: Einer der wenigen High-Profile-MCs der Gegenwart, die den Trubel, der um ihn gemacht wird, nämlich tatsächlich wert sind, Lil Wayne, veröffentlicht nächste Woche sein lang erwartetes Album „Tha Carter III“, nachdem er im vergangenen Jahr fünf Mixtapes gratis im Internet verstreute (die „Da Drought is Over“-Reihe), die für viel Wirbel sorgten, und auch sonst auf nahezu messianische Art allgegenwärtig war. NATÜRLICH, möchte man sagen, ist das Album schon geleakt und kann hier und da (ähem …) angehört werden. Tom Breihan, Journalist bei Village Voice, hat es getan und ist begeistert. Er wird in den kommenden Tagen eine Song-für-Song-Rezension veröffentlichen; Teil 1 des Rundumschlags kann man hier lesen. Und sich vielleicht Appetit holen, um sich von diesem Punkt an durch die Geschichte zurückzuarbeiten, bis nach 1988, dem „Golden Age of Hip-Hop“ und weiter zurück. Lohnen tut es sich in jedem Fall.

Corbucci kann auch anders

Veröffentlicht: Juni 4, 2008 in Zum Lesen
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Mit DJANGO hat Sergio Corbucci dem Italowestern – Leone zum Trotz – die eigentliche Geburtsstunde beschert, dieses Meisterwerk mit LEICHEN PFLASTERN SEINEN WEG noch übertroffen. Kein Wunder, dass der ein Jahr später entstandene FAHRT ZUR HÖLLE, IHR HALUNKEN demgegenüber  einen qualitativen Rückschritt bedeuten musste. Dennoch war mir Corbuccis Film anlässlich seiner ungekürzten deutschen DVD-Veröffentlichung einen Text wert. Lesen kann man ihn wie immer auf F.LM, und zwar hier.

Der Trend geht zum Zweitbuch

Veröffentlicht: Juni 2, 2008 in Zum Lesen

Auf F.LM wurde heute ein neuer Text von mir veröffentlicht. Und bevor man mir unterstellt, ich sei vorhersehbar: Es handelt sich nicht etwa um eine Film-, sondern – man höre und staune – um eine Buchrezension. Hier habe ich „Zeichen und Wunder – Das Kino Zhang Yimous und Wong Kar-Wais“ von Josef Schnelle und Rüdiger Suchsland besprochen – und leider keine uneingeschränkte Empfehlung aussprechen können. Einen Blick ist das Buch dennoch wert und sei es nur, um den Schüren Verlag zu unterstützen.