killa season (cameron giles, usa 2006)

Veröffentlicht: Juli 20, 2008 in Film
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Flea (Cameron „Cam’ron“ Giles) geht in Harlem zur Schule und träumt von einer Basketball-Karriere, sein Taschengeld verdient er sich mit dem Verkauf von Weed. Bis seine Connection ihm ein Päckchen Crack zeigt und ihn fragt: „Willst du einen Hyundai oder einen Ferrari?“ Flea und seine Posse (u. a. Juelz Santana und Hell Rell) steigen schnell zu erfolgreichen Crack-Dealern auf …

1. Cam’ron trat erstmals in den mittleren Neunzigern in Erscheinung als er mit Mase und Big L die „Children of the Corn“ bildete. Mase erlebte wenig später Pop-Erfolge als Protegé von Puff Daddy, bis er eine Karriere als Priester seiner eigenen Kirche einschlug. Heute rappt er wieder, ohne großen Erfolg. Big L wurde 1999 erschossen und gilt heute noch als eines der größten Talente, die der Eastcoast-Hip-Hop je vorzuweisen hatte. Cam’ron veröffentlicht seit 1998 regelmäßig Alben, die er mit seinem sehr markanten Flow veredelt – er treibt das Reimen gleich klingender Vokale auf die Spitze – „Yo I get dough any way/I can flow any way/Yo you rap about money, man, who are you anyway?/C’mon, all my jewels ice and gray/And nigga might I say/I’m Mister Rogers status, change twice a day/Any beef you let me know, I’ll be there right away/And when I’m rhyming, I’ve always got the right of way/I got some cats that’ll come down here right away/To take your ass right away/Believe me you could die today“ – , war zwischenzeitlich das Zugpferd von Jay-Zs Roc-A-Fella Records, bevor er sich mit seiner eigenen Crew, den Diplomats bzw. Dipset zum „Prince of New York“ aufschwang. Cam’ron ist seit je her Stoff kontroverser Debatten: Seine Nonsense-Texte sind nicht jedermanns Sache, ebenso wenig wie seine fragwürdigen Äußerungen in den Medien. Zuletzt sorgte er für einige Lacher, als behauptete, seinen Nachbarn auch dann nicht bei der Polizei zu verpfeifen, wenn er wüsste, dass dieser ein gefährlicher Serienmörder ist, und damit das No-Snitching-Ethos der Hip-Hop-Szene vielleicht ein kleines Bisschen zu Ernst nahm. Sein extravaganter Klamottengeschmack (er trägt mit Vorliebe Pink) tut sein Übriges, ihn zum Objekt des Spottes zu machen. Cam’ron ist ein Paradebeispiel für das, was am Hip-Hop falsch läuft: Aber gleichzeitig macht ihn das auch zu einem immens unterhaltsamen Vertreter seiner Zunft.

2. Als Ende der Neunziger immer mehr „Mogule“ ihre eigenen Hip-Hop-Imperien aufbauten, kam es plötzlich in Mode, dass jeder seinen eigenen Film inszenierte, mit seinen Homies besetzte und auf den DVD-Markt warf. Da Filme wie SCARFACE, GOOD FELLAS oder THE GODFATHER einen immensen Einfluss auf die gesamte Szene hatten und haben, lag es nahe, das eigene Gangsterleben in ähnlicher Weise zu inszenieren und zu fiktionalisieren. So entstanden zweifelhafte Werke wie I’M BOUT IT, DA LAST DON oder HOT BOYZ von No Limit-CEO Master P, MURDA MUZIK von Mobb Deep, BALLER BLOCKIN’ aus dem Cash Money-Umfeld oder zuletzt etwa THREE 6 MAFIA: CHOICES – THE MOVIE. Filmisch reine Wegwerf- und Abschreibungsprodukte, gelang es natürlich keinem dieser Filme, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen bzw. gar seinen Protagonisten den Weg ins „echte“ Filmgeschäft zu ebnen. Aber sie eigneten sich natürlich hervorragend, die schon in der Musik angelegte Art der Selbstinzenierung durch Verbildlichung auf die Spitze zu treiben. Eines der jüngeren Beispiele dieser Filmgattung ist KILLA SEASON von Cam’ron, der nicht nur als Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller fungiert, sondern sich auch noch mehr oder weniger selbst spielt. Diese Tatsache allein versprach schon ein Trashfest von einigen Gnaden und der Text von Tom Breihan befeuerte die Hoffnungen. Dass der Film eine solche Bombe werden würde als die er sich nun herausstellte, war jedoch nicht unbedingt zu erwarten.

3. KILLA SEASON dauert ganze zwei Stunden. Zu jeder Sekunde spürt man, was Mastermind Cam’ron wohl vorgeschwebt haben dürfte: ein Gangsterepos vom Aufstieg und Fall eines jungen Hustlers, garniert mit roher Gewalt und Sex, ganz in der Tradition eines Scorsese. Herausgekommen ist eine filmische Totgeburt, ein Produkt völligen Unvermögens und grotesker Selbstüberschätzung, ein Werk unabsichtlich dadaistischen Humors, das eigentlich das Karriereende der involvierten Personen bedeuten müsste, wenn man nicht genau solchen groben Unfug von ihnen sehen wollte. Dass KILLA SEASON technisch und formal eine Zumutung ist – hässliches Digivideo-Bild mit herrlich abbrennenden Farben, rauschender Liveton, miserable Schauspielerleistungen und ein unbedarft zusammengestümpertes Drehbuch sind die herausragenden Merkmale – war zu erwarten, aber nicht, welche Höhen der Blödheit erklommen werden. Das beginnt schon bei der Einführung, in der der Zuschauer alte authentische Aufnahmen eines High-School-Basketballspiels von Cam’ron und Mase zu sehen bekommt, die mit einem miserablen „Live-Kommentator“ unterlegt sind, der immer wieder auf die grandiose Leistung des Hauptdarstellers zu sprechen kommt, aber kaum mehr einfällt, um seine Begeisterung zu äußern, als tonlos dessen Namen zu wiederholen: „Giles … Giles … Giles!“. Nach der Einblendung „The next day in school“ bekommt man einen über Nacht offensichtlich rund 15 Jahre gealterten Cam’ron zu Gesicht. Verfehlungen dieser Art ziehen sich durch den ganzen Film: Personen werden eingeführt, ohne im weiteren Verlauf auch nur die geringste Rolle zu spielen, emotionale Momente verpuffen, weil sie völlig kontextlos im Raum stehen. „So erfuhr ich vom Tod meines Großvaters“ bejammert Cam’ron im Voice-over etwa den Abgang einer Figur, die man vorher kein einziges Mal zu Gesicht bekommen hat. Immerhin bietet die folgende Trauerfeier Gelegenheit für eine Grabrede des Rappers: einen Rap, der alle zu Tränen rührt, obwohl der Verstorbene darin überhaupt keine Erwähnung findet. Weiter im Text: Nach gut 90 Minuten erfährt der verdutzte Zuschauer plötzlich, dass Flea auch eine Frau hat: Gelegenheit für eine Sexszene mit ihr vor dem eigenen Coverartwork, nach der sie dann wieder im Nichts verschwindet und einer der zahlreichen Bitches den Platz macht. So wundert man sich dann auch kaum als der Film just in dem Moment endet, als er eigentlich endlich interessant zu werden verspricht. Das Zeitgefüge von KILLA SEASON muss als avantgardistisch beschrieben werden: Als der Voice-over-Kommentar mit den Worten „Yup. That’s my life in Harlem. The ups, the downs …“ ein abschließendes Resümee zu ziehen scheint, ist der Film gerade einmal bei der Hälfte angelangt.

4. Weniger belustigend als vielmehr erschreckend ist aber das Maß an Menschenverachtung, das in KILLA SEASON zur Schau gestellt und unreflektiert glorifiziert wird: ein weiterer Beleg dafür, dass die Vorbilder überhaupt nicht verstanden wurden. Nachdem Fleas kleine Nichte von einem Gangster erschossen wurde, trifft er diesen wenig später wieder – ebenfalls in Begleitung eines kleinen Mädchens – und eröffnet das Feuer. Der Mörder kann fliehen und nun steht Flea vor der Wahl, aus Rache seinerseits das Kind zu erschießen. Er tut es nicht, weil er es „nicht übers Herz bringen konnte“ wie er aus dem Off verkündet, aber immerhin reicht sein Humanismus dazu, dem vielleicht sechsjährigen Mädchen beherzt ins Gesicht zu rotzen (siehe Clip unten). Weitere Highlights beinhalten einen sehr offenherzig gefilmten Besuch im Stripclub (man sieht, das alle Beteiligten sehr viel Spaß und ihre Filmrollen für ein paar Stunden vergessen hatten), das Zerhacken einer Leiche und eine lange Szene, in der man das Vergnügen hat, zwei weiblichen Drogenkurieren beim Ausscheißen der Ware zuzusehen. Neben diesem Zynismus ist KILLA SEASON gleichzeitig von nahezu sprachlos machender Naivität: Als Fleas „Homegirl“ sich plötzlich als Crackhead entpuppt, reicht ein kurzes Gespräch und ein Lächeln dazu, dass am nächsten Tag alle Probleme verflogen sind. Cam’ron wäre wohl gern ein zweiter Scarface (Filmposter von De Palmas Klassiker hängen dutzendweise im Film herum), kommt aber rüber wie ein dummes Kind, das zu früh zu viel Geld hatte. Das äußert sich sowohl in dem gewohnt krassen Materialismus und Geldfetisch des Films und setzt sich in dem restringierten Code aller Protagonisten fort, die keinen einzigen vernünftigen Satz zu bilden in der Lage sind. Und Cam’rons Outfits lassen die Blaxploitation-Kostüme der Siebziger wie spießige Geschäftsanzüge erscheinen. In einer tolle Montage latscht Cam’ron mit wechslenden Kunstpelzen in ein Juweliergeschäft, um sich protzige Ketten zu kaufen; Kommentar: „My fur game was at an all-time high.“ Infantilem Blödsinn dieser Art kann ich mich einfach nicht verschließen.

5. Es sollte einigermaßen klar geworden sein, woher hier der Wind weht. KILLA SEASON ist so unfassbar mies, dass auch dieser lange Text nicht dazu ausreicht, es auch nur annähernd in Worte zu fassen. Wie große das Versagen tatsächlich ist, wird in den wenigen Szenen deutlich, in denen Cam’rons Musik zum Einsatz kommt: Noch nicht einmal die versteht er ansprechend zu inszenieren. Wäre er nicht so überaus fragwürdig und darüber hinaus offensichtlich Ernst gemeint, man müsste diese Film gleich neben THIS IS SPINAL TAP einordnen. Leider gibt KILLA SEASON aber allen Kritikern, die Hip-Hop mit einen Verstoß gegen alle möglichen bestehenden Werte gleichsetzen, reichlich Argumente in die eh schon nicht gerade wehrlose Hand.

Kommentare
  1. […] BOOGALOO sind bestellt, außerdem werde ich mit dem abominablen Dipset-/Cam’Ron-Vehikel KILLA SEASON etwas im Bodensatz der selbstproduzierten DTV-Rap-Filme rühren. Los […]

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