wild style (charlie ahearn, usa 1982)

Veröffentlicht: Juli 18, 2008 in Film
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Raymond („Lee“ George Quinones), genannt „Zoro“, ist ein junger Graffiti-Künstler aus der Bronx. Der Ausdruck persönlicher Empfindungen in einer Welt ohne jegliche Perspektive ist ihm genauso wichtig wie die nächtliche, heimliche Suche nach geeigneten Locations, der Kick, den die Gewissheit bringt, etwas Illegales zu tun, und schließlich das Gefühl, die von Verfall und Tristesse geprägte Umwelt zu verschönern. Aber Raymond verdient keinen Cent mit seiner Kunst, obwohl er doch längst eine lebende Legende ist. Phade (Frederick Brathwaite), ein Möchtegern-Manager zahlreicher aufstrebender Rapper, nimmt sich Raymonds an und versucht ihn in der Kunstszene New Yorks unterzubringen …

WILD STYLE, ein Spielfilm, der die Anfänge der Hip-Hop-Bewegung in New York eher dokumentiert – nahezu alle vor der Kamera Agierenden spielen sich selbst – als sie dramatisch aufzubereiten, ist heute selbst Stoff der Legenden und wird ebenso kultisch verehrt wie die Kultur, die er der Welt vorstellte. Jeglicher Versuch einer herkömmlichen Filmkritik muss an WILD STYLE scheitern: das Drehbuch dürfte kaum mehr als ein paar mühsam zusammegschusterte Seiten umfasst haben, die Schauspieler sind wie gesagt allesamt Amateure, der Ton ist verrauscht, die Kameraarbeit lediglich zweckdienlich. Dies zu bemängeln geht am Kern des Films aber vollkommen vorbei, denn trotz seiner shortcomings gelingt es ihm perfekt, nicht nur die damals herrschende Aufbruchsstimmung einzufangen, sondern auch die Bedeutung und Funktion der Hip-Hop-Kultur plausibel zu machen. Ähnlich wie Buddy Giovinazzo in seinem einige Jahre später entstandenen COMBAT SHOCK erzeugt Ahearn Atmosphäre, indem er ausgiebig die heruntergekommenen Fassaden der Bronx und die sich durch diese ziehenden Bahndämme und -brücken abfilmt. Es ist eine karge und unfreundliche Welt voller Braun- und Grautöne, die man dort sieht – doch dann gerät immer wieder ein Graffiti in den Blick, das die schon aufkeimende Depression mit einer gewaltigen Farbexplosion vertreibt. Ähnlich funktioniert die Musik in WILD STYLE, die einen großen Teil der Spielzeit einnimmt: Wenn sich die Ghettokids abends in ihren schäbigen Clubs treffen, das Mikrofon ergreifen und in einen nicht enden wollenden Rhymeflow geraten, mit dem sie davon berichten, wie gut sie in dem sind, was sie tun, tritt der utopische Aspekt des Hip-Hop deutlich zutage. Eine Utopie, die heute (längst wieder triste) Realität geworden ist. Es liegen kaum 30 Jahre zwischen WILD STYLE und der Gegenwart, dennoch könnte der Sprung den die Rap-Musik in dieser Zeit gemacht hat, kaum größer sein. Grandmaster Flash demonstriert sein Geschick in Ahearns Film in einer kurzen Szene an zwei Plattenspielern in einer kleinen Küche, die Auftritte der Rapper – allesamt Oldschool-Legenden wie die Cold Crush Brothers, die Fantastic Five, Fab 5 Freddy, Busy Bee, Double Trouble oder Rammellzee – entbehren jeglichen heute so üblichen vordergründigen Glamours. Dieser ist rein virtuell vorhanden, als Idee und als Traum. Die „Party“, die Busy Bee nach seinem gelungenen Auftritt feiert, beinhaltet zwar eine Limousine, eine Flasche Champagner und drei Mädchen, hat mit den materialistischen Entgleisungen eines 50-Cent-Videos aber denkbar wenig zu tun. Hip-Hop hatte seine Unschuld längst noch nicht verloren.

In der schönsten Szene des Films treten die Cold Crush Brothers gegen die Fantastic Five zum Streetbasketball-Match an, das mindestens zur Hälfte auch ein MC-Battle ist. Die Korbwürfe, Dunks, Pässe und Zweikämpfe werden immer simultan mit kurzen Rhymes untermalt, die ganze Sequenz erhält eine unglaubliche Dynamik, der Begriff der „Spielfreude“ eine ganz neue Bedeutung. WILD STYLE ist wie ich schon sagte, kein „guter“ Film. Aber wenn die Endcredits laufen, nachdem der Film sein Ende in einem fulminanten Konzert gefunden hat, das aus heutiger Sicht wie eine Prophezeiung erscheint, dann weiß man, dass objektive Kriterien manchmal einen Scheiß bedeuten.

Kommentare
  1. […] – so mich der Mailorder nicht im Stich lässt – demnächst fortgesetzt: Die Klassiker WILD STYLE sowie BREAKIN’ und BREAKIN’ 2: ELECTRIC BOOGALOO sind bestellt, außerdem werde ich mit […]

  2. […] Beitrag zur Mitte der Achtziger entstandenen Reihe von Hip-Hop-Filmen dar. Bezog WILD STYLE seinen Reiz aus seiner Authentizität, trumpften KRUSH GROOVE mit Prominenz auf und die […]

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